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Hoogstede‑Bathorn
Von Dr. Ernst Kühle
Aus „DER GRAFSCHAFTER“ September 1969, S. 646 –647, gjb 4.4.2007
Die Frachtfahrer von Emlichheim auf dem Wege nach Neuenhaus waren, nachdem sie hinderliche Senken überquert hatten, zufrieden, in Honsteden auf höheres und trockneres Gelände zu kommen. Manche von ihnen, denen die Tagesstrecke zu weit war, legten hier eine Ruhepause ein. Das Meßtischblatt verzeichnet den Verlauf der 15-m-Höhenlinie am Ostufer der Vechte bei Hoogstede. Straße und Eschfluren treten nahe an den Fluß heran, wodurch der Eindruck eines höhergelegenen Ortsrandes entsteht. Hoogstede ist Anlieger des rechten Vechteufers auf ein wenig mehr als 2 km Luftlinie. Ackerlandplatten mit Eschfluren treten dicht an die Vechte heran, so daß der Kern der Siedlung nahe am Fluß gelegen ist Die Vechte verlegte ihren Lauf von Westen nach Osten wie tote Flußschlingen am linken Ufer, durch Flußsande abgeschnürt, bestätigen. Hoogstede überholte die Nachbargemeinden, die sich wie eine Kette von Veldhausen bis Emlichheim mit durchschnittlicher Ortsentfernung von nur 2 km aneinander reihen, in Größe und Bedeutung. Das hat seinen Grund in der topographischen und Mittelpunktslage. Die mittelalterlichen Handelsplätze lagen etwa 20 km voneinander, weil diese Strecke von Pferdegespannen im Laufe eines Tages zurückzulegen war. Die Heerstraße zwischen Emlichheim und Neuenhaus nahm nicht den kürzeren, aber tiefer gelegenen Weg am linken Ufer, der den Vechtebogen hätte abschneiden können, sondern, um der besseren Höhenlage willen über Hoogstede. Diese Höhenlage, dazu die besseren Böden die neben ViehhaItung auch Brotfruchtbau erlauben, bewirken eine größere Siedlungsdichte. Mit der Ortsdichte stieg die Verkehrsdichte. 1890 erhielt der Ostuferweg eine feste Straßendecke, später stufte man ihn zur L 44 auf. Der Straße folgte die Eisenbahn; 1908 erhielt Hoogstede einen Bahnhof. Der Weg zum Kaufmann und zum Handwerker in der Stadt war weit. Dem Bedürfnis, notwendige Bedarfsgüter im Ort herzustellen, gaben die Behörden nach. Besonders in der Franzosenzeit siedelten sich Gewerbebetriebe an. Von den sieben Gemeinden von Esche bis Kleinringe besitzt nur Hoogstede Kirchen, und zwar je eine der vier Bekenntnisse. Mit der Eisenbahn kamen der Mineraldünger, das Baumaterial und andere Bedarfsgüter in den Ort, und die im Bereich erzeugten Produkte konnten weiterbefördert werden So entstanden am Bahnhof Niederlassungen und verarbeitende Betriebe, insgesamt ein beachtliches Handels- und Gewerbezentrum. Die angegliederte Gemeinde, auf erhöhten Landrücken ins Moor vorspringend, was im Namen Bathorn, bessere Spitze, zum Ausdruck kommt, greift nach Osten ins Moor ein, das hier abgetorft, entwässert, umgebrochen und besiedelt wurde. Die gemeinsame Mark umfaßte zugleich auch die von Kalle, Tinholt, Scheerhorn und Berge.
Auf der alten Heerstraße am Ostufer der Vechte zogen einst römische Heeresteile und ließen in der Nahe der Straße Legionszeichen, Statuetten und Münzen aus der römischen Kaiserzeit zurück. Im Jahrbuch 1958 berichtet Berghaus über antike Münzenfunde. Dann benutzten Kaufleute mit ihre Frachtwagen den Verkehrsweg und haben ihre Spuren zurückgelassen: Münzen aus dem Mittelalter, Geschirrteil und Überbleibsel vom Handelsgut. Aus dem Vechteschlamm geborgene Einbäume künden vom alten Flussverkehr. Die überschwemmungsfreien Siedlungsflächen haben jedoch schon in vorgeschichtlicher Zeit Siedler angelockt. Wir können annehmen, daß seit der jüngeren Steinzeit seßhafte Bauern das östliche Vechteufer besiedelten. Vor ihnen durchstreiften Gruppen von Jägern und Fischern das Land und unterhielten Sommerlager, deren Spuren Dr. Specht am Lemberg bei Kleinringe entdeckte. Während der warmen Bronzezeit nutzten die Siedler auch tiefer gelegene Flächen die in der darauf folgenden feuchteren Eisenzeit wieder geräumt werden mußten. Eisenzeitliche Urnenscherben und Gerätereste fanden sich unter fast jedem Esch. Da das Eisen als unedles Metall bei feuchtem Klima rostet, waren die Funde zumeist des Aufhebens nicht wert. Die in germanischer Zeit in genossenschaftlicher Tätigkeit geschaffenen Esche erfuhren in der Siedlungsperiode eine Aufhöhung durch Plaggen aus der gemeinen Mark, wodurch sie sich für den ewigen Roggenbau besser eigneten. Die fränkische Siedlungsperiode brachte um 800 die Grafenverfassung, die Übernahme des Christentums und die Schultenhöfe. Das Amt des Schulten auf ihren bevorrechteten Höfen diente der Überwachung grundherrlicher Anordnungen. Hoogstede und Bathorn gehörten zum Kirchspiel Emlichheim, das sich in seinen Grenzen mit denen des Gogerichts deckte. Es grenzte im Süden an das aus dem Kirchspiel Uelsen abgezweigte Kirchspiel Veldhausen. Als 1152 Mönche das Kloster Wietmarschen gründeten, entstand ein geistlicher Grundherr. der in der Folge seinen Einfluß auf Hoogstede und Bathorn ausdehnte. Mit dem Sturz Heinrichs des Löwen, des mächtigen Sachsenherzogs, gewannen die Grafen und Bischöfe größeren Einfluß. 1181 dehnte der Bischof von Utrecht seine Herrschaft über die Twente aus, zu der auch Teile der Niedergrafschaft gehörten. 1184 begann mit dem Erwerb des Gogerichts Schüttorf die Grafschaft Bentheim sich zu bilden, zunächst die Obergrafschaft in der Nähe der gräflichen Burg Bentheim. Nach Norden hin, dem Vechteverlauf folgend, schloß sich 1313 das Gogericht Uelsen, 1319 das Gogericht Nordhorn an. Ein Jahr später kam auch das Gogericht Emlichheim in den Besitz des Grafen Johann II., der es jedoch dem Herrn von Borculo übergab, aus dessen Händen es an die Herren von Gramsbergen überging, bis es 1440 endgültig für 200 goldene fränkische Schilde für Bentheim zurück erworben wurde. Damit war die politische Entwicklung der Grafschaft , abgeschlossen. Die Lage zwischen den Bistümern Utrecht und Münster und der wenig begehrenswerte Zustand des Heide- und Moorlandes zu beiden Seiten der Vechte erleichterten den Zusammenschluß des Flußuferstaates.
Der Haupthof der Herrlichkeit Emlichheim lag nicht bei der Kirche Emlichheim, sondern weiter flussaufwärts in Arkel. Hier befand sich nach Möller schon früh eine grundherrliche Antoniuskapelle. Pastor Visch, Wilsum spricht in seiner Geschichte der Grafschaft von einer alten Ritterburg Arkel, von der noch Grundmauerwerk zu sehen sei. Ein Emlichheimer Geistlicher hielt in der Kapelle zu gegeben Zeiten Gottesdienst. Auch Stokmann schrieb, daß der Hof zu Arkel zu einer Burg ausgebaut wurde, über die es leider keine Urkunden gäbe. L Edel berichtet im Jahrbuch 1953 von der Herrlichkeit Emlichheim. Mit Hilfe des Bentheimer Lagerbuchs ließen sich einige Höfe feststellen, die mit dem Gogericht den Besitzer wechselten, so der Hof Wermerink to Honsteden, dat Haus to Anebrocke, das Haus to Herverdink und später, 1440, Rutkote in Arkel und 1635 Hemmeke.
Um den neuen Besitz zu sichern, gründete der Graf 1317 die Burg Dinkelrode, die zur Keimzelle der späteren Stadt Neuenhaus wurde. Die umwohnenden Bauern leisteten Hand- und Spanndienste. Das Schattingsregister des Bischofs von Utrecht, 1335, verzeichnete die Abgaben einer stattlichen Anzahl höriger Hofe in der Niedergrafschaft. Johann von Arkel, Bischof von Utrecht und Grundherr in Arkel, erwarb die Burg Lage, um die bischöfliche Macht an seiner Landesgrenze zu stärken, kaufte die Burg aber zu teuer, so daß er sie wieder verpfänden mußte . Im Lehnregister des Grafen Otto von Bentheim, 1348 bis 1364, werden die hörigen Höfe des Grafen in Hoogstede und Bathorn nicht erwähnt. Der Graf als wichtigster Grundherr, vergab diese Höfe nicht als Lehen an seine Burgherren, da sie seiner Residenz in Bentheim zu weit entfernt lagen. Die Burgmänner waren verpflichtet in ihren Herbergen in der Nähe der Burg Bentheim zu wohnen; sie konnten nur nahe gelegene Höfe beaufsichtigen.
Eine Ausnahme machte der Herr von Dedem auf Haus Esche, der sich der Residenzpflicht entzog und auf seinem Rittergut wohnte. 1389 erhob Graf Bernd Neuenhaus zu r Stadt und stattete sie mit Rechten Entkräften und Privilegien aus. Der Erwerb einer Reihe von Holzgerichten in der Grafschaft, 1380, stärkte den landesherrlichen Einfluß in den einzelnen Bauerschaften. Eines der umfangreichsten Holzgerichte war das zum Osterwald, das Bedeutung als Brennstoffquelle für benachbarte Orte gewann. Selbst der ein Jahr zuvor gegründeten Stadt Nordhorn wies der Graf Berechtigungen dm Osterwald an. Seit dieser Zeit gab es eine geregelte Gewinnung von Brenntorf aus dem Hochmoor. 1394 entstand das Kloster Marienwolde in Frenswegen, das wie Wietmarschen als geistlicher Grundherr seinen Einfluß auf Hoogstede und Bathorn erstreckte. Engelbert von Zale und andere verkauften ihre Anrechte an Bauernhöfen wie Heemanns Haus in der Calle an das Kloster. Döhmann sieht in diesem Haus den Hof Kaalmann in Hoogstede.
Seit etwa 1400 gab es Schnat- und Markenbücher, in denen Rechte und Berechtigungen der Bauernerben an den gemeinen Marken eingetragen wurden. Mit der Rückgewinnung der Herrlichkeit Emlichheim, 1440, wurden Hoogstede und Bathorn Gemeinden der Grafschaft Bentheim. Die Emlichheimer Kirchenregister enthalten Eintragungen aus dem kirchlichen Leben der zum Kirchspiel gehörenden Bewohner. 1544 trat die Grafschaft zum lutherischen Bekenntnis über. Pastor Rudolph Kampferbeck in Veldhausen predigte und schrieb im Geiste der Augsburgischen Konfession. Ein Menschenalter später, 1588, führte das Schutz- und Anlehnungsbedürfnis an stärkere reformierte Gebiete zur Übernahme des reformierten Bekenntnisses, und der Heidelberger Katechismus diente der Glaubenslehre. Kaiser Karl V. übernahm das Bistum Utrecht und seine hörigen Höfe in eigenen Besitz. Der Kaiser, ein Spanier, der selbst nicht deutsch sprach, ließt die Rechte und Pflichten der hörigen Bauern aufschreiben und ordnete 1547 an, daß die Hörigen sich jährlich einmal auf dem zuständigen Fronhof melden, um ihre Pflichten zu bekennen. Da des Kaisers Kampf gegen den Protestantismus erfolglos war, übergab er die Regierung seinem Sohne, Philipp von Spanien, der den gleichen Kampf mit grausameren Mitteln fortsetzte. Das führte zum Abfall der Niederlande und zum 80jährigen Befreiungskampf der Niederländer, der die neutrale Grafschaft in Mitleidenschaft zog und schwere Opfer an Gut und Blut forderte. Soweit die Kämpfe sich um die Festung Coevorden und die Truppenbewegungen sich auf der Straße Emlichheim-Neuenhaus abspielten, wurden Hoogstede und Bathorn schwer betroffen. Das benachbarte Haus Esche, eine Schutzinsel, und die befestigte Stadt Neuenhaus, die von Flüchtlingen überfüllt waren, fielen den Spaniern unter großen Menschenverlusten in die Hände. Die spanischen Truppenführer Parma und Verdugo plünderten die Niedergrafschaft wiederholt aus. Pastor Visch aus Wilsum behandelt in seiner Geschichte der Grafschaft diesen Oorlog und nennt die achtziger Jahre Zeiten der Grausamkeit und des Schreckens.
Der niederländische Befreiungskrieg ging 1618 in den Dreißigjährigen Krieg über. Der Graf hatte in dem Bestreben, seinen Gemeinden Schutz zu bieten, einen Selbstschutz ins Leben gerufen, der gemeinsam mit Schützenverbänden feindliche Übergriffe abwehren sollte. Er überzeugte sich auf Truppenschauen vom Stande der Abwehrbereitschaft. Jedoch war die Verteidigungskraft nicht ausreichend, 1622 den Mansfeld und in den folgenden Jahren kaiserliche, münsterische, Lüneburger und schwedische Truppen abzuhalten, die einquartiert, verpflegt, beliefert sein wollten und unter Brandandrohung Geld erpressten. Wachen, Alarmdienst und Schanzen boten nur in Einzelfällen Schutz. Die Landtage beschlossen, Korn-, Vieh-, Feuerstätten- und Personenschatzungen. Bei Rückständen führte man Geiseln, wie den Pastor Sporck aus Veldhausen, nach Rheine ab. Die Flucht in das nahe Hochmoor rettete manchem Hoogsteder und Bathorner das nackte Leben. Die Zunahme des Raubwildes erforderte Wolfsjagden. Selbst nach Friedensschluß 1648 mußten Reste schwedischer Besatzung durch Bauernaufgebot aus der Bimolter Mark vertrieben werden.
Nach dem Kriege mehrten sich die Hand- und Spanndienste, um die Wege auszubessern, die Wälder zu pflegen und Telgenkämpe anzulegen. Die Hauptlast trugen die Bauernerben, während die Kötter minderbesteuert waren und, da sie nicht geeignete Gespanne hatten, auch nicht Kriegsfuhren leisten mussten.
Manche der Kötter vermochten sogar ihren Besitz. in der Mark zu erweitern. So ergab sich, das Kulturland neu zu vermessen und mit Größe, Grenzen, Beschaffenheit und Belastung in das Landbuch, 1661, einzutragen. Die Geldwirtschaft hatte die Naturalabgaben abgelöst, und so sind die Laster in Reichstalern angegeben. Nach noch nicht zwanzigjähriger Friedenszeit, in der die Kultur des nahen Osterwaldes Fortschritte machte und 1663 die erste Moorkolonie, die Alte Piccardie, entstand, brachten zwei Kriege des münsterischen Bischofs Bernhard von Gelen neue Sehrecken ‑ 1665 bis 1666 und 1672 bis 1674 – die Hoogstede und Bathorn besonders dann schwer belasteten, solange die münsterschen Truppen um den Besitz der Grenzfestung Coevorden kämpften. In einer Emlichheimer Dienstgeldliste, 1637, von L. Edel im Jahrbuch 1953, S. 39, veröffentlicht, zahlten folgende Hochstetter an Dienstgeld; 1 ½ Tlr. Hannebrock, je 1 Tlr. Grone, Lange, Menßen, je ½ Tlr. Bröwer, Wernßen, Schulten Gerdt, Bolme und Cordt. Abgabenfrei war, weil zu arm, Rempe; als wüste Hausstellen wurden Wever genannt und eine Stelle Schulten. Dem Kloster Frenswegen gehörten in Bathorn drei Höfe. Jagdberechtigt war der Graf von Bentheim, der zweimal im Jahr, einmal bei Gras, einmal bei Stroh, der Jagd oblag. Ferner genossen die Häuser Laar und Echteler die Spiegeljagd in Hoogstede und Bathorn. Die Fischerei gehörte dem Grafen von Bentheim. Das Kloster Wietmarschen empfing nach dem Söllerbuch 1829 aus Hoogstede sechs Scheffel Roggen und acht Scheffel Gerste. Kaalmann in Hoogstede zahlte drei Gulden an ungewissen Gefällen. Serie Verpflichtungen wurden 1849 mit 236 Rtl, abgelöst. Im Urbar des Klosters werden genannt das Haus Nerken zu Berthorn (Bathorn) mit Jorne Palmen nebst 7 Nachkommen, 1517 Hinrich von Nerkens Haus, ferner Wichmanns Haus, aus dem Tallen, genannt Swenne, vom Kloster übernommen wurde und auf dem Hof Humberdinck zu Emlichheim einheiratete.
Als 1667 Graf Ernst Wilhelm zum katholischen Bekenntnis übertrat, suchte die reformierte Grafschaft Rückhalt am niederländischen Staat. Der Haager Vergleich 1701 stattete den Oberkirchenrat mit weitgehenden Rechten aus, wozu Kirchengerichtsbarkeit und Anstellung der Geistlichen gehörten. Die Hof- und Landgerichtsordnung 1690 diente der rechtlichen und moralischen Gesundung im Lande, aber auch hygienischen Zwecken, indem sie gegen das Kurpfuscherwesen einschritt.
Da die Hoogsteder - Bathorner Mark zum großen Teil vom Hochmoor ausgefülIt wird, war die Kampbildung nicht in dem Maße möglich, wie in Gemeinden mit vorwiegend Heideland. So trat bald eure Überbevölkerung ein, die siedlungswillige, nachgeborene Bauernsöhne veranlaßte, in neu entstehende Hochmoorgemeinden, aber auch in das Itterbecker Niederungsmoor auszuwandern. Im Kampf gegen die Sandstuwen, 1757, bepflanzte man Wehsande mit Schutzgehölz und Stechginster. Die Behörden ließen die Schafe zählen und die Schafhaltung einschränken Die Bentheimer Subdelegation unter Bischof Clemens August, 1733 bis 1746, verordnete Sparmaßnahmen, um die durch häufige Kriege in Unordnung geratenen Finanzen zu sanieren. Da jedoch eine Deckung der Schulden nicht möglich war, sah sich der Graf genötigt, seine Grafschaft 1752 an das Land Hannover zu verpfänden. In dem vier Jahre später ausbrechenden Siebenjährigen Kriege versuchte der Graf als Anführer eines französischen Truppenteils vergeblich, die Unabhängigkeit seines Landes wiederzugewinnen. Die Franzosen besetzten die Grafschaft, um sie als Basis für den Angriff auf Hannover zu benutzen, und die Grafschafter nahmen die Truppen in Quartier, verpflegten und belieferten sie mit Korn und Heu und leisteten Kriegsfuhren nach Coevorden und Zwolle. Nach dem Kriege erfolgten Verordnungen zum Wiederaufbau: doch die Grafschaft mußte sichselbst helfen, da Hannover wenig Interesse für sein weit entferntes Pfandgebiet zeigte. Bis 1815 betrat kein hannoverscher Minister die Grafschaft, aber sie erließen Verordnungen zur Sparsamkeit, besonders im Holzverbrauch, zur Schädlingsbekämpfung, verboten die Torfausfuhr und schritten gegen Auswüchse bei Familien- und Gemeinschaftsfeiern so wie gegen das Ströpen, die unerlaubte Jagd, ein.
1795 drangen französische Revolutionstruppen gegen Neuenhaus vor und vertrieben die hannoverschen Vorposten. Nach kurzer Zwischenregierung des Grafen Ludwig übernahmen 1806 das Großherzogtum Berg, 1816 das Kaiserreich Frankreich die Regierung. Die Fremdregierung versprach eine Rehe von Vorteilen, Gewerbefreiheit und Ablösung der bäuerlichen Lasten, zog dafür die Steuerschrauben an und forderte Rekruten Das französische Kataster fand neue Steuerquellen und schöpfe sie aus. Bäume, Vieh and Ernteerträge erfaßte es sorgfältig, ebenso Genußmittel wie Kaffee, Tee, Tabak und Zucker. Der Neuenhauser Unterpräfekt verkaufte im Auftrage seiner Behörde Klosterland an Klosterbauern.
1813, nach Vertreibung der Franzosen, übernahm Pestet die Grafschaft wieder als hannoversches Pfandgebiet, womit die neuen Gesetze fielen und die alte Ordnung zurückkehrte, dee jedoch vielfach die frühere Milde vermissen ließ Der Müller Albert Belt mußte sich über die während der Gewerbefreiheit erbaute Kornwindmühle mit dem Grafen, dem Herrn über Wind und Wasser, auseinandersetzen. Friedensgerichte blieben erhalten. Kirchenbücher, die bereits durch Standesamtsregister abgelöst waren, behielten ihre Gültigkeit für weitere 60 Jahre. Die Erblichkeit der Schultenhöfe ging zu Ende. Eheschließungen wurden erschwert, indem man nur solchen Ehewilligen die Heirat erlaubte, die gesicherte Lebensverhältnisse nachweisen konnten. (Fortsetzung folgt)
Hoogstede‑Bathorn (S. 655) 1. Fortsetzung Die Stadt Neuenhaus erhielt ein Postamt, und regelmäßige Fahrposten verkehrten zwischen Neuenhaus und Bentheim. Das Kirchspiel Arkel zweigte man 1819 von Emlichheim ab; 1821 entstand eine Kirche. Der Name des Kirchspiels hielt den Namen des nur aus 4 Bauernerben bestehenden Kleinstsiedlung wach, die heute der Gemeinde Kalle angegliedert, deren kirchliches Erbe aber auf Hoogstede übergegangen ist. Ab 1819 führte der Geistliche in Arkel ein Tauf-, Trau- und Sterberegister des Kirchspiels. Der erste Pastor war B. Th. Nyhuis, 1819-58, der Vater des später bekannt gewordenen 3. Pastors. Ihn löste Pastor Lucassen, 1858-66 ab. Der 3. Geistliche, J.M. Nyhuis, Konsistorialrat und Kreisschulrat, dazu Schriftsteller und Herausgeber einer Zeitungsbeilage, setzte sich für den Bau der Längsbahn ein. Die Geschichte des Spielmanns Wasse Wiggerink, wird im Jahrbuch 1950 erzählt. Die Volkszählung 1821 ergab für Hoogstede 56 Feuerstellen, 21 Höfe und 333 Einwohner. 1824, als die Munizipalitäten aufhörten, und die Gemeinden ihre Selbständigkeit wieder erhielten, teilte man die Grafschaft der Landdrostei Osnabrück, die katholischen kirchlichen Gemeinden der Diözese Osnabrück zu. Ein Spracherlaß forderte für die Schulen den hochdeutschen Unterricht, der jedoch aus Mangel an richtig hochdeutsch sprechenden Lehrern sich nicht überall einführen Iieß. 1830, als zahlreiche Hollandgänger im Nachbarlande Verdienst suchten, stellte Vogt Beuna für den Bezirk Emlichheim eine Liste der Schenkwirtschaften auf, die im Jahrbuch 1936 abgedruckt ist. In Hoogstede befanden sich die Wirtschaft G. Laarmann, die 6 Anker ausschenkte, seit 34 Jahren im Familiebesitz, J.H. Müller, ebenfalls 6 Anker ausschenkend, bestand seit 1815.
Die Nichterfüllung der in den Befreiungskriegen versprochenen Freiheiten beunruhigte die nach wie vor hörigen Bauern. Hannover entschloß sich 1831 zur Abhilfe; das Ablösungsgesetz und die Osnabrücker Markenteilungsordnung blieben jedoch für die Grafschaft bis 1848 unwirksam. 1836 reichte der Amtmann von Neuenhaus die Klage der Hoogsteder Bauern über Sandwehen, entstanden durch Schafherden in der Berger „Sahara“ weiter; das gleiche tat Vogt Baake, der an Beispielen zeigte, wie aus anfänglich kleinen Wehsandstellen sich ganze Sandwüsten bildeten. Die Umgebung Hoogstedes wurde von Neuenhauser Bürgern als Ausflugslandschaft geschätzt; manche kamen zum Fischen und Jagen 1836 lernte auf einem solchen Ausflug G. H. Hoogklimmer seine Frau Julie Wieneck kennen. 1839 wies Hoogstede bereits 800 Ein wohner aus; die Einwohnerzahl hatte sich in 20 Jahren mehr als verdoppelt. Die altreformierte Bewegung hatte 1838 zur Gründung der ersten altreformierten Gemeinde in Uelsen geführt; auch in Hoogstede entstand eine solche, die 1953 eine eigene Kirche erhielt. 1848, im Revolutionsjahr, kam endlich ein hannoverscher Kommissar in die Grafschaft, um die rückständige Ablösung der bäuerlichen Lasten in die Wege zu leiten. 1859, als Hoogstede eine katholische Kirche erhielt, gab es in Hoogstede 7 Vollbauern, 1 ¾-, 3 ½ erben, 7 Kötter, 9 Neubauern; für Bathorn waren die entsprechenden Zahlen 7, 2, 4,11, 9. 1863 boten 5 Webstühle in Hoogstede, 19 in Bathorn nicht ausgelasteten Köttern einen Nebenverdienst. Die Vechteschiffahrt beschäftigte 3 Vechteschiffer mit 6 Mann Besatzung.
Die Not auf dem Lande trieb zur Auswanderung nach Übersee; 1366 verließen den Heimatort der Grenzaufseher Müller und Frau, Harm Küpers nebst Jennegien, Gerrit, Gesen und Jan Kuipers, H. J. Derks, J.H. Nakken und H.J. Neerken, wovon die meisten aus Bathorn stammten. 1864‑71 schritt man zur Markenteilung nach Erbesqualität; 74 Teiler erhielten Anteile an insgesamt 1 095 ha Markenfläche, die zur Hälfte aus Heideland und Moor bestand. Seit 1874 unterrichtete Zeitung und Anzeigenblatt ans Neuenhaus die ländliche Bevölkerung über Tagesereignisse, wozu Pastor Nyhuis aus Arkel eine monatliche Beilage verfasste. Da sie neben guten Beiträgen für die Landwirtschaft regelmäßig auch Nachrichten über das kirchliche und Schulleben enthielt, wurde sie gerne gelesen. 1885 entstand aus dem Großkreis Lingen der Kreis Grafschaft Bentheim mit einem Hilfsamt in Neuenhaus. 1886‑1920 sorgte Landrat Kriege für den Fortgang der Melorierungsmaßnahmen und des Straßenbaus. 1890 erhielt der Heerweg über Hoogstede eine feste Steindecke. Die 1896 angelegte Teilstrecke der Bentheimer Eisenbahn erfuhr 10 Jahre später eine Verlängerung über Hoogstede nach Emlichheim. Hoogstede erhielt einen Bahnhof, der bald in Personen- und Güterverkehr Bedeutung gewann. Die geförderten Raseneisenerze verlud man meist in Hoogstede. Die Technik fand Eingang in den bäuerlichen Betrieb.
Im neuen Jahrhundert stellte sich die landwirtschaftliche Winterschule Neuenhaus, 1903, in den Dienst der Berufsausbildung des bäuerlichen Nachwuchses. Das Krankenhaus in Neuenhaus übernahm den Gesundheitsschutz der Niedergrafschaft. Nach dem Weltkriege setzte Landrat Böninger, 1920‑31, die Kulturmaßnahmen seines Vorgängers fort. Die Elektrizitätsversorgung des Kreises versah die bäuerlichen Betriebe mit einer neuen Energiequelle. Herdbuchgesellschaften, Versuchsringe, Bezugs- und Absatzgenossenschaften, Tierzuchtverbände halfen die Erträge zu steigern. Das Kreiswiesenbauamt bemühte sich um Strukturverbesserung des Grünlandes. In Hoogstede stellte sich die Spar‑ und Darlehnskasse 1923 in den Dienst Geldverkehrs; die Posthilfsstelle 1933 diente dem Nachrichtenverkehr. 1933 besaßen Hoogstede und Bathorn 262 ha Ankerland, 108 ha Wiesen und 180 ha Weiden; es gab 91 landwirtschaftliche Betriebe, darunter 9 größere, 57 kleinere Höfe, 12 Neubauern. 14 Heuer, insgesamt 710 Einwohner. 25 gewerbliche Betriebe hatten sich in Hoogstede angesiedelt; sie behaupteten sich zwischen Veldhausen mit 47 und Emlichheim mit 65 Handwerksbetrieben.
Als beispielhaft können die Kulturmaßnahmen im Raum Hoogstede – Bathorn gelten über die W. Friedrich in den Grafschafter Nachrichten unterrichtete. Das Wasserwirtschaftsamt Osnabrück richtete 1937 eine Nebenstelle die Kulturbauleitung Hoogstede ein. Eine Barackenunterkunft, 1938, enthielt 2 Büroräume und Wohnung für 14 Arbeitskräfte. Bald gab es 13 Dieselloks und 20 km Feldbahn, die 90 Stammarbeitern und weiteren Arbeitskräften des Reichsarbeitsdienstes dienten. 1939 übernahm die Justizverwaltung das Lager Bathorn und setzte Strafgefangene zur Arbeit ein, die unter anderem den Bathorner Diek befestigten. Nach Ausbruch des Krieges beschäftigte man auch Kriegsgefangene. Nun übernahm die Wehrmacht das Lager und führte die Arbeiten bis zur Schleuse weiter und darüber hinaus bis zum Lager Alexisdorf und Neuringe. Der Arbeitsdienst hatte bereits 900 ha entwässert als die Kriegsjahre eine Einschränkung der Arbeiten im Moor erforderten. Ab 1940 konnte man nur noch kIeinere Abteilungen beschäftigen. 1941 übernahm das Wasserwirtschaftsamt Mappen die nunmehr nach Batborn verlegte Leitung. Nach dem Kriege begann man 1946 aufs neue mit den Kulturarbeiten und beschäftigte Vertrieben von denen etwa 500 im Lager Bathorn untergebracht waren. Zunächst waren nur 3 Dieselloks verfügbar; ab 1947 jedoch, als man die Arbeiten in größerem Maße wieder aufnahm, waren 140 Arbeitskräfte als Stammpersonal eingesetzt, die mit Unternehmern und Fachkräften das Straßen- und Grabennetz erweiterten, die Moordecke umbrachen und die Bodenstruktur verbesserten. (Fortsetzung folgt)
Seite 661, (November 1969) Hoogstede - Bathorn Den Abschluß bildete die fertige Bauernstelle als Vollerwerbs- oder Kleinbauernhof mit zweckmäßigen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Der Hof Bloemendal ist im Jahrbuch 1964 abgebildet. Der Kabeldiek am Neuenhauser Kanal drang ins Bathorner Moor vor, um eine Ansiedlung von 37 Vollerwerbsbetrieben vorzubereiten. Bis zum Jahr 1964 entstanden 139 Neubauten, nicht nur im Moor, auch am Westrand am Stubbenberg. Der Bedarf an Baugelände überstieg zeitweilig das Angebot. Im Rahmen des Emslandplanes entstanden neue Vechtebrücken (Bild der alten Holzbrücke im Anhang des Jahrbuchs 61) und die Kreisstraße 14 von Wilsum über Hoogstede nach Neuringe, wodurch die Verkehrslage Hoogstedes wesentlich verbessert und der Ort zum wichtigen Straßenkreuz der Niedergrafschaft wurde. 30 neue Hauser, darunter Geschäftshäuser auf Stubenbergsfeld, 1956, brachten der bisherigen Streusiedlung Hoogstede einen geschlossenen Siedlungskern. Bathorn erhielt 1959 eine Gassammelstelle, 1962 ein leistungsfähiges Wasserwerk, das als 3. Verbundwasserwerk für die Trinkwasserversorgung der Niedergrafschaft wichtig ist. Der 1953 gegründete Wasserbeschaffungsverband der Niedergrafschaft ließ bis 40 m tiefe Brunnen graben, die aus den dem Moor unterlagernden Talsanden brauchbares Trinkwasser fördern, das in Eternitrohren, die widerstandsfähig gegen Moorsäure sind, in die Haushaltungen geleitet wird.
Von den 1437 ha Gemeindefläche wurden 1950 851 ha landwirtschaftlich genutzt; der Einheitswert ist 756 (Landkreis Grafschaft Bentheim). Die Bodengüte nimmt nach Osten ab; sie erreicht in den Gleiböden an der Vechte Werte bis 40, auf den Eschböden 25, im Podsol der Talsande 17. . Es stehen somit nur mittlere und geringwertige Böden zur Verfügung. Die Zahl der kleineren bäuerlichen Betriebe übertrifft die der größeren. Die Bewohner sind in der Landwirtschaft zu 30 Prozent in Industrie und Handwerk zu 40 Prozent, im Handel und Verkehr zu 6 Prozent beschäftigt. Beachtlich ist der Anteil der Pendler. Der Acker nimmt nur etwa ¼ (26 Prozent) der Landnutzung ein; auf ihm herrscht der Getreidebau vor; etwa 1/3 dient dem Hackanbau. Das Grünland überwiegt mit 72 Prozent das Ackerland; infolgedessen ist die Rindviehhaltung hoch. 90 Großvieheinheiten werden auf 100 ha Nutzland gehalten. Der Besatz an Schweinen ist stark; die Gemeinde gehört zu den Gebieten starker Schweinezucht. In der wirtschaftlichen Struktur der Landgemeinde überwiegt nicht mehr der bäuerliche Einschlag und im sozialen Gefüge nicht mehr der selbständige Unternehmer mit mithelfenden Familienmitgliedern. Die Einwohnerzahl betrug 1950 1506, 1965 1171. Der Rückgang erklärt sich aus dem Fortzug der Vertriebenen, von denen nicht alle einen Dauererwerb in dem damals noch vorwiegend bäuerlichen Gemeinwesen finden konnten. Der gewerbliche Einschlag übertrifft heute den bäuerlichen; an Handwerksbetrieben sind die Zweige Holz-, Bau-, Ernährungs- und Bekleidungsgewerbe vertreten.
Hoogstede gewann nach 1945 Bedeutung als Nebenkern mit Standort für mehrere Kirchen, Mittelpunktschule, Berufsschule, landwirtschaftliche Genossenschaften und mehrere Gewerbe- und Handelsbetriebe. Der Ausbau der Feuerwehr erlaubt, Nachbargemeinden Brandschutz zu bieten. Ein Polizeiposten dient einer Gruppe von 8 benachbarten Orten. Die Bildung einer Samtgemeinde beschossen 1968 die Gemeinden Hoogstede, Bathorn, Scheerhorn, Berge, Kalle, Tinholt und Neuringe. Eine leistungsfähige Privatmolkerei richtete 1960 eine fliegende Milchabnahme ein, deren Tankwagen die Kannen auf den Höfen entleeren und sie mit Magermilch wieder auffüllen. Der Milchversorgung dient der Kontrollring Hoogstede. Die Infrastruktur, die Grundausrüstung der Gemeinde, gewann durch Einrichtung einer Waschanlage mit Sauna, durch Gemeinderäume der kirchlichen Gemeinden, durch Mitwirkung von geselligen Vereinen, Laienspielschar, Dorf- und Theaterabende und Gemeindebücherei. Beträgt die Einwohnerzahl heute etwa 1100, so rechnen die Raumplaner mit einer Zunahme bis 1985 auf 2000 und ein: weiterem Hinzukommen zentraler Einrichtungen, wodurch Hoogstede Aufgaben eines kleinen zentralen Ortes für einen begrenzten Nachbarbezirk erfüllen kann.
S c h r i f t t u m : Edel, Von der Herrlichkeit Emlichheim, Jahrb. 1953. Emse, Wasserversorgung der Niedergrafschaft, Heimatkalender 1951. Friedrich, Hoogstede, Graf. Nachrichten 1962. Sager, Geschichte der Grafschaft Bentheim Specht, Heimatkunde eines Grenzkreises. Dr. Specht, Jungpaläolithischer Lagerplatz am Lamberg. Jahrbuch 1968. Der Landkreis Grafschaft Bentheim. Weitere Angaben im Text
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