Kalle und Tinholt –

Geschichte zweier Landgemeinden

Von Dr. Ernst Kühle

Die Talsandlandschaft des linken Vechteufers nördlich von Haftenkamp ist gegenüber der rechten Uferzone in der wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeblieben. Am rechten Vechteufer reihen sich an Veldhausen die Bauerschaften Esche, Berge, Scheerhorn, Hoogstede, Großringe, Kleinringe, denen am linken Ufer nur Tinholt und Kalle gegenüberstehen. Die Bodengütekarte zeigt auf beiden Flußufern die gleichen, wenig günstigen Gütewerte an. Die im allgemeinen tiefere Lage der westlichen Uferzone und der höhere Grundwasserstand haben lange Zeit von einer Besiedlung abgeschreckt. Der Verkehr von Neuenhaus nach Emlichheim nahm seinen Weg am rechten Ufer der Vechte entlang, der höher lag und trockener war und an Orten mit den Namen „Berge" und „Hoogstede" vorbeiführte. Mittelalterliche Wege waren zu meist Höhenwege, die feuchte Senken mieden, 1890 gab es die erste feste Straße, 1906 die Eisenbahn auf dem rechten Vechteufer; erst 50 Jahre später verband die Vechtetalstraße Neuenhaus mit Emlichheim über Tinholt und Kalle, ob wohl diese Wegstrecke kürzer ist als die des rechten Ufers. Die lange im Naturzustand verbliebenen Flächen dienten dem Grafen als wertvolle Jagdgründe. Dem Naturfreund bot die Landschaft eine Fülle mannigfaltigen Pflanzen- und Tierlebens. In den Totarmen der windungsreichen Vechte gab es Froschbiß, Froschlöffel, Pfeilkraut, Laichkraut, Krebsschere, Wasserampfer, Wasserdorst, Igelskolben, Rohrkolben, Bitterklee, Baldrian und seltene Vertreter der atlantischen Flora. In zahlreichen Kolken fanden Kulturflüchter und Rückzügler Unterschlupf und Nahrung. Kiebitze, Brachvögel, Schnepfen, Austernfischer, Uferschwalben, Stockenten belebten die Feuchtheiden. Das Verbot, hier Eier zu sammeln, kam dem reichen Vogelleben zugute, Stare überwinterten in anmoorigen Gebieten. Die ehemaligen Feuchtheiden und Moore sind heute zu besiedeltem Kulturland geworden, das durch Straßen und Wirtschaftswege erschlossen ist. Doch sind zwei Naturschutz gebiete vom Umbruch und völliger Entwässerung verschont geblieben, eine größere Fläche im westlichen Teile, „Heidequellmoor Wilsum" genannt, und eine kleinere in der Mitte des ehemaligen Tinholter Venns, das „Moorverlandungsgebiet Tinholt". Sie dienen dem Schutze der besonders gearteten Pflanzen‑ und Tierwelt und als Lehrstätte für Forschung und Wissenschaft. Daneben haben sie eine Aufgabe als Wasserspeicher, der den Grundwasserspiegel in günstiger Höhe erhält und einer Versteppung in trocknen Jahren vorbeugt.

 

Kalle und Tinholt bildeten einen Markenverband mit den Rechtsufergemeinden Berge, Scheerhorn, Hoogstede. Die Grenzen der Mark auf dem linken Ufer waren im Norden, Westen und Süden gerade Linien, die man ohne Rücksicht auf Naturgegebenheiten auf der Karte mit dem Lineal gezogen hat. Der Name Kalle ist eine alte Flurbezeichnung, die Bezug nimmt auf das Wasser. Abel erklärt in „Ortsnamen des Emslandes" Kalle als am Wasserarm gelegen. Tinholt gehört zu den häufigen Orten, die den Namen dem Holz entnehmen. Das Bestimmungswort ist nach Abel unerklärbar; Reurik erklärt es mit ten Holt = zum Holz; Specht legt das Zahlwort 10 zugrunde, nach zehn Gemeinden, die am Tinholt einst Anteil gehabt haben sollen. Die vorgeschichtliche Vechteschifffahrt hinterließ Überbleibsel von Fahrzeugen, Handelsgütern und Münzen, aus denen jedoch wenig über die Vorgeschichte von Kalle und Tinholt geschlossen werden kann. Auf höher gelegenen Dünenrücken und Bodenwellen, auf denen frühe Siedler Fuß faßten, fand man Urnen in Nähe des Hofes Gröne in Tinholt. Der Name Arkel, zu Kalle gehörig, wird von Heimatforschern als arcellum gedeutet; sie vermuten, daß hier eine vorgeschichtliche Burg bestanden hat.

Kalle wird zuerst zusammen mit dem Gogericht Emlichheim genannt, das sich 1313 im Besitz des Grafen Johann II. befand, 1324 aber an den Herrn von Borculo gegeben wurde und erst 1440 endgültig an die Grafschaft zurückfiel. Als 1312 Graf Johan das Gogericht Uelsen von Eylard van den Toerne erwarb, vereinbarten beide Vertragspartner, daß das Holzgericht im Tinholte dem Geschlecht Toerne verblieb. Die Holzgerichte kamen aber 1380 in die Hand des Grafen, wo durch sich der Einfluß des Landesherrn in den Bauerschaften verstärkte. In der Tinholter Mark hatte der Bischof von Utrecht drei hörige Bauernerben, denen erlaubt war, die Eichelmast zu nutzen, wenn ein gutes Eicheljahr war.

Der Graf bestritt dieses Recht. 1324 wird der Hof to Arkelo genannt. Pastor Visch in Wi1sum schreibt in seiner Geschichte von einer frühen Kapelle in Arkel, in der ein Geistlicher aus Emlichheim Gottesdienst hielt, sowie von einer Ritterburg, von der man noch im 19. Jahrhundert Reste vorfand. Auch Stokmann berichtet von einer befestigten Burg Arkel, deren Trümmerreste 1820 noch vorhanden waren. Nach Möller gab es ein adliges Geschlecht, die Herren von Arkel, aus dem Johan van Arkel hervorging, der als Bischof von Utrecht 1346 die Burg Lage erwarb. Von den Höfen in Kalle wird ein Kotten genannt, Kreppes Kote, 1324, der später Kroppschott hieß. 1440, als das Gogericht Emlichheim zur Grafschaft Bentheim zurückkehrte, wird der Hof Rutkote to Arkel verzeichnet, von dem Dr. Edel annimmt, daß er später „Lütke Arkel" hieß (Von der Herrlichkeit Emlichheim, Jahrb. 1953). Die Emlichheimer Gerichtsbarkeit reichte am linken Vechteufer bis zur Hildener Brügge, wo das Gogericht Uelsen begann.

Im Lehnregister des Grafen Otto, 1346‑64, wird Kalle nicht genannt, wohl aber Tinholt. Dem Knappen Eylard van den Toerne überließ der Graf zu Dienstmannsrecht die Holzgerichte zu Hilten, Gölenkamp, Uelsen und im Tinholte. Eylard war 1319 Burgmann auf Bentheim. Gegen Überlassung des Gogerichts Uelsen 1312 er hielt er vom Grafen Johan eine Anzahl von Zehnten aus Bauernerben zu Lehen. Der Stammsitz des Geschlechts war das Dorf Uelsen, wo südlich der Kirche vermutlich ihre Burg stand. Eylard war auch Lehnsmann des Bischofs von Utrecht. Das Tinholt gehörte zu den privaten Gehegen des Grafen; hier übte er die Jagd allein aus und ließ durch seine Jäger die Grenzen überwachen. Das Revier war durch seine guten Entenjagden bekannt. Die Beachtung der landesherrlichen Reservate ließ zu wünschen übrig. Mit den holländischen Jagdherren einigte sich der Graf auf dem Bentheimer Landtag über Jagdgerechtsame zwischen Grenze und Vechte. 1656 überraschten gräfliche Jäger eine Gramsberger Jagdgesellschaft in einer Tinholter Wirtschaft und nahm sie gefangen. Die Gramsberger kamen mit stärkerem Aufgebot wieder und verlangten erweiterte Rechte. Der Graf verwarnte die Gramsberger, „daß man die Jagd nicht wider alle Usance und Gewohnheit extendieren solle". Der Jägermeister Borchard Lohoff betreute die privaten Gehege, leitete die großen Umjagden, traf Maßnahmen für sachgemäße Hege des Wildes, bestimmte die Schonzeiten und die Menge des von den Bauerschaften anzuliefernden Hundebrots. Das Haus Echteler hatte die Koppeljagd in Kalle. Die Fischerei in der Vechte bis zur Mündung der Lee übten die Grafen gemeinsam mit der Stadt Neuenhaus aus, weiter nördlich nur die Grafen allein. Das Teichen von Flachs in der Vechte war den Bauern in Kalle und Tinholt verboten.

 

1384 verkaufte Engelbert v. Zale dem Kloster Wietmarschen Hermans Hues van der Calle, von dem Dr. Edel annimmt, daß es sich um den Hof Kaalmink in Ringe handelte. Das 1152 gegründete Benediktinerstift Wietmarschen hatte sich durch reiche Zuwendungen zum bedeutenden Grundherrn in der Grafschaft entwickelt. Zu den hörigen Bauernerben des Klosters gehörte der Hof Timpe in Kalle. Tympe edder Callman zahlte dem Kloster jährlich 1 ½ Müdde Roggen und 2 Müdde Gerste, dazu ein Rauchhuhn. 1404 hatte die Priorin Fye van Beesten aus dem wüsten Erbe Alberdinck zu Lemke eine volle Warschaft in der Tinholter Mark genommen und sie zu Tympen tor Calle gelegt. Die Kinder der hörigen Bauern leisteten Gesindedienst und wurden nicht selten mit anderen Grundherren ausgetauscht. Ihre Namen finden wir im Wesselbuch des Klosters verzeichnet.

 

1451 empfing das Kloster im Austausch mit dem Herrn v. Dedem zu Esche den Johan Herekinck, der ins Tympenhaus tor Calle kam. 1562 überließ das Bistum Utrecht dem Kloster einen Sohn des Passcher in Lage, der auf dem Tympenhof zu Kalle einheiratete. Man nannte die Einheirat Auffahrt und forderte dafür eine Gebühr (ungewisses Gefälle). Im Austausch mit dem Grafen kam Wibbe, eine Tochter Campers aus Laarwald nach Kalle, wo sie auf dem Hof einheiratete. Von den Kindern auf dem Tympenhof wird berichtet, daß Johan tor Calle die Gese van Arkel zur Frau nahm, die die Tochter eines dem Grafen hörigen Bauern war. Von ihren Kindern ließ das Kloster den Sohn Johan frei; ein anderer Sohn zog mit den Wiedertäufern fort, und der Schreiber trug in das Wesselbuch ein ... „entlopen na Monster". Eine Tochter, Mette, ging mit einem Landsknecht in die Ferne. Im Lagerbuch zu Bentheim befindet sich eine Verpflichtung des Hofes Tympe von 1 Taler. Die Vogtei über den Hof Tympe hatte Engelbert von Zalre; er hatte an Callmans Erben ein Gut verkauft, Bussches Garde genannt, und an das Kloster Frenswegen Heemans Haus in der Calle veräußert. Der Archivar Dr. Döhmann in Burgsteinfurt nimmt an, daß der Hof Kaalmann in Hoogstede gemeint ist.

1486 sicherte Kaiser Friedrich III. den Bestand der Reichsgrafschaft Bentheim, ins besondere das Gericht Emlichheim vor dem Zugriff des Bischofs von Utrecht. Das Heberegister von Bentheim aus dem gleichen Jahre enthält dem Grafen hörige Bauernerben, 14 im Gericht Emlichheim, mit ihren Abgaben. Einnehmer war der Herr Sweder von der Schulenburg. Das Erbe Timpe up Kalle gab 1 Rind als Rinderpacht, der Schulte von Arkel 4 Müdde Roggen, 4 Müdde Gerste, 1 Pachtschwein. Von der Meierschen, der Witwe des Meiers, gingen ein: 44 Postulatgulden zu je 10 Schillinge für Erfwinnige. In den Zusätzen des Heberegisters heißt es: ...fitem screve betalt 4 rhein. Gulden vor 1 tunne groninger bers do myn Juncher up den Kalle myt syne Juffern von Steenforde was visschen. ‑ Wir hören 400 Jahre später noch von einem Herrn Hoogklimmer das Lob des Anglerparadieses Tinholt.

Das folgende 16. Jahrhundert war von religiösen Unruhen erfüllt. Die Wiedertäufer hatten 1533 den Bischof von Münster vertrieben und ein Wiedertäuferreich errichtet, das zwei Jahre später Graf Arnold mit zerschlagen half. Anschließend ließ der Graf nach geflohenen und versteckten Wiedertäufern in der Grafschaft fahnden. Das wenig zugängliche Tinholter Moor bot guten Unterschlupf. Wen die Häscher fingen, den richtete man als Viehdieb hin. 1544 aber trat der Graf mit dem größten Teil der Grafschaft zum lutherischen Bekenntnis über. Die Pastoren Kampferbeck in Veldhausen, Krull und Jungius in Neuenhaus, Hasenhart in Uelsen predigten im Sinne der Augsburgischen Konfession. Das Bistum Utrecht ging durch die Reformation ein; seine Güter erbte Kaiser Karl V., der nicht deutsch sprach, aber in den Twenter Hofrechten die Pflichten und Rechte seiner Hörigen aufschreiben ließ. Sein Nachfolger Philipp löste durch Härte und Grausamkeit seiner gegenreformatorischen Maßnahmen den niederländischen Befreiungskrieg von der spanischen Herrschaft aus. Die von ihren Ländern mangelhaft versorgten spanischen und holländischen Truppen suchten ihren Bedarf zu decken durch räuberische Überfälle in die neutrale Grafschaft; bei etwaigem Widerstand kam es wie in Halle und Getelo zu Blutbädern. Auf der Heerstraße zwischen Coevorden und Neuenhaus plünderten die Spanier die Bauerschaften an der Vechte aus; sie beraubten Kalle und Tinholt, zerstörten das feste Haus Esche, töteten die zahlreichen Flüchtlinge, verbrannten in einer Scheune in der Borg 60 wehrlose Menschen und verursachten ein Massensterben in der Stadt Neuenhaus. „De nood en ellende waren zoo groot, dat men ze met geene worden uitdrukken kan (Visch, Geschiedenis). Im schweren Kriegsjahr 1588 traten Graf und Grafschaft zum reformierten Bekenntnis über, um sich den Schutz der siegreichen Niederländer zu sichern.

Auf deutscher Seite ging der Oorlog in den Dreißigjährigen Krieg, 1618‑1648, über. Der vom Grafen Arnold Jobst angestrebte Selbstschutz in Verbindung mit Schützenverbänden war nicht ausreichend, den feindlichen Heeren den Ein tritt in die Grafschaft zu verwehren. Die Kriegsopfer des Oorlogs wiederholten sich; hinzu kamen die Kriegssteuern in Gestalt von Korn-,Vieh- und Personenschatzungen, auf den Landtagen beschlossen, um die Kontributionen zahlen zu können. Die Selbsthilfe in Kalle und Tinholt beschränkte sich darauf, Alarmbereitschaften einzurichten, kleinere Räuberbanden abzuwehren, durch Feuersignale Nachbargemein den zu warnen, ihre Hilfe zu erbitten und selbst Hilfe zu bringen. Der Geschichtsschreiber des Krieges, Pastor Holstein aus Schüttorf, der auch in Arkel predigte, beklagte den Verfall der Sitten. Schon 1620 erlagen die Kaller dem Einfluß von Zauberern, die man um Hilfe bat, wenn Menschen und Vieh erkrankten. In Tinholt war es nicht anders; viele gingen nicht mehr in die Kirche, besuchten während der Kirchzeit die Wirtshäuser, sangen Hurenlieder und mieden die Arbeit. Vergeblich wetterte Pastor Holstein 1623 von der Kanzel in Arkel und drohte mit Kirchstrafen. Anstatt der gelobten Exercitien gab es in den Schützereien Saufgelage. Erst mit Kriegsende, als ein Bauernaufgebot schwedische Resttruppen aus der Bimolter Mark vertreiben mußte, kehrte die Ordnung zurück.

 

Aus dem Kriegsjahr 1637 ist eine Dienstgeldliste des Rentmeisters Kerckerinck erhalten, die Dr. Edel im Jahrb. 1953 wiedergab. Es zahlten an Dienstgeld je 4 Taler Röttgeringh, Eikinckhorst, Oeveringh, Meyerman, der Schulte zu Arkel, je 3 Taler Campen, lütke Arkel, Blomendael, Calthoff, Struwe, je 3 ½ Taler Brüningh, Suwerman, Hembke, Wermer, je 1 Taler Kroppschotte, Klinckhamer, Böker, Hessels Lucas, Lüchens Rolff, Schnykert; 3 Ort zahlte Kistemaker.

 

Der in Tinholt gelegene Platz von Weel Johans Witwe, der wüste war, gab ½ Taler. Im Eifer um den Wiederaufbau von Hof und Flur nach Friedensschluß blieben Kalle und Tinholt hinter den Bauerschaften rechts der Vechte nicht zurück. Die reformierte Kirchenordnung hatte die Pflege des kirchlichen Lebens in die Hände der örtlichen Kirchenräte gelegt. Aus den Bauerschaften des Kirchspiels Emlichheim wählte man angesehene Männer in den Kirchenrat, die dafür sorgten, daß das Verhalten der Gemeindemitglieder und der Unterricht der Jugend im Sinne des Heidelberger Katechismus geschah. Dem Kirchenrat gehörten an Gerdt Volker zu Arkel in den Jahren 1562, 68, 80, 83, Gert Schulte zu Arkel 1612. 1620 befaßte sich der Oberkirchenrat mit einer Anklage eines Bauern aus Tinholt wegen Hexerei; der Bauer beschuldigte seinen Nachbarn, daß er ihm die Kuh verhext hätte, die gestorben war (Edel, Ratleute der Kirche zu Emlichheim, Grafsch. 1958). Es war bald nach Beginn des großen Krieges, als Pastor Holstein gegen das Zauberunwesen ankämpfte.

Fünf Jahre vor Friedensschluß hatte Graf Ernst Wilhelm die Regierung in der Grafschaft angetreten. Die zahlreichen Toerneschen Güter waren in andere Hände gekommen, zuletzt an die Herren vom Raesfeld zu Lage. 1651 gelang es dem Grafen, eine Reihe von Bauernerben in verschiedenen Gemeinden zurück zu erhalten, darunter den Hof Drumme in Tinholt, sowie einen Zuschlag im Tinholt, den Graf Arnold dem Herrn von Ketteler, dem damaligen Besitzer von Lage, überließ. Zu den Toerneschen Gütern gehörte auch der Schultenhof zu Hilten, dem das Holzgericht im Tinholt anhaftete, der aber 1615 verwaist war. Bürgermeister Lohman zu Neuenhaus machte den Vorschlag, den Schultenhof zu parzellieren und das Holzgericht dem Grafen zu überlassen. Über die Verhandlungen berichten Urkunden im Archiv zu Neuenhaus. Darin heißt es: „... Wir Arnold Joost, Graff zu Bentheim, Tecklenburg usw thuen kundt vor uns und unsere Erben ... demnach uns die Edell Ernvest und Ehrsamen Johan van Beesten in dem Ham, Herman von Munster Haubtmann und Johan von Munster gebrüdere, auch Meinardtz Lohman, Bürger alhie zu Neuenhausz als Gutsheeren deß Schulten Hoffs zu Hilte unterthenig vorgebracht, wasmaßen ihnen der Marke Hilten einen Schulten zu verschaffen und jahrlichß zu halten sehr beschwerlich fiele dahero uns unterthenig ersuchten sothane Last demselben Hoff abzunehmen und auf einen anderen Hoff zu legen... Alß haben wir gehabter Tractatien allerseits dahin geschlossen, daß uns obgedachte Gutheeren die von dem Erbe und Schulten Hoff zu Hilte im Tinholtz competierende Gerechtigkeit etlicher Schaar-Ackeren so vill und weinig der auch sein möchten vor sothane Ab- und entnehmung des Schultenamtß erb- und ewiglich vor sich, ihre Erben und Nachkommen cedieren und überlassen sollen …"

Da während der langen Kriegszeit mancher Markenkötter seinen Besitz erweitern konnte, ohne dafür neue Lasten auf sich zu nehmen, ließ der Graf das Kulturland 1659 neu vermessen und die Höfe mit ihrem Kulturland nach Größe, Grenzen und Belastung in das Landbuch 1661 eintragen. Hier sind alte Flurnamen zu finden, die man brauchte, um die genaueren Grenzen festzulegen. Die Abgaben sind in Reichstalern eingetragen, da die Geldwirtschaft die Naturalwirtschaft abgelöst hatte. Im Landbuch finden wir die alten Namen wieder, dazu einige neue. Um diese Zeit, 1656, enthält das Lagerbuch zu Emlichheim folgende Höfe aus Kalle: Hindrik ter Baen (jetzt ter Bahne), de Bange (jetzt Bonge), Berend Gerryts (jetzt Geers), Jan Spiett (jetzt Speet), Jürrink arwe, de Karke pflichtig (schon 1391 gab es einen Jordening, jetzt Jeurink, in Kalle). Das Vorwiegen älterer Namen im Landbuch beweist eine gewisse Bodenständigkeit der Besitzerschicht und ein verhältnismäßig geringer Wechsel des Besitzstandes.

Der Bedarf an weiterem bäuerlichem Nutzland veranlaßte den Grafen, am gegenüberliegenden Vechteufer den Osterwald zu besiedeln. Der Kolonisator Picardt gründete 1663 die erste Moorkolonie, Ernstdorf, später Piccardie genannt. Für den Raum Kalle und Tinholt erwiesen sich die Schwierigkeiten der Entwässerung als zu groß, um sie mit den damaligen Mitteln durchzuführen. Noch nicht 20 Jahre nach dem großen Kriege überzog Bernhard v. Galen, Bischof zu Münster, die Grafschaft mit zwei Kriegen gegen Holland, wobei er die Grafschaft als Ausgangsbasis und Truppenlager nutzte. Der Bauer war Quartiergeber, Korn- und Heulieferer, Gespannhalter, der Jungbauer Trainknecht. Die Truppenbewegungen zwischen Coevorden und Neuenhaus führten wie vor 100 Jahren zu Kriegsschäden in Kalle und Tinholt. Auf den Höfen gingen neben lebenswichtigen Gütern die schriftlichen Urkunden verloren, die später fehlten, als man sie bei Markenteilung und Ablösung brauchte. Die Kulturarbeiten der Gemeinden beiderseits der Vechte blieben rückständig. Mit der Besetzung der Grafschaft durch münsterische Truppen waren gegenreformatorische Maßnahmen verbunden. Der Graf trat 1686 zum katholischen Bekenntnis über. Der Oberkirchenrat mußte seine Tätigkeit einstellen; die Mittel für Kirchen und Schulen gingen zu rück. Die Grafschaft hielt am reformierten Bekenntnis fest und erbat Hilfe, die ihr zuteil wurde. Der Haager Vergleich, 1701, gab dem Oberkirchenrat ein ausreichendes Maß von Einfluß, das kirchliche Leben in den Gemeinden zu leiten. Holländische Geistliche und Lehrer kamen ins Land und verbreiteten die holländische Sprache, die zur Kirchensprache in der Niedergrafschaft wurde.

 

Die Schuldenlast zwang den Grafen Friedrich Carl, seine Grafschaft 1752 an das Land Hannover zu verpfänden. Die Pfandschaftsregierung unter Leitung des Drosten Ompteda versuchte, durch Sparverordnungen Ordnung in das Finanzwesen zu bringen. Eine Akte auf dem Rathaus zu Uelsen von 1752 enthält einen Vertrag um Torfstichrechte im Tinholter Moor. Aus Uelsen und dem Kirchspiel hatten sich 348 Haus halte bereit erklärt, den Torf aus Tinholt zu holen. Wiederholtes Zusammentreffen der Dorfschulten auf dem Rathaus zu Uelsen und Beratung mit Amtleuten und Vögten, wie 1845 mit Amtsvogt Brill, verbesserten die Anfuhr des Torfs, indem man Entwässerung und Wegebau vervollkommnete. Schulte Vos aus Tinholt und der Schulte zu Arkel unterzeichneten ein Protokoll. Als nach dem Ersten Weltkrieg das Siedlungsgesetz 1919 Land für vertriebene Ostbauern und nachgeborene Bauernsöhne aus der Heimat bereit stellte, enteignete man die Torf gruben und hob die Torfstichgerechtsame auf.

 

Vier Jahre nach dem Pfandvertrag brach der Siebenjährige Krieg, 1756 bis 1763, aus, den der Graf nutzen wollte, um die Selbständigkeit seiner Grafschaft zurück zu gewinnen. An der Spitze eines französischen Regiments zog er in den Kampf gegen Hannover, womit er den Krieg in sein Land trug. Für die Kaller und Tinholter Bauern nahmen die Lieferungen, die Kriegsfuhren, die Zahlungen kein Ende. Die Kriegsherren wechselten, eine Partei jagte der andern die Beute ab. An wen die Abgaben zu zahlen waren, erfuhren die Kaller durch Kirchensprache in Emlichheim. Kommandos setzten die Dorfschulten gefangen, wenn die abzuliefernde Pferde nicht zur Stelle waren, aber es gelang manchem listigen Bauern, sein Pferd auf Schleichwegen zu rückzuholen. Entzog sich der Jungbauer dem Traindienst durch die Flucht, mußte der Hausvater den Dienst tun. Hannover gewann den Krieg und trat nach Friedensschluß die Pfandschaftsregierung wieder an. Regierungsrat Funck forderte durch Verordnungen zum Sparen, zur Schädlingsbekämpfung, zur Waldpflege, zur Anlage von Telgenkämpen, zur Schonung des Wildes, zur Einschränkung im Haushalt, zum Maßhalten im Verbrauch auf.

Die Bauern in Kalle und Tinholt bedurften solcher Ermahnungen nicht; die Armut war ihr täglicher Gast. Die Tinholter trugen ihre dürftigen Kornmengen auf dem Rücken zur Mühle Bosmann nach Hardinghausen und nahmen gleich ihr Mehl nach Abzug der Mahlgebühr wieder mit nach Hause. Eine Verordnung 1784 enthielt für Kalle und Tinholt die Concession des Plaggenstechens, bei Schonung der Forsten und öffentlichen Wege, für Tinholt auch die Schonung des Haftenkamper Bruchs. Eine Neuvermessung der Markengrenze zwischen Tinholt und Haftenkamp schlichtete alte Streitpunkte. Der Streit um die Jagdberechtigung im Tinholter Feld entfachte aufs neue, als 1773 der Herr v. Wassenaer aus Lage den Richter Lüdick in Emlichheim beauftragte und bevollmächtigte, für ihn die Jagd im Bezirk Emlichheim auszuüben. Im Tinholter Feld kam es zu Tätlichkeiten der Lager Jäger mit den Bentheimern, die eine Koppeljagd im Tinholter Feld nicht zulassen wollten.

 

Die Lingener Akademie, von einem oranischen Fürsten 1696 gegründet, war durch ihre Nähe eine von jungen Grafschaftern gern besuchte Bildungsstätte. Im Album der Studierenden stehen die Namen der Studenten, auch solche, die aus Holland und den holländischen Kolonien kamen, darunter Johan Niehoff, der in Uelsen geboren war und in Batavia lebte. Er beeinflußte 1776 einige Freunde, mit ihm auf der Lingener Akademie zu studieren. Zu ihnen gehörte auch Wilhelm Henricus Hüffenreuter. Ein Hüffenreuter kehrte mit seiner Frau, einer Malaiin, nach dem Hof in Tinholt zurück (Sager, Grafsch. 1965).

Zur allgemeinen Not, bedingt durch Mangel an Kulturland und geringe Acker‑ und Milcherträge, kamen wetterbedingte Notlagen, Hungerjahre, infolge Mißernten, wie 1771‑73. Der Anbau der Kartoffel hat in der Folge solche Notlagen abgeschwächt; zunächst mußten die Behörden aber mit strengen Maßnahmen gegen Kornwucher einschreiten. Als dann 1795 die Franzosen als Revolutionstruppen in Neuen haus einrückten und den Freiheitsbaum aufstellten, Gewerbefreiheit und Ablösung der bäuerlichen Lasten versprachen, sah man sie nicht ungern kommen. Bald aber konnten die Schulten von Kalle und Tinholt ihren neuen Pflichten kaum noch nachkommen, für die Steuer- und Rekrutenlisten die Unterlagen bereitzustellen. Das französische Kataster fand immer neue Steuerquellen, wie Fußböden, Fenster, Türflächen, Obstbäume; die Rekrutenlisten füllten sich mit Namen von Jungbauern, die man einzog, in fernen Garnisonen ausbildete und in der großen Armee zum Ruhme Frankreichs kämpfen ließ. Andere traten in das Bentheimer Bataillon ein und kämpften gegen Napoleon auf belgischen Schlachtfeldern. Eine Verlustliste 1815 nennt Evert Bangeler aus Kalle, gestorben am 1.6. in Antwerpen. Der Ausbau des Straßennetzes für schnelle Truppenbewegungen gehörte zu den vordringlichen Aufgaben; die Kaller und Tinholter sahen, wie die Franzosen Anstalten trafen, einen kürzeren Weg zwischen Neuenhaus und Emlichheim über Kalle und Tinholt als Heerstraße auszubauen. Der Name Franzosendiek blieb in Erinnerung; erst 150 Jahre später als Vechtetalstraße mit Asphaltdecke vollendet.

Nach Abzug der Franzosen übernahm der Droste v. Pestel die Pfandschaftsregierung aufs neue; er stellte die alte Ordnung wieder her, in der von den versprochenen Freiheiten nicht mehr die Rede war. Die Zollschranken senkten sich, drosselten den Handel und minderten die Zahl der Arbeitsplätze. Das Kirchspiel Arkel löste sich vom Kirchspiel Emlichheim. Die Kleinsiedlung Arkel, aus nur 4 Bauernhöfen bestehend, erhielt als Sitz eines Kirchspiels überörtliche Bedeutung. Th. Nyhuis führte als erster Pfarrer in Arkel 1819‑58 Tauf-, Trau- und Sterberegister des Kirchspiels. Die von den Franzosen eingerichteten Standesämter hatte v. Pestel abgeschafft und die Beurkundung durch Kirchenbücher wieder eingeführt. Pastor Lucassen versah den Kirchendienst 1858‑66; dann folgte J. M. Nyhuis, Sohn des ersten Pfarrers; er wirkte als Konsistorialrat und Kreisschulinspektor vorbildlich in seinem Bezirk, trat für den Bau der Längsbahn ein und hat als Schriftsteller und Herausgeber einer Zeitungsbeilage und der Reformierten Monatsschrift zur Erwachsenenbildung beigetragen. Eine Zählung, 1821, ergab für Kalle 21 Feuerstellen und 152 Einwohner, für Tinholt 25 Feuerstellen, 26 Höfe, 135 Einwohner. Armut und Arbeitslage, hoher Grundwasserstand und offene Brunnen, dürftige Haushaltsführung und einseitige Kost waren Ursache unbefriedigender Gesundheitsverhältnisse. Zahlreiche Menschen starben im jugendlichen Alter an Utteeringe, der Schwindsucht. Studierte Ärzte gab es nur wenig. Bei weiten und schlechten Wegen kamen sie selten in ab gelegene Dörfer. Die Apotheke in Neuenhaus war zu weit entfernt. Erst 1830 erhielt auch Emlichheim eine Apotheke. Im gleichen Jahr erhielt Vogt Beuna die Anweisung, die Schenkwirtschaften im Gericht Emlichheim zu registrieren. Sie hatten durch die ständig zu nehmende Zahl der Hollandgänger genügenden Zuspruch. Die Wirtschaft Bingeler in Kalle bestand erst seit 1828 und schenkte ½ Anker aus, Schröer in Kalle, seit 1822 bestehend, verschenkte 1 ½  Anker. In Tinholt bestanden ebenfalls 2 Schenkwirtschaften, Hilbrink, seit 1828, und Sentkers, beide mit je 3 Ankern Umsatz. Die Heuerleute Sentker betrieben den Ausschank schon seit längerer Zeit.

Die Fischerei in der Vechte, ausgeübt von gräflichen Fischern und der Stadt Neuenhaus, erfreute sich großer Beliebtheit bei Neuenhauser Bürgern. Zu den Sportbeflissenen gehörte Georg Heinrich Hoogklimmer, der auf einer fröhlichen Fischereipartie seine Frau kennen lernte. Sein Enkel, der ebenfalls Georg Heinrich hieß, hatte vom Großvater die Liebe zur Fischerei geerbt. Er radelte mit seinen Söhnen von Lingen, wo er Amtsrichter war, nach Tinholt, um mit Wortelharm am Fischzug teilzunehmen. Die Nacht verbrachten sie im Heu auf dem Hof Aalmink. Ludwig Sager übermittelte ein Gedicht des Enkels an den Großvater, das Naturverbundenheit und Sippenbewußtsein zum Ausdruck bringt (Grafsch. 1963). Die Straße war von Lingen bis Lohne und weiter nach Nordhorn befestigt, von Lohne nach Neuenhaus je doch unbesteint. Die Stadt Neuenhaus hielt feste Straßen nachteilig für die Entwicklung der Stadt, was Hausvogt Brill als rückständig empfand. 1831 kam endlich das von Stüve vorbereitete hannoversche Ablösungsgesetz heraus, das dem hörigen Bauern erlaubte, die jährlichen Abgaben und Dienste durch eine einmalige Ablösungssumme, die das 25fache der Jahrespflicht ausmachte, abzulösen. Eine Landeskreditanstalt, 1840 in Hannover gegründet, lieh den Bauern die fehlende Summe. Für die Grafschaft Bentheim konnte das Ablösungsgesetz erst im Revolutionsjahr 1848 wirksam werden. Das „Eine Beste", eine Art Erbschaftssteuer, das dem Grafen beim Tode des Bauern oder der Bäuerin das beste Stück, ein Pferd oder eine Kuh, zusicherte, verlor 1832 seine Gültigkeit. In ländlichen Gemeinden, wie Kalle und Tinholt, wirkte sich die deutsche Revolution 1848 nicht aus. Die allgemeine Not ließ das Interesse am politischen Geschehen zurücktreten. Ein Kommissar aus Hannover kam in die Grafschaft und leitete die Ablösung der bäuerlichen Lasten ein. Sie konnte 1864 ab geschlossen werden. In diesem Jahre arbeiteten 7 Kötter und Heuer an Webstühlen, um sich, da sie in der Landwirtschaft nicht ausgelastet waren, einen Nebenverdienst zu verschaffen, 1861 schlossen sich die nun mehr freien Bauern zum landwirtschaftlichen Verein Bentheim - Lingen, dem ersten Berufsverband, zusammen, in dem sie Beratung in beruflichen und rechtlichen Angelegenheiten empfingen. 1864‑81 nahm man die Teilung der Mark vor, bei der man 1357 ha unter 89 Teiler aufteilte. Die Mark bestand aus 318 ha Angerland, 621 ha Heide, 251 ha Suddenboden und 165 ha Moorboden. Da um diese Zeit auch der Mineraldünger aufkam, ließen sich die neu gewonnenen Flächen in ertragreiches Kulturland umwandeln. 1859 gab es in Kalle 15 Vollerben, 2 Halberben, 2 Kötter, 8 Neubauern, in Tinholt 15 Vollerben, 4 Halberben, 12 Neubauern. 1866 preußisch geworden, gehörte die Grafschaft zum Großkreis Lingen, der bis 1885 bestand. Dann löste man den Kreis Grafschaft Bentheim mit den Ämtern Bentheim und Neuenhaus vom Großkreis ab; als Kreisstadt wählte man Bentheim. Es gab seit 1871 ein Deutsches Reich mit neuen dekadischen Münzen, Maßen und Gewichten; der Landbriefträger kam in die Dörfer und brachte Briefe und Postkarten mit einer 10 oder 5 Pfennig Freimarke versehen. Der Telegraph vermittelte Telegramme; um die Jahrhundertwende erlaubte der Fernsprecher Orts- und Ferngespräche. Landrat Kriege, 1886‑1920, setzte sich für Melioration, Schul‑ und Wegebau ein. Die Schulchronik berichtet vom Schulbau 1858; 80 Jahre später, 1938, entstand ein neues zweckmäßigeres Schulhaus. Lehrer J. H. Bleumer schrieb einen humorvollen Bericht ,.Up mien Besseva sien Hoff": die tief in der Heimat wurzelnde Charaktererhaltung der Bewohner, die Mit- und Umwelt spiegeln sich darin.

Die Not auf dem Lande trieb manchen zur Auswanderung: aus Kalle H. J. Scholten, aus Tinholt Jan Mischkotte, Hermina Kalmink, Gese Becken, Susanne Klostermann. Die Bindungen an die Heimat blieben erhalten und wurden gepflegt; mancher Auswanderer kehrte nach Jahren gern zum Besuch in das Heimatdorf zurück. 1870 ersetzte eine Holzbrücke den bisherigen Fährverkehr; aber diese Brücke entsprach nicht den Erwartungen. Nicht alle Bauern wollten sich an den Kosten beteiligen; der Holzbelag war bald abgenutzt und die Stützen boten bald nicht mehr die nötige Sicherheit. Der Übergang zum rechten Vechteufer, dem Verkehrsufer, gewann an Bedeutung, als 1890 die Heerstraße über Hoogstede besteint wurde und 1906 Haltestellen der Bentheimer Eisenbahn in Berge und Hoogstede entstanden. Kalle und Tinholt blieben weiter in Abseitslage.

Seit 1903 diente die land wirtschaftliche Winterschule in Neuenhaus dem bäuerlichen Nachwuchs als Schulungsstätte. Nach dem Ersten Weltkrieg sollte das Reichssiedlungsgesetz 1919 Raum für vertriebene Bauern schaffen. In der Folge enteignete der Stadt Ödlandflächen, um sie als Siedlungsstellen vorzubereiten. Landrat Böninger, 1920‑31, setzte die Kulturarbeit seines Vorgängers Kriege fort, förderte die Meliorierung der Böden, den Bau von Verkehrswegen und verschaffte den Gemeinden durch Verträge mit der RWE den elektrischen Strom als Energiequelle.

Seit 1930 brachen Großpflüge die Ödlandflächen um. Genossenschaftliches Streben, Herdbuch- und Kontrollvereine, Selbsthilfe im Wirtschaftsstraßenbau halfen, die Erträge zu steigern. 1933 hatte Kalle auf 1127 ha Gemeindefläche 145 ha Ackerland, 70 ha Viehweiden, 44 landwirtschaftliche Betriebe, darunter 4 große, 30 kleinere Höfe, 2 Neubauern, 3 Heuerstellen und 269 Einwohner, Tinholt auf 823 ha Fläche 155 ha Ackerland, 106 ha Wiesen, 175 ha Viehweiden, 45 bäuerliche Betriebe, darunter 5 größere, 26 kleinere Höfe, 14 Heuerstellen und 266 Einwohner (Specht, Heimatkunde).

Das Staatsgebiet Kalle - Tinholt mit mehr als 500 ha hat nach dem Zweiten Weltkrieg das Wasserwirtschaftsamt Meppen zur Vechte und zur Radewijkerbecke entwässert. Als 1951 der Emslandplan anlief, hielt die Technik ihren Einzug in die Vechteufergemeinden. Die Mooradministration setzte Großmaschinen ein, Tiefkuhlpflüge, Erdhobel, Scheibeneggen, Erdschaufeln und Walzen, von 128 Arbeitskräften bedient. Die Moorflächen mit Torfschichten bis zu 50 cm Dicke forderten, die Pflüge so einzustellen, daß die unterlagernden Sande mit ergriffen werden, um so eine günstige Mischkulturschicht zu erhalten. 3 Hauptvorfluter mit anschließendem Grabennetz dienen der Entwässerung. Die Gräben, parallel und gradlinig mit 200 bis 300 m Abstand verlaufend, sind mit Stauen versehen, die einen günstigen Grundwasserstand auch in trockenen Perioden sichern. Nachdem die Flächen eingeebnet und mit Mineraldünger und Kalk versehen waren, nahm man die Einsaat vor, bei geringeren Böden mit Lupinen, bei besseren Böden mit Roggen, Hafer oder Kartoffeln. Auch bei Grünlandflächen erwies sich eine vorherige Einsaat als günstig, um die Bodengare zu fördern.

Ein Netz von Wirtschaftswegen in Abständen von 800 m gewährleistet den Zugang zu den Kulturflächen; an rechtwinklig ab zweigenden Betonwegen liegen die Gehöfte der Siedler. So wuchs aus einstigem trostlosem Ödland eine geplante Streusiedlung hervor, bei der die Hofstätte vom zugehören den Kulturland umgeben ist und so ohne lange Zufahrt er reicht werden kann. 1954 konnten die ersten 8 Vollerben mit je 15 ha Kulturland besetzt werden. Forstflächen und Windschutzstreifen schufen eine neue Landschaft, die mit den Schutzgehölzen um das Haus der Flur das Aussehen einer Kulturparklandschaft geben.

Den Anschluß an das Kreisstraßennetz brachte im Jahre 1956 die Querverbindung Wilsum - Hoogstede, deren Bau eine Sandauffuhr bis zu zwei Meter erforderte. Die nach Norden verlängerte Vechtetalstraße schuf eine schnelle Verbindung nach den zentralen Orten Neuenhaus und Emlichheim. Damit nahm der Plan der Franzosen 1813 (Franzosendiek) Gestalt an. Die Nachteile der bisherigen Abseitslage schwanden. Mit den Straßen kam die Landkraftpost und verbesserte den Nachrichtenverkehr. Betonbrücken ersetzten gefahrvolle Behelfsbrücken. Der Wasserbeschaffungsverband Niedergrafschaft sorgte für den Anschluß an die Trinkwasserleitung. Das Wirtschaftsleben erhielt in dem bis her an Bodenschätzen armen Gebiet durch Erdöl und Erdgas neuen Auftrieb. Die erste Bohrung geschah an der Gemeindegrenze Kalle - Tinholt. 1957 wurde das Gasfeld Kalle erschlossen. Das gewonnene Gas leitete man in die Gasleitung von Adorf nach Frenswegen; das Erdöl nahm die Sammelstelle Bathorn auf. Die Besiedlung verdichtete sich; 1962 gab es 16 Vollbauernstellen. Jan Jeuring gab eine bevölkerungspolitische Studie über die Bauerschaft Kalle. Unter den 49 landwirtschaftlichen Betrieben gibt es 10 Stammfamilien und 11 Pachthöfe; die meisten Bauern sind zugezogen. DerAltersaufbau, das Heiratsalter, Kinderreichtum, Sterbealter werden in Zahlen angegeben. In der Gemeinde gab es keine Landflucht; die Bevölkerung ist vielmehr stark bodenständig geblieben. Dem wirtschaftlichen Aufstieg folgte das An heben der Grundausrüstung der Gemeinden. In beiden Gemeinden besteht ein gut nachbarliches Zusammengehörigkeitsgefühl. In Tinholt wird auf Gesellschaftsabenden geselliges Leben und Tradition gepflegt.

Im Sammelband Landkreis Grafschaft Bentheim werden für 1950 folgende Daten gegeben: von den 1119 ha Gemeindefläche Kalle waren 584 LN (landwirtschaftliche Nutz flächen) mit einem Einheitswert von 696 Mark je Hektar, in Tinholt von 823 ha Fläche 587 ha LN mit einem Einheitswert von 756 Mark. Die Bewohner waren in Kalle mit 81 Prozent, in Tinholt mit 83 Prozent in der Landwirtschaft beschäftigt, in Industrie und Handwerk waren in beiden Orten je 7 Prozent, in Handel und Verkehr je 4 Prozent beschäftigt. Die LN bestand in Kalle zu 30 Prozent aus Ackerland, zu 69 Prozent aus Grünland, in Tinholt zu 24 Prozent aus Ackerland und zu 75 Prozent aus Grünland. Das Ackerland nutzte man zu 65 Prozent mit Getreideanbau, zumeist Roggen, zu 30 Prozent mit Hackfrüchten. Die ausgedehnten Grünlandflächen erlauben einen beachtlichen Tierbestand. Die GVE (Großvieheinheit je 100 ha LN) ist für Kalle überdurchschnittlich mit 119 angegeben, für Tinholt mit 110. Beide Gemeinden sind nach ihrer wirtschaftlichen Struktur reine bäuerliche Gemeinden ohne größere gewerbliche Betriebe; in ihrem sozialen Gefüge überwiegen die Selbständigen mit ihren mithelfenden Familienmitgliedern. Kalle gehört der Samtgemeinde Emlichheim an, Tinholt ist 1974 als Einheitsgemeinde mit Hoogstede vereinigt.

 

Protokollbücher Kalle also doch in Emlichheim???

Berge evtl. in Neuenhaus gjb 6.4.2007

 

Schrifttum:

Bleumer, Up mien Besseva sein Hoff, Grafsch. 1956

Bode, Naturschutzgebiet Swartes Venn in Tinholt, Grafsch. 1959

Edel, von der Herrlichkeit Emlichheim, Jahrb. 1953

Emse, Wasserversorgung der Niedergrafschaft, Heimatkalender 1951

Friedrich, Torfstichgerechtsame im Kirchspiel Uelsen, Grafschö. 1959, folge 75

Friedrich, Porträt einer Landgemeinde, Grafschafter Nachrichten 1960

Frommeyer u. Lögters, Erpl u. Erdgas im Emsland, Jahrb. 1960

Jeurink, Kalle, bevölkerungspolitische Studie, Gr. Nachrichten 1941

Klasink, Moorkultivierung, Grafsch. 1955, Folge 26

Sager, Die Grafschaft Bentheim in der Geschichte

Specht, Heimatkunde eines Grenzkreises

Voort, Heberegister von Bentheim, Jahrb. 1972

Der Landkreis Grafsch. Bentheim

Zeitungsberichte der Grafsch. Nachrichten

Weitere Angaben im Text

Zurück zur homepage von Pastor Dr. Beuker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Runter-
rollen
bitte
nicht
vergessen!