GN – Wort zum Sonntag Ausgabe 26.07.03,
Fürchte dich nicht
Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker,
Evangelisch-altreformierte Gemeinde Hoogstede
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von Pastor Dr. Beuker
Fürchte dich
nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei
deinem Namen gerufen;
du bist mein! Jesaja 43, 1
Angst macht sich breit in unserer Welt. „Angst fressen Seele auf“ lautet ein geflügeltes Wort, dessen Herkunft ich nicht finden kann. „Die Welt ist eine Fabrik der Angst“ heißt es in den Texten einer Musikband.
Viele Menschen leben in Angst. Da ist die Angst, den Anforderungen von Beruf oder Partner, Eltern oder Kindern nicht zu genügen; die Angst, arbeitslos zu werden oder keine Arbeit (wieder) zu finden; die Angst vor dem Versagen in vielerlei Hinsicht; die Angst vor dem Tod geliebter Menschen und vor dem eigenen Sterben oder die Angst, ein sinnloses Leben zu führen.
„Fürchte dich nicht“, ruft Gott um 550 vor Christus seinem Volk Israel in der Gefangenschaft zu. Gott steht zu seiner Treue, auch wenn Israel und die Menschheit ihm viele Probleme machen. „Fürchte dich nicht“, so dürfen wir es heute im Wochenspruch hören. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Aufruf durch die gesamte Bibel. Über 150mal findet sich dieser Satz in ihr: „Fürchte dich nicht!“ oder „Fürchtet euch nicht!“ Die Furcht wird hier erst einmal vorausgesetzt. Sie ist da. Wir kennen sie nur zu gut. Gott aber hält dagegen. Gleich dreifach formuliert er den Grund unserer Hoffnung.
„Ich habe dich erlöst“, heißt es zuerst. Erlösen ist in alttestamentlicher Zeit vor allem ein weltlicher Vorgang. Dabei klingen Begriffe mit wie „freikaufen“, „ablösen“ oder „von Schulden befreien“. So weit geht der Prophet, dass er sogar den Preis nennt, den Gott für sein Volk Israel zahlt: „Ich habe Völker für dich gegeben, weil du in meinen Augen so wert geachtet bist.“ So wichtig ist dieses kleine Volk für Gott. Gott gibt viel mehr für dich und für sein Volk, als du dir vorstellen kannst.
Im Neuen Testament sagt Jesus in Markus 10, er selbst sei gekommen, „dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld“. Gott gibt sich selbst, um uns aus Furcht und Angst zu erlösen.
„Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“, ist der zweite Grund unserer Furchtlosigkeit. Gott ruft und kennt jede und jeden einzeln mit Namen. Jeder Mensch ist einzigartig und unverwechselbar. Aber dieser Ruf spricht bei Jesaja noch mehr das ganze Volk an. Wir sind als Gemeinschaft gerufen. Es ist kein Ruf zum Individualismus und zur Vereinzelung. Gott ruft in die Gemeinschaft.
„Du bist mein“ folgt aus dem Ruf und Erlösungshandeln Gottes. Freikauf und Erlösung bedeuten das Ende jeder anderen Macht über uns. Wen Gott beim Namen ruft und sein eigen nennt, für den verlieren alle Bedrohungen ihren Schrecken.
Es tut gut, wenn uns jemand beim Namen ruft, wenn wir die Orientierung verloren haben. Ein überfüllter Bahnhof oder Flughafen, oder eine Feier mit lauter unbekannten Gesichtern – dann tut es gut, einen Bekannten zu entdecken, der mich mit meinem Namen anspricht. Dann bin ich nicht mehr allein unter Fremden.
Für viele Menschen ist das Bibelwort ihr Taufspruch. Viele Beerdigungen stehen unter diesem Leitwort. Am Anfang und am Ende des Menschenlebens besinnen wir uns mehr als sonst, was wirklich wichtig ist und trägt. Wir lernen hier, wer wir sind und sein dürfen.
Wir sind keine Nummer im Getriebe der Zeit, kein Staubkorn in der Weltgeschichte. Du bist ganz einzig und einzigartig, ein von Gott geliebter Mensch. Du bist Gott unendlich wertvoll.
„Wer bin ich?“, so fragt Dietrich Bonhoeffer in seinem bekannten Gedicht. Es schließt mit der Zeile: „Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Gottes Einladung und Zusage gelten Bekehrten und Unbekehrten. Wer sie annimmt, findet Wege aus der Angst.
Gesegneten Sonntag. Versuchen Sie einmal, den Wochenspruch durch die Woche mitzunehmen. Auch in Ihrer Nähe feiern Menschen Gottesdienste. Da können Sie dieses Wort vertiefen und erleben.
Gebet
Herr, es gibt Zeiten in meinem Leben, da meine ich,
meine Füße wären eingegraben im Boden.
Ich komme keinen Schritt weiter.
Du aber sprichst zu mir:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
Gott, es gibt Momente in meinem Leben,
da kenn ich mich selber nicht.
Da geht die Wut mit mir durch;
oder ich gebe vor, jemand zu sein, der ich gar nicht bin.
Du aber sprichst zu mir:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du
bist mein.
Herr, manchmal weiß ich nicht, wohin ich gehöre.
Plötzlich ist die
Geborgenheit der Familie nicht mehr zu spüren,
das
Klima in der Schule oder am Arbeitsplatz ist vergiftet,
niemand
scheint sich an meiner Anwesenheit zu freuen.
Du aber sprichst zu mir:
Fürchte dich nicht, denn ich habe dich
erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du
bist mein.
(Gedicht
aus dem Internet:
www.kindergottesdienst.at/archiv/psalmen/
mit_jesaja_43-1_als_kehrvers.doc)
Siehe
weiter unten:
Leserbrief
zum Artikel
GN
01.08.03, S. 16
Leserbrief
Geflügeltes Wort aus Fassbinder-Film
Bezug:
GN-Artikel „Wort zum Sonntag“ von Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker vom 26. Juli
Dr. Beuker
zitiert in seinem „Wort zum Sonntag“ das geflügelte Wort „Angst fressen Seele
auf“ und fügt bedauernd hinzu, dass er dessen Herkunft nicht finden könne.
Das
genannte geflügelte Wort hat folgende Herkunft: „Angst essen Seele auf“ (nicht
„fressen Seele auf“) ist der Titel eines Films von Rainer Werner Fassbinder.
Der „Held“ der Geschichte, ein in Deutschland lebender schwarzer Ausländer
(Asylant, Flüchtling?), leidet unter seiner Heimatlosigkeit in der deutschen
Gesellschaft, was bei ihm zu körperlichen und seelischen Beschwerden geführt
hat.
Mit dem
oben genannten Satz versucht er sein Leiden zu beschreiben. Erst als er sich
mit einer erheblich älteren Putzfrau (sehr anrührend gespielt von Brigitte
Mira) anfreundet – die er schließlich auch heiratet -, verschwinden seine
Beschwerden allmählich, auch wenn es zwischenzeitlich noch manchmal zu
Konflikten und Problemen kommt.
Dr. Johann-Georg Raben, Bahnhofsstraße 47,
Veldhausen