Beuker, Henricus,
geboren 4. Juni 1834 in Volzel, (bei Emlichheim),
gestorben 18. Mai 1900 in Grand Rapids, Michigan, USA.
evangelisch-altreformierter Pastor und Professor für systematische und praktische Theologie in Grand Rapids, USA,
Dr. h.c. des Westminster College der United Presbyterian Church in New
Wilmington, USA
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Henricus Beuker ist das vierte von neun Kindern des Landwirts Berend Jan Beuker (1798-1869) und seiner aus Emlichheim gebürtigen Ehefrau Fennigien Stokman (1802-nach 1874). Volzel liegt in der nördlichen Grafschaft Bentheim. Berend Jan Beuker gehörte bis 1847 der reformierten Gemeinde Emlichheim an, 1840-1842 als einer ihrer zehn Ältesten. Er legte sein Amt nach kurzer Zeit nieder, weil „ihm die Aufgabe zu schwer wurde“, wie das Protokoll des Kirchenrates vom 04.12.1842 vermeldet. Ab 1842 traf man Beuker, seine Frau und seinen Knecht auf verbotenen altreformierten Versammlungen an. 1847-1867 war er Ältester im altreformierten Kirchenrat Emlichheim.
Schon am 7. Mai 1838 erließ die Königlich Hannoversche Landdrostei, die oberste Polizeibehörde des Landes, eine gedruckte „Bekanntmachung für die standesherrlichen Aemter Bentheim und Neuenhaus“. Danach sollten die Leiter einer altreformierten Versammlung jeweils mit vier bis acht Reichstalern oder mit vier bis acht Tagen Gefängnis bestraft werden, die Teilnehmer mit ein bis vier Reichsthalern beziehungsweise ein bis vier Tagen Gefängnis. Im Paragraph 6 dieser Bekanntmachung heißt es: „Bey wiederholtem Entgegenhandeln wird die Strafe verdoppelt und kann bey fernerer Renitenz (Widersetzlichkeit, gjb) noch mehr geschärft werden.“ Entsprechend wurde verfahren. Manche Altreformierte setzten Haus und Hof aufs Spiel, um auf ihrer Art und Weise Gottesdienste zu feiern.
Am 22.04.1843 gab es eine erneute öffentliche und gedruckte Bekanntmachung, diesmal vom „Königlichen Ministerii der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten, betreffend Anordnungen zur Beseitigung des Separatismus unter den reformirten Glaubensgenossen der Grafschaft Bentheim und der Mißbräuche bei gemeinsamen häuslichen Andachtsübungen“. Sie mußte von allen reformierten Kanzeln der Grafschaft verlesen und ihre Einhaltung mußte von der Polizei und von den staatlichen Ämtern kontrolliert werden. Das Ministerium versuchte, niemanden zu einem Märtyrer werden zu lassen. Es kam in manchen Punkten den Altreformierten entgegen, verbot aber ausdrücklich auch weiterhin die Bildung einer eigenen Kirche. „Höchstens 25 Personen“, die alle älter sein mußten als 14 Jahre, durften „bis auf Weiteres und ausnahmsweise ... Zutritt zu gemeinsamen häuslichen Andachtsübungen“ erhalten. Solche Versammlungen durften nicht während der reformierten Gottesdienstzeiten und nicht später als 21.00 Uhr stattfinden. Reformierte Pastoren und Älteste mußten jederzeit freien Zutritt haben. Altreformierte Taufen, Trauungen, Berufungen von Pastoren und andere Amtshandlungen wurden weiterhin mit Geld- oder Gefängnisstrafen geahndet.
1846/7 entschlossen sich daher viele Altreformierte mit ihren niederländischen Glaubensgeschwistern unter Leitung des niederländischen Pastoren Albertus van Raalte in die USA auszuwandern. Bis auf einen wanderten alle Mitglieder der altreformierten Kirchenräte von Emlichheim und Hoogstede 1847 und mit ihnen ein großer Teil ihrer Gemeinden aus. Sie gründeten den Ort Graafschap in Michigan, USA. Zu ihnen gehörte auch Gerrit Bouws, Mitglied im Emlichheimer Kirchenrat und Großknecht auf dem Hof Beuker in Volzel. Henricus erlebte dies alles als Kind und Jugendlicher bewußt mit.
1848 erlangten die Altreformierten durch die neue Verfassung endlich die Versammlungsfreiheit. Eine freie Religionsausübung nach ihren und unseren heutigen Vorstellungen war ihnen damit noch längst nicht gewährt. Es gab noch überaus viele Beschränkungen bei der bürgerlichen Anmeldung eines Kindes, bei Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Kirchbau oder Glockenläuten und ähnlichem.
Beuker wurde als fast Zwanzigjähriger im April 1854 in der altreformierten Gemeinde Emlichheim konfirmiert. Nachdem er 1856 bis 1858 einigen höheren Unterricht genossen hatte bei den altreformierten Pastoren J. H. Schoemaker in Wilsum und G. Kramer in Veldhausen, war er 1858 bis 1862 Student an der Theologischen Schule in Kampen in den Niederlanden. Im September 1862 heiratete er in Katwijk aan Zee in den Niederlanden Aaltje van Duyn, Tochter eines Kapitäns zur See und späteren Teilhaber einer Import- und Exportfirma. In den Niederlanden konnte eine Trauung schon lange in einer altreformierten Kirche stattfinden, weil kirchliche und staatliche Behörden dort getrennt waren. Im damaligen Königreich Hannover mußte z.B. eine Trauung noch bis zur Errichtung der staatlichen Standeämter in 1873 vor einem reformierten Pastoren vollzogen werden. Dieser forderte dann vorweg von den Altreformierten ein schriftliches Bekenntnis, daß sie sich nicht „als außerhalb der reformierten Kirche ... stehend ... betrachten können“. Sie mußten praktisch ihre Abscheidung widerrufen, wenn sie eine vom Staat anerkannte Trauung begehrten. Bis um 1870 wurden viele zivilrechtliche Prozesse vor verschiedenen weltlichen Gerichten geführt, um Kirchenzugehörigkeit und Trauung voneinander zu lösen.
Beukers Tochter Jakoba Nicolasina (1863-1957) heiratete 1885 in Leiden den aus Großringe gebürtigen Pastoren Jan Robbert (1857-1922). Beukers Sohn Bernhardus Johannes (1870-1961) wurde Arzt in Michigan, USA. Im Ersten Weltkrieg diente er als Major der 84. Division im Sanitätswesen der US-Armee in Frankreich.
Nacheinander arbeitete Henricus Beuker von 1862 bis 1881 als Pastor in den Niederlanden in Zwolle, Rotterdam, Giessendam, Harlingen und Amsterdam. Von September 1881 bis Dezember 1884 war er Pastor der altreformierten Gemeinde Emlichheim in der nördlichen Grafschaft Bentheim. In den Niederlanden hatte er 1875 bis 1893 seine eigene monatliche Zeitung „De Vrije Kerk“. In Emlichheim gründete er die heute noch bestehende vierzehntägige Kirchenzeitung „Der Grenzbote“, die bis nach 1900 für die gesamte Altreformierte Kirche in niederländischer Sprache herauskam. Er suchte das Gespräch über die eigenen Kirchen- und Landesgrenzen. Die politischen und kirchlichen Umstände jener Zeit berechtigten zu der Hoffnung, daß eine Verbindung mit freikirchlichen Gruppen und Gemeinschaften die altreformierten Gemeinden stärken könnte. Außerdem schien es nicht ausgeschlossen, daß sich einzelne reformierte Gemeinden der Bildung einer reformierten Landeskirche widersetzen würden. Engere Bindungen scheiterten von Beukers Seite her an einer fehlenden Übereinstimmung in Bekenntnis und Kirchenstruktur.
Beuker vertrat mehr ein synodales als ein presbyteriales Kirchenverständnis. Eine Synode stand für ihn also höher als ein Kirchenrat. Er dachte darin landeskirchlich. Abraham Kuyper (1837-1920), der bekannte niederländische Kirchenführer und Politiker, dagegen meinte, jede Kirchengemeinde vor Ort stelle eine vollständige Kirche dar. Kuypers Ideen haben die altreformierten Gemeinden in der Grafschaft Bentheim und in Ostfriesland in diesem Punkt nach 1900 geprägt.
Beuker stand für eine enge konfessionelle Bindung. Er widersetzte sich der sog. Vermittlungstheologie obwohl er auch manches von ihren Vertretern übernahm. Er stand im Schatten des Kirchenführers, Politikers und späteren Ministerpräsidenten Abraham Kuyper. Beuker suchte eine Reformation der Reformierten Kirche der Grafschaft Bentheim und der Hervormden Kirche in den Niederlanden durch eine strikte Abscheidung.
Mit den reformierten Pastoren J.H. Nyhuis aus Arkel, G. Mennenga aus Neuenhaus und F.M.A. Hölscher aus Schüttorf diskutierte Beuker in der „Reformierte Monatsschrift“, im „Zeitung und Anzeigeblatt“ und im „Grensbode“ kirchliche Fragen seiner Zeit: Wie weit, wenn überhaupt, darf die staatliche Gesetzgebung oder staatliche Aufsicht in die Kirche hineinreichen? Wer kann zur kirchlichen Gemeinde gehören? Muß man an den alten Lehrsätzen etwa von Erwählung und Verwerfung festhalten oder dürfen sie der Zeit angepaßt werden?
Unter Beukers Leitung erhielt die altreformierte Gemeinde Emlichheim 1882 ihre erste richtige Kirche. Sie entstand nach den Plänen und unter der Leitung des bekannten Amsterdamer Architekten S. Wierda, mit dem Beuker auch in Amsterdam schon eine Kirche gebaut hatte. In Emlichheim war zu der Zeit ein Turm auf dem altreformierten Kirchengebäude erlaubt. Das Läuten von altreformierten Glocken blieb weiterhin verboten. Im September 1885 bildete ein Teil der altreformierten Emlichheimer in Laar eine selbständige Gemeinde. Ein Kirchengebäude war hier schon in den vorhergehenden Jahren gebaut worden.
(P.F. Dillingh, Jan Ligthartlaan 43, NL-3312 KD Dordrecht, mailt mir am 05.12.2001:
"Volgens mijn gegevens bouwde Sytzke Wopkes Wierda (1839-1911) (gereformeerde) kerken in Tilburg (1874), Zaandam (1875), Hijum (1877), Nieuwendijk (1878) Baarn (1880) en 's-Hertogenbosch (1886). In 1887 vertrok hij naar Zuid-Afrika, waar hij in dienst van de Transvaalse Republiek een aantal belangrijke openbare gebouwen ontwierp.")
Ende 1884 wechselte Beuker zu seiner siebten Gemeinde. Er zog nach Leiden in den Niederlanden. Hier setzte er sich 1885 bis 1893 sehr stark für die Vereinigung von Dolerenden, die seit 1886 unter Leitung von Abraham Kuyper aus der Hervormden Kirche austraten, und seiner altreformierten Kirche, der Christelijke Gereformeerde Kerk, ein. Die Einheit wurde 1892 erreicht. Beuker war 1877 Vorsitzender der niederländischen altreformierten Synode. 1885 bis 1892 gehörte er ihrem Vorstand an. Darüber hinaus war er führend tätig in einer Vielzahl unterschiedlicher Einrichtungen.
In den USA arbeitete er 1893 bis 1894 in einer altreformierten Gemeinde in Muskegon. Danach wurde er zum Dozenten an der Theologischen Schule in Grand Rapids ernannt. Auch hier strebte er aktiv und leitend nach Kirchenvereinigung. Das Westminster College der United Presbyterian Church in New Wilmington verlieh ihm dafür 1897 die Ehrendoktorwürde. In diesem Jahr gründete Beuker in Grand Rapids, Michigan, eine eigene niederländischsprachige monatliche Zeitschrift „De Gereformeerde Amerikaan“.
Seine Antrittsrede als Rektor der Theologischen Schule in Grand Rapids in 1897 erschien in den Niederlanden unter dem Titel „Tubantiana“. Sie beschreibt Staat und Kirche der Grafschaft Bentheim von der Reformation bis 1897 und wird 1900 von Pastor J. Schoemaker kritisiert und korrigiert in seiner „Geschiedenis der Oud-Gereformeerde Kerk in het Graafschap Bentheim en het Vorstendom Ostfriesland“, Hardenberg 1900.
Orgeln gab es in den altreformierten Gemeinden in der Grafschaft im allgemeinen erst kurz vor 1900. Bis dahin leitete ein Vorsänger den Gemeindegesang. Gepredigt wurde in diesen Gemeinden um 1900 überall in niederländischer Sprache. Die reformierten Gemeinden waren - auch durch staatliches Eingreifen - schon vor 1900 gehalten worden, die deutsche Sprache zu verwenden. In der altreformierten Gemeinde Emlichheim wurde bis 1977 noch überwiegend in niederländischer Sprache gepredigt. Seit ungefähr 1965/1970 wurde deutsch gesungen. (1936 bis 1945 war die niederländische Sprache in altreformierten Gottesdiensten von staatlicher Seite völlig verboten worden!)
Dr. G.J. Beuker
Quellen:
De Vrije Kerk, Vereeniging van Christ. Geref. Stemmen onder redactie van H. Beuker, 1875 - 1893.
Graafschap-Bentheimsche en Oostfriesche GRENSBODE, später Der Grenzbote 1883 - 1996.
Albert Arends, 100 Jahre Evangelisch-altreformierte Gemeinde Laar, Bad Bentheim 1985.
Gerrit Jan Beuker, Umkehr und Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen 1838 - 1988, Bad Bentheim 1988.
Gerrit Jan Beuker, Abgeschiedenes Streben nach Einheit, Leben und Wirken Henricus Beukers 1834 - 1900. Dissertation Kampen 1996.
Johannes de Haas, Gedenkt uw voorgangers I, Haarlem 1984, S. 35f.
F.M.A. Hölscher, Altreformirtes. Offene Antwort an Ds. Beuker und seine Artikel im „Grensbode“, Bentheim 1884.
J.A. de
Jong, Henricus Beuker an De Vrije Kerk on
Abraham Kuyper and the Free University, in: J.A. de Jong, Building the
House, Essays on Christian Education, Dordt College 1981,27-46.
Albert Jan Klinge, Eine Gemeinde im Wandel der Zeit, Nordhorn 1982.
Schriften aus dem Nachlaß Beukers finden sich in der Heritage Hall im Calvin College, Grand Rapids, Michigan, USA.
Werke von Henricus Beuker:
Een papieren agent voor gereformeerd schoolonderwijs, Kampen 1870. -
De belangrijkheid van den Evangeliearbeid, Delfzijl 1874. -
Het onmisbare en kenmerkende van de Inwendige Zending vanwege de Kerk, in: De Inwendige Zendings-Conferentie te Amsterdam, gehouden 10. Augustus 1876, Amsterdam 1876. -
De beste verhouding tusschen school en staat, in: Referaten gehouden op de Algem. Vergadering van de Vereeniging voor Gereformeerd Schoolonderwijs. 12 Juni 1879 te Utrecht, Amsterdam 1879. -
Een zestal bezwaren tegen den grondslag der Vrije Universiteit. Ingebracht en gehandhaafd op de eerste en tweede meeting te Amsterdam. Amsterdam 1880. -
„De wil des Heeren geschiede“. Afscheidsrede van de Christelijke Gereformeerde Gemeente te Amsterdam. Uitgesproken in de Kerk op de Keizersgracht, 19 September 1881. Amsterdam 1881. -
Een en ander over de vraag: Waarom kunnen de wederzijdsche deputaten niet samenkomen? Aan Chr. Gereformeerden en Doleerenden. Overgedrukt uit „De Vrije Kerk“. Leiden. D. Donner, 1888. -
De Heere is mijn Herder. Medidatien over psalm
XXIII. Leiden 1893.
-
Tubantiana. Iets over de regeering in staat en kerk van de Graafschap Bentheim, van af de hervorming tot op onzen tijd. Kampen 1897. -
Keizer, A., Leerredenen van wijlen Prof. H. Beuker, D.D., met portret. Holland, Michigan 1901.
Peter DeKlerk, A Bibliography of the writings of the professors of Calvin Theological Seminary, Grand Rapids 1980, listet aus verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften etwa 485 Artikel von Beukers Hand auf. In meiner Dissertation habe ich 1996 noch weitere 38 Artikel aufgeführt (Beuker 1996,383f).
Veröffentlicht in: Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (hg.), Redaktion: Dr. Christof Haverkamp, Helmut Lensing, Dr. Stefan Remme, Emsländische Geschichte 6, Meppen, 1997, S. 141 – 145. (Ausgenommen der kursive, rechtsbündige Abschnitt, ergänzt 12.06.2004)
Dr. Gerrit Jan Beuker, Hoogstede