Naber, Arend
geboren am 3.
März 1818 in Veldhausen (Kreis Bentheim), gestorben am 24. März 1887 in Wilsum,
evangelisch-reformiert, seit 1878 evangelisch-altreformiert, Schuster und
Laienprediger
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Arend Naber war
der Sohn des Veldhausener Schuhmachermeisters Jan Naber und seiner Ehefrau
Gertruida, geborene Willemsen. Er besuchte die Volksschule in Veldhausen und
den kirchlichen Unterricht der reformierten Gemeinde bei den dortigen Pfarrern
Heinrich Stephan Hugenholtz (verstorben 1842), der von 1804 bis 1842 die
Veldhausener reformierte Gemeinde leitete, und Petrus Paulus Gilbertus
Koppelmann (1791-1857), der von 1813 bis 1857 dort Pastor war.
Vor 1800 war es
wohl in vielen reformierten Gemeinden üblich gewesen, daß die Pastoren nach dem
Ablauf des Gottesdienstes selber im Kirchengebäude eine sogenannte
„Katechisation“ abhielten. Zumindest berichtete das Protokoll der reformierten
Klassis Bentheim von 1776 darüber. Später wurden diese Katechisationen von
Laien übernommen, die dann oft als „Übende“ oder im Niederländischen als
„Oefenaaren“ bezeichnet wurden. Dabei handelte es sich um eine Art
Stundenhalter oder Laienprediger.
Schon früh trat
Naber in Verbindung mit solchen „Oefenaars“, die wochentags oder am Sonntag
Abend in den Bauernschaften die Bibel auslegten. Treue Freunde waren ihm die
Oefenaaren Warsen aus Veldgaar und J. Winkelmann aus Esche. Letzterer gab 1876
in Neuenhaus eine 98seitige Broschüre heraus mit dem Titel „Geschiedenis der oude en nieuwe leer van de Gereformeerden van het
Graafschap Bentheim en Koninkrijk der Nederlanden“. Zwölf Jahre später, 1887,
erschien von ihm die 47seitige in Neuenhaus publizierte Schrift „De Graafschap Bentheimer Godsdiensveranderingen in leer, predikwijze en
catechezeeren“.
Winkelmann
schenkte Naber das bekannteste Werk des Reformators Johannes Calvin
(1509-1564), die Institutio Religonis Christianae, Unterricht in der
christlichen Religion. Auch Naber selbst wurde einer der reformierten
Oefenaaren. Sie fanden ihre geistige Nahrung in dem, was holländische Autoren
früherer Jahrhunderte verfaßt hatten. Im Volksmund nannte man diese die „alten
Schreiber“ (oude schrijvers). Diese Bücher waren in der Blütezeit reformierter
Theologie in den Niederlanden herausgegeben. Naber besaß die Werke von Abraham
Hellenbroek (1658-1831), Aegidius Francken (1676-1743), Bernardus Smijtegelt
(1665-1739) und vielen anderen. Als fortlaufende Bibelerklärung zog er der das
17bändige Werk der englischen Theologen Simon Patrik (1626-1707), Mattheus
Polus (1624-1679) und eines gewissen Wels zu Rate. Naber las und predigte in
Niederländisch.
Schon 1850
behandelte eine der ersten altreformierten Synoden, die seit 1849
zusammenkamen, die Frage der Gemeinde Emlichheim: „Ist es den Gemeindegliedern erlaubt, ihre Häuser zu öffnen für die
Übungen eines A. Naber aus Veldhausen, der bislang nicht zu uns gehört? Darauf
antwortete die Synode, daß sie hierüber keine Entscheidung treffen wolle,
sondern das Urteil dem Kirchenrat der betreffenden Gemeinde überlasse“.
1853 heiratete
Arend Naber Elisabeth Hindriks, geboren am 1. März 1821 zu Esche. Im Jahre 1857
zog er von Veldhausen nach Wilsum, wo er sich einigen Grundbesitz erworben
hatte. Aber auch hier war er nicht als Landwirt tätig. Er blieb seinem Beruf,
dem Schusterhandwerk, treu. Er ermöglichte ihm ein bescheidenes, aber gutes
Auskommen für sich und seine Familie. Neben seiner Arbeit verkündigte er fast
ununterbrochen Gottes Wort. Längere Zeit predigte Naber zur Winterzeit regelmäßig
jeden Freitagabend in Großringe in den Bauernhäusern, eine Zeitlang
vierzehntägig dienstags in Esche, ferner in Veldgaar und abwechselnd in
Haftenkamp, Wielen, Ratzel und Teich bei Neuenhaus. Er scheute keine langen
Fußmärsche. In benachbarten niederländischen Gemeinden wie Gramsbergen und
Coevorden war er ein gern gehörter (Laien-) Prediger. Er übte diese Arbeit bis
1878 in der reformierten Kirche aus. In diesem Jahr erklärte er seinen Austritt
aus der reformierten Gemeinde Wilsum.
Besonders in seiner Zeit in Wilsum hatte er
wiederholt erklärt, die reformierte Wahrheit würde nicht mehr rein und lauter
verkündigt. Die Lehre von der persönlichen Erwählung werde auf den Kanzeln
abgelehnt, die Erwählung als eine rein nationale Erwählung des Volkes Israel
abgetan.
Die Abendmahlsfeier in der Gemeinde wurde als ein
Druckmittel mißbraucht, um eine Einigkeit herzustellen, die nicht mehr bestand.
Daraufhin fühlte Naber sich verpflichtet, sich den Altreformierten anzuschließen.
Er hatte schon früher mit ihnen sympathisiert. Beim Tode eines seiner Kinder
äußerte er schon, es wäre ihm doch eigentlich lieber, daß der altreformierte
Pastor Stroeven die Leichenpredigt halten würde. Er erklärte seiner Familie
gegenüber, seine Kinder müßten im Grunde von einem altreformierten Prediger
getauft werden oder wenigstens von einem rechtgläubigen Pastoren aus
Veldhausen. Andere verwehrten ihm das und erklärten, die Taufe verliere ihre
Bedeutung nicht dadurch, daß sie von einer nicht rechtgläubigen Person bedient
werde. Ein weiterer Streitpunkt war die Familienandacht. In vielen Familien
wurde sie nicht mehr gehalten. Der reformierte Prediger Gerd Heinrich Haring,
der von 1872 bis 1909 in Wilsum wirkte, suchte dies zu rechtfertigen, indem er
sagte, daß die Andacht in größeren Familien kaum durchführbar sei. Es wäre zu
umständlich und zu zeitraubend, vor allem, wenn noch fremdes Dienstpersonal
gehalten werde. Naber vertrat eine gegensätzliche Auffassung. Später schickte
er seine Tochter nach Emlichheim in den Konfirmandenunterricht, weil er
glaubte, dort würde eine bessere Lehre verkündet als in Wilsum.
Im Herbst des
Jahres 1877 predigte der reformierte Oefenaar Naber sechsmal in der
altreformierten Kirche in Wilsum, weil der altreformierte Älteste Kleine
Brookhuis ihn darum bat. Schon am 26. Juli 1877 hatte der altreformierte Pastor
Lambert Stroeven (1836-1919) aus Emlichheim, der 1860 bis 1863 Lehrer der
Volksschule in Ringe bei Emlichheim gewesen war, an Naber geschrieben: „Schon oft hatte ich das Vornehmen, Ihnen zu
schreiben. Ich habe es nicht getan, weil ich Angst hatte, Sie könnten mein
Schreiben falsch beurteilen. ... Es ist sicher so, daß in der Kirche des Herrn
auf Erden die Glieder einander brauchen. Die Glieder müssen einander dienen.
Einst, in der triumphierenden Kirche werden wir vollkommen eins sein. Kommen
Sie denn, wir wollen an der Einheit arbeiten, dann können wir auch um Einheit
beten. ... Von der Geheimhaltung unserer Korrespondenz können Sie versichert
sein. Mein Arbeitszimmer verrät nichts - und kein anderer Mensch weiß etwas
(von meinem Schreiben)“.
Am Sonntag, dem 13. Januar 1878, legten Arend Naber
und Elisabeth, geborene Hindriks, zusammen mit ihrer Tochter Gertrui, der
späteren Frau Bielefeld in Tinholt, in der altreformierten Kirche in Wilsum ein
öffentliches Glaubensbekenntnis ab. Damit wurde der Übergang in die
altreformierte Gemeinde vollzogen. Ein Sohn der Familie war gerade erst zwölf
Jahre alt. Pastor Stroeven hielt in einer bis auf den letzten Platz gefüllte
Kirche die Predigt über 1. Samuel 2,30: „Wer
mich ehrt, den will ich auch ehren“. Der reformierte Pastor Haring predigte
an diesem Vormittag über Jesu Wort an seine Jünger aus Johannes 6,67: „Wollt ihr auch weggehen?“ Beide Pastoren
predigten in Niederländisch!
Nach dem
Übertritt Nabers zur altreformierten Gemeinde war seine Predigttätigkeit in den
umliegenden Ortschaften erledigt. Er widmete er seine Kräfte der
altreformierten Gemeinde Wilsum. Hier nahm er neun Jahre lang, von 1877 bis
1886, als „lehrender Ältester“ jeden Sonntag den Predigtdienst wahr. Außerdem
erteilte er sämtlichen Konfirmandenunterricht. Er wurde 1882 zum Kurator der
altreformierten Theologischen Schule in Veldhausen ernannt. Hier wurden zu der
Zeit die meisten altreformierten Pastoren der Grafschaft und Ostfrieslands
ausgebildet. 1886 erkrankte Naber ernsthaft an Gelbsucht. Seine Kräfte sanken
dahin. Er bat den Kirchenrat, er möge einen Pastoren berufen. Er glaube von
sich nicht mehr, daß er noch wieder arbeitsfähig werden würde. Naber hatte
recht behalten. Am 24. März 1887 rief ihn der Herr zu sich.
Es hat in seinem Leben an Widerwärtigkeiten und
Schmähungen nicht gefehlt. Von den sechs Kindern starben vier in frühestem
Kindesalter. Besonders in den ersten Monaten, als er die Landeskirche verlassen
hatte, mußte er viele Gehässigkeiten erdulden. Naber hielt seine Predigten im
Stile der damaligen Zeit. Auf eine Einleitung folgte die Auslegung des
behandelten Schriftwortes oder im zweiten Gottesdienst am Sonntag die Auslegung
der Fragen aus dem Heidelberger Katechismus. Jede Predigt endete mit der
„Toepassing“, der Anwendung des Gehörten auf das tägliche Leben. Die Auslegung
der Schrift war sehr ausführlich. Es ging Naber nicht zuerst darum, ein
erbauliches Wort zu sagen.. Er sah es als seine Aufgabe an, Gottes Wort
auszulegen. Vielfach notierte Bibelstellen in seinen handschriftlichen
Predigten beweisen, daß er „Schrift mit
Schrift verglichen“ hat.
Eine Übersicht über die Entwicklung der
Gliederzahlen der altreformierten Gemeinden in der Grafschaft zeigt, daß der
Schuster Naber in seiner Zeit „Pastor“ der kleinsten Gemeinde war. Anders als ä Harm Hindrik Schoemaker (1800-1882) aus
Haftenkamp bei Uelsen oder ä Jan Berend Sundag
(1810-1893) aus Samern bei Schüttorf blieb er von 1838 bis 1878, genau vierzig
Jahre lang nach der Abscheidung von 1838, als Oefenaar in der reformierten
Kirche tätig, um erst im letzten Quartal des vorigen Jahrhunderts den Wechsel
zur altreformierten Kirche zu vollziehen. Da er durch seine Predigtdienste fast
in der gesamten Niedergrafschaft bekannt geworden war, ist zu vermuten, daß
eine ganze Reihe seiner Zuhörer seinem Vorbild folgte und ihre Kirche
wechselte.
Altref. Gemeinde Zahl
der Gemeindeglieder
Jahr: 1856 1867 1898 1933 1947 1960 1980 1995
Veldhausen 199 362 400 510 576 653 854 835
Uelsen 148 214 300 422 428 429 690 710
Wilsum 54 70 110 287 323 312 362 376
Bentheim 246 270 300 426 485 529 760 724
Brandlecht 58 66 76 91 1969 zu Nordhorn
Nordhorn 265 312. 435 852 1013
Emlichheim 158 360 750 1053 1275 1196 1466 1534
Laar 1885
von Emlichheim 132 193 221 255 337 316
Hoogstede 1953
von Emlichheim 228 320 356
Quellen:
Akte „Wilsum“ aus dem Archiv der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen in Wilsum, darin:
- Schreiben von L. Stroeven an A. Naber vom 26.07.1877,
- Lebenslauf des A. Naber, handschriftlich von B. Naber, ca. 1946.
Literatur:
Gerrit Jan Beuker, Umkehr und Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen 1938 - 1988, Bad Bentheim 1988, besonders S. 257 -277.
Berend Hindrik Lankamp (Hrsg.), Wir gedenken an die Taten des Herrn! 4 Vorträge gehalten bei der Gedächtnisfeier der altreformierten Gemeinde zu Wilsum am 13. Oktober 1948, [Uelsen] 1951.
Veröffentlicht in: Studiengesellschaft für Emsländische
Regionalgeschichte (hg.), Redaktion: Dr. Christof Haverkamp, Helmut Lensing,
Dr. Stefan Remme, Emsländische Geschichte 6, Meppen, 1997, S. 259 – 262.
Dr. Gerrit Jan Beuker,
Hoogstede