Schoemaker, Jan
geboren am 16. März 1838 in Haftenkamp/Grafschaft Bentheim, gestorben am 1. Dezember 1913 in Apeldoorn, Niederlande, evangelisch-altreformiert, Pastor
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Jan Schoemaker war ein Sohn des Landwirts und Kirchengründers ì Harm Hindrik Schoemaker (1800-1881) und Gese Grobben (1802-1879). Seine Großeltern waren Harm Jacobs (1745-1813) aus Piccardie und Fenne Mensen aus Berge sowie Jan Grobben und Wübbe Masselink. Am 1. Januar seines Geburtsjahres 1838 gründete Jans Vater die erste altreformierte Gemeinde der Grafschaft Bentheim im Hause Huisken in Itterbeck bei Uelsen. Jan gehörte wenige Jahre später zu den ersten Täuflingen der Gemeinde. Pastor ì Hendrik de Cock (1801-1842) aus Groningen taufte ihn am 9. Mai 1840 gemeinsam mit fünf anderen altreformierten Kindern, die zwischen März 1838 und März 1840 in Uelsen und Umgebung geboren waren, in einem Schafstall in Itterbeck. Jan Schoemaker selber berichtete 1887 aus der Lebensgeschichte seines Vaters, wie dieser die Anfang 1838 die Tauffragen für seinen Sohn Jan in der reformierten Kirche nicht mit Ja beantworten konnte und wollte. Der Ortspastor hatte wohl gehofft, der am 1. Januar 1838 ausgetretene Harm Hindrik Schoemaker werde spätestens bei der Taufe seines Sohnes in die reformierte Kirche zurückkehren.
Jan Schoemaker besuchte die Schule seines Geburtsortes Haftenkamp. In seinen Kinderjahren war sein Vater zwischen 1838 und 1843 wiederholt im Gefängnis, weil er sich das Predigen nicht verbieten lassen wollte. Hohe finanzielle Strafen wurden verhängt, die die Existenz des elterlichen Hofes in Gefahr brachten. Es ging um mehr als tausend Gulden.
Jans älterer Bruder Jan Hindrik Schoemaker (1826-1885) wurde am 14. März 1853 noch als Student von der altreformierten Gemeinde Wilsum zu ihrem Prediger berufen und war bis zum 16. August 1854 hier tätig. Er bildete sich während dieser Zeit weiter bei Pastor J. Reinink in Emlichheim. 1854 ging er an die Theologische Schule in Hoogeveen in den Niederlanden, wo er schon früher studiert hatte, um am 5. März 1855 endgültig wieder als Pastor nach Wilsum zurückzukehren. Sein Vater, genannter Harm Hindrik Schoemaker, predigte in der Zwischenzeit, also in den Jahren 1854/55, fast jeden Sonntag zwei- oder sogar dreimal im etwa fünf bis sieben Kilometer entfernten Wilsum. Auch in anderen Gemeinden entfaltete er schon seit etwa 1840 eine rege Predigttätigkeit. Man darf davon ausgehen, daß er jeden Sonntag und oft auch noch zusätzlich während der Woche in der Grafschaft Bentheim oder den angrenzenden Niederlanden auf einer altreformierten (gereformeerden) Kanzel stand. Auf dem alten Mühlenhof Schoneveld in Wilsum fanden sich 1998 zwei Hefte aus den Jahren 1849 bis 1869 mit Aufzeichnungen des ersten Rechnungsführers jener altreformierten Gemeinde. Sie enthalten die gerade genannten und bislang unbekannten Informationen.
Jan wuchs auf einem Bauernhof heran. Aber er war auch Sohn eines leidenschaftlichen Laienpredigers. In seinem Elternhaus lernte Jan eine unerschrockene Haltung nach dem Motto „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Seine Eltern bestanden sogar auf Bibel, Psalmbuch und Katechismus als einzige Lehrbücher der öffentlichen staatlichen Schule. Damit konnten sie sich allerdings nicht durchsetzen. Im September 1842 heißt es in einem Vernehmungsprotokoll altreformierter Leiter vor dem Amt Neuenhaus: „Es … wird darauf hingewirkt, daß den Kindern unserer Secte ein unseren religiösen Grundsätzen conformer Unterricht ertheilt werde. Bis hierzu haben wir förmlich keine eigenen Schulen; aber zur Erlangung des obigen Zwecks werden den Kindern eigene Bücher mit in die Schule gegeben“.
Jan Schoemaker arbeitete zunächst wie fast alle nachgeborenen Söhne von Grafschafter Höfen als Knecht auf einem Bauernhof. Seit 1865 studierte er zuerst alte Sprachen und später die theologischen Fächer bei dem bekannten altreformierten Pastor der Gemeinde Veldhausen, ì Nicholas Martin Steffens (1839-1912). 1871 machte er seinen Abschluß bei Steffens, der zu dem Zeitpunkt bereits in Emden tätig war.
Schoemaker legte vor der Synode der Altreformierten Kirche am 1. April 1871 sein kirchliches Examen ab. Neun Gemeinden hatten dazu sieben Pastoren und elf Älteste entsandt. Geprüft wurden einen ganzen Tag lang u.a. Dogmatik, Biblische Geschichte, Geographie, Altertumskunde, Kirchengeschichte und Seelsorge. „Mit allen Stimmen“ wurde Schoemaker schließlich zugelassen. Am 30. April 1871 nahm er seinen Dienst als altreformierter Pastor in Bunde in Ostfriesland auf. 1874 kam er in das Niedergrafschafter Dorf Veldhausen nahe seinem Geburtsort und wechselt 1894 nach Lutten in die Niederlanden. 1912 wurde er pensioniert, er verstarb 1913 in Apeldoorn.
Jan Schoemaker heiratete etwa 1873 Johanna Tunetta Henderika Arends aus Neuenhaus. Von ihren dreizehn Kindern blieben sechs am Leben, drei Söhne und drei Töchter. In seiner zwanzigjährigen Tätigkeit in Veldhausen mußte Schoemaker in seiner Gemeinde insgesamt 70 Kinder bis zu zehn Jahren beerdigen. Die meisten starben an ansteckenden Krankheiten wie Lungenentzündung, Diphtherie, Schwindsucht (TB), „Kopfkrankheit“ (Gehirnhautentzündung) oder Krupphusten. Die Gemeinde zählte in diesen Jahren insgesamt ungefähr rund 400 Glieder. Glieder. Zwei Söhne, Rutgert Johann und Hermann Hendrik, ergriffen den Beruf ihres Vaters. Johanna Arends überlebte ihren Mann. Sie stammt aus der altreformierten Gemeinde Veldhausen, zu der auch Neuenhaus gehörte und in der ihr Vater eine wichtige Rolle spielte.
Zwanzig Jahre wirkte Schoemaker von 1874 bis 1894 in Veldhausen, obwohl er viele Rufe aus anderen Gemeinden bekam. Er war ein sehr aktiver Mensch und in seinen Gemeinden beliebt. Er konnte tiefe philosophische Gedankengänge einfach darlegen. Er hatte eine kräftige Statur und einen „durchdringenden“ Blick. Er konsolidierte die altreformierte Gemeinde Veldhausen. Niemand war vor ihm so lange hier tätig. Seine Vorgänger arbeiteten in der Regel nur höchstens fünf Jahre in Veldhausen. Sein Nachfolger, ì Egbert Kolthoff (1870-1954), blieb allerdings vierzig Jahre als Seelsorger und Prediger an diesem Ort.
In Schoemakers Zeit erhielt die Gemeinde Veldhausen eine neue Kirche, die am 16. Januar 1888 in Gebrauch genommen und bis 1956 benutzt wurde. Gegen polizeilichen und kirchlichen Widerstand des Amtes Neuenhaus und der reformierten Muttergemeinde setzte er durch, daß die Altreformierten nach jahrzehntelangem Verbot an ihrer Kirche Glocken läuten lassen durften. Schoemaker wandte sich dafür wiederholt an den Regierungspräsidenten in Osnabrück. Am 24. April 1888 schreibt Schoemaker ihm: „Da uns nicht bekannt war, ob zu dem Läuten höhere Erlaubnis erforderlich war, so wandten wir uns dieserhalb an den Herrn Landrath Kriege zu Bentheim. Auf dieses Ansuchen hin ist uns der Bescheid geworden, daß die Sache E. Hochwohlgeboren zur Entscheidung vorgelegt sei und das Läuten vorläufig verboten werde. Da die alsbaldige Regelung dieser Sache unser sehnlichster Wunsch ist, so bitten Eu. Hochwohlgeboren wir so dringend als unterthänig die angeregte Frage möglichst bald dahin entscheiden zu wollen, daß auch uns das in allen Kirchen gebräuchliche Läuten ungehindert gestattet werde“. Der Regierungspräsident mußte den Landrat und das Amt Neuenhaus dienstlich anweisen, „von polizeilichen Verfügungen und Befragen zu dem Läuten der Glocken an dem Bethause der genannten altreformierten Gemeinde einstweilen abzusehen“, bis der Oberpräsident der Provinz Hannover seine Entscheidung gefällt haben werde.
Schoemaker scheute sich nicht, in der Läutefrage einen Zivilprozeß vor dem Landgericht in Osnabrück zu führen. Ein in derselben Sache gegen ihn angestrengter Strafprozeß verlief im Sande. Schoemaker sollte Anfang 1889 für das erste Mal Läuten 30 Mark Strafe zahlen oder drei Tage Haft verbüßen, die im Wiederholungsfall bis auf 150 Mark und 15 Tage Haft ausgedehnt würden. Der Landrat wollte hart durchgreifen. Er drohte dem Veldhausener Bürgermeister mit einem Disziplinarverfahren, wenn er nicht jedes Läuten zur Anzeige bringen werde. In einer Gemeindeversammlung der politischen Gemeinde sprachen sich hundert Personen gegen und nur acht für das altreformierte Läuten aus. Staatsanwalt Fleischmann jedoch ließ den Prozeß platzen, „da in dem Läuten der Glocken ein grober Unfug im Sinne des § 360 no. 11 Reichs-Straf-Gesetz-Buchs nicht zu finden sein dürfte“. Der Oberpräsident der Provinz Hannover entschied nach Rücksprache mit dem Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten am 20. Juli 1889, die Polizei habe kein Recht, „nur geduldeten Kirchengesellschaften zu verbieten, sich bei ihrer Religionsausübung eigener Glocken zu bedienen“. Am 17. August 1889 wurde das Läuteverbot offiziell außer Kraft gesetzt. Ein Jahr zuvor hatte Kaiser Wilhelm I. (1797-1888) in Berlin die Bitte Schoemakers und seines Kirchenrates vom 30. Januar 1887 um Verleihung der Korporationsrechte zurückgewiesen. Bis 1950 blieben die Altreformierten eine nur geduldete, aber nicht anerkannte Kirche.
Jan Schoemaker wirkte in seiner Zeit prägend für alle Altreformierten. Er hielt ab 1875 die ersten altreformierten Gottesdienste in Nordhorn, die dort 1911 zu einer Gemeindegründung führten. Schoemaker war wie schon seine Vorgänger Kramer und Steffens in Veldhausen an der Ausbildung des altreformierten Predigernachwuchses beteiligt. 1878 reiste er nach Wuppertal, um mit dem dortigen Brüderverein über eine gemeinsame theologische Ausbildung zu verhandeln. Dies war erfolglos. So mußte er sich selbst mit der Ausbildung belasten und erhielt dafür 1879 dreihundert Gulden jährlich von der Synode. 1880 wurde Johannes Jäger aus Barmen als Dozent berufen und Schoemaker wurde „Rektor“ der Theologischen Schule Veldhausen. Ab August 1883 übernahm Jäger den Unterricht in allen Fächern. Gelehrt wurde nach dem Muster der Theologischen Schule in Kampen in den Niederlanden. Bei Jan Schoemaker erhielten die späteren Pastoren Hermann Potgeter, Jan Hindrik Schulz und Jan Gülker Unterricht. Gemeinsam mit Jäger unterrichtete er seit 1883 Gerrit Bangen sowie seit 1884 Hindrik Walkotte und J. Bos. 1885 kommen drei Studenten hinzu: B. Bennink, J. Timmermann und Johannes Jakob Juch. Schließlich nahm auch Schoemakers Nachfolger Egbert Kolthoff aus Bunde 1884 in Veldhausen bei Schoemaker und Jäger ein Studium auf.
Im Oktober 1886 zog Jäger mit allen Studenten nach Bentheim um, 1888 nach Ihrhove und 1891 nach Emden. Hier blieb die Theologische Schule bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1921.
Schoemaker bewahrte lebenslang seine Beziehungen zur Grafschaft Bentheim. Noch wenige Tage vor seinem Sterben predigte er in Bentheim. Er wirkte auch prägend durch zwei gedruckte Broschüren. Er schrieb 1887 in Niederländisch eine Broschüre über das Leben seines Vaters Harm Hindrik Schoemaker mit dem Titel: „Iets uit de levensgeschiedenis van H.H. Schoemaker te Haaftenkamp“. Gleichzeitig beschrieb er darin die Entstehungsgeschichte der ersten deutschen altreformierten Gemeinde in Uelsen. Das Heft wurde 1981 ins Deutsche übersetzt.
Im Jahr 1900 gab Schoemaker ebenfalls in niederländischer Sprache eine Geschichte der altreformierten Gemeinden heraus. Abgesehen von der Inaugurationsrede, die ì Prof. Dr. Henricus Beuker (1834-1900) 1897 in Grand Rapids in den USA hielt und die noch im selben Jahr gedruckt wurde (als „Tubantiana. Iets over de regering in staat en kerk van het Graafschap Bentheim, van af de Hervorming tot op onzen tijd, Kampen 1897, 76 S.), blieb Schoemakers Geschichte der Gemeinden bis 1988 für fast hundert Jahre die einzige vorhandene historische Darstellung über die Anfangsjahre der altreformierten Kirche in Deutschland. Mit seinen beiden Broschüren prägte er das Geschichtsverständnis ganzer altreformierter Generationen, zumal er sich immer wieder auf originäre Quellen wie etwa seinen Vater berufen konnte.
Quellen
Protokolle
der ev.-altref. Synode 1862 – 1883 (Archiv in Wilsum).
StAOS
Rep 335 Landdrostei Osnabrück Nr. 12546, Acta betreffend die Berechtigung der
s.g. Altreformierten zum selbständigen kirchlichen Geläut.
Werke
Iets
uit de levensgeschiedenis van H. H. Schoemaker te Haaftenkamp, en Het ontstaan
der Oudgereformeerde Gemeente te Uelsen, als de eerste der Oudgereformeerde
Kerk in het Graafschap Bentheim. (Nieuwenhuis, 1887), 48 S.
Geschiedenis
der Oud-Gereformeerde Kerk in het Graafschap Bentheim en het Vorstendom
Ostfriesland (Hardenberg, 1900), 113 S.
Literatur
Unter
Gottes Bundeszeichen. 1849 – 1999 Evangelisch-altreformierte Kirchengemeinde
Veldhausen. Hrsg. v. Kirchenrat der Ev.-altref. Kirchengemeinde Veldhausen, Bad
Bentheim 1999, S.72-88.
Gerrit
Jan Beuker, Gemeinde unterwegs, Die Evangelisch-altreformierte Kirchengemeinde
Uelsen seit 1838, Bad Bentheim 1984.
Gerrit
Jan Beuker, Umkehr und Erneuerung, Aus der Geschichte der
Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen. Hrsg. von der Synode der
Ev.-altref. Kirche in Niedersachsen, Bentheim 1988.
Handboekje
Gereformeerde Kerken 1914, Goes 1914, S. 329-331 (Nachruf).
Joh.
de Haas, Gedenkt uw voorgangers II, Haarlem 21984, S. 306f.
Jaarboek
Chr. Ger. Kerk 1883, Amsterdam 1883, S. 86.
H.H.
Schoemaker, J.B. Sundag, Dokumente aus der Frühgeschichte der Evangelisch-altreformierten
Kirche in Niedersachsen. Übersetzung aus dem Niederländischen von Lucie Rakers,
[Veldhausen 1981], 57 S.
Foto
In: Unter Gottes
Bundeszeichen, Bad Bentheim 1999, S. 72.
Veröffentlicht in:
Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (hg.), Redaktion: Dr.
Christof Haverkamp, Dr. Helmut Lensing, Paul Thoben, Emsländische Geschichte 8,
Meppen, 2000, S. 245– 248.
Dr. Gerrit Jan Beuker, Hoogstede