Steffens,
Nicholas Martin
geboren am 13.
März 1839 in Emden/Ostfriesland, gestorben am 24. Juli 1912 in
Holland/Michigan, USA, evangelisch-reformiert, seit 1863
evangelisch-altreformiert, Theologe
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Nicholas Martin Steffens war ein Sohn von Karel Martin Steffens und Frauke Aykens. Er wurde am 13. März 1839 in Emden geboren und dort am 31. März 1839 in der reformierten Gemeinde getauft. Er besuchte gemeinsam mit dem späteren reformierten Neuenhauser Pastoren Georg S. Mennenga (1838-1900) das Gymnasium in Emden. Mit 17 Jahren (seit 1857) war Steffens schon Lehrer an einer höheren Töchterschule in Oldenburg. Mit 19 Jahren (1859) packte ihn die Wanderlust. Zwei Jahre später arbeitete er in völlig anderer Stellung unter Aufsicht und im Auftrag der Freien Kirche Schottlands als Missionar unter den Juden in Istanbul.
Hier heiratete er in der Missionskapelle am 14. April 1862 seine aus Schottland stammende Frau Jane Graham (Sutherland) (22.03.1836 - 06.01.1916). Acht Kinder wurden geboren. Sieben Kinder und seine Frau überlebten ihn. Sein Sohn Cornelius Martin Steffens (1868-1933) wurde ebenfalls Pastor der Reformierten Kirche in den USA. Steffens war kantig, zupackend und äußerst intelligent. Er war ein Autodidakt. Fast sein gesamtes Wissen eignete er sich selbst ohne fremde Mithilfe an.
Am 14. Juni 1863 wurden Steffens und seine Frau Glieder der altreformierten Gemeinde Emden. Am 27. August 1863 schrieb er sich als Student der Theologischen Schule Kampen in den Niederlanden ein. Ein Jahr später bestand er dort das Abschlußexamen mit der Note „cum laude“. Sofort wurde er 1864 von der altreformierten Gemeinde Neermoor in Ostfriesland berufen, wo er am 9. Oktober 1864 seinen Dienst antrat. Bereits zum 28. November 1865 wechselte er nach Veldhausen bei Neuenhaus und von dort zum 23. Januar 1870 in seine Heimatstadt Emden.
Steffens entwickelte sich zum Schriftsteller und regen Verteidiger der (alt)reformierten Lehre. Noch im ersten Jahr seines Dienstes verfaßte er eine Broschüre, in der er baptistische und reformierte Lehre verglich. In Ostfriesland entstanden altreformierte und baptistische Gemeinden ungefähr in derselben Zeit um 1850. Steffens sieht sich als Verteidiger reformierter Lehre. Henry E. Dosker (1855-1923), ein amerikanischer Kirchengeschichtler, rühmte bei Steffens Beerdigung dessen absolute Furchtlosigkeit. Er habe sich nur von seiner Pflicht und seiner Überzeugung leiten lassen.
Über N. M. Steffens bekamen die altreformierten Gemeinden ab 1864 Kontakte zu den freien reformierten Gemeinden in Schlesien wie etwa Breslau, Görlitz oder Oderwitz, die aus der Judenmission des schottischen Pastors Daniel Edwards entstanden waren. Die altreformierten Gemeinden gaben zusammen mit den Gemeinden in Schlesien ab 1877 für einige Jahre gemeinsam eine monatliche Zeitung heraus mit dem Titel „Frohe Botschaft der Freien Evangelischen Kirche Deutschlands und der altreformierten Kirche von Ostfriesland und Bentheim“.
Steffens verfaßte in seinem Leben etwa zwanzig Broschüren und Streitschriften. Vielfach trat er darin für „das gute Recht der Altreformierten“ ein, so der übersetzte Titel einer Broschüre von ihm aus dem Jahre 1868. Steffens gab eine eigene altreformierte Monatszeitung in niederländischer Sprache unter dem Titel „De Vrije Presbyteriaan“ heraus. Schon der Name weckte Argwohn in den Gemeinden, als solle eine andere Kirchenform begründet werden. Diese Zeitung ist bislang nur aus den Protokollen der altreformierten Synode bekannt. Sie gab Veranlassung zu heftigen Lehrstreitigkeiten in der Synode und erschien auf jeden Fall in den Jahren 1869 und 1870.
Dem Obergrafschafter altreformierten Gemeinde- und Kirchengründer Pastor ä Jan Berend Sundag (1810-1893) war Steffens nicht rechtgläubig genug. Allein schon der Titel von Steffens Kirchenzeitung war ihm ein Ärgernis. Steffens schrieb: „In der Bibel wird von Zauberei als von Abgötterei gesprochen“. Sundag hielt dagegen: „ Zauberei gibt es gar nicht, sie besteht nur in den Gedanken der Menschen“. Steffens würde, so Sundag, nicht genügend gegen die von der Wahrheit Abgeirrten schreiben. Es kam sogar zum offenen Konflikt zwischen den beiden altreformierten Theologen, bevor sie sich versöhnten. Die altreformierte Gemeinde Bentheim entsandte 1870 außer Sundag keine Abgeordneten zur Synode. „Dieser erklärt, daß die eigenartigen Umstände, in der sich die Gemeinde Bentheim befindet, durch ihre andersartige Sicht auf die Rechtgläubigkeit von Pastor Steffens, dafür den Anlaß bilden“ (Protokoll der evangelisch-altreformierte Kirche vom 28./29.09.1870, Artikel 2, getippte Ausgabe S. 104).
Steffens unterwies angehende altreformierte Theologen in Veldhausen und später in Emden. Er lehrte alle theologischen Fächer. Bei ihm studierten u.a. die späteren altreformierten Pastoren Jan Schoemaker (1838-1913), Sohn des Gemeindegründers Harm Hindrik Schoemaker (1800-1881) aus Haftenkamp bei Uelsen, sowie Klaas Weiland (ca. 1830 – ca. 1900), Gerrit van Wageningen (1830-1908)und Jan Plescher (1849-1935) aus Osterwald. Ein J. H. Schoonekamp aus Heemse ist während des späteren Studiums 1872 in Kampen verstorben. Harm Zwiens aus Osterwald wurde unter Nummer 278 an der Theologischen Schule Kampen eingeschrieben und verstarb dort 1877.
In seiner Veldhauser Zeit von 1865 bis 1870 erreichte Steffens schon 1869 für die Altreformierten in Veldhausen die völlige Befreiung von der Kirchensteuer. Dafür mußte er allerdings erst einige Male bis hin zum Dritten Senat des Königlichen Appelationsgerichts in Celle in Berufung gehen. Über bestehende Gesetze, nach denen altreformierte Kinder bis 1874 als „Separatistenkinder“ in die reformierten Kirchenbücher eingetragen werden mußten, konnte aber auch Steffens sich nicht hinwegsetzen.
Im März 1872 wanderte Steffens, wohl auch aufgrund kirchlicher Querelen, mit seiner Mutter, seiner Frau und seinen Kindern in die USA aus. Er schloß sich dort der reformierten und vorübergehend auch der presbyterianischen Kirche an. Zunächst war er Pastor in Silver Creek in Illinois. 1875 wechselte er nach New York. Schon drei Jahre später ging er nach Zeeland in Michigan. Von dort zog er 1883 nach Holland in Michigan. In dieser Region lebten sehr viele Auswanderer aus der Grafschaft Bentheim und den angrenzenden niederländischen Landstrichen. Steffens sprach fließend Englisch, Französisch, Deutsch, Niederländisch und Italienisch. Er beherrschte Latein, Griechisch und Hebräisch.
Seine ostfriesische Sturheit ist ihm wiederholt zum Verhängnis geworden. Aber er kannte sich selbst. Er ist für die erste Entwicklung der altreformierten Gemeinden in der Grafschaft Bentheim und Ostfrieslands von unschätzbarer Bedeutung gewesen. Der Theologe hielt es nie lange an einem Ort aus. Er hat immer Sehnsucht nach der alten Heimat verspürt. 1875 schrieb er: „Wer weiß, ob der Herr mir nicht noch einmal einen Weg öffnet, damit ich wieder in meinem Vaterland tätig sein darf. Aber vielleicht ist dies auch nur ein frommer Wunsch, der nie in Erfüllung gehen wird“. Im selben Brief entwickelt er eine Strategie für die Ausbreitung der altreformierten Kirche. „Es ist schade, daß Ihr nicht Fuß fassen könnt in den großen Städten des Landes. Das ist notwendig für Euch, um weiterzukommen“. Er weist dann darauf hin, wie Paulus das Evangelium in den Städten gepredigt habe, und auch die Reformation habe in den Städten begonnen. „Wenn Sie nur die Glieder Ihrer Kirche davon überzeugen könnten … eure Sache könnte ein Sauerteig für das ganze Land werden. Dazu würde auch, erschrick nicht, eine sichere Liberalität gehören … , die mit ihrer Zeit geht“ (Brief ohne Datum und Empfänger (zwischen Mai und Oktober 1875) im Archiv der Synode der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen in Wilsum)
Aus den Jahren 1882 bis 1899 sind 15 Briefe von Steffens an Abraham Kuyper (1837-1920), dem Gründer der Freien Universität Amsterdam und späteren Ministerpräsidenten der Niederlande, erhalten geblieben. Steffens drückte seine Sympathie für Kuyper aus. Er diskutierte mit ihm über die Freimaurer und die theologischen Entwicklungen in Europa und Amerika. Eine Zeitlang unterhielt er auch Beziehungen zu Kuypers Sohn Frederik, der einige Jahre in den USA weilte. Am 4. Dezember 1884 wurde er zum Professor für Didaktik und polemische Theologie (= die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit anderen Glaubensrichtungen), später auch für Homiletik (Predigtkunde) am Hope College in seinem damaligen Wohnort Holland berufen. Die Universität Jena verlieh ihm 1886 einen Ehrendoktortitel.
Steffens fühlte sich sehr einsam in seiner theologischen Position in der Reformed Church und beklagte den Abfall vom Calvinismus. Er bat selber um seine Entlassung und wechselte 1894 als Professor zur Presbyterian Church (Brief an Kuyper vom 09.11.1897). Einige Jahre lehrte er lehrte am German Presbyterian Seminary in Dubuque in Iowa, auch wohl als German Presbyterian Theological School of the Northwest bezeichnet. Auch hier fühlte er sich nicht heimisch. Er wechselte 1898 als Pastor in die reformierte Gemeinde von Orange City in Iowa, kehrte aber schon 1900 wieder für vier Jahre nach Dubuque zurück. Die letzten acht Jahre seines Lebens war Steffens schließlich in Holland, Michigan, als Professor für Kirchengeschichte am Hope College tätig. Immer wieder mußte er erfahren, daß seine Artikel in verschiedensten Zeitungen nicht gedruckt wurden. Er beklagte „das religiöse Amüsement, mit dem man die Menge in die Kirche locken möchte, die man mit dem Wort Gottes nicht zu erreichen meint“ (Brief an Kuyper vom 09.11.1897). Er war ein Feind äußerlicher Zerstreuung und rang um die Fortführung der Reformation und das Wirken des Geistes. Er übersetzte einige Artikel Abraham Kuypers ins Englische.
Der Tod seiner erwachsenen und verheirateten Tochter Jean führte ihn fast an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Lange Zeit konnte niemand etwas mit Steffens anfangen, bis er seine Jean in einem Traum gesehen haben soll, und sie ihm gesagt habe, es werde alles gut. Steffens zog sich immer mehr in sich selber und seine Studien zurück - aber er war bis zu seinem plötzlichen Sterben bei Studenten und Predigthörern beliebt, nicht zuletzt wegen seiner großen Belesenheit und Fachkenntnisse.
Quellen
Protokolle
der ev.-altref. Synode 1863-1872 (Archiv in Wilsum).
Briefe
von Steffens aus dem Kuyperarchiv in Amsterdam.
Briefe
von und an Steffens im Archiv der Synode der Ev.-altref. Kirche in
Niedersachsen in Wilsum.
Werke
Während
seiner Veldhauser Zeit Herausgeber der Zeitung „De Vrije Presbyteriaan“, die
zumindest 1869/1870 existierte.
Der
Baptismus und die reformierte Kirche. Gedanken über den Grund und das Entstehen
baptistischer Lehren und Vergleichung derselben mit den Lehren der reformierten
Kirche mit besonderer Berücksichtigung der Broschüre von Willms gegen Pieters
und Kreulen, Emden 1865, 47 S.
De
verhouding der kerk tegenover de tweede komst van Jezus. Leerrede
over Matth. 25,1-13
uitgesproken door N. M. Steffens, bedienaar des Goddelijken woords te
Veldhuizen, Nieuwenhuis (Neuenhaus) 1866, 23 S.
Het
goede recht der Oudgereformeerden in de Graafschap Bentheim. Een woord tot
afwering en verdediging voor vriend en vijand. Uitgegeven in naam der Classis
der Oudgereformeerde Kerk, Neuenhaus 1868, 36 S.
Mennenga
und Koppelmann. Ihre Zeugnisse gegen die Altreformirten näher beleuchtet und
beurtheilt durch N. M. Steffens, Prediger zu Veldhausen. Neuenhaus 1868, 54 S.
Een
twaalftal Maandelijksche Leerredenen, Neuenhaus 1868, 290 S.
Die
Niederländischen Kreuzgemeinden und die kirchliche Frage in der Gegenwart.
Beurtheilung kirchlicher Zeitfragen im Licht der Vergangenheit von N. M.
Steffens, Prediger in Emden, Diesdorf 1871, 42 S.
Inaugural Address, delivered on the occasion of his
installation as professor of didactic and polemic theology in the Western
Seminary of the Reformed Church in Amerika (The Preponderance of the Formal
Principle of the Reformation over any Material Principle in the Theology of the
Reformed Church), Grand Rapids/Michigan 1885, 26 S.
Gedachten
over het Rechtsbestaan der Holl. Chr. Geref. Kerk in Amerika in vijf brieven
door Rev. N. M. Steffens D.D. Op veler verzoek uitgegeven door R. Kanters,
Holland/Michigan 1894, 32 S.
G. M.
Hospers, Beginselen van separatie. Critisch en historisch onderzocht. Met
een Brief van Aanbeveling van Prof. N. M. Steffens. D.D., Cleveland/Ohio 1897.
The Christian view with regard to the sins and
disorders of the world by the Rev. Nicholas M. Steffens, D.D. read before the
Western Social Conference and printed at ists request, Holland/Michigan (um
1900), 12 S.
Calvinism and the theological crisis. Reprinted from
the April, 1901, number of The Presbyterian and Reformed Rewiev, USA 1901, 14
S.
What is Christianity? Inaugural address of the Rev.
Nicholas M. Steffens, D.D. as Van Vliet Professor of Theology in the German
Presbyterian Theological School of the Northwest, Dubuque/Iowa. With the charge
to the professor by the Rev. W. O. Ruston, D.D. Dubuque/Iowa 1902, 26 S.
Dogmatism in Church History. Inaugural Address. The
Rev. Nicholas M. Steffens, D.D. As Professor of Church History in the Western
Theological Seminary of the Reformed Church in America, located at Holland,
Michigan, Holland/Michigan 1904, 16 S.
Romanizing tendencies in the protestant churches of
today. An address delivered at the opening of the Western Theological Seminary
1904, Holland/Michigan 1904, 20 S.
Sacred history. A bulwark of our christian worldview.
An address at the opening of the lessons in the fall of 1907 at the Western
Theological Seminary of the Reformed Church in America, Holland/Michigan 1908,
20 S.
Zahllose
Beiträge in verschiedenen Zeitungen in den Niederlanden in „De Bazuin“, in den
USA in „Die Heidenwereld“, „De Hope“ und „The Christian Intelligencer“.
Literatur
Gerrit
Jan Beuker, Umkehr und Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten
Kirche in Niedersachsen 1835-1988. Hrsg. von der Synode der Ev.-altref. Kirche
in Niedersachsen, Bentheim 1988, besonders S. 183f und S. 311ff (siehe
Register).
Gerrit
Jan Beuker, Abgeschiedenes Streben nach Einheit. Leben und Wirken Henricus Beukers
1834 - 1900, Diss. theol. Kampen 1996, u.a. S. 314 (siehe Register).
Joh.
de Haas, Gedenkt uw voorgangers II, Haarlem 21984.
Johann
Koppelmann, Das Recht der reformierten Kirche in der Grafschaft Bentheim. Ein
Wort der Erwiederung an die Altreformirten von J. Koppelmann, Prediger zu
Schüttorf, Neuenhaus/Bentheim 1868, 31 S.
G. S.
Mennenga, Ein Wort an, für und wider die „oudgereformeerden“ Päpste und wider
alles Papstthum in der protestantischen Kirche, zugleich eine Rückantwort auf die
im Namen der Classis der „Oudgereformeerden“ herausgegebene Schrift „Het goede
recht“ Neuenhaus/Bentheim 1868, 12+55 S.
In Memoriam, Holland/Michgian 1912, 19 S.
Porträt
Ein
Foto von Nicholas Martin Steffens findet sich in: Gerrit Jan Beuker, Umkehr und
Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in
Niedersachsen 1835-1988. Hrsg. von der Synode der Ev.-altref. Kirche in
Niedersachsen, Bentheim 1988, Bad Bentheim 1988, S. 234.
Veröffentlicht in:
Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte (hg.), Redaktion: Dr.
Christof Haverkamp, Dr. Helmut Lensing, Dr. Stefan Remme, Emsländische
Geschichte 7, Meppen, 1998, S. 267– 271.
Dr.
Gerrit Jan Beuker, Hoogstede