Generale Synode van de
Nederlandse Hervormde Kerk
Generale
Synode van de Gereformeerde Kerken in Nederland
Synode van de
Evangelisch-Lutherse Kerk der Nederlanden
Jezus Christus, onze Heer en
Verlosser
Jesus Christus,
unser Herr und Erlöser
Utrecht, 30. Oktober 2000
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zur homepage von Pastor Dr. Beuker
Diese Broschüre wurde Mitte März 2001 in niederländischer Sprache im Auftrag der Triosynode an alle Kirchenräte der drei Samen-op-weg Kirchen und der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen verschickt.
Deutsche Übersetzung:
Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker, Hoogstede
Korrektur:
Pastor Hermann Teunis, Ihrhove
Prof. Dr. Heinrich Baarlink, Nordhorn
Die im deutschen Text unterstrichenen Sätze beziehen
sich auf die Fragen am Ende.
Hoogstede, März und April 2001
Gerrit Jan Beuker
Inhalt
Einleitung
1. Wer ist Jesus Christus für uns?
Jesus Christus und unsere Versöhnung mit Gott
2. Unser Herr und Erlöser
2.1 Christus
2.2 Herr und Erlöser
2.3 Sohn Gottes
3. Versöhnung
3.1 Erlösung vom Bösen
3.2 Versöhnung und unsere Schuld
3.3 „gestorben für unsere Sünden“
3.4 Bilder
3.5 Hauptlinien
3.6. Fragen
3.7. Leben mit Jesus Christus
Den Glauben durchdenken und bekennen
4. Gemeinsam mit dem Bekennen der Vorfahren
5. Bibel und Lehre
Aktuelle Herausforderungen
6. Glaube und historische Forschung
7. Die Sprache des Glaubens
Schluss
8. Die Quelle unseres Glaubens
Abkürzungen
Handreichung für die Besprechung
Vorwort
Die Frage, wer Jesus Christus ist, beschäftigt Menschen immer wieder. Fragen innerhalb und außerhalb der Kirche fordern die Christen heraus, um verständlich und ansprechend zu sagen, wem sie glauben. Diese Schrift ist einzigartig darin, dass drei Kirchen Aussagen machen über Jesus Christus. Die gemeinsamen Synoden der Samen-op-Weg-Kirchen beantworten die Frage, wer Jesus für sie ist und was Erlösung und Versöhnung mit ihm zu tun haben. In der gemeinsamen Versammlung der Synoden der Nederlandse Hervormde Kerk, der Gereformeerde Kerken in Nederland und der Evangelisch-Lutherse Kerk in het Koninkrijk der Nederlanden am 1. Dezember 2000 wurde der Bericht „Jesus Christus, unser Herr und Erlöser“ mit überwältigender Mehrheit als synodale Schrift verabschiedet. Diese Broschüre enthält den vollständigen Text.
Anlass zur Erstellung dieser synodalen Schrift war die intensive Diskussion in den Kirchen über dieses zentrale Thema des christlichen Glaubens. Jede Zeit kennt eigene Fragen und Probleme des Glaubens. Die wissenschaftliche Theologie diskutiert ebenfalls schon Jahrhunderte lang über Person und Werk Christi. Theologische Bücher mit verschiedenen Meinungen über Jesus finden reißenden Absatz. Die Ansichten der Theologen rufen oft heftige zustimmende und abweisende Reaktionen hervor. Gesprächskreise beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Ansichten. Es ist viel wert, dass diese Fragen in aller Freiheit und Offenheit in der Kirche gestellt werden können. Manchmal führt das Gespräch in den Gemeinden aber auch zu Unsicherheiten und Gegensätzen. Einige Gemeinden und Klassisversammlungen baten die Synode deshalb, dieses Gespräch zu steuern. Eine der wichtigsten Fragen an die landesweite Kirche war: Was bedeutet es für die Samen-op-weg-Kirchen, dass sie bekennende Kirchen sein wollen? Anders gesagt: Welchen Wert haben die grundlegenden Bekenntnisschriften der Kirchen für das heutige Verständnis von Jesus?
Weil ein deutliches Verlangen bestand nach Leitung der Synode, bat das Triomoderamen den neuen gemeinsamen Rat für Gemeindeaufbau, Theologie und Ausbildung (KTO), hierüber eine Schrift zu verfassen. Dr. J. Muis, kirchlicher Dozent der Nederlandse Hervormde Kerk an der Theologischen Fakultät der Universität Utrecht, übernahm den Auftrag dieses Rates, diesen Bericht zu schreiben. Er tat dies in gutem Einvernehmen mit einigen anderen Theologen und Professoren und der Abteilung ‚Kirche und Theologie’. Gleichzeitig fanden auch Gespräche mit dem Triomoderamen statt.
Im Auftrag an den Verfasser war wichtig, dass diese Schrift die Gedanken der Samen-op-weg-Kirchen entwickeln sollte im Bezug zum Bekennen der Vorfahren. Diese Schrift sollte keinen verteidigenden Charakter haben. Es geht darum, das Gespräch über Jesus Christus und die Versöhnung anzuregen und ihm eine Richtung zu geben. Auffassungen, Meinungen und Ansichten verschiedener Autoren kommen nur dann zur Sprache, wenn sie im Blick auf das gerade genannte wichtig sind. Die Samen-op-weg-Kirchen sind deutlich gekennzeichnet durch große Unterschiede in Glaubensausdruck und –erleben. Diese Schrift möchte den Dialog zwischen den unterschiedlichen Ansichten und Spiritualitäten fördern. Die Frage, die sich auf der Besprechung in der Synode stellte, war eigentlich, ob es möglich ist, anzugeben, was die Kirchen vereinigt, die sich um Schrift und Bekenntnis versammeln.
Eine Schrift wie diese befindet sich per Definition in einem Spannungsfeld. Einerseits besteht das Bedürfnis für die SoW-Kirchen, einen eigenen Beitrag zu liefern für die Diskussion über dieses Thema. Andererseits bestand der Wunsch, diese Schrift möge von der ganzen Kirche anerkannt und getragen werden. Die Diskussion auf der Synode zeigt, diese Schrift wird beiden Seiten gerecht. Sie kann die ganze Bandbreite der Kirche ansprechen, ohne das dies zu einer Aufzählung von Meinungen und Ansichten geführt hat, zwischen denen keine Wahl getroffen wird. In der Synode wurden eindringliche Fragen gestellt z.B. über die Wertung der historisch-kritischen Bibelforschung, über die Gottessohnschaft Christi, die Sicht auf die Versöhnung und die Wertung des Heidelberger Katechismus. Trotzdem überwog bei der Synode die Dankbarkeit und die Übereinstimmung mit dem Inhalt dieser Schrift, die mitten in die Vielförmigkeit der Kirchen einen eigenen bekennenden Ton hören lässt.
Die Synode sprach aus, diese Schrift liefere einen wichtigen und richtungweisenden Beitrag zur weitergehenden Besinnung auf das Bekennen der Samen-op-weg-Kirchen. Mit anderen Worten: In Übereinstimmung mit dem, was die Kirchenordnung der kommenden vereinigten Kirche in Art. I, 6 von der Kirche verlangt, um ‚immer wieder in ihrem Feiern, Reden und Handeln Jesus Christus als Herrn und Erlöser der Welt zu bekennen’. bietet die Synode Ihnen diese Schrift an.
Im Jahr 2001 werden noch einige zusätzliche Handreichungen erscheinen, die das Gespräch über diese Schrift und seinen Inhalt fördern können. Als Beilage findet sich hinten in diesem Büchlein schon eine Handreichung, die vom Rat für Gemeindeaufbau, Theologie und Kirche verfasst wurde.
Dr. B. Plaisier,
Schriftführer der
Samen-op-weg-Kirchen
Einleitung
1. Wer ist
Jesus Christus für uns
Als Synoden der Samen-op-Weg-Kirchen wollen wir in
diesem Heft in Worte fassen, wer Jesus Christus für uns ist. Innerhalb und
außerhalb der Gemeinde gibt es viele Fragen und Ansichten über die Bedeutung
Jesu Christi. Man erlebt den Glauben an ihn ganz unterschiedlich und drückt ihn
ganz verschieden aus. Diese Vielfalt erfordert eine Besinnung auf unseren
gemeinsamen Glauben an Jesus Christus.
Die Vielfalt des Glaubens
ist ein wichtiger Anlass, aber sie ist nicht der einzige oder tiefste Grund für
dieses Broschüre. Es gehört zum Auftrag der Kirche, Jesus Christus immer wieder
neu zu bekennen. (KO VPKN I 6, 8). Die Bedeutung des Herrn ist in den
Bekenntnissen der Kirche umschrieben. Aber seine Person und Gegenwart bilden
ein großes Geheimnis. Daher können wir nicht von vornherein davon ausgehen,
dass in den Bekenntnissen das letzte Wort gesagt ist. Zusätzlich zu ihren
früheren Bekenntnissen versucht die Kirche deswegen zu jeder Zeit mit neuen
Worten und Akzenten das Geheimnis des Herrn im Blick auf die Fragen ihrer Zeit,
in der sie lebt anzudeuten.
Möglicherweise halten einige
Gemeindeglieder diese Broschüre für überflüssig. Vielleicht meinen sie, in den
früheren Bekenntnissen sei ihr Glaube an Christus deutlich wiedergegeben und
fürchten sie, jede andere Formulierung sei eine Relativierung oder gar
Verleugnung der Mitte des christlichen Glaubens.
Es gibt innerhalb und
außerhalb der Kirche auch Menschen, die selbst die Bedeutung Jesu für ihr Leben
herausfinden wollen. Sie haben Bedürfnis an einem Raum für eine geistliche
Spurensuche, wodurch sie sich den Glauben zueignen. Eventuell haben sie Angst,
dieses Heft wolle ihnen den Glauben vorschreiben und aufzwingen und es würde
ihre Mündigkeit und Freiheit einschränken.
Als Kirche können wir nicht
an der Frage unserer Zeit nach Jesus Christus vorbeigehen. Wir können diese
Frage jedoch auch nicht der persönlichen Entscheidung jedes Einzelnen
überlassen. Dann würden wir keine Glaubensgemeinschaft mehr bilden. Wenn wir in
diesem Heft beschreiben, wer Jesus Christus für uns ist, möchten wir nur den
Glauben der Kirche neu bezeugen. Wir hoffen dabei, dass diese Beschreibung
Menschen in ihrer Suche helfen wird.
Wir stellen die Frage nach
Jesus Christus als Kirche, also als Glaubensgemeinschaft, die in Verbindung mit
ihrem Herrn lebt. Wir können und wollen diese Verbundenheit keinen Moment ... vergessen. Jesus Christus ist der Herr
der Kirche und die Kirche ist Kirche Jesu Christi. Wenn wir uns aus dieser
Verbundenheit lösen und über Christus als einen Fremden sprechen würden, würden
wir nicht mehr als Kirche sprechen.
Wegen dieser
Verbundenheit geht es immer auch über
unsere Identität als Kirche, wenn wir über Jesus Christus sprechen. In der Art,
wie wir Christus sehen, ihm glauben und nachfolgen, zeigt sich, wo wir als
Glaubensgemeinschaft stehen. Deswegen berührt das Thema dieses Heftes den Kern
unseres Kirche- und Christseins.
Gott hat uns den Glauben an
Christus geschenkt. Dass Jesus „Herr und Christus“ (Apg. 2,36) ist, haben uns
die Apostel verkündigt. Es ist kein Ergebnis unseres eigenen Nachdenkens, dass
wir mit dieser Verkündigung übereinstimmen. Auch der Glaube an Jesus Christus
ist eine Gabe Gottes, ein Werk des Heiligen Geistes (1. Kor. 12,3). Unser Reden
über Christus ist Antwort auf eine Realität, die uns erschienen ist und die uns
überzeugt hat. Deswegen hat dieses Reden bekenntnismäßigen Charakter. Bekennen
heißt: eine Antwort geben auf die Frage, wer Jesus Christus heute für uns ist.
Wenn wir eine bekenntnismäßige Antwort gegeben
haben, hat sich die Frage noch nicht erledigt. Auch wenn wir an ihn glauben,
bewegt uns die Frage nach Jesus Christus weiter. Diese Frage bringt uns dazu,
frühere Antworten neu zu überdenken und zu prüfen. Bekennen ist nie etwas
Selbstverständliches.
Die eine Frage nach Jesus
kann sich in viele Fragen auffächern und hat in jeder Zeit eine eigene
Zuspitzung.
Heute erleben wir neues Interesse an Jesus als Mensch seiner Zeit und an
Informationen außerhalb der Bibel, die ein Licht auf Jesu Leben werfen könnten.
Wir haben stärker entdeckt, wie vielseitig das Neue Testament die Bedeutung
Jesu ausdrückt. Der Tod Jesu wird z.B. von den Evangelisten und Paulus
unterschiedlich beleuchtet. Neue wissenschaftliche Forschungen und Ergebnisse
haben in den letzten Jahrzehnten die Einsicht in die jüdische Welt vertieft, in
der Jesus lebte. Diese Erkenntnisse rufen neue Fragen auf über ihre Bedeutung.
Mancher vermutet, das Bild, das die Bibel von Jesus zeichnet, sei durch spätere
Glaubensüberzeugungen verzeichnet worden.
Diese Fragen, Entdeckungen
und Hypothesen bleiben nicht innerhalb der Arbeitsräume der Gelehrten
eingeschlossen. Exegeten legen ihre Ergebnisse der Gemeinde und der Dogmatik
zur Prüfung vor. Dogmatiker ziehen manchmal weitreichende Schlussfolgerungen
und sie zögern manchmal nicht, herkömmliche Lehraussagen als unnötigen Ballast
abzutun. Auch außerhalb der Kirche und der kirchlichen Theologie entstehen
immer neue Jesusbilder.
Dies alles weckt manchmal
den Schein, als könne jeder seinen eigenen Christus erschaffen. Gläubige können
dadurch manchmal das Gefühl bekommen, es gebe mehr Fragen als Antworten. Oder
es gebe nicht nur eine Antwort, sondern viele Antworten, die einander
widersprechen und ausschließen. Oder als ob neue Antworten frühere Antworten
aus der Tradition der Kirche abschwächen. Es ist kein Wunder, dass viele
Menschen ein Gefühl von Verwirrung, Verlegenheit oder Unsicherheit überfällt.
Trotzdem besteht kein Grund,
uns durch solche Gefühle lähmen zu lassen. Im Gegenteil! Glauben und bekennen
gab es nie ohne Fragen. Jesus selbst ruft im Grunde die Frage hervor: „Wer
sagen die Leute, dass ich sei?“ (Mk. 8,27). Auch nach der Antwort: „Du bist der
Christus!“ (Mk. 8,29) hören die Fragen nicht auf. Dogmen und Bekenntnisse, die
uns jetzt sehr einfach und klar erscheinen, sind in langen Diskussionen über
brennende Fragen entwickelt und erwachsen, über die man sich in der Kirche
nicht einig werden konnte. Viele Fragen, die uns ganz neu erscheinen, gibt es
schon von Anfang der Kirchengeschichte an. Fragen, die uns verwirren, erweisen
sich als schon früher durchdacht und aus dem Glauben heraus beantwortet. Dass
die Kirche dadurch in Bewegung kommt, ist nicht neu. Deswegen brauchen wir
nicht zu erschrecken.
Damit sagen wir nicht, es
gebe keine neuen Fragen oder alle Fragen seien im Grunde schon beantwortet. Es
gibt auch Fragen, die vorige Generationen so nicht gekannt haben. Einige haben
wir oben schon genannt. Aber warum sollten diese Fragen eine Bedrohung für
unseren Glauben sein? Warum sollten wir vor ihnen Angst haben müssen? Natürlich
ist es riskant, neue Fragen zu stellen. Aber es ist mindestens ebenso riskant,
keine Fragen mehr zu stellen. Deswegen ist es besser, diese Fragen ohne Angst
aufzugreifen und sie als Herausforderung zu sehen, die uns helfen kann, eine
neue Antwort auf die Frage nach Jesus zu geben und Inhalt und Bedeutung unseres
Glaubens besser zu verstehen. Neue Fragen können auch zu neuem Glauben und
Bekennen anregen. Die Geschichte unseres Herrn und die Geschichte seiner Kirche
geben allen Anlass, darauf zu vertrauen.
Wir bekennen in diesem Heft unseren Glauben, indem
wir zusammenfassen und bedenken, was die Bibel uns über Christus und sein Heil
sagt. Wir werden dazu herausgefordert durch die Fragen, die in unserer
Zeit über den Glauben an Jesus Christus
gestellt werden. Deshalb tragen wir in unserer Wiedergabe auch der aktuellen
Diskussion Rechnung. Wir machen keinen Versuch, die Lehre von Jesus Christus
vollständig darzustellen. Wir beschränken uns aber auch nicht auf ein Gespräch
über die Auffassungen z.B. von Prof. Kuitert oder Prof. Den Heyer. Wir
versuchen als Kirche wieder zu geben, was wir im biblischen Zeugnis von Jesus
Christus und seinem Heil vernommen haben. Dabei lassen wir uns zuallererst
leiten durch das Bekennen der Vorfahren. Wo es im Blick auf heutige Diskussionen
nötig war, besprechen wir die Fragen über die Geschichtlichkeit des Glaubens an
Jesus Christus und die Fragen über den bildlichen Charakter der
Glaubensaussagen. Wir werden auch einige wichtige Fragen und Gesichtspunkte von
Prof. Kuitert und Prof. Den Heyer besprechen, ohne ihre Namen zu nennen, denn
was sie schreiben bewegt viele. Die betreffenden Abschnitte in diesem Heft
haben mehr den Charakter einer theologischen Diskussion.
Der Glaube an Jesus Christus und an
die Versöhnung mit Gott und Menschen ist nicht selbstverständlich.
Für die Gläubigen ist Jesus wichtig wegen seiner einzigartigen Beziehung zu
Gott. Versöhnung mit Gott setzt voraus, dass die Beziehung zu Gott für unser
eigenes Lebensglück eine entscheidende Bedeutung hat. Wenn es uns schwer
fällt, an Gott zu glauben, dann haben die Fragen nach Jesus für uns ein anderes
Gewicht. Wenn unser Leben kaum eine Beziehung zu Gott kennt, ist die Versöhnung
mit Gott für uns viel weniger wichtig. Aber auch wenn wir Gott suchen und Jesu
einzigartige Beziehung zu Gott erkennen, gibt es einige Voraussetzungen im
Reden über die Versöhnung, die überhaupt nicht selbstverständlich sind: Dass
Gott das Böse ursprünglich und letztendlich nicht will und wir deswegen auf
Erlösung hoffen dürfen; dass es neben dem Bösen, das wir erleiden, auch Böses
gibt, das wir tun und verursachen und wofür wir verantwortlich sind; dass wir,
indem wir uns für das Böse entschieden haben, unsere Beziehung zu Gott
zerbrochen haben und sie selbst nicht wieder herstellen können; dass ein anderer
uns vor Gott vertreten und unsere Beziehung zu Gott wieder in Ordnung bringen
kann. Das sind alles Voraussetzungen, die wir nicht von selbst erleben. Sie
können ernsthafte Hindernisse bilden für das Verständnis der Versöhnung. Wir
sind uns dieser Schwierigkeiten bewusst und haben sie, wo das erforderlich
schien, kurz angedeutet. Aufgabe dieses Heftes ist es jedoch nicht, ein
seelsorgerliches Gespräch über unsere Verständnis- und Glaubenprobleme zu
führen. Dieses Heft will unser Bekenntnis von Jesus Christus und der Versöhnung
zusammenfassen und beschreiben.
Nach dieser Einführung
beschreiben wir im zweiten Teil des Heftes den Glauben an Jesus Christus
(Kapitel 2) und die Versöhnung (Kapitel 3). Im dritten Teil zeigen wir zuerst,
wie unsere Vorfahren diesen Glauben bekannt haben und was die Gemeinschaft mit
diesem Bekennen beinhaltet (Kapitel 4). Danach gehen wir auf die besondere
Rolle ein, die die Glaubenslehre im Bekennen, Verkündigen und Unterrichten der
Kirche erfüllen muss (Kapitel 5). In Teil Vier gehen wir ausführlicher ein auf
zwei Probleme, die im heutigen Gespräch über Jesus, also auch in Kapitel 2 und
3 im Hintergrund mit im Spiel sind, nämlich die Geschichtlichkeit des Glaubens
(Kapitel 6) und den bildhaften Charakter der Glaubenssprache (Kapitel 7). Diese
Kapitel sind aus der Art der Sache ein wenig fachspezifisch, aber sie dürfen
nicht fehlen, weil jeder bewusste Gläubige mit diesen Fragen in Berührung
kommt. Wir schließen dieses Heft mit einem Hinweis auf die Quelle, aus der
unser Glaube kommt und lebt (Kapitel 8).
Jesus Christus
und unsere Versöhnung mit Gott
2. Unser Herr
und Erlöser
2.1 Christus
Wir gebrauchen die Worte Jesus und Christus meistens
als zwei Namen. Dieser Sprachgebrauch findet sich schon im NT. Das ist bemerkenswert,
weil dieses Wort eine griechische Übersetzung für das hebräische Wort
„Gesalbter“ ist (Maschiach, davon ist Messias abgeleitet). „Gesalbte“ sind im
Alten Testament Menschen, die Gott beauftragt, eine besondere Aufgabe zu
erfüllen. Dafür werden sie gesalbt, mit Öl oder mit dem Geist Gottes. Dies
geschieht bei Königen, dem (Hohen)Priester und dem Propheten Elisa. Wenn sie
„Gesalbte“ heißen, ist das kein Name, sondern ein Titel. Er deutet nicht ihre
Person, sondern ihr Amt an. Auch in außerbiblischen jüdischen Schriften findet
sich der „Ausdruck“ Messias für jemanden, der das Volk Israel von seinen
Feinden erlösen und ihm Frieden bringen wird als Anfang des Reiches Gottes in
dieser Welt. Die Frage, wie und durch wen das geschieht (durch einen König oder
einen Hohenpriester), wird verschieden beantwortet. Seine Nachfolger geben
Jesus schon zu Lebzeiten den Titel „Messias“ (Mk. 8,29). Nach seiner
Auferstehung hat sich dieses Wort als Name für Jesus bei der Gemeinde eingebürgert.
Wenn wir das Wort Christus als Amtstitel für „Gesalbter“ lesen, dann fasst er
die besonderen Funktionen zusammen, die Jesus im Auftrage Gottes erfüllt hat.
Gott hat Jesus mit dem Heiligen Geist gesalbt als Prophet, Priester und König. (HK A 31, Fundam. 6, 7, 8).
Zwei geschichtliche
Randbemerkungen müssen hier gemacht werden. Die wissenschaftliche Forschung hat
deutlich gemacht, dass es in Jesu Tagen keine eindeutige Erwartung des Messias
gab. Es gab viele unterschiedliche Vorstellungen des Messias. Es gab auch
Erlösungserwartungen ohne einen Messias. Deshalb kann man nicht sagen, Jesus
habe mit seinem Auftreten für alle, die ihn sahen, eindeutig bewiesen, dass er
der Messias sei. Ebenso wenig kann man behaupten, er sei nicht der Messias
gewesen, den Israel erwartete, weil er Israel nicht von der römischen
Besatzungsmacht befreit habe.
Historisch-wissenschaftlich
ist es nicht wahrscheinlich, dass Jesus sich „Messias“ nennen ließ (Mk. 8,30),
aber wohl, dass er seinen Auftrag messianisch verstanden hat, auch wenn man das
nicht beweisen kann. Das Gegenteil, dass er sich nicht als Messias verstanden
hat, kann man ebenso wenig beweisen.
Für unseren Glauben ist es
wichtig, dass wir den Namen und den Titel „Christus“ nur gut verstehen können,
wenn wir auf das Alte Testament und andere jüdische Schriften achten. Die
Aufgabe des Messias, die Rolle, die er erfüllen muss, und das Heil, das er
bringt, werden nur im Weg, den Gott mit seinem Volk Israel geht, recht
deutlich. Der Messias wurde und wird in der Synagoge noch immer erwartet als der
Erlöser Israels. Wenn wir Jesus als Messias bekennen, erkennen wir damit an,
dass Jesus für Israel gekommen ist. Er „ist ein Diener der Juden“ (Röm. 15,8).
Der größte Teil Israels aber hat Jesus nicht als Messias anerkannt. Deswegen
gibt es zwischen Synagoge und Kirche eine tiefe Kluft. Weil Gott seinem Volk,
das er erwählt hat, treu bleibt, bleibt Israel das erwählte Volk Gottes. Die
Kirche ist nicht an die Stelle Israels getreten. Unser Glaube an den Messias
Jesus verbindet uns mit dem Volk, für das er gekommen ist und zu dem er gehört,
dem Volk Gottes. Durch Jesus haben wir Zugang zum Gott Israels (Eph. 2,11-13)
und durch ihn teilen wir die Israel geschenkte Erwartung des Reiches Gottes. (KO VPKN I 1).
Die Bezeichnung „Christen”
kommt von Christus. Dieser Name bedeutet: wir haben Teil an seiner Salbung, an
seinem besonderen göttlichen Auftrag, und wir sind berufen, auf unsere Art und
Weise königlich, priesterlich und prophetisch zu leben (HK A 32). Der Geist
Gottes, der ihn erfüllte, will auch in unserem Leben wirken.
2.2. Herr und
Erlöser
Der besondere Ort Jesu Christi in unserem Leben und
in der Welt wird mit dem Titel „Herr“ angedeutet. Ein Herr hat Befugnis und
Macht, zu regieren und seinen Dienern Aufträge zu erteilen. Jesus ist der Herr,
weil er Autorität hat über unser Leben. Die Bezeichnung „Herr“ gebrauchte man
in der griechischen Kultur, in der die Kirche sich entwickelte, für Götter und
göttliche Herrscher. Die Stellung, die sie für sich fordern, kommt nur Jesus
Christus zu (1. Kor. 8,6). Jesus hat sich ausgerechnet darin für uns als Herr
erwiesen, dass er sich für uns erniedrigte (Phil. 2,7f). Griechischsprechende
Juden kannten den Ausdruck „Herr“ als griechische Übersetzung des
alttestamentlichen Eigennamens JHWH, den die Juden nicht aussprechen dürfen.
Dieser Herr beweist seine Herrschaft in seiner gnädigen und barmherzigen
Anwesenheit. Mit dem Titel „Herr“ steht Jesus auf der Höhe des Gottes Israels.
Dinge, die im Alten Testament von Gott gesagt werden, können jetzt auf Jesus
übertragen werden. Das bedeutet nicht, dass Jesus den Platz Gottes einnimmt und
sozusagen Gott ersetzt, aber es bedeutet wohl, dass Jesus teilhat an der Königsherrschaft
Gottes. Gott hat Jesus durch die Auferstehung erhöht und lässt ihn teilhaben an
seinem Königtum und seiner Herrschaft (1. Kor. 15,23-28). Jesus sitzt zur
Rechten Gottes. Er ist erhöht, damit alle sich vor ihm beugen und ihn als Herrn
bekennen (Phil. 2,9-11). Er ist nicht nur der Herr der Gemeinde, sondern auch
der Welt. Deshalb können wir in der Welt letztendlich keine anderen Herren
anerkennen. (Barmen II).
Jesus ist unser Herr. Das
bedeutet, wir dienen ihm und halten seine Gebote. Wer ihn als Herrn bekennt,
will sein Diener sein. Er ist nicht ein Herr, der nur Gehorsamkeit fordert,
sondern ein Herr, der uns zuvor gedient hat. Ihm gehorsam zu sein, bedeutet ihm
nachzufolgen (Phil. 2,1-5).
Das Wort „Herr“ reicht nicht
aus, die Bedeutung Jesu in unserem Leben auszudrücken. Er ist unser Herr und
Erlöser (Heiland) (2.Petr. 1,11). (KO VPKN I 6). Im Hebräischen und
Griechischen hängt das Wort Erlöser, das man auch als Retter, Befreier oder
Heiland übersetzen kann, zusammen mit dem Tätigkeitswort für retten, befreien,
erlösen und erhalten und mit dem Hauptwort für Rettung und Heil. In diesem
Titel klingt also stark an, was Jesus für uns tut und was er uns gibt. Er
rettet uns vielfach von Bosheit und Untergang. Er bewahrt und behütet uns und
gibt uns Heil, ein volles und gutes Leben vor Gott. Wenn wir Jesus „Christus“
oder „Herr“ nennen, tun wir das immer auch im Blick auf das Heil, das er uns
bringt. Er ist nicht Christus oder Herr für sich selbst, er ist es für uns. Zu
unserm Heil ist er vom Himmel gekommen. (Niz.-Konst.)
Jesu Herrschaft und Erlösung
gehören zusammen. Wenn wir über das eine sprechen ohne das andere, entstehen Missverständnisse
und Verzeichnungen. Ein Herr, der uns nicht erlösen würde, würde kalt und
distanziert über uns stehen bleiben. Glauben wäre dann nicht mehr als
Pflichterfüllung. Im christlichen Leben würde es nur um unser Tun und unsere
Leistungen gehen. Umgekehrt wäre ein Erlöser, der unser Leben nicht regieren
würde, nur ein Mittel, um uns eine friedliche Existenz zu sichern. Glauben
würde dann nur der Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse dienen. Im
christlichen Leben würde es nur um unser Wohlbefinden gehen. Es gäbe keinen
Einsatz, keinen Dienst und keine tatkräftige Liebe für Gott und den Nächsten.
Deshalb gibt der Glaube an Christus unserem Leben einen empfangenden und
gebenden, einen entspannten und eingespannten Charakter. Wir üben uns darin,
ihn mit zwei Worten zu bekennen: als unseren Herrn und unseren Erlöser.
2.3. Sohn
Gottes
Der Titel „Sohn“ kommt häufig und in fast allen
Schriften des Neuen Testaments vor. Dieser Titel ist wichtig, weil er Jesu Verhältnis
zu Gott andeutet. Wer Jesus ist und worin das Geheimnis seiner Person besteht,
enthüllt sich uns im tiefsten in diesem Wort. Jesus ist der Sohn Gottes.
Das Wort Sohn deutet auf
Jesu besonderes Verhältnis zu Gott. Diese Verbindung ist in seinem ganzen
Auftreten zu spüren. Er betet zu Gott als „mein Vater“ und lehrt seine Jünger
zu beten zu „unserem Vater“. Mit prophetischer Vollmacht verkündigt er das
Kommen des Reiches Gottes und ruft auf zu Bekehrung. Er spricht von diesem
Reich in Gleichnissen. Dabei deutet er auch seine eigene Rolle im Kommen dieses
Reiches an. Er tritt auf in der Vollmacht des Geistes, den er bei seiner Taufe
empfangen hat. Er treibt böse Geister aus, heilt Kranke, vergibt Sünden und
ruft Menschen auf, ihm nachzufolgen. Er stellt die Menschen vor die Entscheidung,
für oder gegen das Reich Gottes, und diese Entscheidung ist identisch mit der
Entscheidung für oder gegen Jesus. So handelt er im Namen Gottes und als Gott.
Der Ausdruck „Sohn Gottes“
wird nicht nur für Jesus gebraucht. Im Alten Testament werden auch das Volk
Israel und König David so bezeichnet. Im Neuen Testament heißen die Gläubigen
Söhne Gottes und auch einige jüdische, charismatische Wundertäter werden Sohn
Gottes genannt. Alle haben sie eine besondere Beziehung zu Gott. Aber Jesu
Verhältnis Gott gegenüber ist einzigartig: in seinen Worten und Taten hat er
sich mit Gott und Gottes Handeln identifiziert. Gott hat dies bestätigt und
sich mit Jesus vereint, indem er ihn von den Toten auferweckt hat (Röm. 1,3).
Darum wird er der eingeborene Sohn Gottes genannt (Joh. 1,14), (Apost. Gl.
Bek.).
Diese einzigartige Beziehung
wird vor allem im Johannesevangelium weiter durchdacht und ausgearbeitet. Das
Wort Beziehung ist noch zu wenig, um die intime Lebensgemeinschaft zwischen
Gott und Jesus anzudeuten. Gott und Jesus stehen nicht als zwei lose Personen
einander gegenüber, sie bilden eine Einheit. In seiner Mission, seinem Handeln
und Reden ist Jesus eins mit Gott und Gott eins mit Jesus. Der Vater ist im
Sohn und der Sohn ist im Vater (Joh. 10,30; 14,10).
Jesu Jünger haben diese
Einheit mit Gott erlebt und nach der Auferstehung unterschiedlich ausgedrückt.
In Jesus handelt Gott. In ihm ist Gott anwesend und kommt Gott zu uns. (Fundam.
4, Proeve 3).
Diese Einheit mit Gott
bestimmt das ganze Leben Jesu. Sie war von Anfang an da und bleibt immer
bestehen. Um jeden Schein zu vermeiden, diese Einheit könne zufällig und
nebensächlich sein, haben einige Zeugen diese Einheit ausdrücklich bekannt als
den ewigen Grund für Jesu irdisches und zeitliches Leben. Wenn in Jesus Gott
selbst zu uns kommt, dann hat Jesus seinen einzigartigen Ursprung offenbar in
Gott selbst. Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub,
Gott gleich zu sein, sagt ein sehr frühes Bekenntnis (Phil. 2,6). Johannes 1
drückt Jesu göttliche Herkunft genauer aus. Die Beziehung zwischen dem Vater
und dem Sohn ist die Beziehung zwischen Gott und seinem ewigen Wort vom Anfang.
Es gibt keine Zeit und keinen Ort, wo Gott ohne Jesus und Jesus ohne Gott ist.
Das Wort, das bei Gott ist, und das Gott ist (Joh. 1,1), hat die menschliche
Existenz angenommen und hat in Jesus als Mensch auf Erden gelebt. Das ewige,
göttliche Wort ist der Sohn des Vaters.
Die Kirche hat sich in ihrem
Bekennen bei Johannes angeschlossen, um die einzigartige Verbundenheit und
Einheit zwischen Jesus und Gott in Worte zu fassen. Auf der Spur des Johannes
und in der Tradition der Kirche bekennen wir, dass Gott, der Sohn, Mensch
geworden ist. (CA 3, Kl. Kat. 2, Leuenb. 21). Dabei ist es wichtig, dass wir
solche Ausdrücke und Redewendungen gut verstehen. Mit dem Ausdruck „die
Gottheit Jesu“ deutet man den einzigartigen Ursprung Jesu an im ewigen Leben
Gottes und seine einzigartige Einheit mit dem Vater, in der er gelebt hat und
in der er gestorben und auferweckt worden ist. Gleichzeitig müssen wir
bedenken, dass Jesus als Sohn vom Vater unterschieden bleibt. Der Sohn ist
nicht der Vater. Jesus „ist“ nicht Gott. Er ist der Sohn Gottes und in diesem
Sinne göttlich. Seine einzigartige Einheit mit Gott bleibt eine einzigartige
Beziehung zu Gott.
Jesu Gottheit, seine
einzigartige Einheit mit Gott, verdrängt also nicht seine Menschlichkeit, seine
einzigartige Beziehung zu Gott. Es ist keine Rede davon, dass wir mit dem
Bekenntnis der Gottheit Jesu seine Menschheit leugnen und ihn sehen als einen
zweiten Gott neben Gott oder sogar anstelle Gottes.
Mit diesem Bekenntnis der
Gottessohnschaft Jesu wird in unserer Zeit (wieder) die historische Frage
gestellt, ob Jesus sich seiner Gottheit bewusst war und ob er sich selbst als
eingeborenen Sohn Gottes oder als fleischgewordenes Wort gesehen hat.
Dabei müssen wir zuerst
bedenken: die Wirklichkeit und das Geheimnis von Jesu Verbundenheit mit Gott
sind nicht identisch mit den Ausdrücken, die sie andeuten. Dass Jesus sich
selbst nicht als fleischgewordenes Wort Gottes oder eingeborenen Sohn Gottes
bezeichnet hat, schließt nicht aus, dass diese späteren Ausdrücke seine Einheit
mit Gott angemessen umschreiben.
Weiter müssen wir bedenken, dass
wir mit den Mitteln der historischen Wissenschaft nicht feststellen können, ob
Jesus sich selbst für göttlich gehalten hat. Historisch kann man das genauso
wenig beweisen wie das Gegenteil. Wohl gibt es in Jesu außergewöhnlichem
Auftreten Hinweise, die wir oben genannt haben, die andeuten, dass er von einem
einzigartigen Auftrag und einer einzigartigen Einheit mit Gott gewusst hat, die
ihn von allen anderen Dienern Gottes unterscheidet.
3. Versöhnung
3.1. Erlösung
von dem Bösen
Jesus Christus ist unser Herr und Erlöser, der Sohn
Gottes. In ihm ist Gott zu den Menschen gekommen und hat er uns Heil geschenkt.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Jesus uns von all unseren Leiden und Fehlern
befreit hat. Unser Leben auf Erden ist noch immer gefährdet und vergänglich.
Unsere Existenz kann plötzlich von Krankheiten oder Naturkatastrophen bedroht
werden. Nach Jesu Kommen erwarten wir mehr als je zuvor ein neues und gutes
Leben (Röm. 8,19-21) und wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde (2.
Petr. 3, 13).
Jesus hat uns in Wort und
Tat verkündet: das Reich Gottes ist nahe. Diese Verkündigung ist gleichzeitig
ein Ruf zur Bekehrung (Mk. 1,15). Durch seine Unterweisung und sein Beispiel
zeigt er uns den Weg in sein Reich. Er öffnet unsere Augen für dieses Reich,
indem er Gleichnisse erzählt, die dieses zugleich erklären und verbergen. Seine
Heilungen sind Zeichen, die ein Leben ohne Krankheit, Leiden und Tod verheißen.
Er ist als Erstling aus den Toten auferstanden und regiert als König bis zur
Vollendung (1.Kor. 15, 23f). Das Reich hat in Jesus Christus angefangen, aber
es ist unter uns noch nicht volle Wirklichkeit geworden. Gemeinsam mit Israel
erwarten wir noch die Erlösung (KO VPKN I 1).
Diese Erlösung ist keine
Befreiung aus unserer irdischen und leiblichen Existenz als solche, nicht nur
innerliche Glückseligkeit, keine geheime Erkenntnis und kein höheres
geistliches Wissen. Eine solche Erlösung würde bedeuten, dass unsere irdische
und leibliche Existenz als solche Ursache für Leiden und Schlechtes wäre. Wir
haben dieses Leben empfangen als gute Gabe Gottes, des Schöpfers. Deswegen ist
unser Leben auf Erden nicht etwas Schlechtes.
Gott hat Himmel und Erde
nicht schlecht erschaffen, und das Schlechte passt nicht in Gottes Reich. Aber
wir stoßen in der Welt und in uns selbst auf die Realität des Bösen. Manchmal
erleben wir es wie eine Macht, die uns von außen bedroht, uns Schmerzen zufügt
oder unglücklich macht. Es gibt auch böse Neigungen in uns selbst, denen wir
nachgeben, und es gibt böses Verhalten um uns herum, bei dem wir mitmachen. Wir
tun auch selber Böses gegenüber anderen und uns selbst. Das Böse ist ein
unergründbares Rätsel. In Gottes guter Schöpfung und in Gottes Reich kann es
keinen Platz haben, aber in unserem Leben ist es eine unleugbare Realität.
Wir hoffen, vom Bösen erlöst
zu werden. Wir können uns nicht damit abfinden. Wenn wir uns mit dem Bösen in
uns selbst und in der Welt abfinden, werden wir nicht von Herzen auf die
Erlösung warten. Und wenn wir unter dem Bösen leiden und nach Befreiung
verlangen, aber dafür keine Möglichkeit sehen, dann können wir nicht auf
wirkliche Erlösung hoffen. Wir müssen uns dann schweren oder leichten Herzens
abfinden mit dem, was uns überkommt, es sei gut oder böse. Als Gläubige
können wir uns nicht abfinden mit dem Bösen, das Menschen passiert oder das
Menschen tun. Wir glauben, dass das Böse nicht Gottes Absicht mit unserem
Leben entspricht. Wir glauben, dass unser Leben auf Erden und die Geschichte
der Menschheit zum Guten bestimmt sind und dass unser Leben deshalb nicht
sinnlos ist.
Weil das Böse unsere
Vorstellungskraft übersteigt, können wir diese Wirklichkeit nicht exakt
beschreiben; wir müssen sie mit Bildern andeuten. Unsere Bekenntnisse fassen
das Böse zusammen als Teufel, Tod und Sünde; das sind schwere Worte mit großer
symbolischer Kraft. (Gr. Kat. 2). „Teufel“ deutet die Macht des Bösen
außerhalb von uns selbst an; „Tod“ deutet das Böse an, das unser Leben bedroht
und „Sünde“ ist das Böse, das stärker ist als wir selbst, dem wir nachgeben
oder wofür wir uns entscheiden. Natürlich sind diese zusammenfassenden Begriffe
noch allgemein. Das Böse nimmt konkrete Formen an in Naturereignissen,
menschlichen Handlungen und gesellschaftlichen Strukturen. Deshalb erlebt und
benennt man es auch verschieden. Dasselbe gilt für die Befreiung vom Bösen. Die
Geschichte zeigt viele verschiedene Erfahrungen von Bosheit und Erwartungen von
Heil. Auch innerhalb der weltweiten Kirche erlebt man Unheil und Heil
unterschiedlich. Das hängt damit zusammen, dass unser Leben weithin von
historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umständen bestimmt wird. Dies
muss noch nicht zu einander entgegengesetzten Entwürfen führen. Bei allen
Unterschieden kann man das Böse als böse erkennen und benennen. Das Böse ist
nicht gut, und es wird nicht gut. Überall bleibt auch die Unterscheidung
zwischen dem Bösen als Leiden und Tod, dem Bösen als böser Macht und dem Bösen
als verkehrtem Tun.
Gott wird uns in seinem
Reich vollkommen erlösen von Leid und Tod. Die Macht des Bösen, der Teufel,
ist nicht mehr der Herr unseres Lebens, sondern Jesus Christus ist es. (Gr. Kat. 2, HK A 1+2). Die Zeichen seiner Macht über das Böse sind in unserer Geschichte und
unserem Leben manchmal schon zu sehen. Aber das Böse ist in der Welt und in
unserem Leben noch aktiv. Wir können nicht leben, ohne zu sündigen, und wir
können die Sünde nicht ungeschehen machen. Aber Jesus Christus hat uns von
unserer Schuld und unserer verlorenen Gemeinschaft mit Gott befreit. Wenn wir
von Versöhnung sprechen, geht es uns um diese Befreiung.
3.2.
Versöhnung unserer Schuld
Das neutestamentliche Griechisch hat zwei Begriffe
für Versöhnung. Der eine deutet die Wiederherstellung einer Beziehung an, der
andere die Wegnahme der Sünde. Versöhnung ist ein Kernbegriff unseres Glaubens.
Damit sagen wir nicht, dass Schuld die einzige Form des Bösen und Versöhnung
die einzige Form des Heils ist. Wir beten nicht nur „Vergib uns unsere Schuld“,
sondern auch „Erlöse uns von dem Bösen“ (Mt. 6, 12f). Wenn wir jedoch weiter
zum Kern des Unheils vordringen, stoßen wir früher oder später auch auf unsere
Schuld. Wir können diese Form des Bösen nicht leugnen. Deshalb hat die
Versöhnung der Schuld eine zentrale Bedeutung für unseren Glauben. Zugleich ist
dieses zentrale Glaubenswort von vielen Missverständnissen bedroht. Die Lehre
von der Versöhnung hat schon zu scheinbar „unversöhnlichen“ Gegensätzen
geführt. Deshalb verdient die Versöhnung hier besondere Aufmerksamkeit.
Die Bibel spricht von Sünde.
Das Wort Sünde deutet etwas an, das tiefer geht als die Übertretung eines
Gesetzes, ein moralisch falsches Tun oder ein Abweichen von einer natürlichen
oder kosmischen Ordnung. Wenn Menschen sündigen, setzen sie ihre Beziehung zu
Gott und zum Nächsten und damit ihre Zukunft und ihr Lebensglück aufs Spiel. Sünde
ist nicht nur eine persönliche Tat, sie hat auch etwas Gemeinschaftliches. Von
Anfang an haben Menschen sich von Gott und ihrem Nächsten abgewandt und sich
selbst gesucht. Dadurch sind sie von Gott entfremdet. Alle Menschen sind von
Gott entfremdet. So gesehen ist die Sünde eine Last und eine Macht, von der wir
uns nicht aus eigener Kraft freimachen können (Proeve 2).
Wenn wir sündigen, wenden
wir uns ab von unserem Schöpfer und seinem heilsamen Willen, der ein Leben in
Frieden ermöglicht. Wir nehmen die Gabe des Lebens in die eigene Hand und
kündigen dem Geber des Lebens unser Vertrauen auf. Wir zerreißen die Verbindung
mit der Quelle unserer Existenz. Wir verurteilen uns selbst zu einem Leben ohne
Gott. Wir lieben Gott nicht über alles und den Nächsten nicht wie uns selbst.
Wir enthalten Gott vor, was ihm gehört, und tun ihm damit Unrecht. Wir brechen
die Beziehung ab und können sie selbst nicht wiederherstellen. Wir werden an
Gott schuldig und können nicht mehr in Frieden mit ihm leben.
Wir entdecken die eigene
Sünde, wo Gott Gemeinschaft mit uns haben will und wo sich zeigt, dass wir
seine Zuwendung nicht wollen. Im Alten Testament sehen wir, wie das Volk, mit
dem Gott seinen Bund geschlossen hat, diesen Bund im Ungehorsam immer wieder
bricht. Jesus verkündigt im Namen Gottes die Nähe des Reiches Gottes und ruft
uns auf, uns von unserem alten Leben abzuwenden und uns auf seine Zukunft zu
richten. Aber dann zeigt sich, dass viele ihm nicht folgen wollen. Wo er an seinem
Anspruch auf unser Leben festhält, wenden sich immer mehr Menschen von ihm ab.
Schließlich lassen ihn alle allein und er stirbt am Kreuz. In der Kreuzigung
zeigt sich unsere Sünde am deutlichsten als Feindschaft gegen Gott. Er kam in
sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf (Joh. 1,11).
Von Schuld kann nur die Rede
sein im Verhältnis zwischen Personen. Nur jemanden, der selbst verkehrt handelt
und damit einem anderen etwas schuldig bleibt, nennen wir schuldig. Schuld ist
mehr als persönliches Versagen; sie bedeutet zugleich, dass wir dem anderen
etwas schuldig bleiben. Unsere tiefste Schuld ist, dass wir Gott etwas schuldig
bleiben. Wer sein Leben ohne Gott lebt oder für wen diese Beziehung nicht
natürlich und selbstverständlich ist, der erlebt seine Schuld nicht. Er erkennt
die Notwendigkeit der Versöhnung nicht, auch wenn er nach Heil verlangt und auf
Erlösung wartet. Eine gute Beziehung zu Gott ist für ihn nicht das höchste Heil
und ein Verlust dieser Beziehung nicht das größte Unheil. Wenn die Beziehung zu
Gott unser Erleben von Heil oder Unheil nicht bestimmt, dann berührt uns die
Botschaft der Versöhnung nicht.
Wir können nicht bei jeder
Erfahrung von Unheil direkt von menschlicher Schuld sprechen. Es gibt
Naturkatastrophen, für die kein Mensch verantwortlich ist. Technisch verursachte
Unglücksfälle und gesellschaftliches Unrecht wie Hunger und Armut erleben wir
eher als unbeabsichtigte Auswirkungen menschlichen Handelns denn als
persönliche Schuld. Trotzdem müssen wir von Schuld sprechen. Es gibt zu viel
Böses, das Menschen einander antun. Wir sind nicht nur ein Spielball der
Umstände. Wir sind verantwortlich für unsere Taten und oft auch für ihre
Folgen. Das ist unsere Menschlichkeit, und darauf beruht unsere menschliche
Würde. Wer die menschliche Verantwortung nicht anerkennt und wer den Menschen
nur als natürlichen Organismus oder Mechanismus ohne eigenen Willen sieht, der
wird die Schuld minimalisieren und damit auch die Notwendigkeit von Heilung und
Versöhnung. Wir halten dagegen in unserer Beziehung zu Gott dem Schöpfer an unserer
menschlichen Verantwortung fest und tragen deswegen schwer an unserer Schuld.
3.3.
„gestorben für unsere Sünden“
Das Neue Testament verkündigt uns die gute
Nachricht, dass Gott uns in Jesus Christus von der Schuld befreit hat. Gott selbst
hat die zerbrochene Gemeinschaft mit ihm wiederhergestellt und so unser Leben
neu gemacht, dass wir in neuem Gehorsam seinem Willen gegenüber leben können
und wollen. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“
(2.Kor. 5,19). Christus ist für unsere Sünden gestorben (1.Kor.15,3). Paulus
verkündigt den gekreuzigten Christus (1.Kor.1,23; 2,2). Am Kreuz, dem Symbol
für Fluch und Schande, hat Christus uns erlöst vom Fluch des Gesetzes (Gal.
3,13f). In der christlichen Tradition ist das Kreuz ein Symbol des Heils. So
nennen wir (im Niederländischen) den Tag, an dem wir das Sterben Jesu gedenken,
den „Guten Freitag“ („goede vrijdag“).
Paulus konzentriert sich so
stark auf das entscheidende Geschehen von Kreuz und Auferstehung Jesu, dass Jesu
Leben im Hintergrund verschwindet. Damit hebt Paulus hervor, dass in Jesu Tod
etwas Entscheidendes geschehen ist. Das bedeutet nicht, dass wir Jesu Tod
losgelöst von seinem Leben sehen können. Jesu Bereitschaft zu sterben liegt in
einer Linie und einer Verlängerung mit seiner Art zu leben. In diesem Sinne ist
sein Tod die Konsequenz seiner Worte und Taten. In seinem Tod hat er seine
Lebensaufgabe bis zum Letzten vollbracht. Er ist für andere gestorben, wie er
auch für andere gelebt hat. In seinem Sterben hat er selbst getan, was er
verkündigte (Mk. 8,35). Er war dienstbar bis zum Äußersten und hat sein Leben
hingegeben (Mk. 10,45).
Jesu Leben war mehr als nur
Leiden. Er kannte Momente von Freude und Frieden. Wir dürfen die Botschaft
seines Leidens und seines Sterbens für andere nicht lösen von der Geschichte
seines Lebens und seiner Auferstehung. Wir haben die Briefe und die Evangelien
beide nötig, um seine Bedeutung zu entdecken und sein Heil völlig zu erkennen.
Dann können auch Fragen bei
uns aufkommen. Etwa die Frage nach dem Handeln Gottes in Jesu Leiden und
Sterben und die Frage, ob Jesus seinen Tod selbst als heilbringend gesehen und
gewählt hat.
Paulus verkündigt, Gott habe
in Jesu Tod gehandelt. Im Lukasevangelium hören wir, dass der Christus leiden
„musste“ (Lk. 24,26). Hat Gott den Tod Jesu gewollt (Apg. 2,23)? Gleichzeitig
machen die Evangelisten unüberhörbar deutlich, dass die Führer des jüdischen
Volkes und der römische Statthalter, also Menschen wie wir, Jesus zu Tode
gebracht haben (Apg. 2,23; 3,15). Menschen sind für seinen Sterben
verantwortlich.
Es macht uns große Mühe,
Gottes Handeln und die Verantwortung von Menschen zusammen zu denken. Die
Versuchung ist groß, das eine auf Kosten des anderen zu betonen. Wenn wir
Gottes Handeln im Sterben Jesu betonen, droht die menschliche Verantwortung für
dieses Unrecht zu verschwimmen. Wenn wir dagegen das menschliche Handeln darin
voranstellen, ist es schwer, Gott am Werk zu sehen. Wie verhalten sich das
Handeln Gottes und das Handeln des Menschen zueinander, und wie ist das
Verhältnis zwischen dem Willen Gottes und der menschlichen Verantwortlichkeit?
Dieses Problem ist seit dem Anfang der Kirchengeschichte aufgetaucht. Für
heutige Menschen kommt ein Problem hinzu. Wir gehen bewusst oder unbewusst von einer
Vorstellung der menschlichen Geschichte aus, in der für Gottes Handeln kaum
oder überhaupt kein Platz ist.
Das Handeln Gottes liegt
nicht auf einer Ebene mit dem der Menschen und das Verhältnis zwischen Gottes
Handeln und dem der Menschen ist nicht immer gleich. Gott kann handeln ohne die
Beteiligung von Menschen. Er kann auch das Handeln von Menschen in seine
Absichten aufnehmen. Dann handelt er über oder mit dem menschlichen Handeln.
Gott kann in und durch Menschen handeln. Wie immer Gottes Handeln sich auch zum
menschlichen Handeln verhält, sein Handeln hebt das der Menschen und ihre
Verantwortung nicht auf. Deswegen können wir nicht sagen: entweder handelt Gott
oder der Mensch. Die Bibel spricht nicht von 'entweder – oder' sondern von
'sowohl – als auch' (Verzoening 22-26). Jesus wurde von Menschen getötet. Aber
das schließt nicht aus, dass Gott hier am Werk war. Und dass Gott hier am Werk
war, hebt die menschliche Verantwortung nicht auf.
Wenn man suggeriert, Gott
habe das Leiden Jesu 'gewollt', müssen wir uns fragen, was mit diesem 'wollen'
gemeint ist. Wenn wir dies 'wollen' auffassen als ein beauftragen oder befehlen
, ist es ausgeschlossen, dass Gott Jesu Tod gewollt hat. Aber wenn wir 'wollen'
auffassen im Sinne von bezwecken oder nachstreben, dann könnten wir sagen, Gott
habe Jesu Tod in seine Absichten aufgenommen. Jesus ist gekommen, um im Namen
Gottes das Reich Gottes auszurufen. Aber diese Ankündigung und diese Absicht
wecken Widerstand. Dieser Widerstand, der sich letztlich gegen Gottes Absicht
mit Christi Leben richtet, führt schließlich zu Jesu Leiden und Sterben.
Während Jesus am Widerstand gegen Gottes Herrschaft stirbt, wird gerade dadurch
Gottes Herrschaft verwirklicht. So hat Gott Jesu Tod in seine Absichten und
seinen Plan aufgenommen. In diesem Sinn hat Gott gewollt, dass Jesu Tod uns zum
Heil dienen soll.
Die Verkündigung, dass Jesus
für uns gestorben ist, kann weiterhin die Frage aufrufen, ob Jesus selbst
seinen Tod als Auftrag oder heilbringend gesehen hat. Diese geschichtliche Frage
ist mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft nicht mit Sicherheit zu
beantworten. Die Evangelien, die uns von Jesu Auftreten erzählen, sind
größtenteils seinem Leiden gewidmet. Zweifellos enthalten sie Erinnerungen an
das, was Jesus gesagt hat. Gleichzeitig werden sie getragen durch den Glauben
seiner Jünger, dass Jesu Kreuz und Auferstehung uns Heil bringen. Dieser Glaube
hat nach Ostern Gestalt gewonnen und unter anderem in den Evangelien seinen
Ausdruck gefunden. Es wäre sehr seltsam, wenn die Berichte über das Leben Jesu
hierdurch nicht gefärbt worden wären. Genau diese Färbung macht die Evangelien
zum Evangelium, zur Guten Nachricht. Das bedeutet, nicht alles ist mit der
Genauigkeit und Sicherheit zu überprüfen, die die Geschichtswissenschaft fordert.
Was Jesus selbst gesagt hat, ist historisch-wissenschaftlich nicht immer mit
Sicherheit zu bestimmen, man kann es höchstens für mehr oder weniger
wahrscheinlich halten.
In den Ankündigungen seines
Leidens und Sterbens und seiner Auferstehung (Mk. 8,31; 9,31; 10,33f) spricht
Jesus von seinem kommenden Ende, aber er sagt nichts über dessen Bedeutung.
Dass Jesus seinen kommenden Tod als Teil seines Auftrages gesehen hat, zeigt
sich im Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Mk. 12,1-9). Einen Hinweis, dass
er sein Sterben für heilbringend gehalten hat, finden wir in seinen Worten beim
letzten Abendmahl (1.Kor. 11,25; Mt. 26,28). Es ist auch gut
möglich, dass er seinen Weg in der Gestalt des leidenden Knechtes des Herrn aus
Jesaja 53 wiedererkannt hat (Mk. 10,45). Weiter können wir, rein historisch
gesehen, nicht gehen.
Es gelten hier dieselben
Überlegungen wie bei der Sohnschaft Jesu. Die historische Frage, was Jesus
selbst über die Bedeutung seines kommenden Todes zuvor empfunden und gesagt
hat, ist nicht von durchschlagender Bedeutung für die Botschaft, dass er für
uns gestorben ist. Die Verkündigung der Apostel und Evangelisten gründet sich
auf ihrer Begegnung mit Jesus vor und nach Ostern und auf das Werk seines
Geistes, der ihnen die Augen für Jesus öffnete. Unser Glaube gründet sich auf
ihre Verkündigung, für die der Geist unsere Herzen öffnet. Unser Glaube hängt
an der Begegnung im Geist mit unserem Herrn und Erlöser, der lebt und der auf
Erden gelebt hat. Damit verglichen ist die Frage, ob die Tatsächlichkeit aller
Teile des Evangeliums historisch-wissenschaftlich zu beweisen ist, weniger
wichtig.
In der Verkündigung des
Neuen Testaments ist das Kreuz ein wesentlicher Teil vom Heil, das in Jesu
ganzem Leben, Sterben und Auferstehen von den Toten von Gott her geschehen ist.
Jesu Sterben ist mehr als die Folge ungerechten menschlichen Handelns, obwohl
es das auch ist. In seinem Tod geht es um mehr als um Jesu Verhältnis zu Gott,
obwohl es darum auch geht. Auf wunderliche Weise ist Gott aktiv in diesem Geschehen
dabei und ist dieses Geschehen entscheidend für Gottes Verhältnis zur Welt und
unser Verhältnis zu Gott. Von dieser Wirklichkeit geht die Verkündigung des
Neuen Testaments aus.
3.4 Bilder
Die Wirklichkeit der Versöhnung ist ein Geheimnis.
Wir können im Tiefsten nicht erhellen und ergründen, wie der Tod Jesu unsere
zerbrochene Beziehung zu Gott wiederherstellt. Das geschieht im Neuen Testament
auch nicht. Wohl wird dort das Wunder der Versöhnung auf verschiedene Weise
bildlich festgehalten. Die verschiedenen Bilder erhellen die Versöhnung auf
unterschiedliche Weise und lassen die verschiedenen Seiten der Versöhnung für
uns aufleuchten. Durch diese Bilder können wir dem Geheimnis der Versöhnung auf
die Spur kommen und uns ihm denkend nähern. Aber kein einziges Bild gibt den
Reichtum der Versöhnung umfassend und erschöpfend wieder. Wir dürfen deswegen
kein einziges Bild der Versöhnung mit der Wirklichkeit der Versöhnung
gleichsetzen.
Wenn wir zu verstehen
suchen, was die biblischen Zeugen uns mit ihren Bildern sagen wollen, brauchen
wir uns nicht auf diese Bilder zu beschränken. Wir dürfen auch andere, neue
Bilder benutzen. Auch können wir versuchen, die verschiedenen Bilder
miteinander zu verknüpfen und sie in ihrem Zusammenhang zu verstehen. Dabei
benutzen wir genauer umschriebene Begriffe. Dann entsteht eine „Lehre“ der
Versöhnung. Es kann mehrere solcher ‚Versöhnungslehren’ geben, wie die
Kirchengeschichte zeigt. Jede Versöhnungslehre steht in der Gefahr, die
verschiedenen Bilder so zu „vermengen“, dass unterbeleuchtet bleibt, was jedes
Bild für sich sagen wollte. Eine andere Gefahr ist, dass ein Bild in den
Mittelpunkt rückt und dass andere ihm untergeordnet werden. Bestimmte Aspekte
der Versöhnung fallen dann heraus oder sie werden verzeichnet. In einem
Gesamtbild, das eine Lehre geben möchte, sind Einseitigkeiten kaum zu
vermeiden. Deshalb kann keine Versöhnungslehre die biblischen (und zeitbedingten)
Bilder der Versöhnung ersetzen. Noch weniger als die Bilder der Versöhnung darf
man eine Versöhnungslehre mit der Wirklichkeit der Versöhnung gleichstellen. An
die Versöhnung glauben und aus der Versöhnung leben ist etwas anderes als einer
Versöhnungslehre anhängen.
Das Neue Testament spricht
in verschiedenen Bildern über Versöhnung. Manchmal stellen diese Bilder
Versöhnung als Wiederherstellung einer Beziehung dar; Menschen werden mit Gott
versöhnt. Andere Bilder zeigen, dass die Sünde gesühnt wird; Versöhnung
bedeutet hier Austilgung. Verschiedene Situationen dienen als Bilder für
Versöhnung. So wird über Versöhnung gesprochen in Bildern, die der
Kriegsführung oder dem Friedensschluss zwischen Feinden entlehnt sind. In
Christus hat Gott alles mit sich versöhnt, indem er Frieden machte (Kol. 1,20).
Christus hat Frieden gemacht zwischen Gott und Menschen, die Feinde waren (Röm.
5,10; Eph. 2,16). Auch der Geldverkehr liefert Bilder für die Versöhnung. Wir
sind freigekauft von dem Fluch des Gesetzes (Gal. 3,13; 4,5), wir sind teuer
erkauft und bezahlt (1. Kor. 6,20; 7,23). Das Finanzielle hat hier auch einen
juristischen Aspekt. Viele Bilder stammen aus dem Rechtswesen. Durch Christus
sind wir nicht mehr schuldig, sondern vom Zorn Gottes befreit und „gerecht“ vor
Gott (Röm. 3,24f; 4,24f). Er hat den Schuldbrief getilgt und hat ihn weggetan
und an das Kreuz geheftet (Kol. 2,13f). Auch der Sklavenhandel kann als Bild
dienen: Jesus gibt sein Leben als Lösegeld (Mk. 10,45). Viele Bilder und Ausdrücke
stammen aus dem Opferdienst. Christus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der
Welt wegträgt (Joh. 1,29). Wir werden erlöst durch sein „Blut“ (1. Petr. 1,19;
Offb. 5,9); sein Blut reinigt uns von aller Sünde (1.Joh. 1,7). Im Hebräerbrief
ist Jesus gleichzeitig Opfer und Hohepriester (Hebr. 9; 10). Es fällt auf, dass
in einigen Texten mehrere Bilder gleichzeitig benutzt werden.
Alle diese Bilder haben ihre
eigene Aussagekraft. Sie sprechen Herz und Verstand an. Schwieriger ist es,
exakt festzustellen, was jedes Bild wohl oder nicht sagen will beziehungsweise,
wie weit die Übereinstimmung zwischen Bild und Wirklichkeit geht. Sorgfältig
müssen die wörtliche Bedeutung eines Ausdrucks und dessen übertragene Bedeutung
erforscht werden. Nicht immer wissen wir, woran ein Schreiber gedacht hat. Ein
Beispiel dafür ist Römer 3,25, wo Paulus Jesus ein „Sühnmittel“ nennt. Erinnert
dieser Ausdruck an 3. Mose 16? Dort wird ein Versöhnungsritual vorgeschrieben,
in dem zwei Böcke vorkommen. Das Blut des einen wird gegen den Gnadenthron
gesprengt, der andere Bock wird nicht getötet, sondern in die Wüste gejagt.
Dachte Paulus, als er Jesus ein „Sühnmittel“ nannte, an den Gnadenthron? Aber
das Blut, an das Römer 3,25 denkt, wird gegen den Gnadenthron gesprengt. Ist
Jesus also gleichzeitig Opferstelle und Opfer? Oder hat Paulus 3.Mose 16 gar
nicht im Sinn gehabt und denkt er nur allgemein an ein Sühnopfer? Dieses
Beispiel zeigt, wie schwer es sein kann, die genaue Bedeutung eines Bildes zu
bestimmen.
Die militärischen,
finanziellen und juristischen Bilder sprechen uns vielleicht an, weil Krieg,
Geldverkehr und Gericht uns nicht unbekannt sind. Mit dem Opferdienst, aus dem
die kultischen Bilder stammen, sind wir dagegen aus eigenem Erleben nicht vertraut.
Seit der Verwüstung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. bringen die Juden dort keine
Opfer mehr. Das Verstehen und Übersetzen von Aussagen über die Versöhnung, die
mit kultischen Bildern zu tun haben, ist deswegen besonders schwer. Im Versöhnungsritual
aus 3.Mose 16 ist es z.B. schwierig nachzuempfinden, wie die Versöhnung durch
die vorgeschriebenen Handlungen geschieht. Jedenfalls ist deutlich, dass wir es
mit einer Bildsprache zu tun haben. Wenn über das Opfer Jesu gesprochen wird,
ist das kein Opfer in dem Sinne, in dem ein Priester ein Tier nach
vorgeschriebenem Ritual schlachtete und verbrannte.
In der Glaubens- und
Lehrtradition der Kirche hat man einige Bilder teils mit neuen Bildern und
Begriffen erklärt. So wurde das Bekenntnis, dass Jesus unsere Sünde getragen
und uns vom Zorn Gottes erlöst hat, später erklärt mit Begriffen wie Wiedergutmachung,
Entschädigung, Genugtuung, Befriedigung oder Verdienst. Wie Paulus Bilder aus
seiner Welt nahm, so entliehen Theologen ihre Ausdrücke oft ihrer eigenen Welt
oder sie interpretierten bestehende Ausdrücke von dort her. So können ihre Erklärungen
erhellend wirken und zugleich schwer zugänglich sein für Menschen, die diese
Welt nicht erleben oder wiedererkennen.
3.5
Hauptlinien
Wenn wir die Aussagen über die Versöhnung in
Christus im Zusammenhang mit der ganzen Bibel anschauen, entdecken wir einige
Hauptlinien.
Die Versöhnung ist Gottes Tat.
„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2.Kor. 5,19).
Gott nimmt die Initiative, um den Bruch in der Beziehung zu ihm zu heilen. Er
bringt diese Heilung zustande, indem er die Schuld wegnimmt, die der
Gemeinschaft mit ihm im Wege steht. In der Versöhnung erweist Gott seine Liebe
zu uns Menschen, die wir seine Feinde waren (Röm. 5,10). Diese Liebe kommt ganz
und gar aus Gott. Man muss ihn nicht von außen zu dieser Liebe bewegen. Gott
ist Liebe (1.Joh. 4,8+16).
In seiner Liebe zu den
Menschen bleibt Gott gerecht. Er ist selbst gerecht in seinen Geboten und er
erwartet, dass sein Volk seine Gebote hält und in seinen Wegen geht. Es lässt
Gott nicht kalt und gleichgültig, wenn sein Volk seine Gebote übertritt und
seine Wege verlässt. Er zürnt über die Sünde und straft die Sünder. Vor allem
die Propheten verkündigen den Zorn Gottes über die Sünde. Dieser Zorn währt
nicht ewig (Ps. 103,9). Gott will damit sein Volk zur Reue bringen, zu
Bekehrung und neuem Gehorsam in seinem Dienst (Hes. 18,23). Wer seine Schuld
bekennt, dem will Gott Vergebung schenken (Ps. 65,4; 78,38; 79,9). Durch Reue
und Bekehrung erkennen die Menschen ihre Sünden und den Anspruch Gottes auf ihr
Leben. Weil Gott in seiner Liebe gerecht bleibt, können wir nicht sagen, Gott
lasse „Gnade vor Recht“ gelten. Vergebung ist etwas anderes als das Böse durch
die Finger zu sehen. Vergebung bedeutet: eine Beziehung von Liebe und Vertrauen
herstellen, indem man das Böse als böse verurteilt und wegschafft.
Schuld verschwindet nicht,
indem man das Böse, das Menschen angerichtet haben, verneint oder totschweigt.
Es muss etwas geschehen. Schuld muss konkret beseitigt werden. Eine Art und
Weise im Alten Testament ist das Opfer, das wegen einer Sünde zur Versöhnung
gebracht wird. Dies ist eine rituelle Art, die Gemeinschaft mit Gott
wiederherzustellen. Das Opfer wirkt übrigens nicht automatisch. Opfer ohne Reue
und Bekehrung haben keinen Wert.
Wir können über die
Versöhnung Jesu in ethischen und kultischen Begriffen sprechen. Jesus ist der
Gerechte, der Gottes Anspruch auf unser Leben anerkennt und der tut, was Gott
von uns erwartet. Er ist gehorsam, er hält Gottes Gebote und geht in seinen
Wegen. Er ist dem Bund gegenüber treu. Er tut, was recht ist in Gottes Augen,
auch wenn er das mit dem Tod bezahlen muss. Sein Leben vor Gott und Menschen
bringt ihn ans Kreuz. Dies ist für ihn ein Weg voller Anfechtung (Mk.
14,32-42), auf dem er sich am Ende von Gott verlassen fühlt (Mk. 15,34). Er
lebt und stirbt als Knecht des Herrn. Aber dieser Gerechte stirbt für die
Ungerechten (1.Petr. 3,18). In diesem Leiden und Sterben für andere vollzieht
sich ein eigenartiger Wechsel (2.Kor. 5,21; 8,9). Jesus lebt, leidet und stirbt
für uns und an unserer Stelle. Er hat unser von Gott entfremdetes Leben und den
Zorn Gottes darüber auf sich genommen. So hat er Gottes Recht auf unser Leben
anerkannt, auch das Recht in der Gestalt des Zorns. Er hat Gottes Urteil über
unsere Sünde getragen. Er hat uns freigekauft von dem Fluch des Gesetzes indem
er für uns zum Fluch wurde (Gal. 3,13).
Das Neue Testament spricht
auch oft über Jesu Leiden und Sterben mit Begriffen und Bildern aus dem
Opferdienst. Jesu Hingabe und Übergabe an Gott bis in den Tod haben zwischen
Gott und Menschen eine Wirkung, die mit der versöhnenden Kraft der Opfer im
Tempel vergleichbar ist. Jesu Lebenshingabe stellt unsere Lebensgemeinschaft
mit Gott wieder her. Sie gibt Frieden und macht ein neues, heiles Leben in
Liebe möglich. Das bedeutet nicht, dass sein Tod im wörtlichen Sinn ein Opfer
ist. Sein 'Opfer' ist nicht eines der gängigen rituellen Schlachtungen und
Verbrennungen von Opfertieren. Es ist von anderer Art. Der Hebräerbrief nennt
Jesu Sterben das eine Opfer, das ein für allemal die Sünde wegnimmt (Hebr.
9,14+26; 10,10+12) und wovon die Opfer im Tempel ein Abbild und Schatten sind
(Hebr. 10,1; 8,5). Wenn wir das Bild des Opfers mit der ethischen Linie
verbinden, können wir sagen: Jesu Opfer ist das Opfer eines gehorsamen Lebens
bis zum Ende in Liebe zu Gott und Menschen (Hebr. 10,5-10).
Wenn wir Jesu Leben, Leiden
und Sterben für andere als Gehorsam gegen Gott verstehen, ahnen wir, was
vonseiten des Menschen geschehen musste, um die Gemeinschaft mit dem gerechten
Gott wiederherzustellen. Jesu menschliche Gehorsamkeit und sein Opfer sind in
Übereinstimmung mit Gottes Gerechtigkeit.
Das bedeutet nicht, dass
Gottes Gerechtigkeit neben oder gar gegenüber seiner Liebe steht. Gott lässt
sich nicht erst durch Jesu Leben und Tod zur Liebe gegenüber den Menschen
bewegen. Es ist umgekehrt: Gottes Liebe bestimmt Jesu Leben und Sterben und
bewirkt, dass es uns zugute kommt. Auch wo Gott seine Gerechtigkeit und seinen
Anspruch auf unser Leben gegenüber Jesus zur Geltung bringt, beweist er darin
seine Liebe zu uns.
Sowohl auf ethischer wie
auch auf kultischer Ebene wird das im Alten Testament schon deutlich. Der
Gehorsam, den Gott fordert, wird er selbst im Herzen seines Volkes bewirken
(Hes. 36,27). Als Forderung Gottes ist er zugleich eine Gabe Gottes. Die Opfer,
die die Menschen darbringen müssen, sind ein Mittel, das Gott selbst gegeben
hat, um die zerbrochene Beziehung wieder herzustellen. Gott hat den Opferdienst
geschenkt, um es den Menschen zu ermöglichen, Versöhnung zu erlangen (3.Mose
17,11). Auch hier gehen Gottes Liebe und Gnade vorweg.
Versöhnung ist ein Geschehen
zwischen Gott und Menschen, zwischen Gott und uns. Wie auch die Liebe muss die
Versöhnung von zwei Seiten kommen. Eine versöhnende Geste, die keine Antwort
findet, schafft keine neue Lebensgemeinschaft. Wir sind mit Gott versöhnt, wenn
wir auch tatsächlich in und aus unserer Versöhnung mit Gott leben. Deshalb
werden wir auch aufgerufen, uns mit Gott versöhnen zu lassen (2. Kor. 5,20) und
steht die Kirche im Dienst der Versöhnung. Das Evangelium ruft uns auf, das
Böse, für das wir verantwortlich sind, als Schuld anzuerkennen, wieder gut zu
machen und umzukehren zu einem neuen Leben im Dienst an Gott und dem Nächsten.
Was Christus für uns getan hat, steht nicht weit außerhalb unseres Lebens. Was
er für uns getan hat, hat er uns auch vorgelebt, und wir sollen genauso
handeln. Wir folgen seinen Fußstapfen (1.Petr. 2,18-25). Wir folgen unserem
Herrn und Erlöser in der Erwartung des Reiches und mit Taten, die auf jenes
Reich ausgerichtet sind.
Versöhnung mit Gott lässt
unsere übrigen Beziehungen nicht unberührt. Sie prägt unser ganzes Leben und
ist eine gesellschaftliche Aufgabe, wo immer Menschen, Generationen,
Geschlechter, Gruppen oder Völker einander entfremdet sind und nicht mehr in
Frieden miteinander leben können. Auch hier sind Vergebung und Erneuerung
unmöglich, so lange wir das Böse negieren oder totschweigen. Versöhnung ist
notwendig: Anerkennung von Schuld, Versuche, das Böse wieder gut zu machen und
den angerichteten Schaden zu ersetzen, und ein konkreter Einsatz für ein neues
Zusammenleben.
Die Versöhnung, die wir als
Menschen bewirken müssen, und die Versöhnung, die uns in Christus geschenkt
ist, gehören zusammen. Wir können hier nicht in einem Schema des 'entweder –
oder' sondern nur des 'sowohl – als auch' denken. Versöhnung geschieht für uns
und dann auch durch uns. Ein versöhnter Mensch ist ein versöhnender Mensch,
jemand der zerbrochene Beziehungen so viel und so gut wie möglich wieder heilt.
3.6 Fragen
Die Versöhnung wird uns als Wirklichkeit und als
Wunder verkündigt. Wir sind in Christus mit Gott versöhnt und dürfen durch den Geist in
neuer Gemeinschaft mit Gott und miteinander leben. Vertrauen wird der Grundton
im Leben der Gläubigen. Glauben heißt, in diesem Vertrauen zu leben. Wir können
die Möglichkeit und Notwendigkeit der Versöhnung in Christus und durch den
Geist nicht ohne diesen Glauben beweisen. Wir können den Grund dieser
Versöhnung nicht von außerhalb erklären. Höchstens können wir uns von innerhalb
(dieses Glaubens) und im Nachhinein dankbar verwundern über Gottes Gründe,
diesen Weg mit uns zu gehen. Dann erwächst Raum für weiteres Nachdenken und
Fragen.
Raum auch für Fragen. Fragen
müssen kein Zeichen von Zweifel oder Unglauben sein. Innerhalb einer
Glaubensgemeinschaft ist Raum, Fragen zu stellen und selbst nach Antworten zu
suchen. Die Kirche schreibt keine Fragen und Antworten vor. Wohl hört sie auf
das Evangelium und übersetzt es und ruft sie Menschen auf, dem Evangelium Gehör
zu schenken. Dabei spielen die Fragen der Menschen immer eine Rolle. Wir nennen
einige Fragen, die in unserer Zeit wichtig sind.
Musste Jesus für unsere
Versöhnung mit Gott notwendigerweise sterben? Konnte Gott uns nicht vergeben
ohne den Tod seines Sohnes? Eine Antwort auf diese Frage kann die Verkündigung
des Neuen Testaments nicht außer Acht lassen, dass Gott uns durch Kreuz und
Auferstehung tatsächlich mit sich selbst versöhnt hat. Es wird uns gesagt, dass
Gott so gehandelt hat und offenbar so handeln wollte. Es bleibt die Frage,
warum er so handeln wollte. Über diese Frage ist in der Kirchen- und Theologiegeschichte
viel nachgedacht worden. Wir belassen es hier mit einem Hinweis, der uns bei
der Suche nach einer Antwort vielleicht helfen kann.
Die ganze Bibel geht davon
aus, dass wir in einer persönlichen Beziehung mit Gott leben. Nur innerhalb
dieser Beziehung macht es Sinn, von Schuld und Versöhnung zu sprechen. Gott
will eine Beziehung von Liebe und Gerechtigkeit zu uns. Wir können dies mit
zwischenmenschlichen Beziehungen vergleichen. In einer solchen Beziehung kann
der eine den anderen so schädigen, dass der andere ihm nicht mehr vertrauen
kann. Dann ist die Beziehung zerbrochen. Verlorenes Vertrauen kann man nicht
mit einigen wenigen Worten wieder gewinnen. Entschuldigungen reichen nicht.
Worte von Vergebung funktionieren nicht. Es muss etwas geschehen. Man muss
etwas wieder gut machen. Man muss Schuld anerkennen. Der Schaden muss vergütet
werden; man braucht eine Art von Genugtuung. Und der andere muss diese
annehmen. Dieses Wissen lebt auch in unserer Gesellschaft. Vielen reicht eine
Kultur von einfachen Entschuldigungen nicht mehr. Opfer von Gewalt oder
sexuellem Missbrauch haben ein Recht auf Genugtuung.
Etwas Ähnliches gilt für
unser Verhältnis mit Gott. Es ist gestört. Wir haben Gott, der uns liebt und
der gerecht ist, so missachtet und beleidigt, dass etwas geschehen muss, um die
Sache wieder in Ordnung zu bringen. Entschuldigungsworte und Vergebungsworte
reichen nicht aus. Es muss etwas geschehen. Es muss Genugtuung gegeben und
angenommen werden. Nur dann können wir wirklich darauf vertrauen, dass alles
wieder gut ist und dass der Friede kein Scheinfriede und kein Kalter Krieg ist.
Mit diesem Vergleich
erklären wir die Versöhnung nicht. Wir versuchen, ihre Gründe annähernd zu
verstehen. Der Vergleich hilft uns zu verstehen, dass nicht Gott, sondern wir
die Genugtuung brauchen. Versöhnung bedeutet: der Schaden ist repariert und
wieder in Ordnung gebracht und wir können ohne Angst Gott nahe kommen. Er hat
es uns möglich gemacht, ihm zu vertrauen und ihn zu lieben.
Eine andere Frage lautet, ob
es nur in Jesus Christus Versöhnung gibt. Gibt es keine Versöhnung zwischen den
Menschen und mit Gott ohne Jesus? Gab es z.B. im Alten Testament keine
Versöhnung? Wenn wir sagen, dass Gott uns in Christus mit sich selbst versöhnt
hat, sagen wir, was uns durch Wort und Geist geschenkt ist. Wir sagen damit
nicht, dass es in der Zeit vor Christus keine Versöhnung gegeben habe. Gott hat
auch damals durch Gnade und Vergebung seine Beziehung zu den Menschen wieder
hergestellt. Und die Menschen konnten auch damals durch Reue und Bekehrung und
durch die Opfer von ihrer Seite aus die Beziehung zu Gott wieder in Ordnung
bringen. Trotzdem hat Gott in Christus ein für allemal definitiv und umfassend
unsere Beziehung zu ihm in Ordnung gebracht und neues Leben mit ihm möglich
gemacht. Versöhnung mit Gott und zwischen den Menschen kann auch heute durch
Umkehr und Reue geschehen. Wir glauben, dass jede echte Versöhnung so
stattfindet und dadurch getragen wird.
Eine dritte Frage ist
schließlich, ob ein anderer Mensch für meine Sünden büßen kann. Ist dieser
eigenartige Wechsel überhaupt möglich, in dem Christus an meiner Stelle steht?
Ist nicht jeder für sein eigenes Tun verantwortlich? In unserer Kultur erscheint
uns die Autonomie (Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Willensfreiheit) des
Einzelnen selbstverständlich. Wenn wir von dieser Autonomie ausgehen, erscheint
jeder Hinweis auf eine Vertretung oder Stellvertretung unmöglich. Aber müssen
und dürfen wir von dieser Autonomie ausgehen? Die Bibel spricht auf zwei Arten
vom Menschen. Er ist vollkommen selbst verantwortlich, aber er gehört
gleichzeitig einer Gemeinschaft an. Er lebt nie ganz für sich und völlig
losgelöst von anderen. Er lebt mit anderen zusammen. Er lebt auch von dem, was
andere für ihn tun. Er ist Teil einer Gemeinschaft. Dank der anderen, denen er
begegnet und zu deren Gemeinschaft er gehört, ist er, wer er ist. Deshalb ist
die Autonomie nicht das einzige und letzte Wort über unser Menschsein, auch
nicht über unser Menschsein vor Gott. Auch in unserer Beziehung zu Gott sind
wir Teil einer Gemeinschaft. Wie es eine Gemeinschaft der Sünde gibt, gibt es
auch eine Gemeinschaft der Vergebung. „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln
des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht
aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.“
(Röm. 3,23f; vgl. 1. Kor. 15,22; 2.Kor.5,15). Gläubige leben in Gemeinschaft
mit Jesus Christus. Sie haben Teil an seinem Tod und seiner Auferstehung. In
dieser Verbundenheit vertritt er sie bei Gott, und sein Tod und seine
Auferstehung bestimmen, wer sie vor Gottes Angesicht sind. (Tussenmuur III,26).
3.7 Leben mit
Christus
Wenn wir an dieser Stelle aufhörten, würde etwas Wesentliches
fehlen. Die Bedeutung der Versöhnung beschränkt sich nicht auf das Werk, das
Jesus Christus in der Geschichte der Taten Gottes getan hat. In diesem Werk
begegnet uns Jesus Christus selbst und im Geheimnis seiner Person begegnet uns
Gott. Wir können Jesu Werk wohl von seiner Person unterscheiden, aber wir können
beide nicht voneinander scheiden und losgelöst voneinander verstehen. Jesus
Christus ist mehr als ein Werkzeug oder ein Mittel in der Hand Gottes. Der
gerechte und liebende Gott ist in ihm gegenwärtig. Sein Menschsein ist das
menschliche Ebenbild von Gottes Gerechtigkeit und Liebe. Diese Anwesenheit
beschränkt sich nicht auf Jesu Erdenleben. Er ist auferstanden und lebt bei
Gott. Durch seinen Geist lebt er immer auch in uns. Er ist in Wort und
Sakrament und in unserem täglichen Leben anwesend. Jesus Christus ist in
unserer Mitte. Dadurch können wir in der Gemeinschaft mit ihm leben.
Glauben ist mehr als die Früchte des Werkes Jesu zu genießen, es ist
Gemeinschaft und Vereinigung mit Christus selbst. Diese Gemeinschaft
erneuert unser Leben von innen heraus.
Die innige Verbundenheit mit
dem lebenden Herrn ist die geheimnisvolle Dimension des christlichen Glaubens.
Diese Gemeinschaft gibt unserem Leben inneren Glanz und Kraft. Es kann so weit gehen,
dass wir uns selbst nicht mehr begreifen können ohne Jesus Christus. Christus
lebt nicht mehr nur für uns und außerhalb von uns, sondern auch in uns und
durch uns. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal.
2,20). Diese Glaubensverbundenheit mit Christus kann in unserem Leben viele
verschiedene Formen annehmen, aber sie wird nie völlig fehlen. Denn Leben aus
der Versöhnung ist Leben mit Christus.
Das Bekennen
und Bedenken des Glaubens
4.
Gemeinschaft mit dem Bekennen der Vorfahren
Wenn wir unseren Glauben an Jesus Christus in Worte
fassen, hören wir aufmerksam und ehrfürchtig auf die Bibel und geben wir uns
Rechenschaft über die Fragen, die sich uns in unserer Zeit stellen. Wir hören
diese Fragen und suchen in der Schrift nach einer Antwort. Glücklicherweise
leben wir nicht allein mit der Schrift und den Fragen unserer Zeit. Wir gehören
zu einer Glaubensgemeinschaft, die über die Grenzen unserer Zeit und unseres
Ortes hinausreicht, nämlich der Kirche aller Zeiten und Orte. Wir sind
nicht die ersten und nicht die einzigen, die glauben und bekennen. Viele sind
uns auf diesem Weg vorangegangen. Wir wissen uns mit ihnen verbunden. Wir sind
dankbar für das, was sie uns überliefert haben. Wir erkennen in ihrem Glauben
und ihrem Kampf unseren Glauben und unseren Kampf. Ihre Worte erfüllen und
wärmen uns, sie geben unserm eigenen Suchen eine Richtung und eine Orientierung
in der Frage, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Deshalb hören wir auch auf
diese Glaubensgenossen und Vorgänger, und wir lassen uns von ihnen korrigieren.
Wir können und wollen nur glauben in Verbundenheit mit dem Bekenntnis der Vorfahren (KO VPKN I 4).
Die Vorfahren haben immer in
einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort den Glauben bekannt, und ihr
Bekenntnis ist davon geprägt. Es ist die Frucht eines Hörens auf die Schrift im
Blick auf die Fragen, die die Gemüter bewegten. Oft sind die Bekenntnisse in
Zeiten großer Verwirrung und Uneinigkeit entstanden. Sie versuchen zu sagen,
was die Gläubigen bindet, und klar anzugeben, was der christliche Glaube
beinhaltet. Ausdrücklich oder zumindest inhaltlich weisen sie Meinungen ab, die
mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinigen sind. Sie wollen Frieden und
Gemeinschaft in der Kirche stiften und bewahren. Leider finden sich in der
Geschichte der Kirche nicht nur gute Absichten und lautere Taten. Wenn wir die
Entstehungsgeschichte der Bekenntnisse erforschen, entdecken wir, dass oft
zwischen den kirchlichen Gruppierungen auch ein unheiliger Machtstreit stattgefunden
hat. Der Gewinn der einen Partei bedeutete Verlust und Ausschluss für die
andere. Diese Schattenseiten wollen wir nicht bagatellisieren.
Unsere Gemeinschaft mit dem
Bekenntnis der Vorfahren bedeutet nicht, dass wir all ihre Fragen und
Formulierungen ohne nachzudenken wiederholen können. Es kommt darauf an, was
sie sagen wollten, und diese ihre Absicht neben die Schrift und unsere Fragen
zu legen. Dann könnte sich ergeben, dass einige Teile des biblischen Zeugnisses
in einem Bekenntnis zu wenig erklingen oder einseitig wiedergegeben werden. Es
kann auch geschehen, dass brennende Fragen von früher uns heute kalt lassen
oder dass Worte und Begriffe, die in jener Zeit erhellend wirkten, uns nicht
mehr ansprechen. Dann müssen wir neue Worte suchen, um denselben Glauben so
auszudrücken, dass man ihn in unserer Zeit verstehen kann. Wir sind nicht
gebunden an den Buchstaben der Bekenntnisse, aber verbunden mit ihrem Inhalt.
Gemeinschaft mit dem Bekennen der Vorfahren ist eine lebendige und geistliche
Angelegenheit.
Wir wollen jetzt kurz angeben, in welcher Hinsicht
dieses Bekennen für unsere Besinnung und unser Gespräch über Christologie und
Versöhnung von besonderer Bedeutung ist.
Durch unsere Zustimmung zu
den frühkirchlichen Bekenntnissen sind wir ein Teil der allgemeinen
christlichen Kirche. Sehr deutlich bekennt das Apostolische Glaubensbekenntnis
Jesus Christus als den eingeborenen Sohn Gottes und unseren Herrn. Die Fakten
von Jesu Geburt, Leiden und Sterben, seine Auferstehung, Erhöhung und Wiederkunft
werden sehr betont. Das erinnert uns daran, dass uns Heil geschenkt worden ist
in Jesu irdischem Leben als Mensch und dass wir unser Heil von dem lebendigen
Herrn und seinem Kommen erwarten. Dieses Heil wird zusammengefasst als
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.
Das Glaubenbekenntnis von
Nizäa - Konstantinopel (EG S. 790f) aus 325 und 381 legt uns ans Herz, dass
Gott selbst in Jesus Christus zu uns kommt und uns sein Heil schenkt. Die
einzigartige Einheit des Sohnes mit seinem Vater wird nach griechischer Denk-
und Gedankenwelt dargestellt. Gleichzeitig werden dabei die Denkmuster dieser
griechischen Kultur durchbrochen. Das ewige Wort, das in Jesus Fleisch geworden
ist, ist kein Halbgott, kein Zwischenwesen, kein fließender Übergang zwischen
Gott und Mensch. Es ist auch kein abstraktes und unpersönliches kosmisches
Prinzip. Dieses göttliche Wort ist „Gottes eingeborener Sohn, aus dem Vater
geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren
Gott, gezeugt nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Er ist vom Himmel
gekommen „für uns Menschen und zu unserm Heil“.
Die Reformatoren haben
diesem frühkirchlichen Bekenntnis von Jesus als dem Sohn Gottes von Herzen
zugestimmt. Im theologischen Bedenken und seiner Ausarbeitung haben sie eigene
Akzente gesetzt. Luther betont, dass Gott selbst in Jesus Christus unser Dasein
auf sich nimmt. Er teilt unser Leiden und unseren Tod, um uns auf diesem Wege
zu erlösen. Calvin legt in Übereinstimmung mit dem Alten Testament mehr den
Nachdruck auf das 'Mittleramt' Jesu, das er in den drei Ämtern des Propheten,
Priesters und Königs beschreibt.
Die Erneuerung der
Reformation liegt jedoch in der Entdeckung, wie wir an der Versöhnung
teilhaben. An diesem Punkt erwuchs Anfang des 16. Jahrhunderts ein so
tiefgehender Streit mit der Römisch-katholischen Kirche, dass eine
Kirchentrennung leider nicht mehr zu vermeiden war. Es ging um die Frage, wie
Gott Sünder zu seinen Kindern annehmen kann. Wie können gottlose Menschen in Gottes
Augen Existenzrecht bekommen? Wie sind wir gerecht vor Gott? Nach der damals
gängigen Auffassung geschah dies durch die göttliche Vergebung und durch
menschliche gute Werke, die als Verdienst galten. In den Augen der Reformatoren
schmälert diese Sicht Gottes Gnade und verkennt, dass der Mensch unmöglich aus
sich selbst Gott vertrauen kann oder Gott über alles und den Nächsten wie sich
selbst zu lieben in der Lage ist (CA.2; H.K. Sonntag 2 und 3). Die Reformatoren
sagten mit Paulus, dass unsere Rechtfertigung im Gehorsam Jesu Christi
beschlossen liegt. Wenn wir an ihn glauben, gilt seine Rechtfertigung als die
unsrige. Nur in und durch Christus sind wir gerecht vor Gott. Wir empfangen
unsere Gerechtigkeit als ein Geschenk, wir können sie nicht durch unsere
Leistung erwerben. Das bedeutet nicht, dass die guten Werke unwichtig sind.
Wenn wir glauben, bleiben sie nicht aus. Sie sind jedoch nicht der Grund,
sondern die Frucht unserer Gerechtigkeit vor Gott.
„Weiter wird gelehrt, dass
wir Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit für Gott nicht erlangen mögen durch
unser Verdienst, Werk und Genugtuung, sondern dass wir Vergebung der Sünden
bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnaden um Christus willen durch den
Glauben, so wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um
seinetwillen die Sünden vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt
wird. Denn diesen Glauben will Gott für Gerechtigkeit halten und zurechnen“ (CA
4, CA 20). Nicht unsere Werke versöhnen uns mit Gott, sondern unser einziger
Mittler Jesus Christus. In Jesus Christus ist alles vorhanden, „was zu unserem
Heile nötig ist“ (NGB 22). Wir ruhen und stützen uns allein auf den Gehorsam
des gekreuzigten Christus (NGB 23). Gott rechnet uns die Gerechtigkeit Christi
zu, „als hätte ich … selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für
mich geleistet hat“ (HK A 60; CA 20). Nur so findet unser Gewissen Ruhe und
Frieden (NGB 23). Dieses Evangelium befreite und schenkte Freude. Das tut es
noch immer für Menschen, die gebückt gehen unter ihrer Ohnmacht, zu vertrauen
und lieb zu haben, und die sich selbst durch ihre Leistungen beweisen wollen
und darin nie Ruhe und Frieden finden. Sie dürfen sich angenommen wissen durch
Gottes bedingungslose Liebe.
In der Auslegung der Versöhnung in der reformierten
Tradition spielen Strafe und Genugtuung eine große Rolle. Diese Auslegung gibt
Anlass zu Fragen. Ging es für den gerechten Gott nicht anders, als die
gefallene Menschheit zu strafen? Konnte er nicht anders? Kann er die Menschen
erst dann in Liebe annehmen, nachdem zuvor seiner Strafe fordernden
Gerechtigkeit Genüge getan ist? Es sieht so aus, als ob Genugtuung eine
Voraussetzung für Gottes Liebe ist; Gottes Liebe ist dann nicht mehr
bedingungslos. Eine abstrakte Notwendigkeit einer abstrakten Gerechtigkeit
steht in dieser Sicht der Dinge scheinbar anstelle von Gottes inniger Liebe zu
dem Sünder. Ist Gott vielleicht Gefangener seiner eigenen Gerechtigkeit?
Dieses Bild der Versöhnung
wird oft als anselmianisch oder klassisch bezeichnet. Es fragt sich aber, ob
diese Bewertung richtig ist. Anselm (1033/4-1109) schrieb ein Buch: Warum
(wurde) Gott Mensch? Anselm wollte aus dem Glauben heraus über Gottes Gründe
für seine Menschwerdung und sein Kreuzesleiden nachdenken. Wie Anselms
Versöhnungslehre interpretiert werden muss, ist bis heute Thema
wissenschaftlicher Forschung und Diskussion. Zwei Punkte sind für uns wichtig.
Anselm argumentiert, Gottes
Ehre müsse zu ihrem Recht kommen. Sie sei durch die Sünde des Menschen
verletzt. Aber was bedeutet „Ehre“? Man kann diese Ehre verstehen als die
Unantastbarkeit eines Herrn, der nicht mit sich spotten lässt und der die
kleinste Beleidigung rächen will. Neuere Interpretationen argumentieren
dagegen, die Ehre Gottes bestehe bei Anselm darin, dass Gott seiner Absicht mit
der Schöpfung treu bleibe und Wege suche, um die von den Menschen zerbrochene
Gemeinschaft wiederherzustellen und zwar in einer Weise, die nicht gegen Gottes
Gerechtigkeit gerichtet ist.
Zweitens argumentiert
Anselm, dass Gott auf zwei Weisen gerecht bleiben kann, durch Strafe oder durch
Genugtuung. Wenn der Mensch keine Genugtuung leisten kann, bleibt ihm nur der
Tod als Strafe. Aber weil Christus die Genugtuung geleistet hat, wartet auf den
Menschen nicht mehr Strafe sondern Glückseligkeit. Nach Anselm versöhnt
Christus uns mit Gott, indem er Genugtuung und nicht Strafe erleidet. Gottes
Gerechtigkeit erfordert demnach nicht Strafe und Genugtuung, wie es im
Heidelberger Katechismus in den Antworten 10 bis 12 gesagt wird. Hier folgt der
Katechismus einem anderen Gedankengang als Anselm.
Es ist gut, den Heidelberger
Katechismus nicht nur mit Anselm, sondern auch mit Calvin zu vergleichen. Man
kann sich fragen, wieweit die Auslegung von Sonntag 2 bis 6 mit den Ansichten
Calvins übereinstimmt. Calvin ist der Gedanke fremd, Gott könne erst nach
Genugtuung und Strafe barmherzig sein. Es ist jedoch umgekehrt. Gottes Liebe
geht voran. Sie ist das tiefste Motiv hinter der Versöhnung, die Christus
zustande bringt, indem er Gott Genugtuung leistet und die Strafe Gottes
erleidet.
Der Heidelberger Katechismus
führt auf eigene Weise frühere Traditionen weiter aus. Er spitzt die Sicht von
Anselm zu. Dabei droht Gottes Liebe, die bei Calvin im Vordergrund steht, in
den Hintergrund zu geraten. Verglichen mit Anselm und Calvin ist der Heidelberger Katechismus
nicht klassisch. Man muss ihn klassisch nennen, insoweit er die reformierte
Tradition in den Niederlanden stark geprägt hat. Hier wurde er auch für
viele ein Stein des Anstoßes. Gottes- und Menschenbild in den Darlegungen
des Heidelberger Katechismus riefen bei ihnen Angst- und Ohnmachtgefühle
hervor. Andererseits machen diejenigen, die hier das Herz des Evangeliums
finden, die Darlegungen des Heidelberger Katechismus oft zum Schibbolet (Ri.
12,6) der Orthodoxie. Wir dürfen unser Gespräch über Versöhnung nicht
entarten lassen in ein „wohl wahr – nicht wahr“ Spiel um den Heidelberger
Katechismus. Er gibt eine der möglichen Darstellungen von Versöhnung. Seine
Interpretation ist einseitig, wie jede systematisierende Beschreibung. Das
nimmt die wertvollen und bleibenden Glaubenserkenntnisse, die der Heidelberger
Katechismus in Worte fasst, nicht weg. Wir denken z.B. an die Aussage, dass wir
unser Elend erkennen aus dem Liebesgebot Christi (HK A 4). Die Betonung der Menschheit
Jesu ist wichtig (HK A 16); was Menschen verbrochen haben, müssen Menschen
wieder gut machen. So tritt der Heidelberger Katechismus ein für die
menschliche Würde.
Wie wir im 16. Jahrhundert neu gelernt haben, dass Jesus
Christus unser einziges Heil ist, so ist im 20. Jahrhundert in der Konfrontation
mit der Ideologie des Nationalsozialismus wieder neu deutlich geworden, dass
Jesus Christus unser einziger Herr ist und dass wir niemandem sonst zu
gehorsamen und nachzufolgen haben. Jesus Christus darf niemals Bestrebungen von
Gruppen oder Völkern untergeordnet werden, die andere ausschließen oder
verachten. Er ist nicht einer der vielen Mächte, die Völker oder Gruppen in
Bewegung bringen, und er ist bestimmt nicht der Vertreter solcher Mächte. Er
steht als Herr und Erlöser über allen Mächten. Er ist der einzige, dem wir
vertrauen und gehorchen können. „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen
Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben
und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ (Barmen I). „Durch ihn
widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu
freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“ (Barmen II).
Neben den klassischen
Bekenntnissen, die Art. I der Kirchenordnung der VPKN nennt, wird unser Glaube
belebt durch Texte, die das Bekennen neu in Worte fassen oder die auf neue
Fragen eingehen. In unseren Kirchen wurden in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts einige moderne Bekenntnisse entworfen: Fundamente und Perspektiven des Bekennens (1947) und Versuch eines einmütigen
Glaubensbekenntnisses (1974). Das Nachdenken über die Versöhnung ist auf
erhellende Weise fortgeführt in zwei wichtigen synodalen Schriften: Die Mauer weggebrochen. Über die Predigt der
Versöhnung (1967). Hierin wird besonders die Stellvertretung besprochen. Versöhnung mit Gott und Menschen (1976)
behandelt besonders die Frage, ob Christus Gottes Gericht über die Sünde
getragen hat. Auch diese Beiträge helfen uns weiter auf dem Weg des Bekennens
und in der Vertiefung unseres Gesprächs über die Versöhnung.[1]
5. Bibel und
Glaubenslehre
Wir glauben und bekennen, was die Bibel uns
verkündigt, aber wir können den Inhalt der biblischen Botschaft nicht in einem
Wort zusammenfassen. Die Botschaft kommt zu uns in einer bunten Sammlung von
verkündigenden, erzählenden, vorschreibenden, unterweisenden oder lobpreisenden
Aussagen aus ganz verschiedenen Zeiten. In jeder Situation werden eigene
Akzente gesetzt. Die Worte werden uns nicht immer alle gleich stark ansprechen.
Diesen Unterschieden in der Bibel entspricht eine reiche Verschiedenheit an
Glaubenserfahrungen und -äußerungen.
Doch führt diese
Vielstimmigkeit nicht zu einem Missklang, sie wird keine Beliebigkeit, wenn wir
in der Versammlung der Gemeinde und in der Glaubensgemeinschaft der Kirche auf
die Bibel hören. In allen Stimmen atmet der Geist und hören wir die eine Stimme
des Gottes Israels und seines Sohnes Jesus Christus. Die unterschiedlichen
Situationen sind Teil des einen Weges, den Gott mit seinem Volk und mit den
Völkern geht, seinem Reich entgegen. Die wechselnden Bilder zeigen das Heil,
das Gott in vielen Formen schenkt. Es gibt verschiedene Erlebens- und
Ausdrucksweisen in der Gemeinde, aber letztlich ist es ein Herr und ein Glaube,
durch die wir Gemeinde sind (Eph. 4,5).
Glauben heißt: von Herzen
der Botschaft der Bibel zustimmen. Vor allem im Lobpreis äußerst sich dieser
Glaube. Darin danken wir Gott für das, was er für uns getan hat und dafür, wer
er für uns ist. Jeder Ausdruck des Glaubens und jedes Glaubensbekenntnis haben
etwas von einem Lobpreis an sich. Ein Glaubensbekenntnis ist eine Antwort auf
Gottes Wort. Es kann ganz kurz sein, wenn es den Kern des Glaubens
zusammenfasst. Solche Bekenntnisse finden wir schon in der Bibel. „Höre,
Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein“ (5. Mose 6,4). „Du aber,
Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue“
(Ps. 86,15). „Du bist der Christus“ (Mk. 8,29). „Jesus Christus ist der Herr“ (Phil.
2,11). Der Inhalt dieser Bekenntnisse kann später mit anderen Worten wiederholt
werden, die in jener Zeit verständlich und relevant sind. Ein sehr kraftvolles
und nachbiblisches Bekenntnis ist das Apostolische Glaubensbekenntnis.
Die Kirche hört weiter auf
die Bibel und antwortet immer wieder neu auf ihre Botschaft (KO VPKN I 2, 3).
Botschaft und Bekenntnis werden neuen Generationen weitergegeben und erklärt.
In dieser Weitergabe kann man Fragen und Widersprüche nicht außer Acht lassen.
Die Kirche versucht, auf die Verwerfung ihrer Botschaft mit Argumenten
einzugehen. So entsteht aus dem Unterricht die Lehre der Kirche, ein
zusammenhängendes Ganzes von Aussagen, in denen Glaube und Bekenntnis ausgelegt
werden. Typisch heißt es oft in der Augsburger Konfession: „Bei uns wird
gelehrt“ (oder: Es wird gelehrt). Reformatorische Bekenntnisschriften wie die
Augsburger Konfession, das Niederländische Glaubensbekenntnis und der
Heidelberger Katechismus haben einen sehr erklärenden Charakter.
Manchmal gibt es eine Krise
im Hören, Bekennen und Auslegen der Kirche. Die vielen Stimmen widersprechen
einander dann so sehr, dass man die eine Stimme (der Schrift) nicht mehr hören
kann. Vielförmigkeit entartet in Geschiedenheit. Verschiedene Kirchen drohen zu
entstehen. Es gibt keinen Glauben mehr an den einen Herrn, es gibt verschiedene
Arten des Glaubens, und man spricht von anderen Herren. Wenn die Identität der
Kirche auf dem Spiel steht, muss der eine Glaube an den einen Herrn wieder neu
deutlich werden. Der Raum für unterschiedliche Glaubensauffassungen ist
innerhalb der christlichen Kirche nicht unbegrenzt. Unter solchen Umständen sah
die Kirche sich gezwungen, besondere Lehraussagen zu machen. Sie versuchen, die
Grenze zu zeigen zwischen 'dasselbe anders glauben' und 'etwas anderes
glauben'. Auffassungen, die den Kern des christlichen Glaubens verkennen oder
leugnen, werden abgewiesen. Dieser Kern wird in einer Lehraussage so deutlich
wie möglich verbindlich festgelegt. Eine solche normative Lehraussage nennen
wir ein Dogma.
Das klassische Dogma ist das
Bekenntnis der Gottheit Jesu Christi und des Heiligen Geistes (Konzil von Nizäa
325 und Konzil von Konstantinopel 381) und das Bekenntnis, dass Jesus eine Person ist, „wahrer Gott und
wahrer Mensch“ (Konzil von Chalcedon
451). Hierbei können philosophische Begriffe benutzt werden, die zu
theologischen Fachbegriffen umgeschmiedet werden. Diese theologischen
Fachbegriffe sind nur Hilfsmittel, um die biblische Botschaft zu erklären. So
sagte man in Nizäa, das ewige Wort sei „desselben Wesens“ mit dem Vater und man
sprach in Chalcedon von den zwei „Naturen“ Jesu Christi, nämlich der göttlichen
und der menschlichen Natur. Dogmatische Aussagen können auch in ein
Glaubensbekenntnis aufgenommen werden, manchmal sogar mit den theologischen
Fachbegriffen. So finden wir die Wesenseinheit im Glaubensbekenntnis von Nizäa
– Konstantinopel und die Naturenlehre in der Augsburger Konfession und dem
Niederländischen Glaubensbekenntnis.
Dogmen sollen in Zeiten von
Krisen und Glaubensuneinigkeit den Frieden in der Kirche wieder herstellen.
Aber auch danach dienen sie in der Kirche als Glaubensregel weiter. Sie warnen
die Kirche vor solchen Auffassungen über Gott, Mensch und Welt, über Jesus und
den Geist, die es unmöglich machen würden, die biblische Botschaft zu glauben
und zu verkündigen. Ein Dogma muss die Verkündigung und den Dienst der Kirche
in den richtigen Bahnen halten, aber es ist selbst nicht Gegenstand von Verkündigung
und Bekenntnis. Wir bekennen kein Dogma, sondern den Herrn. Wir verkündigen
kein Dogma, sondern die biblische Botschaft. Wir unterweisen in der Kirche das
Dogma nur, wenn es hilft, die biblische Botschaft auszulegen.
Wenn der Inhalt des christlichen Glaubens
wissenschaftlich verantwortlich durchdacht und erforscht wird, sprechen wir von
Glaubenslehre, Systematischer Theologie oder Dogmatik und christlicher Ethik.
Dieses Durchdenken schließt auf eigene, selbständige und kritische Weise an bei
der Bibel, den Bekenntnissen und den Dogmen der Kirche. Frühere Bekenntnisse
und Dogmen werden verglichen mit den Ergebnissen neuerer exegetischer und
historischer Forschungen. Auch werden moderne wissenschaftliche und
weltanschauliche Auffassungen in die Erwägungen einbezogen. Die Glaubenslehre
kann bestehende Begriffe nutzen, aber auch neue entwickeln. Dogmatik ist also
mehr als die Wiederholung der kirchlichen Lehre. Durch ihre selbständige und
kritische Arbeitsweise steht die Dogmatik in einer gewissen Distanz zur Kirche. Gerade so kann sie der
Verkündigung und dem Glaubensgespräch dienen.
In der Glaubenslehre wird
versucht, Zusammenhänge zu sehen und Wiedersprüche zu vermeiden sowie möglichst
viele verschiedene Aspekte des Glaubensinhaltes zusammenzufassen und zu
durchdenken. Aber eine vollständige Festlegung des ganzen Glaubensinhaltes in
einem einzigen schlüssigen System ist unmöglich.
In der Glaubenslehre werden
verschiedene Denkmöglichkeiten abgetastet sowie Modelle entwickelt und
miteinander verglichen. Geurteilt wird dabei auf Grund von Argumenten. Das
finden wir auch in der Lehre von Christus. Die traditionelle Logos-Christologie
(Logos = Wort) formuliert die einzigartige Einheit zwischen Jesus und Gott mit
Hilfe des Begriffes 'Wort'. Daneben können z.B. Möglichkeiten untersucht und
entwickelt werden, die diese Einheit mit dem Begriff 'Geist' ausdrücken, eine
Geist-Christologie. Auch in der Versöhnungslehre gibt es verschiedene Modelle,
je nachdem man in der Beziehung zwischen Gott und Mensch die Liebe, das Recht
oder das Religiös-kultische betont. Dieses Entwickeln, Vergleichen und Prüfen
verschiedener Theorien kann der Dogmatik einen experimentellen Charakter geben.
Sie wird dann zur Spurensuche einer zeitgemäßen Glaubensverantwortung.
Der Unterschied zwischen Botschaft, Bekenntnis,
Lehre und Dogma ist nicht immer ganz einfach. Manchmal liegen sie dicht zusammen.
Paulus wechselt bekennende Aussagen ab mit Abschnitten, in denen er theologisch
für und gegen bestimmte Auffassungen argumentiert. In Nizäa hören wir sofort
nach dem Lobpreis „Gott aus Gott, Licht aus Licht“ die theologische Formel „eines
Wesens mit dem Vater“. Im Niederländischen Glaubensbekenntnis und dem
Heidelberger Katechismus wird in der bekennenden Auslegung der Erlösung und
Versöhnung Gebrauch gemacht von der alten dogmatischen Terminologie der zwei
Naturen. (NGB 19, HK Sonntag 6). Es ist auch denkbar, dass ein und derselbe
Bibeltext als Botschaft, Bekenntnis oder Lehre charakterisiert wird. 5. Mose
4,6 ist gleichzeitig Bekenntnis und Lehre.
In unseren Diskussionen ist
es gut, Botschaft, Bekenntnis, Lehre und Dogma auseinander zu halten. Es
gibt unverkennbare Unterschiede in Funktion, Niveau und Gefühlswert
zwischen den verschiedenen Ebenen. Dogmatische Aussagen können nie den
lebendigen Umgang mit der Bibel ersetzen. Unser Glaube lebt am meisten aus der
Bibel, auch wenn liturgische Texte oder Bekenntnisse oder Teile eines
Katechismus uns sehr lieb werden.
Vor allem der Unterschied
zwischen Bibel und Glaubenslehre ist wichtig. Die Lehre von Gottes immanenter
(innerer) Drei-Einheit (das sogenannte Glaubensbekenntnis von Athanasius) und
die Lehre von den zwei Naturen Christi stehen nicht mit ausdrücklichen Worten
in der Bibel. Das Wort Versöhnung kommt nur wenige Male im Neuen Testament vor,
und eine ausgearbeitete Lehre der Versöhnung findet sich in der Bibel nicht. In
den biblischen Aussagen sind wohl einige Kerngedanken über Gott, Christus, den
Geist und die Versöhnung enthalten. Wir können versuchen, diese Gedanken
auszusprechen und sie miteinander zu verbinden. Wir benötigen dafür einige
Zwischenschritte. Wir interpretieren Bibeltexte, selektieren und verbinden
biblische Begriffe und ergänzen sie mit nichtbiblischen Begriffen. So entsteht
eine Lehre. Ob diese Lehre wirklich der Bibel entspricht, kann immer geprüft
und näher untersucht werden. Vor allem die exegetische Wissenschaft stimuliert
eine solche kritische Untersuchung.
Dass sich eine Lehre nicht
mit vielen Worten in der Bibel findet, ist jedoch kein Argument gegen diese
Lehre. Das ist mit der Art der Lehre und dem Unterschied zwischen Lehre und
Botschaft gegeben. Die Frage ist nicht, ob eine Lehre in der Bibel steht,
sondern ob eine Lehre nach ihrem Hauptinhalt und ihrer Absicht mit dem
Hauptinhalt und der Absicht der Bibel übereinstimmt.
Jeder Gläubige wird durch bestimmte Worte über
Christus und die Versöhnung mehr angesprochen als durch andere. Das ist von einem zum
anderen Gläubigen unterschiedlich. Auch in der Bibel finden wir eine reiche
Verschiedenheit an Worten und Bildern. Bedeutet dies, dass jeder Gläubige
seine eigene Wahl treffen darf und nur an die Worte und Bilder gebunden
ist, die ihn ansprechen? Das würde nur dann gelten, wenn die Bibel eine lose
Sammlung unterschiedlicher Jesusbilder und der Glaube eine rein persönliche
Sache wäre. Aber wir glauben, dass die unterschiedlichen Bilder auf die
Wirklichkeit des einen Herrn verweisen und dass wir miteinander an denselben
Herrn glauben. In der Glaubensgemeinschaft versuchen wir gemeinsam, seinen
ganzen Reichtum zu erarbeiten. Auch wenn es uns nie ganz gelingen kann, so
beschränken wir uns doch nicht auf den Teil, den wir für uns selbst als wahr
und wertvoll kennen gelernt haben. Dann würden wir der Glaubensgemeinschaft und
uns selbst schaden.
Können wir glauben ohne
Dogmen? Wir glauben bestimmt nicht an Dogmen sondern an den Herrn. Unser Glaube
lebt aus dem Umgang mit biblischen Aussagen und nicht aus dem Sezieren von
dogmatischen Begriffen. Für uns persönlich können wir den Glauben erleben und
aussprechen ohne Dogmen. Aber wenn wir den Glauben mit anderen teilen und
weitergeben wollen, müssen wir ihn zur Sprache bringen. Dann stehen wir vor der
Frage, was wir wohl oder nicht sagen können. Dann ist eine Sprachregelung
unentbehrlich. Deshalb benutzen wir die Dogmen dankbar, um zu sehen, ob die
Glaubenskommunikation innerhalb und außerhalb der Gemeinde auf einer Linie
bleibt mit der Bibel.
Auch die Glaubenslehre darf
in der Kirche nicht fehlen. Wenn wir nicht mehr selbständig und kritisch über
den Glaubensinhalt nachdenken würden, dann würde von unserem Glauben am Ende nicht
viel mehr übrig bleiben als ein vages Gefühl. Wir verlieren dann den Kontakt
mit der uns umringenden intellektuellen Kultur und können unseren Glauben in
der Gesellschaft nicht mehr verständlich ausdrücken. Die Dogmatik ist eine
Übung für das klare und verständliche Sprechen über den Glauben innerhalb und außerhalb
der Gemeinde. Dabei kann die Grenze zwischen innen und außen nicht genau
festgelegt werden.
Aktuelle
Herausforderungen
6. Glaube und
historische Forschung
Wir müssen auf die neuen Fragen eingehen, die sich
uns aufdrängen. Sie fordern uns heraus, unseren Glauben erneut so deutlich wie
möglich auszudrücken. Vorstellungen und Formulierungen, die früher zeitgemäß
waren, können im Licht neuerer Fragen als ungenügend oder gar unbrauchbar erscheinen.
Es ist übrigens nicht neu, dass wir die aktuellen Herausforderungen ernst
nehmen wollen. Das Bekennen der Vorfahren ist auch auf aktuelle Fragen
eingegangen. Gerade in der Auseinandersetzung mit solchen Fragen hat die Kirche
Einsichten gewonnen, die bleibende Bedeutung haben.
Zwei Fragen treten in
unserer Zeit in den Vordergrund. Was bedeutet die historische Erforschung der
Bibel für unseren Glauben an Jesus Christus? Und: Was bedeutet es, dass der
Glaube in der Bibel oft in Bildern zur Sprache kommt? Beide Fragen haben direkt
mit unserem Umgang mit der Bibel und damit mit unserem Bekennen zu tun. Die
Bibel ist doch Quelle und Prüfstein unseres Bekennens. Wenn wir unseren Glauben
bekennen, stimmen wir mit der biblischen Botschaft ein. Wenn früher formulierte
Bekenntnisse Fragen aufrufen, gehen wir zur Bibel zurück. Aber unser Verstehen
der biblischen Botschaft hängt unter anderem von unserer Bewertung der
historischen Forschung und der Bilder in der Glaubenssprache ab. Diese Fragen
sind nicht ganz neu, aber sie sind in den letzten zweihundert Jahren immer
aktueller geworden. Niemand kann sich der Bedeutung dieser Fragen entziehen.
Wir denken in diesem Kapitel über die historische Forschung nach.
In der Gemeinschaft der Kirche glauben wir den
Bibelschreibern auf ihr Wort. Wir vertrauen ihnen als zuverlässigen Zeugen der
guten Nachricht. Wir hören in ihren Worten Gottes Wort. Ihre Worte atmen den
Geist Gottes, den Geist, der unsere Herzen anspricht und unseren Glauben weckt.
Man kann sich der Bibel auch
anders nähern.
Nicht mit gläubigem Hören, sondern historisch-wissenschaftlich. Die Bibel wird
dann als eine Quelle erforscht, die uns historische Informationen liefern kann.
Die Erforschung kann sich auf verschiedene Entwicklungen beziehen. Man kann die
Entstehung des Bibeltextes erforschen. Man kann die Geschichte untersuchen, die
in der Bibel erzählt wird. Man kann prüfen, wie bestimmte Menschen in einer
bestimmten Zeit – biblische Personen oder Bibelschreiber – über verschiedene
Dinge gedacht haben. Man kann auch die Entstehung und Entwicklung der jüdischen
oder christlichen Religion erforschen.
Jede historische Forschung
wird dadurch gekennzeichnet, dass sie versucht, Texte zu datieren und in eine
chronologische Reihenfolge zu bringen. Diese historische Reihenfolge von Texten
und Textabschnitten kann von der biblischen Reihenfolge abweichen. Die
Paulusbriefe stehen dann z.B. vor den Evangelien und das Markusevangelium vor
Matthäus. Auch innerhalb eines Bibelbuches kann man ältere und jüngere
Schichten unterscheiden. Man liest die Texte dann nicht im Zusammenhang eines
Bibelbuches und in der biblischen Reihenfolge, sondern sie werden dann in ihrer
historischen Entwicklung gelesen und erklärt.
Weiter ist kennzeichnend für
die historische Forschung, dass man von Fall zu Fall beurteilen muss, ob die
erzählten Ereignisse als historische Tatsachen gelten können. Man unterscheidet
zwischen Tatsachen und Erzählungen und zwischen tatsächlichen Erzählungen und
Mythen, Sagen, Legenden oder Gleichnissen. Dadurch wird historische Forschung
zu einer kritischen Arbeit und zu einer Wissenschaft. In der Wissenschaft kann
man nicht irgendeiner Autorität glauben, man braucht ein eigenes begründetes Urteil.
Historische Beurteilungen
sind nur selten absolut sicher. Einige Fakten stehen fest, andere haben sich
sicher nicht ereignet. Dazwischen liegen die Zweifelsfälle. Hier kann man nur
mehr oder weniger wahrscheinlich annehmen, dass ein Geschehen sich ereignet
hat. Verschiedene Historiker können zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen
gelangen. Jedes Urteil ist vorläufig.
Es ist nicht nur eine
historisch-wissenschaftliche, sondern auch eine weltanschauliche Frage, ob man
ein Geschehen für möglich hält oder nicht. Für die Beurteilung von
Wundererzählungen, Schöpfungsgeschichten und Auferstehungsberichten macht es
einen großen Unterschied, ob man ein göttliches Handeln in der menschlichen
Geschichte für möglich hält. Hält ein Historiker dies für unmöglich, dann ist
das kein historisches Urteil, sondern eine weltanschauliche Voraussetzung. Bei
der Beurteilung, ob eine Geschichte tatsächlich geschehen ist, spielen im
Hintergrund immer solche Hypothesen mit.
In der historischen Forschung geht man ganz anders
an die Bibel heran als in unserem gläubigen Hören. Aber der wissenschaftliche
und der glaubensmäßige Zugang schließen einander nicht von vornherein aus. Der
Glaube, dass Gott in der Geschichte Israels und Jesu Christi befreiend
gehandelt hat und dass der Geist uns das durch die Bibel mitteilt, erfordert
nicht, dass wir eine historische Erforschung der Bibel abweisen. Der Glaube
gründet sich auf die Überzeugungskraft der biblischen Botschaft selbst. Er ist
die Frucht von Wort und Geist. Wir glauben an Gott, nicht an historisch
bewiesene Tatsachen. Deshalb darf man den Glauben auch nicht verwechseln
mit einer Schlussfolgerung aus den Ergebnissen historisch-wissenschaftlicher
Forschung.
Der Glaube, dass Gott
innerhalb der Geschichte gehandelt hat, gibt uns gerade die Freiheit, die
Spuren seines Handelns wissenschaftlich zu erforschen. Die Bibel, die diese
Geschichte erzählt, ist von Menschen geschrieben worden. Wenn sich ergibt,
dass nicht alles genauso geschehen ist, wie es die Bibel erzählt, verlieren wir
unseren Glauben nicht. Es ist z.B. gut möglich, dass nicht alle Worte, die
die Evangelien Jesus in den Mund legen, wörtlich so von ihm stammen. Das
vermindert jedoch den Wert und die Wahrheit der Worte für den Glauben nicht.
Sie können Jesu Absicht zuverlässig wiedergeben.
Historisch-kritische
Forschung kann auch unser gläubiges Verstehen der biblischen Botschaft fördern.
Sie schärft unseren Blick für den historischen Zusammenhang, in dem Gottes
Handeln sich ereignete. Sie macht uns deutlich, dass Menschen Gottes Handeln in
ihrem historischen Kontext erlebt und erklärt haben. Der Inhalt der Bibel ist
keine zeitlose Lehre, sondern eine konkrete Geschichte. Deshalb brauchen wir
gerade als Kirche die historisch-wissenschaftliche Forschung.
Historische Forschung und Glauben harmonieren jedoch
nicht immer miteinander. Historische Forschung kann von Voraussetzungen
ausgehen, die mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar sind. Wir nennen
drei davon.
Der Historiker, der die
Gegebenheiten chronologisch ordnet und der nach den frühesten bewiesenen
Tatsachen sucht, kann leicht so weit kommen, dass er annimmt, das Frühere sei
echt und wahr, alles Spätere sei unecht und unwahr. Was Jesus selbst gesagt
hat, hält man so für echt und wahr. Im Gegensatz dazu steht dann die Wiedergabe
seiner Botschaft in den Worten der Evangelisten. Was Paulus über Jesus sagt,
sieht man manchmal als Verzeichnung und Verdrehung der Botschaft Jesu selbst.
Ein solches Urteil muss nicht zutreffen. Was in späteren Worten über Jesus
gesagt wurde, vielleicht aufgrund eines neuen Wirkens seines Geistes, kann
zuverlässig ausdrücken, wer er ist, auch wenn Jesus selbst diese Worte nicht
gebraucht hat.
Der Historiker, der vor
allem versucht, Tatsachen zu beweisen, kann auch dazu kommen, die Geschichte
auf die Tatsachen zu beschränken. Aber gibt es überhaupt solche Fakten für
sich? Alle Ereignisse sind doch wahrgenommene, erlebte, gewürdigte, ‚geglaubte’
Ereignisse? Wir müssen darauf achten, dass wir die methodisch notwendige
Unterscheidung zwischen Tatsache und Bedeutung nicht zu einer hermetischen
Trennung machen. Denn dann entstehen zwei Welten: eine Welt der sogenannten
objektiven Tatsachen, die Welt der Wissenschaft, und eine Welt der sogenannten
subjektiven Sinngebung, eine Sache des Glaubens. Geschichte ist mehr als lose
alleinstehende Tatsachen. Zur Geschichte gehört auch die Bedeutung, die solche
Tatsachen für die Menschen haben. So können wir in der wissenschaftlichen
Forschung wohl unterscheiden zwischen dem historischen Jesus und der Bedeutung,
die Jesus für die Gläubigen hatte. Aber wenn die Verfasser des Neuen Testaments
über Jesus erzählen und den Christus verkündigen, dann reden sie nicht von zwei
verschiedenen Realitäten, die man unabhängig voneinander betrachten kann. Sie
reden von ein und derselben Person. Ein Jesus an sich, losgelöst von seiner
Bedeutung für andere, ist eine theoretische Abstraktion.
Der Historiker, der die
Entstehung und Entwicklung von Glaubensvorstellungen zu erklären versucht , tut
dies nach Möglichkeit auf eine Art und Weise, die für jeden einsichtig ist. Er
wird sich nicht auf übernatürliche Faktoren berufen. Er nutzt vergleichbare
Erscheinungen und Prozesse. Er versucht, den Glauben, dass Jesus auferstanden
ist von den Toten, historisch zu erklären, indem er Vergleiche anstellt mit
anderen Auferstehungsgeschichten innerhalb und außerhalb der Bibel. Er
versucht, den Glauben, dass Jesus für uns gestorben ist, historisch zu
erklären, indem er ihn mit anderen Texten vergleicht, die jemandes Sterben mit
einer Heilsbedeutung versehen. In solchen wissenschaftlichen Erklärungen wird
nicht auf das Handeln Gottes verwiesen. Man versucht, eine religiöse
Entwicklung als das Werk gläubiger Menschen zu erklären. Das ist möglich, weil
der menschliche Glaube tatsächlich auch ein Menschenwerk ist. Als solches kann
man es mit den Möglichkeiten der Wissenschaft erforschen. Der Historiker geht
jedoch viel weiter, wenn er suggeriert, die Entstehung des Glaubens an Jesus
sei nichts anderes und könne nichts anderes sein als Menschenwerk. Dann lässt
er Gottes Handeln nicht nur methodisch-wissenschaftlich außen vor. Dann hält er
solches Handeln grundsätzlich für unmöglich. Aber das ist kein historisches
Urteil, sondern ein weltanschauliches Vorurteil.
Unser Bekenntnis von Jesus Christus und der Versöhnung
gerät unter Druck, wenn man es für eine spätere subjektive Interpretation hält,
die von den Worten des historischen Jesus abweicht. Deshalb müssen wir hier
auch kurz auf die Forschung nach dem historischen Jesus eingehen. Viele
Gelehrte haben hinter dem Bibeltext gesucht nach dem Jesus, „wie er tatsächlich
war“. Man muss ihn dann sozusagen aus den Evangelien heraus pulen, die ja im
Glauben geschrieben sind. Man muss dann seine tatsächlichen Worte und Taten von
denen trennen, die die Evangelisten beschreiben. Dabei ergibt sich sofort die
große Frage, welche Maßstäbe man dafür anlegen muss. Sind nur das Worte Jesu,
die ihn vom Judentum seiner Tage unterscheiden? Oder sind gerade das Worte
Jesu, in denen er mit dem Judentum übereinstimmt? Die Wahl der Kriterien
bestimmt in hohem Maße das Ergebnis. Danach muss man dann mit den kritisch
erarbeiteten Gegebenheiten die „echte“ „historische“ Lebensgeschichte Jesu
erzählen. Man erhält dann eine historische Rekonstruktion, die man aufgrund
aller Gegebenheiten für die am meisten wahrscheinliche hält. Diese Spurensuche
hat widersprüchliche Ergebnisse gehabt. Im 19. Jahrhundert wurden Bücher über
„Das Leben Jesu“ veröffentlicht, die mehr über ihre Verfasser sagen als über
Jesus. Danach hat man die Spurensuche nach dem historischen Jesus eine Zeitlang
aufgegeben. Theologisch kann man das damit begründen, dass wir nicht an den
historischen Jesus glauben, sondern an Jesus Christus, wie er uns in der
Schrift und durch den heiligen Geist begegnet, den „Christus der Schriften“.
Das ist an sich richtig. Aber so entsteht unbeabsichtigt der Eindruck, die
Botschaft Jesu sei völlig losgelöst von Jesus selbst. Das Evangelium muss doch
wenigstens Anknüpfungspunkte haben im Leben Jesu. Wie stellen wir diese Punkte
fest? Darüber wird neu diskutiert, ein gemeinsames Ergebnis ist noch nicht in
Sicht.
Diese historischen
Diskussionen wirken sich auch aus auf unsere Suche, wie wir den Glauben an
Jesus Christus in unserer Zeit ausdrücken können. Wenn man den Glauben auf
historisch sichere Tatsachen gründen will und dabei den Evangelien, unseren
wichtigsten Quellen vom Leben Jesu, mit historischem Misstrauen begegnet, weil
sie ja doch im Glauben geschrieben sind, dann kann das weitreichende Folgen
haben. Wir nennen einen Gedankengang als Beispiel, in dem viele sich
wieder erkennen werden. Nehmen wir folgendes an: Wenn wir sagen wollen, wer
Jesus für uns ist, darf dies nicht strittig sein mit dem, was Jesus selbst
gedacht hat. Der historische Jesus war ein Jude. Jesus glaubte, was die Juden
glaubten. Die Juden glauben an einen einzigen Gott. Deswegen müsste es
unmöglich sein, dass Jesus sich selbst als Gott gesehen hat. Er wäre dann auch
nicht göttlich. Wenn man ihn für göttlich hielte, wäre das eine spätere
Auslegung der Gläubigen. Sie hätten Jesu Bedeutung erklärt, indem sie ihn mit
dieser Interpretation ‚umkleidet’ hätten. Christen hätten Jesus ‚in den Himmel
gehoben’ und ihn so zu Gott ‚gemacht’, aber das wäre er nicht.
Diese Argumentation enthält
mindestens fünf Voraussetzungen, die unbemerkt den Inhalt unseres Glaubens an
Jesus Christus bestimmen. Aber sind diese Voraussetzungen wohl so annehmbar wie
sie sich geben?
Als erstes gibt es die
Voraussetzung, die Juden glauben an einen einzigen Gott. An sich ist das wohl
wahr. Aber aus jüdischen Quellen aus der Zeit Jesu wissen wir, dass dieser
Glaube auch verbunden sein kann mit anderen himmlischen oder gar göttlichen
Wesen, die zur Sphäre des einzigen Gottes gehören. Warum sollte es unmöglich
sein, dass Jesus wie die Juden seiner Tage an die Existenz derartiger
göttlicher Wesen glauben konnte?
Zum zweiten gibt es die
Voraussetzung, dass Jesus glaubte, was die Juden glaubten. Vorausgesetzt, die
Juden in Jesu Tagen glaubten an einen einzigen Gott und nicht an göttliche
Wesen neben Gott. Bedeutet das dann automatisch, Jesus glaubte auch nicht
daran? Ist es völlig ausgeschlossen, dass Jesus etwas glaubte, was seine
Zeitgenossen nicht glaubten? Warum sollte jemand nicht etwas anderes glauben
können als die Menschen um ihn herum? Kann ein Mensch keine neuen Gedanken und
Vorstellungen haben?
Zum dritten die
Voraussetzung, Jesus wäre nicht göttlich, weil nicht er selbst sich für
göttlich hielt, sondern weil andere ihn dafür gehalten hätten. Vorausgesetzt,
Jesus hätte wirklich seine Gottheit nicht selbst erkannt. Ist damit völlig
ausgeschlossen, dass er göttlich war? Göttlich sein ist doch nicht dasselbe wie
sich bewusst sein, dass man göttlich ist. Auch wenn Jesus sich seiner
Göttlichkeit nicht bewusst gewesen wäre, kann es doch wohl wahr sein, dass er göttlich
war. Was man ist und wissen, was man ist, sind zwei verschiedene Dinge. Man
kann die Tochter eines Menschen sein ohne es zu wissen, während andere es wohl
wissen. Jesu Bewusstsein seiner Gottheit ist keine Voraussetzung für seine
Gottheit.
Viertens die Voraussetzung,
Jesus könne nur dann göttlich gewesen sein, wenn er sich dessen selbst bewusst
gewesen wäre. Wenn wir zu seiner Gottheit auch seine Allwissenheit zählen, dann
scheint dies in der Tat der Fall gewesen zu sein. Wenn wir dagegen in diesem
Zusammenhang seine Gottheit auffassen als den einzigartigen Ursprung in Gott
und die einzigartige Einheit mit dem Vater, liegen die Dinge anders. Dass der
Mensch Jesus nicht in vollem Umfang von seiner Gottheit gewusst hat, muss nicht
ausschießen, dass er im hier genannten Sinn göttlich gewesen ist.
Fünftens die Voraussetzung,
Jesus sei nicht göttlich, weil er erst später dafür gehalten wurde. Aber auch
die Tatsache, dass die Nachfolger Jesu ihm erst nach Ostern seine Gottheit
zugeschrieben haben, ist kein Beweis gegen seine Gottheit. Auch wenn man etwas
erst später erkennt und einsieht, ist es deswegen nicht unwahr. Ob etwas wahr
ist oder nicht, hängt nicht vom Zeitpunkt ab, an dem man es entdeckt.
Natürlich kann man mit
solchen Gedanken nicht beweisen, dass Jesus wohl göttlich war. Jesu Gottheit
kann man nicht mit Argumenten beweisen. Wohl können diese Gedanken deutlich
machen, dass die Argumente, die beweisen sollen, Jesus könne unmöglich Gott
gewesen sein, weniger überzeugend sind als es auf den ersten Blick scheint.
Weiter macht dieses Beispiel
deutlich, wie vorsichtig wir sein müssen, den Glauben an Jesus Christus nur auf
historische Erwägungen zu gründen. Einige Erwägungen beruhen auf
weltanschaulichen Voraussetzungen, z.B. der Gedanke, das Frühere sei
verbindlich für das Spätere. Andere Erwägungen beruhen auf Hypothesen, die man
bezweifeln oder mit neuem Material entkräften kann, z.B. dass ein Jude nicht an
göttliche Wesen neben dem einen Gott glauben könne. Und selbst wenn wir diese
historischen Thesen vorläufig annehmen, ist damit noch nichts gesagt über
Inhalt oder Wahrheit unseres Glaubens. Jesus kann göttlich gewesen sein, auch
wenn er sich dessen nicht bewusst gewesen wäre. Wir leugnen nicht, dass man
hier historische Fragen stellen kann, auch nicht, dass man auf diese Fragen mit
den Mitteln der historischen Wissenschaft eine Antwort suchen muss. Aber längst
nicht alle historischen Fragen und Antworten sind von entscheidender Bedeutung
für den Inhalt unseres Glaubens.
Über die Bedeutung des Todes Jesu für andere kann
ein vergleichendes Gespräch geführt werden. Dass Jesus für andere gestorben
ist, gehört zum Kern des Evangeliums. Hat Jesus das selbst auch so gesehen?
Diese Frage kann historisch nur beantwortet werden, indem die Texte mit anderen
Texten verglichen werden, die an jemandes Tod eine besondere Bedeutung
zuerkennen. Man kann denken an Texte über einen Propheten, den Gott als letzten
Boten zu seinem Volk schickt. Oder an Texte über gerechte Diener Gottes, die
Gott nach ihrem Tod ins Recht gesetzt hat. Oder an den Tod eines Knechtes des
Herrn, der für andere stirbt. Ein Historiker kommt nicht weiter als bis zu
Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Unser Glaube an die Bedeutung des Todes
Jesu hängt nicht ab von einer historischen Antwort auf die historische Frage
nach den eigenen Auffassungen Jesu. Unser Glaube ruht auf der Verkündigung, die
in der Bibel zu uns kommt und wovon der heilige Geist uns überzeugt.
Die historische Forschung richtet unsere Sinne auf
die Tatsachen vergangener Zeit. Das ist jedoch in der Gemeinde nicht die einzige
Art und Weise, wie wir mit der Geschichte Jesu umgehen. In der Gemeinde wissen
wir, dass Jesus lebt. Seine Geschichte ist nicht zu Ende. Sein Leben, Sterben
und Auferstehen sind für uns nicht vorbei. In der Liturgie gedenken wir seines
Lebens, Sterbens und Auferstehens und erwarten wir sein Kommen und sein Reich.
In diesem Gedenken und Erwarten ist seine Geschichte gegenwärtig und aktuell.
Die Bedeutung dieser Geschichte erleben wir in Wort und Sakrament. In der Feier
des Abendmahls sind Jesu Tod und Auferstehung und unsere Versöhnung mit Gott
und mit einander eine lebendige und aktuelle Realität. Sie bewirkt, dass wir
Gottes Reich erwarten. Der Herr lebt inmitten seiner Gemeinde.
7. Die Sprache
des Glaubens
Die Bibel bringt Versöhnung oft zur Sprache mit
Hilfe von Worten, die im übertragenen Sinn benutzt werden. Jesus ist das „Lamm“
Gottes (Joh. 1,29). Das Wort Lamm bedeutet hier etwas anderes als im normalen
wörtlichen Sinn. Jesus gehört nicht zu der Gruppe Lebewesen, die man mit dem
Wort „Lamm“ andeutet. Er fällt nicht unter den Begriff „Lamm“. Aber er hat auf
bestimmte Art und Weise wohl eine Ähnlichkeit mit einem Lamm. Ein Wort oder
einen Begriff, mit dem man aufgrund eines Vergleichs andere Dinge andeutet als
normal, nennen wir eine Metapher. (Metapher:
Sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort aus seinem Bedeutungszusammenhang in
einen anderen übertragen, als Bild verwendet wird.) Die Bibel enthält viele
Metaphern. Das Totenreich hat „den Schlund weit aufgesperrt“ (Jes. 5,14). Auch
über Gott wird in Metaphern gesprochen. Gott ist „mein Fels“ (Ps. 92,16).
Manchmal ist eine Metapher uns so vertraut, dass sie uns gar nicht mehr
auffällt: „Der HERR ist mein Hirte“ (Ps. 23,1).
Ein Wort wird metaphorisch
benutzt, wenn die wörtliche Bedeutung des Wortes eine falsche Aussage ergibt.
Ein Beispiel ist der Satz: Der Mann ist aus Eisen. Wenn wir „Eisen“ wörtlich
nehmen, ist der Satz falsch. „Aus Eisen“ deutet in diesem Satz nicht auf die
Eigenschaft, die normalerweise als Eisen bezeichnet wird. „Eisen“ muss also
metaphorisch benutzt sein. Wenn eine wörtlich genommene Aussage nicht wahr sein
kann, enthält sie eine Metapher.
Das bedeutet nicht, dass
eine metaphorische Aussage nicht wahr sein kann! Es bedeutet nur, dass sie
nicht buchstäblich wahr ist. Eine metaphorische Aussage kann sehr wohl wahr
sein und eine Wirklichkeit bezeichnen. Aber sie ist auf eine andere Art und
Weise wahr und verweist auf eine andere Ebene der Wirklichkeit. Wenn ich mit
dem Satz „Der Mann ist aus Eisen“ sagen will, der Mann ist hart und
unbeweglich, dann behaupte ich etwas über die Wirklichkeit dieses Mannes. Die
Behauptung kann wahr sein. Das Bild vom Eisen unterscheidet sich deutlich von
der Wirklichkeit jenes Mannes und bringt gleichzeitig die Wirklichkeit zur
Sprache.
Das ist für unser Gespräch
über die Versöhnung wichtig. Wenn wir mit einer Metapher zu tun haben, deren
buchstäbliche Bedeutung nicht wahr sein kann, zieht man manchmal zu Unrecht die
Schlussfolgerung, eine Metapher sei nicht wahr und rede nicht von der
Wirklichkeit. Diese falsche Schlussfolgerung führt in ein falsches Dilemma.
Entweder ist eine Aussage metaphorisch, dann ist sie nicht wirklich wahr. Oder
etwas ist wirklich wahr, aber dann muss man jede Aussage darüber buchstäblich
annehmen. Man meint, man müsse wählen zwischen dem Bild und der Wirklichkeit.
Ein typisches Beispiel ist das Wort: „Das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns
rein von aller Sünde“ (1.Joh. 1,7). Ist „Blut“ hier buchstäblich gemeint? Wenn
man diese Frage bejaht, muss man annehmen, dass eine spezifische Flüssigkeit
(spezifisch durch eine bestimmte chemische Zusammensetzung) die Kraft oder das
Vermögen hat, Menschen von ihren Sünden zu befreien. Versöhnung wird dann zur
Magie. Die Versöhnung wird, sehr realistisch, bewirkt durch das Blut Jesu. Wir
verstehen das Motiv. Man möchte an der Wirklichkeit der Versöhnung festhalten,
die durch das Sterben Jesu geschehen ist. Wer eine solche magisch-realistische
Auffassung nicht teilen kann, wird umgekehrt gezwungen, mit dieser Auffassung
auch die Wirklichkeit der Versöhnung preiszugeben. Beide Positionen entspringen
einem falschen Dilemma. Wir brauchen nicht zu wählen. Es geht nicht um Bild
oder Wirklichkeit, sondern um Bild und Wirklichkeit. Das reinigende Blut
ist ein kultisches Bild, das sich von der Wirklichkeit des Todes Jesu
unterscheidet und gleichzeitig diesen Tod als Heil zur Sprache bringt: Jesus
gibt sein Leben und nimmt unsere Sünde von uns. Er gibt seinen Leib bis in den
Tod.
Wenn wir ein metaphorisches
Wort wörtlich für wahr halten, dann verstehen wir die Aussage nicht. Wer bei
der Aussage „Gott ist mein Fels“ fragen würde, zu welchem Gebirge Gott denn
wohl gehöre, zeigt damit, dass er die Aussage nicht verstanden hat. Die Frage,
wo wir den Schafstall Gottes, unseres Hirten, suchen müssen, ist sinnlos, (es
sei denn, dass wir auch den Schafstall metaphorisch benutzen).
Es ist jedoch nicht immer
klar, ob ein Wort metaphorisch benutzt wird. Es gibt Zweifelsfälle, in denen
man ein Wort sowohl buchstäblich wie metaphorisch lesen kann. „Hilf mir aus dem
Rachen des Löwen“ (Ps. 22,22). Ist der Löwe hier buchstäblich gemeint oder als
Bild gebraucht (wie in Ps. 7,3; 10,9; 17,12)? Hier ist die Diskussion offen.
Man charakterisiert den Unterschied zwischen metaphorischem
und buchstäblichem Wortgebrauch oft, indem man sagt, eine Metapher beschreibe
die Wirklichkeit nicht so wie sie ist. Es ist wahr, die Metapher beschreibt die
Wirklichkeit nicht mithilfe von Begriffen wie „Eisen“, mit denen wir bestehende
Dinge einordnen. Aber bedeutet dies jetzt auch, dass eine Metapher nicht die
Wirklichkeit beschreibt? Ist eine begriffsmäßige Beschreibung die einzige
Möglichkeit, etwas zu beschreiben? Auch wenn wir sagen „Der Mann ist aus
Eisen“, beschreiben wir jemand so, wie er ist. Man wählt die Bilder nicht
willkürlich aus. Eisen ist ein zutreffendes Bild für diesen Mann, weil das
Eisen ihm in bestimmter Hinsicht ähnlich ist und so etwas über den Mann
aussagt. Es ist von daher besser, den Unterschied zwischen metaphorischem und
buchstäblichem Wortgebrauch eher in der Art und Weise zu suchen, wie die
Wirklichkeit beschrieben wird. Auch eine Metapher beschreibt die Wirklichkeit,
aber auf eine besondere Art und Weise: mit einem Vergleich oder Gleichnis. Die
Metapher beschreibt, wie etwas ist, indem sie etwas anderes nennt, das dem ähnlich
ist.
Wenn wir metaphorisches
Reden nicht mehr sehen als eine bestimmte Art und Weise, die Wirklichkeit zu
beschreiben, stehen wir in der Gefahr, dieses Reden zu einem Ausdruck unserer
Sicht auf die Wirklichkeit zu reduzieren. Natürlich zeigt sich in den Metaphern
auch unsere Sicht. Aber diese ist doch nicht von der Wirklichkeit getrennt.
Diese Überlegungen
erscheinen manchem vielleicht reichlich abstrakt und theoretisch. Aber sie
haben weitreichende Folgen für unser Gespräch über Gott und die Versöhnung.
Welche Bedeutung hätte unser metaphorisches Reden über Gott und sein versöhnendes
Handeln noch, wenn wir dies nicht mehr verstehen als eine Art und Weise, die
Wirklichkeit zu beschreiben? Dann würden wir mit unseren Aussagen nur noch
sagen, wie wir Gott und die Versöhnung sehen. Ob diese Aussagen wahr wären,
würde nicht mehr von der Wirklichkeit Gottes und der Versöhnung abhängig sein.
Maßstab für die Wahrheit einer Aussage wäre unser Erleben oder die Wirksamkeit
einer Aussage. Aussagen über Gott wären wahr, wenn ich sie so erlebe oder wenn
sie in meinem Leben so wirken. In diesem Sinne könnten auch erfundene Gedanken
wahr genannt werden.
Zudem sind Erleben und
Wirksamkeit für jeden Menschen unterschiedlich. Jeder könnte dann nur noch für
sich selbst bestimmen, ob metaphorische Aussagen über Gott wahr wären oder
nicht. Die Vielfalt im Erleben des einen Glaubens droht so auf ein Wirrwarr von
ganz unterschiedlichem Erleben und verschiedenen Wahrheiten und Bildern
hinauszulaufen. Alle Erlebnisse, Wahrheiten und Bilder wären im Prinzip gleich
wahr und wertvoll. Wie sollte das eine Erleben wahrer oder wertvoller sein als
das andere? Pluralität verkommt so zum Relativismus. Ein Glaubensgespräch kann
dann nicht mehr sein als ein Auswechseln von persönlichen Erfahrungen und
Wahrheiten.
Das können wir als
christliche Gemeinde nicht zulassen. Wir halten deswegen daran fest: auch in
unserem metaphorischen Reden über Gott und die Versöhnung beschreiben wir die
Wirklichkeit, wie indirekt und fragmentarisch auch immer.
Es ist ein großer Unterschied, ob wir die
Wirklichkeit mit Begriffen oder mit Bildern beschreiben. Begriffe umschreiben
wir so genau wie eben möglich. So exakt wie möglich legen wir fest, was ein
Begriff beinhaltet und welche Dinge unter diesen Begriff fallen, damit wir uns
genau und klar ausdrücken können. Ein Bild dagegen ist nicht fest definiert, es
ist offen. Wenn wir mit einem Bild etwas beschreiben, ist nicht von vornherein
deutlich, wo die Übereinstimmung zwischen Bild und Wirklichkeit liegt, also welche
Eigenschaften das Bild und die angedeutete Wirklichkeit gemeinsam besitzen.
Bedeutet „Gott ist mein Fels“, dass Gott unempfindlich und hart ist wie ein
Stein? Das Bild vom Felsen könnte das an sich wohl nahe legen. Aber aus dem
Zusammenhang wissen wir, dass die Übereinstimmung anderswo liegt. Verkündigt
wird: „Der HERR ist wahrhaftig und gerecht; er ist mein Fels, und kein Unrecht
ist an ihm“ (Ps. 92,16). Die Aussage „Gott ist ein Felsen“ hat also mit seiner
Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu tun. Es bedeutet: man kann ihm vertrauen.
Es liegt auch nicht von
vornherein fest, wie weit eine Übereinstimmung geht. Jesus gab sein Leben als
„Lösegeld“ (Mk. 10,45). Können wir hier fragen: Wem gab er das Lösegeld? Oder
zeugt diese Frage von genauso viel Missverständnis wie die nach dem Schafstall
Gottes? Weil die Bedeutung einer Metapher weniger festliegt als die eines
Begriffs, bleibt auch hier eine Diskussion immer möglich.
Die Kraft von Metaphern hängt
eng mit dieser Unbestimmtheit zusammen. Sie legen nicht zuviel fest, sie engen
unsere Vorstellungen nicht ein, sie schreiben nicht alles vor. So können sie
überraschen, etwas hervorrufen, ansprechen, inspirieren und uns auf neue
Gedanken bringen. Neue, frische Bilder berühren uns mehr und bewirken mehr als
genaue, vollständige Begriffsbestimmungen. Die Metaphern wecken auch unser
Verständnis dafür, dass die Wirklichkeit, über die wir sprechen, ein Geheimnis
ist, das wir nie vollständig in den Griff bekommen.
Das gilt wohl ganz besonders
für das allergrößte Geheimnis, das Geheimnis Gottes selbst. Deswegen meinen
einige, wir könnten über Gott und sein Handeln nur in Metaphern sprechen, weil
wir ihn nicht begriffsmäßig beschreiben können.
Alles menschliche Reden über
Gott ist in der Tat unzureichend. Doch ist es die Frage, ob wir nur in
Metaphern über Gott sprechen können. Das Wort Gott ist selbst keine Metapher.
Auch ein Wort wie Schöpfer ist kein Begriff, den man normalerweise für andere
Personen benutzt und aufgrund eines Vergleichs auf Gott überträgt. Sind
Begriffe wie barmherzig und gerecht Metaphern, wenn wir sie auf Gott beziehen?
Ist Gott nicht buchstäblich barmherzig und gerecht? Deshalb ist es besser zu
sagen, über Gott kann man sowohl metaphorisch als auch nicht metaphorisch
sprechen. Wir können mit der Aussage „Gott ist treu“ dasselbe über Gott sagen
wie mit der Aussage „Gott ist ein Fels“, aber wir sagen es wohl auf eine andere
Art und Weise.
Auch hier bleiben
Zweifelsfälle. Das Wort „Versöhnung“ im Sinne der Sühne, als Übersetzung eines
spezifischen kultischen hebräischen oder griechischen Ausdrucks, kann man eine
Metapher nennen. Aber wenn wir die Versöhnung in Bekenntnis oder Glaubenslehre
als Wiederherstellung einer zerbrochenen Beziehung umschreiben, dann kann man
diesen Begriff sowohl auf die Versöhnung mit Gott wie auch auf die Versöhnung
mit Menschen buchstäblich anwenden.
Wenn wir in unserer Zeit
begeisternd und ansprechend über Gott und sein versöhnendes Handeln reden
wollen, sind neue, treffende Metaphern wirkungsvoller als Begriffe. Aber wenn
unser Sprechen nur aus neuen Metaphern bestünde, (wenn das überhaupt möglich
wäre), dann würde es unverständlich werden. Wir würden sie erklären müssen,
unter anderem mit bekannten Begriffen.
Es geht also zu weit zu
sagen, unsere Glaubenssprache bestehe nur aus Metaphern. Die Glaubenssprache
verwendet Bilder und Begriffe gleichzeitig. In der Auslegung des Evangeliums
und vor allem in der Glaubenslehre braucht man auch Begriffe, auch wenn es nur
wäre, um die Metapher der Bibel und des Glauben zu verstehen, zu erklären und
auszuarbeiten. Zudem streben wir beim Durchdenken nach Klarheit und
Genauigkeit. Aber wie genau wir unsere Begriffe auch definieren, es bleiben
menschliche Begriffe. Gott bleibt gerade für unser begriffsmäßiges Denken das
größte Geheimnis.
Im Glaubensgespräch und in der Darstellung der
Versöhnung müssen wir neue Bilder suchen und probieren. Dafür braucht man Raum,
Raum für eine berechtigte Verschiedenheit von Bildern und Glaubenserfahrungen,
wie sie auch in der Bibel sichtbar werden. Wir setzen unsere Bilder nicht an
die Stelle von Bildern der Bibel oder der Tradition. Wir sehen sie auch nicht
losgelöst von der Wirklichkeit der Versöhnung, die die Bibel uns verkündigt.
Wir beschränken sie nicht auf unsere eigene Sicht der Versöhnung. Wir versuchen
mit neuen Bildern, die Wirklichkeit der Versöhnung, wie wir sie aus der Bibel
und der Tradition vernommen und erfahren haben, neu so unter Worte zu bringen,
dass man sie erleben und verstehen kann. Dabei laben wir uns an der Quelle, der
Gemeinschaft mit unserem Herrn und Erlöser. Und wir suchen die Richtung, die
der heilige Geist uns zeigt.
Schluss
8. Die Quelle
unseres Glaubens
Wir haben einen langen Weg zurückgelegt. Er fing an
mit der Frage, wer Jesus für uns ist. Darauf haben wir im Hören auf die Schrift
und im Blick auf die Fragen unserer Zeit unseren Glauben an unsern Herrn und
Erlöser umschrieben. Wir haben uns an unsere Gemeinschaft mit dem Bekennen der
Vorfahren erinnert und uns Rechenschaft gegeben von der Rolle, die die Glaubenslehre
bei der Verarbeitung und Übersetzung der biblischen Botschaft erfüllt. Zum
Schluss sind wir auf die Fragen eingegangen, die sich aus der historischen
Erforschung der Bibel und die eigene Art der Glaubenssprache ergeben.
Am Ende unserer Überlegungen
ist es gut, an den Anfang zurückzukehren, zur Quelle unseres Glaubens. Der
Glaube erfordert wohl eine Zusammenfassung und ein Nachdenken (eine Reflexion),
aber er ist selbst keine Reflexion. Er ist ein Vertrauen auf Gott, den Vater,
und ein Leben mit Jesus Christus in der Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist. Er
entsteht durch Wort und Geist und wird genährt durch den Umgang mit der
Schrift. Wir üben diesen Umgang in der Versammlung der Gemeinde und im täglichen
Leben der Gläubigen aus. Auch wenn ein einzelner sich durch ein Bibelwort
ansprechen lässt und es bedenkt, befindet er sich – geistlich gesprochen – im
Raum der Kirche. In diesem Raum klingen für unser Leben die Worte von und über
Jesus. Sein Name klingt in unseren Ohren wie Musik, die uns trägt (Liedboek
446,7). Durch diese Erfahrung entspringt und wächst unser Glaube, immer wieder
neu, von einer Zeit zur anderen, manchmal stürmisch, manchmal trotz
Unterdrückung. Wir antworten auf die Worte, die uns erreichen, mit Worten, die
wir gemeinsam oder persönlich zu Gott singen und beten. Gemeinsam mit diesen
Antworten der feiernden Gemeinde und dem hörenden und betenden Gläubigen bilden
die Worte, die uns in der Schrift erreichen, das Flussbett unseres Glaubens.
Deshalb wollen wir diese
Schrift abschließen mit einigen dieser Worte. Sie sind keine Zusammenfassung,
sie sind nicht einmal repräsentativ für das reiche biblische Reden über Jesus
Christus und die Versöhnung. Sie zeigen ein wenig von der Quelle und dem Flussbett
unseres Glaubens. Sie geben, jedes auf seine Art, den Blick frei auf unseren
Herrn und Erlöser.
Im Philipperbrief lesen wir:
6 Er, der in göttlicher
Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub,
Gott gleich zu sein,
7 sondern entäußerte sich
selbst
und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
8 Er erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam bis zum Tode,
ja zum Tode am Kreuz.
9 Darum hat ihn auch Gott
erhöht
und hat ihm den Namen gegeben,
der über alle Namen ist,
10 dass in dem Namen Jesu
sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden
und unter der Erde sind,
11 und alle Zungen bekennen
sollen,
dass Jesus Christus der Herr ist,
zur Ehre Gottes, des Vaters.
EG Lied 81 : 1 - 4
1. Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,
daß man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?
Was ist die Schuld, in was für Missetaten
bist du geraten?
2. Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet,
ins Angesicht geschlagen und verhöhnet,
du wirst mit Essig und mit Gall getränket,
ans Kreuz gehenket.
3. Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?
Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;
ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,
was du erduldet.
4. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe!
Der gute Hirte leidet für die Schafe,
die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte,
für seine Knechte.
Met Gezang 105 zingen wij:
Christus heeft voor ons geleden
als een beeld van ons bestaan,
dat wij zover zouden gaan
in zijn voetstappen te treden.
Die geen zonde heeft bedreven,
uit wiens mond niet is gehoord
enig onvertogen woord,
maar de adem van het leven.
Die wanneer Hij werd geslagen,
zelfs zijn mond niet opendeed,
die niet dreigde als Hij leed,
maar het zwijgend heeft verdragen.
Die de zonden heeft gekorven
in zijn lichaam aan het hout,
dat gij Gode leven zoudt,
aan de zonde afgestorven.
Door wiens striemen gij genezen,
door wiens dood gij levend zijt,
levend in rechtvaardigheid,
taal en teken van Gods wezen.
Als eertijds verdoolde schapen
thans den Herder toegewijd,
die u in de waarheid weidt.
Uw Bewaarder zal niet slapen.
Ja, de Heer zal u bewaren,
Hij de Herder, Hij het Lam,
die voor u ter aarde kwam,
die voor u is opgevaren!
En aan de tafel van de Heer loven wij
de Allerhoogste
en vieren wij zijn grote daden in schepping en bevrijding:
Dienstb., 887
Want Gij hebt ons geschapen
tot een leven van liefde en lofzang,
en toen wij U loslieten,
hebt Gij ons vastgehouden
en ons teruggeroepen
van een doodlopende weg.
Gij hebt ons bevrijd
uit de macht van donker en dood
en ons uitzicht gegeven
op een toekomst van licht:
vrijheid, vrede, vreugde,
voor al uw geliefde mensen.
En wij gedenken de weg en het werk van
Jezus Christus:
Dienstb., 888
Gezegend zijt Gij, God onze Vader,
en gezegend is Jezus die komt in uw Naam.
Want Hij is tot het uiterste gegaan
om ons voor U te behouden.
Hij heeft voor ons uit
de doortocht gemaakt
door de engte van de dood
naar de ruimte van het leven.
Zo is Hij onze herder,
de hoeder van zijn volk.
Wenn
im Text dieser Broschüre zwischen der Abkürzung und der Ziffer ein Komma steht,
dann verweist die Ziffer auf die Seitenzahl. Steht zwischen der Abkürzung und
der Ziffer kein Komma, dann verweist die Ziffer auf das Kapitel, den Artikel,
die Frage oder die Antwort.
CA Augsburger Konfession,
(Confessio Augustana) 1530
Apost. Apostolisches Glaubensbekenntnis
Barmen Theologische Erklärung von Barmen, 1934
Bijbel De bijbel. Taal en teken in de tijd, SoW-kerken,
1999
Dienstb. Dienstboek, Een proeve, Schrift - Maaltijd - Gebed,
Zoetermeer, 1998
Fundam. Fundamenten en perspectieven van belijden. Proeve van
beschrijving, Nederlandse Hervormde Kerk, 1949
Gr. Kat. Großer Katechismus Luthers, 1529
GMO God met ons. Over de aard van het Schriftgezag,
Gereformeerde Kerken, 1979
HK A Heidelberger
Katechismus, 1563, Antwort
HK S Heidelberger
Katechismus, 1563, Sonntag
Kl. Kat. Kleine Catechismus van Luther, 1529
Kl. wijn Klare wijn. Rekenschap over geschiedenis, geheim en gezag
van de Bijbel, Nederlandse Hervormde Kerk, 1967
KO VPKN Kerkorde van de Verenigde Protestantse Kerken in Nederland
Leuenb. Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa, Leuenberger
Konkordie, 1973
NGB Niederländisches
Glaubensbekenntnis, 1561
Niz.-Konst. Glaubensbekenntnis von Nizäaa-Konstantinopel, 325, 381
Proeve Proeve van een eenparig geloofsgetuigenis, Gereformeerde
Kerken, 1974
Tussenmuur De tussenmuur weggebroken. Over de prediking van de verzoening,
Herderlijke brief, Nederlandse Hervormde Kerk, 1967
Verzoening Verzoening met God en met mensen, Herderlijk schrijven,
Gereformeerde Kerken, 1976
Handreichung
für die Besprechung von
Jesus Christus,
unser Herr und Erlöser
Synodale Schrift der Synoden
der Nederlandse Hervormde Kerk,
der Gereformeerde Kerken in Nederland und der
Evangelisch-Lutherse Kerk in het Koninkrijk der
Nederlanden
Besprechungsmöglichkeiten
Diese synodale Schrift möchte das Gespräch über
den Glauben fördern. Nicht nur in der Synode, sondern vor allem in den
Gemeinden. Die Synoden haben diese Schrift verabschiedet. Sie übergeben sie
jetzt den Gemeinden als ‚eine zusammenfassende Umschreibung unseres
Bekenntnisses von Jesus Christus und der Versöhnung’, um ‚den Glauben der Kirche
neu auszusagen’ und ‚Menschen in ihrer Suche zu helfen’ (Zitate aus der
Einleitung).
Die einmalige Besprechung dieser Schrift auf
einer Kirchenratsversammlung erfordert natürlich andere Methoden als ein Gespräch
an sechs oder sieben Abenden in einem Gesprächskreis oder Kursus. Bei jeder
Versammlung ist wichtig, sich über die Absicht klar zu werden: geht es vor
allem um Auslegung, um Diskussion oder um eine offenes Gespräch über den
Glauben?
Die Ausgangslage kann sehr unterschiedlich sein.
Es ist nicht unwichtig, ob innerhalb der Gruppe vorher schon theologische oder
selbst christologische Fragen zur Sprache gebracht worden sind und wie
unterschiedlich das Erleben des Glaubens in der Gemeinde ist. Darf man
Interesse für das Thema erwarten, oder muss erst Interesse geweckt werden?
Manche Gruppen werden sofort über das Thema Versöhnung diskutieren, andere sind
sich von vornherein einig oder halten andere Dinge für wichtiger. Manche sind
es gewöhnt, über ihre Glaubenserfahrungen zu sprechen, andere können sie schlechter
ausdrücken.
Hierunter sind für jedes Kapitel einige Fragen
formuliert. Abhängig vom Ziel der Versammlung und von der Ausgangssituation
können Sie daraus wählen.
Es gibt unterschiedliche Arten von Fragen. Einige
beziehen sich auf eine Erhellung des Textes, andere auf das Einbringen eigener
Erfahrung. Einmal wird nach der Sicht der Gemeinde, dann wieder nach der
eigenen Meinung gefragt.
Für
die Besprechung im Kirchenrat oder Synodalverband
Zur Vorbereitung haben die Anwesenden die ersten
drei Kapitel gelesen. Für die Besprechung benötigt man mindestens eineinhalb
Stunden, lieber noch etwas mehr. Wenn mehr als zehn Personen anwesend sind,
wird die Teilnahme am Gespräch dadurch gefördert, dass man die Versammlung nach
der Einführung in kleine Gruppen von ungefähr sechs Personen aufteilt.
Einführung (15 Minuten)
Gespräch – evtl. in Kleingruppen – über die
Fragen 1,2,5,15,18 (30 bis 60 Minuten)
Gemeinsam Schlussfolgerungen ziehen und Frage 36
besprechen (15 bis 30 Minuten).
Für
die Besprechung an einem Gemeindeabend
Interessenten werden eingeladen, die Schrift zu
lesen, aber das ist nicht unbedingt notwendig für eine Teilnahme. Im Gemeindebrief
und über die Mitteilungen wird der Abend angekündigt.
Einführung und Zusammenfassung durch den Pastor
Verständnisfragen (noch keine Diskussion)
Gespräch in Kleingruppen (zusammenstellen durch
Abzählen) über eine Auswahl aus den Fragen 1 bis 5, 7, 10, 11 bis 14, 21 bis
23, 26, 27, 29, 32, 33 bis 35. (Dies sind Fragen, die man besprechen kann, ohne
den Text gelesen zu haben.)
(Bei mehr als zwei Kleingruppen:) Bericht der
wichtigsten Gesprächspunkte im Plenum auf einer Tafel oder auf Klapptexten, die
aufgehängt werden (Flap-over)
Eventuell kurze Pause und Möglichkeit, die Notizen
an der Tafel oder die Klapptexte zu lesen
In großer Runde: Die Tafeln oder Klapptexte
erläutern
Schlussfolgerungen ziehen und schließen mit einem
der Texte aus Kapitel 8.
Für
die Besprechung in einem Gesprächskreis oder einem Kursus von sechs Abenden
Jedes Mal bereiten die Teilnehmer sich vor, indem
sie ein oder zwei Kapitel lesen. Zum ersten Mal braucht man noch nichts zu
lesen. Die Teilnehmer werden gebeten, beim ersten Mal einen Text (Bibeltext,
Lied oder etwas anderes) über Jesus Christus mitzubringen, der sie anspricht.
Einführung und Vorstellungsrunde anhand der
mitgebrachten Texte. Absprache über die Arbeitsweise. Eventuell Gespräch über
die Fragen 1, 2 und/oder 3. Hausaufgabe: Kapitel 1 und 2 lesen.
Unser Herr und Erlöser. Gespräch anhand ausgewählter
Fragen zu diesen Kapiteln. Hausaufgabe: Kapitel 3 lesen (das längste und nicht
einfache Kapitel).
Versöhnung. Gespräch anhand ausgewählter Fragen
zu diesem Kapitel. Fragen, die sich ergeben über das Verhältnis Bibel – Dogma –
Bekenntnis – Theologie aufschreiben und für den nächsten Abend bewahren. Fragen
nach historischer Forschung sowie nach dem Verhältnis zwischen Bild und
Wirklichkeit bewahren für den fünften Abend. Hausaufgabe: Kapitel 4 und 5 lesen.
Bekennen und Bedenken des Glaubens. Gespräch anhand
einer Auswahl von Fragen zu diesem Kapitel. Hausaufgabe: Kapitel 6 und 7 lesen.
Aktuelle Herausforderungen: Glaube und
historische Forschung, die Sprache des Glaubens. Gespräch anhand einer Auswahl
von Fragen zu diesem Kapitel. Hausaufgabe: Kapitel 8 lesen, den Text aus der
ersten Versammlung wieder mitbringen.
Abschluss anhand von Texten aus Kapitel 8 und dem
eigenen Text vom ersten Abend. Besprechen von Frage 36. Rückblick (Auswertung).
Lesen des Textes
Obwohl die Sprache nicht schwer ist, ist es kein
einfacher Text. Es ist hilfreich, wenn die Teilnehmer darauf vorbereitet sind.
Der Text ist ziemlich konzentriert und das Thema ist nicht einfach. Man braucht
Zeit zum Lesen. Lieber einen Teil konzentriert lesen als das Ganze nur flüchtig
überfliegen. Unterstreichungen, Frage- und Ausrufungszeichen sowie Bemerkungen
am Rand sind eine gute Vorbereitung für die Besprechung.
Gezielte Fragen
Kapitel 1 Wer
ist Jesus Christus für uns?
1. Die Einleitung nennt zwei Gründe für diese
Schrift:
2. Als Kirche
können wir nur in Verbundenheit mit Jesus Christus über ihn sprechen.
·
Erleben Sie diese
Verbundenheit, in ihrer Gemeinde, im Synodalverband?
·
Wenn ja, wie?
·
Wenn nicht so sehr,
was bedeutet das?
3. ‚Die eine
Frage nach Jesus kann in viele Fragen auseinanderfallen. Sie ist in jeder Zeit
anders zugespitzt.’
·
Erkennen Sie als
Fragen unserer Zeit:
·
‚Interesse für
Jesus als Mensch seiner Zeit’ (und für Umstände außerhalb der Bibel).
·
‚ein offenes Auge
für die vielfältige Weise, in der das Neue Testament die Bedeutung Jesu zum
Ausdruck bringt’ (z.B. im Zusammenhang mit dem Tode Jesu).
·
mehr Einsicht ‚in
die jüdische Welt, zu der Jesus selbst gehörte’.
·
‚die (von gewisser
Seite geäußerte) Vermutung (…) das Bild, das die Bibel uns von Jesus gibt, sei
durch spätere Vorstellungen verzeichnet worden’.
·
Können Sie diese
Fragen als ‚Herausforderungen’ sehen, ‚um eine neue Antwort auf die Frage nach
Jesus zu geben’?
4. ‚Es ist
kein Wunder, dass viele ein Gefühl von Verwirrung, Verlegenheit und
Unsicherheit empfinden.’
·
Erkennen Sie
(eines) dieser(r) Gefühle bei sich selbst, in Ihrer Gemeinde oder Ihrem
Synodalverband?
·
Wenn nicht, was
sagt man denn dort zu den neuen Fragen über Jesus Christus?
·
Wenn ja, wie gehen
Sie damit um?
·
Könnte diese
Schrift dabei eine Hilfe sein?
5. ‚Der Glaube
(…) an die Versöhnung mit Gott (…) ist nicht selbstverständlich.’ Er setzt in
erster Linie voraus‚ dass auch für unser eigenes Lebensglück die Beziehung zu
Gott von entscheidender Bedeutung ist’.
·
Trifft diese
Voraussetzung zu für die Glieder unserer Kirche? Für Sie selbst, Ihre Gemeinde,
Ihren Synodalverband?
·
Und die andere
Voraussetzung, die in einem der letzten Absätze der Einleitung genannt wird?
6. Der Aufbau
dieser Schrift wird im vorvorletzten und im letzten Absatz der Einleitung
beschrieben.
·
Was halten Sie von
diesem Aufbau?
7. Der Titel
lautet: Jesus Christus, unser Herr und Erlöser.
·
Ist der Titel
deutlich?
·
Spricht der Titel
Sie an?
Kapitel 2 Unser Herr und Erlöser
8. Dieses
Kapitel umschreibt den Glauben an Jesus Christus anhand der Titel Christus,
Herr, Erlöser und Sohn.
·
Sind diese Titel
für Sie auch wichtig? Oder stehen andere Titel bei Ihnen höher im Kurs?
·
Ist die
Umschreibung des Titels Christus hilfreich?
9. ‚Jesu
Herrschaft und Erlösung gehören zusammen.’
·
Welche Gründe nennt
der Text, diese zwei Worte miteinander zu verbinden?
·
Können Sie noch
andere Gründe angeben?
·
Was passiert, wenn
wir über das eine ohne das andere sprechen? Sehen Sie diese Gefahr?
10. ‚Jesu
Gottheit, seine einzigartige Einheit mit Gott, tritt also nicht an die Stelle
seiner Menschheit.’
·
Können Sie dieser
Formulierung zustimmen?
Kapitel 3 Versöhnung
11. ‚Das Böse
ist ein unergründliches Rätsel. In Gottes guter Schöpfung und in Gottes Reich
kann es keinen Platz haben, aber in unserer Erfahrung ist es eine nicht zu
leugnende Realität.’
·
Erleben Sie das
Böse als ein unergründliches Rätsel?
12. ‚Als
Gläubige können wir jedoch mit dem Bösen, das Menschen überkommt und das
Menschen tun, keinen Frieden haben.’
·
Besprechen Sie
diese These: Für und Wider sowie Konsequenzen.
13. ‚In
unseren Bekenntnissen wird das Böse zusammenfassend angedeutet als Teufel, Tod
und Sünde, geladene Worte mit einer großen symbolischen Kraft.’
·
Welche Gedanken
rufen die Worte ‚Teufel, Tod und Sünde’ bei Ihnen hervor?
14. ‚Aber die
Macht des Bösen, des Teufels, ist nicht länger Herr unseres Lebens, sondern
Jesus Christus.’
·
Ist das so?
·
Worin zeigt sich
das denn?
15. Kapitel
3.1 und 3.2 beschreiben das Verhältnis zwischen Bösem, Schuld, Gott und
menschlicher Verantwortung.
·
Stimmen Sie der Art
und Weise zu, wie das geschieht?
16. Der letzte
Absatz von Kapitel 3.3 fasst den ganzen
Paragraphen kurz zusammen.
·
Teilen Sie diese
Schlussfolgerung?
·
Wenn nicht, liegt
es vielleicht daran, weil sie die Voraussetzung nicht teilen, die sich in der
Einleitung findet (siehe Frage 5 ‚Glauben an die Versöhnung mit Gott ist nicht
selbstverständlich …’)?
17. Kapitel
3.4 nennt viele biblische Bilder der Versöhnung.
·
Welche Bilder
sprechen Sie an, welche nicht?
·
Lesen Sie einige
der genannten Texte gemeinsam.
18. Kapitel
3.5 gibt Hauptlinien in ‚Aussagen über die Versöhnung in Christus im
Zusammenhang der ganzen Bibel’.
·
Erkennen Sie sich
in diesen Hauptlinien wieder?
·
Wie verhalten sich
Gnade und Recht zueinander im Verhältnis zwischen Gott und Menschen?
·
Und im Verhältnis
der Menschen untereinander? Können Sie dafür gute und schlechte Beispiele
nennen?
19. ‚Die
Versöhnung wird uns verkündigt als Wirklichkeit und Wunder.’ Das bedeutet
nicht, dass es keinen Raum gibt für Fragen (Kapitel 3.6). ‚Einige Fragen, die
in unserer Zeit wichtig sind’:
·
‚War es für unsere
Versöhnung mit Gott notwendig, dass Jesus starb?’
·
‚Ob es allein in
Jesus Versöhnung gibt?’
·
‚Ob ein anderer
Mensch für meine Sünden büßen kann?’
·
Halten Sie diese Art
von Fragen für wichtig? Warum?
·
Gibt es Raum für
diese Fragen in Ihrer Gemeinde, Ihrem Synodalverband und bei Ihnen selbst?
·
Welche Antworten
gibt diese Schrift? Und was halten Sie davon?
20. ‚Jesus
Christus ist in unserer Mitte. Dadurch können wir in Gemeinschaft mit ihm
leben. (…) Diese Gemeinschaft verändert und erneuert unser Leben von innen
her.’ (Kapitel 3.7)
·
Erkennen Sie diese
Verbundenheit in der Gemeinde?
·
Erkennen Sie diese
Verbundenheit in Ihrem eigenen Leben?
·
Hat sich darin im
Laufe der Jahre etwas verändert?
Kapitel 4 Gemeinschaft mit dem Bekennen der
Vorfahren
21. ‚Zum Glück
leben wir nicht nur mit der Schrift und den Fragen unserer Zeit. Wir sind Teil
einer Glaubensgemeinschaft, die die Grenzen unserer Zeit und unseres Ortes
überschreitet.’
·
Fühlen Sie sich mit
dem Glauben Ihrer Vorfahren verbunden?
·
Mit Ihren Eltern,
Großeltern, noch weiter zurück?
·
Wenn ja, wie? Wenn
nein, warum nicht?
22. ‚Die
Vorfahren haben immer in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort
(ihren Glauben) bekannt, und ihr Bekennen trägt davon die Spuren an sich.’
·
Wie sehen Sie das
Apostolische Glaubensbekenntnis?
·
Und den
Heidelberger Katechismus?
·
Erkennen Sie die
Erneuerung der Reformatoren im 16. Jahrhundert, wie sie hier ausgedrückt wird?
23. Der Heidelberger
Katechismus ist ‚für viele ein Stein des Anstoßes geworden’, auf der anderen
Seite wurde er zum ‚Schibbolet (= Erkennungszeichen) der Orthodoxie’ gemacht.
·
Wie sehen Sie das?
·
Sehen Sie eine
andere Möglichkeit, mit dem Heidelberger Katechismus umzugehen?
24. ‚Es zeigt
sich, dass der Heidelberger auf eigene Art auf frühere Traditionen weiterbaut.
Dabei wird die Sicht von Anselm stark zugespitzt. Gottes Liebe, die bei Calvin
im Vordergrund steht, droht in den Hintergrund zu geraten.’
·
Ist diese Erklärung
für Sie erhellend?
Kapitel 5 Bibel und Glaubenslehre
25. ‚Der
Unterschied zwischen Botschaft, Bekenntnis, Lehre und Dogma (…). Es gibt einen
unübersehbaren Unterschied in Funktion, Niveau und Gefühlswert’.
·
Können Sie die
Funktionen und Gefühlswerte benennen?
·
Und den Unterschied
im Niveau?
·
Wann liegen sie
nahe beieinander?
26. ‚Die Frage
ist nicht, ob eine Lehre in der Bibel steht, sondern ob eine Lehre nach ihrem
Hauptinhalt und ihrer Absicht mit dem Hauptinhalt und der Absicht der Bibel
übereinstimmt.’
·
Halten Sie dies für
eine gute Beschreibung des Unterschiedes zwischen biblischer Botschaft und
Lehre?
27. Jeder
Gläubige wird durch einige Worte über Christus und die Versöhnung mehr angesprochen
als durch andere. (…) Bedeutet dies nun auch, dass jeder Gläubige seine eigene
Wahl treffen darf’?
·
Wie denken Sie
darüber?
·
Können wir glauben
ohne Dogmen?
·
Und ohne
Glaubenslehre?
Kapitel 6 Glaube und historische Forschung
28. ‚In der
Gemeinschaft der Kirche glauben wir den Bibelschreibern auf ihr Wort. (…) Man
kann sich der Bibel auch anders nähern.’
·
Ist Ihnen die
historisch-wissenschaftliche Methode vertraut?
·
Wenn nicht, ist die
Erklärung hilfreich?
·
Sehen sie
historische Fragen als Bedrohung, Herausforderung oder noch anders?
·
Was ist die
Bedeutung dieser Vorgehensweise für unseren Glauben?
29. ‚Wir
glauben an Gott, nicht an historisch bewiesene Tatsachen. (…) Wenn sich ergibt,
dass nicht alles genauso geschehen ist, wie es die Bibel erzählt, verlieren wir
unseren Glauben nicht.’
·
Besprechen Sie
diese Aussagen.
30.
‚Historische Forschung kann von Voraussetzungen ausgehen, die mit dem
christlichen Glauben nicht vereinbar sind.’
·
Welche drei
Hypothesen werden in dieser Schrift genannt?
·
Besprechen Sie alle
drei einzeln.
31. ‚Diese
historischen Diskussionen wirken sich auch aus auf unsere Suche, wie wir den
Glauben an Jesus Christus in unserer Zeit ausdrücken können.’ Diese Schrift skizziert
‚einen Gedankengang … in dem viele sich wieder erkennen werden’.
·
Erkennen Sie sich
in diesem Gedankengang wieder?
·
Stimmen die fünf
genannten Voraussetzungen in dieser Argumentation?
·
Sind es Argumente
gegen Jesu ‚Gottheit’?
32. ‚Der Herr
lebt inmitten seiner Gemeinde.’
·
Erfahren Sie das
auch? (Siehe auch Frage 20)
·
Was bedeutet das
für die Geschichte Jesu Christi?
Kapitel 7 Die Sprache des Glaubens
33. ‚Es geht
nicht um Bild oder Wirklichkeit, sondern um Bild und Wirklichkeit. (…) Die
Metapher (= Bildwort) beschreibt, wie etwas ist, indem sie etwas anders nennt,
das ihm ähnlich ist.
·
Was sind die Vor-
und Nachteile von Metaphern gegenüber Begriffen?
34. ‚Wir
halten deswegen daran fest: auch in unserem bildhaften Reden über Gott und die
Versöhnung beschreiben wir die Wirklichkeit, wie indirekt und fragmentarisch
auch immer.’
·
Nennen Sie einige
Metaphern für Gott und für Jesus.
·
Wo liegt hier die
Übereinstimmung zwischen Bild und Wirklichkeit?
·
Was geschieht, wenn
man diese Metaphern wörtlich nimmt?
35. ‚Im
Glaubensgespräch und in der Darstellung der Versöhnung müssen wir neue Bilder
suchen und erproben.
·
`Kennen Sie neue
Bilder für Versöhnung (z.B. in Liedern oder Gebeten)?
·
Wie verhalten diese
sich zu den Bildern aus der Bibel und der Tradition?
Kapitel 8 Die Quelle unseres Glaubens
36. Diese
synodale Schrift möchte den Glauben anregen.
·
Hat die Besprechung
dieser Schrift dieses Ziel erreicht?
·
Wenn ja, wie denn?
· Wenn nein, was ist denn dafür notwendig?
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