Generale Synode van de Nederlandse Hervormde Kerk

 

Generale Synode van de Gereformeerde Kerken in Nederland

 

Synode van de Evangelisch-Lutherse Kerk der Nederlanden

 

Jezus Christus, onze Heer en Verlosser

Jesus Christus,

unser Herr und Erlöser

Utrecht, 30. Oktober 2000

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Diese Broschüre wurde Mitte März 2001 in niederländischer Sprache im Auftrag der Triosynode an alle Kirchenräte der drei Samen-op-weg Kirchen und der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen verschickt.

 

Deutsche Übersetzung:

Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker, Hoogstede

 

Korrektur:

Pastor Hermann Teunis, Ihrhove

Prof. Dr. Heinrich Baarlink, Nordhorn

 

Die im deutschen Text unterstrichenen Sätze beziehen sich auf die Fragen am Ende.

 

 

Hoogstede, März und April 2001

Gerrit Jan Beuker

 

Inhalt

 

Einleitung

1. Wer ist Jesus Christus für uns?

 

Jesus Christus und unsere Versöhnung mit Gott  

2. Unser Herr und Erlöser

2.1       Christus

2.2       Herr und Erlöser

2.3       Sohn Gottes

3. Versöhnung

3.1       Erlösung vom Bösen

3.2       Versöhnung und unsere Schuld

3.3       „gestorben für unsere Sünden“

3.4       Bilder

3.5       Hauptlinien

3.6.      Fragen

3.7.      Leben mit Jesus Christus

 

Den Glauben durchdenken und bekennen

4. Gemeinsam mit dem Bekennen der Vorfahren

5. Bibel und Lehre

 

Aktuelle Herausforderungen

6. Glaube und historische Forschung   

7. Die Sprache des Glaubens

 

Schluss

8. Die Quelle unseres Glaubens

 

Abkürzungen

 

 

Handreichung für die Besprechung

 

 

 

Vorwort

 

Die Frage, wer Jesus Christus ist, beschäftigt Menschen immer wieder. Fragen innerhalb und außerhalb der Kirche fordern die Christen heraus, um verständlich und ansprechend zu sagen, wem sie glauben. Diese Schrift ist einzigartig darin, dass drei Kirchen Aussagen machen über Jesus Christus. Die gemeinsamen Synoden der Samen-op-Weg-Kirchen beantworten die Frage, wer Jesus für sie ist und was Erlösung und Versöhnung mit ihm zu tun haben. In der gemeinsamen Versammlung der Synoden der Nederlandse Hervormde Kerk, der Gereformeerde Kerken in Nederland und der Evangelisch-Lutherse Kerk in het Koninkrijk der Nederlanden am 1. Dezember 2000 wurde der Bericht „Jesus Christus, unser Herr und Erlöser“ mit überwältigender Mehrheit als synodale Schrift verabschiedet. Diese Broschüre enthält den vollständigen Text.

 

Anlass zur Erstellung dieser synodalen Schrift war die intensive Diskussion in den Kirchen über dieses zentrale Thema des christlichen Glaubens. Jede Zeit kennt eigene Fragen und Probleme des Glaubens. Die wissenschaftliche Theologie diskutiert ebenfalls schon Jahrhunderte lang über Person und Werk Christi. Theologische Bücher mit verschiedenen Meinungen über Jesus finden reißenden Absatz. Die Ansichten der Theologen rufen oft heftige zustimmende und abweisende Reaktionen hervor. Gesprächskreise beschäftigen sich mit den unterschiedlichen Ansichten. Es ist viel wert, dass diese Fragen in aller Freiheit und Offenheit in der Kirche gestellt werden können. Manchmal führt das Gespräch in den Gemeinden aber auch zu Unsicherheiten und Gegensätzen. Einige Gemeinden und Klassisversammlungen baten die Synode deshalb, dieses Gespräch zu steuern. Eine der wichtigsten Fragen an die landesweite Kirche war: Was bedeutet es für die Samen-op-weg-Kirchen, dass sie bekennende Kirchen sein wollen? Anders gesagt: Welchen Wert haben die grundlegenden Bekenntnisschriften der Kirchen für das heutige Verständnis von Jesus?

 

Weil ein deutliches Verlangen bestand nach Leitung der Synode, bat das Triomoderamen den neuen gemeinsamen Rat für Gemeindeaufbau, Theologie und Ausbildung (KTO), hierüber eine Schrift zu verfassen. Dr. J. Muis, kirchlicher Dozent der Nederlandse Hervormde Kerk an der Theologischen Fakultät der Universität Utrecht, übernahm den Auftrag dieses Rates, diesen Bericht zu schreiben. Er tat dies in gutem Einvernehmen mit einigen anderen Theologen und Professoren und der Abteilung ‚Kirche und Theologie’. Gleichzeitig fanden auch Gespräche mit dem Triomoderamen statt.

 

Im Auftrag an den Verfasser war wichtig, dass diese Schrift die Gedanken der Samen-op-weg-Kirchen entwickeln sollte im Bezug zum Bekennen der Vorfahren. Diese Schrift sollte keinen verteidigenden Charakter haben. Es geht darum, das Gespräch über Jesus Christus und die Versöhnung anzuregen und ihm eine Richtung zu geben. Auffassungen, Meinungen und Ansichten verschiedener Autoren kommen nur dann zur Sprache, wenn sie im Blick auf das gerade genannte wichtig sind. Die Samen-op-weg-Kirchen sind deutlich gekennzeichnet durch große Unterschiede in Glaubensausdruck und –erleben. Diese Schrift möchte den Dialog zwischen den unterschiedlichen Ansichten und Spiritualitäten fördern. Die Frage, die sich auf der Besprechung in der Synode stellte, war eigentlich, ob es möglich ist, anzugeben, was die Kirchen vereinigt, die sich um Schrift und Bekenntnis versammeln.

 

Eine Schrift wie diese befindet sich per Definition in einem Spannungsfeld. Einerseits besteht das Bedürfnis für die SoW-Kirchen, einen eigenen Beitrag zu liefern für die Diskussion über dieses Thema. Andererseits bestand der Wunsch, diese Schrift möge von der ganzen Kirche anerkannt und getragen werden. Die Diskussion auf der Synode zeigt, diese Schrift wird beiden Seiten gerecht. Sie kann die ganze Bandbreite der Kirche ansprechen, ohne das dies zu einer Aufzählung von Meinungen und Ansichten geführt hat, zwischen denen keine Wahl getroffen wird. In der Synode wurden eindringliche Fragen gestellt z.B. über die Wertung der historisch-kritischen Bibelforschung, über die Gottessohnschaft Christi, die Sicht auf die Versöhnung und die Wertung des Heidelberger Katechismus. Trotzdem überwog bei der Synode die Dankbarkeit und die Übereinstimmung mit dem Inhalt dieser Schrift, die mitten in die Vielförmigkeit der Kirchen einen eigenen bekennenden Ton hören lässt.

Die Synode sprach aus, diese Schrift liefere einen wichtigen und richtungweisenden Beitrag zur weitergehenden Besinnung auf das Bekennen der Samen-op-weg-Kirchen. Mit anderen Worten: In Übereinstimmung mit dem, was die Kirchenordnung der kommenden vereinigten Kirche in Art. I, 6 von der Kirche verlangt, um ‚immer wieder in ihrem Feiern, Reden und Handeln Jesus Christus als Herrn und Erlöser der Welt zu bekennen’. bietet die Synode Ihnen diese Schrift an.

 

Im Jahr 2001 werden noch einige zusätzliche Handreichungen erscheinen, die das Gespräch über diese Schrift und seinen Inhalt fördern können. Als Beilage findet sich hinten in diesem Büchlein schon eine Handreichung, die vom Rat für Gemeindeaufbau, Theologie und Kirche verfasst wurde.

Dr. B. Plaisier,

Schriftführer der

Samen-op-weg-Kirchen

 

 

 

Einleitung

 

1. Wer ist Jesus Christus für uns

 

Als Synoden der Samen-op-Weg-Kirchen wollen wir in diesem Heft in Worte fassen, wer Jesus Christus für uns ist. Innerhalb und außerhalb der Gemeinde gibt es viele Fragen und Ansichten über die Bedeutung Jesu Christi. Man erlebt den Glauben an ihn ganz unterschiedlich und drückt ihn ganz verschieden aus. Diese Vielfalt erfordert eine Besinnung auf unseren gemeinsamen Glauben an Jesus Christus.

Die Vielfalt des Glaubens ist ein wichtiger Anlass, aber sie ist nicht der einzige oder tiefste Grund für dieses Broschüre. Es gehört zum Auftrag der Kirche, Jesus Christus immer wieder neu zu bekennen. (KO VPKN I 6, 8). Die Bedeutung des Herrn ist in den Bekenntnissen der Kirche umschrieben. Aber seine Person und Gegenwart bilden ein großes Geheimnis. Daher können wir nicht von vornherein davon ausgehen, dass in den Bekenntnissen das letzte Wort gesagt ist. Zusätzlich zu ihren früheren Bekenntnissen versucht die Kirche deswegen zu jeder Zeit mit neuen Worten und Akzenten das Geheimnis des Herrn im Blick auf die Fragen ihrer Zeit, in der sie lebt anzudeuten.

Möglicherweise halten einige Gemeindeglieder diese Broschüre für überflüssig. Vielleicht meinen sie, in den früheren Bekenntnissen sei ihr Glaube an Christus deutlich wiedergegeben und fürchten sie, jede andere Formulierung sei eine Relativierung oder gar Verleugnung der Mitte des christlichen Glaubens.

Es gibt innerhalb und außerhalb der Kirche auch Menschen, die selbst die Bedeutung Jesu für ihr Leben herausfinden wollen. Sie haben Bedürfnis an einem Raum für eine geistliche Spurensuche, wodurch sie sich den Glauben zueignen. Eventuell haben sie Angst, dieses Heft wolle ihnen den Glauben vorschreiben und aufzwingen und es würde ihre Mündigkeit und Freiheit einschränken.

Als Kirche können wir nicht an der Frage unserer Zeit nach Jesus Christus vorbeigehen. Wir können diese Frage jedoch auch nicht der persönlichen Entscheidung jedes Einzelnen überlassen. Dann würden wir keine Glaubensgemeinschaft mehr bilden. Wenn wir in diesem Heft beschreiben, wer Jesus Christus für uns ist, möchten wir nur den Glauben der Kirche neu bezeugen. Wir hoffen dabei, dass diese Beschreibung Menschen in ihrer Suche helfen wird.

Wir stellen die Frage nach Jesus Christus als Kirche, also als Glaubensgemeinschaft, die in Verbindung mit ihrem Herrn lebt. Wir können und wollen diese Verbundenheit keinen Moment  ... vergessen. Jesus Christus ist der Herr der Kirche und die Kirche ist Kirche Jesu Christi. Wenn wir uns aus dieser Verbundenheit lösen und über Christus als einen Fremden sprechen würden, würden wir nicht mehr als Kirche sprechen.

Wegen dieser Verbundenheit  geht es immer auch über unsere Identität als Kirche, wenn wir über Jesus Christus sprechen. In der Art, wie wir Christus sehen, ihm glauben und nachfolgen, zeigt sich, wo wir als Glaubensgemeinschaft stehen. Deswegen berührt das Thema dieses Heftes den Kern unseres Kirche- und Christseins.

Gott hat uns den Glauben an Christus geschenkt. Dass Jesus „Herr und Christus“ (Apg. 2,36) ist, haben uns die Apostel verkündigt. Es ist kein Ergebnis unseres eigenen Nachdenkens, dass wir mit dieser Verkündigung übereinstimmen. Auch der Glaube an Jesus Christus ist eine Gabe Gottes, ein Werk des Heiligen Geistes (1. Kor. 12,3). Unser Reden über Christus ist Antwort auf eine Realität, die uns erschienen ist und die uns überzeugt hat. Deswegen hat dieses Reden bekenntnismäßigen Charakter. Bekennen heißt: eine Antwort geben auf die Frage, wer Jesus Christus heute für uns ist.

 

Wenn wir eine bekenntnismäßige Antwort gegeben haben, hat sich die Frage noch nicht erledigt. Auch wenn wir an ihn glauben, bewegt uns die Frage nach Jesus Christus weiter. Diese Frage bringt uns dazu, frühere Antworten neu zu überdenken und zu prüfen. Bekennen ist nie etwas Selbstverständliches.

Die eine Frage nach Jesus kann sich in viele Fragen auffächern und hat in jeder Zeit eine eigene Zuspitzung. Heute erleben wir neues Interesse an Jesus als Mensch seiner Zeit und an Informationen außerhalb der Bibel, die ein Licht auf Jesu Leben werfen könnten. Wir haben stärker entdeckt, wie vielseitig das Neue Testament die Bedeutung Jesu ausdrückt. Der Tod Jesu wird z.B. von den Evangelisten und Paulus unterschiedlich beleuchtet. Neue wissenschaftliche Forschungen und Ergebnisse haben in den letzten Jahrzehnten die Einsicht in die jüdische Welt vertieft, in der Jesus lebte. Diese Erkenntnisse rufen neue Fragen auf über ihre Bedeutung. Mancher vermutet, das Bild, das die Bibel von Jesus zeichnet, sei durch spätere Glaubensüberzeugungen verzeichnet worden.

Diese Fragen, Entdeckungen und Hypothesen bleiben nicht innerhalb der Arbeitsräume der Gelehrten eingeschlossen. Exegeten legen ihre Ergebnisse der Gemeinde und der Dogmatik zur Prüfung vor. Dogmatiker ziehen manchmal weitreichende Schlussfolgerungen und sie zögern manchmal nicht, herkömmliche Lehraussagen als unnötigen Ballast abzutun. Auch außerhalb der Kirche und der kirchlichen Theologie entstehen immer neue Jesusbilder.

Dies alles weckt manchmal den Schein, als könne jeder seinen eigenen Christus erschaffen. Gläubige können dadurch manchmal das Gefühl bekommen, es gebe mehr Fragen als Antworten. Oder es gebe nicht nur eine Antwort, sondern viele Antworten, die einander widersprechen und ausschließen. Oder als ob neue Antworten frühere Antworten aus der Tradition der Kirche abschwächen. Es ist kein Wunder, dass viele Menschen ein Gefühl von Verwirrung, Verlegenheit oder Unsicherheit überfällt.

Trotzdem besteht kein Grund, uns durch solche Gefühle lähmen zu lassen. Im Gegenteil! Glauben und bekennen gab es nie ohne Fragen. Jesus selbst ruft im Grunde die Frage hervor: „Wer sagen die Leute, dass ich sei?“ (Mk. 8,27). Auch nach der Antwort: „Du bist der Christus!“ (Mk. 8,29) hören die Fragen nicht auf. Dogmen und Bekenntnisse, die uns jetzt sehr einfach und klar erscheinen, sind in langen Diskussionen über brennende Fragen entwickelt und erwachsen, über die man sich in der Kirche nicht einig werden konnte. Viele Fragen, die uns ganz neu erscheinen, gibt es schon von Anfang der Kirchengeschichte an. Fragen, die uns verwirren, erweisen sich als schon früher durchdacht und aus dem Glauben heraus beantwortet. Dass die Kirche dadurch in Bewegung kommt, ist nicht neu. Deswegen brauchen wir nicht zu erschrecken.

Damit sagen wir nicht, es gebe keine neuen Fragen oder alle Fragen seien im Grunde schon beantwortet. Es gibt auch Fragen, die vorige Generationen so nicht gekannt haben. Einige haben wir oben schon genannt. Aber warum sollten diese Fragen eine Bedrohung für unseren Glauben sein? Warum sollten wir vor ihnen Angst haben müssen? Natürlich ist es riskant, neue Fragen zu stellen. Aber es ist mindestens ebenso riskant, keine Fragen mehr zu stellen. Deswegen ist es besser, diese Fragen ohne Angst aufzugreifen und sie als Herausforderung zu sehen, die uns helfen kann, eine neue Antwort auf die Frage nach Jesus zu geben und Inhalt und Bedeutung unseres Glaubens besser zu verstehen. Neue Fragen können auch zu neuem Glauben und Bekennen anregen. Die Geschichte unseres Herrn und die Geschichte seiner Kirche geben allen Anlass, darauf zu vertrauen.

 

Wir bekennen in diesem Heft unseren Glauben, indem wir zusammenfassen und bedenken, was die Bibel uns über Christus und sein Heil sagt. Wir werden dazu herausgefordert durch die Fragen, die in unserer Zeit  über den Glauben an Jesus Christus gestellt werden. Deshalb tragen wir in unserer Wiedergabe auch der aktuellen Diskussion Rechnung. Wir machen keinen Versuch, die Lehre von Jesus Christus vollständig darzustellen. Wir beschränken uns aber auch nicht auf ein Gespräch über die Auffassungen z.B. von Prof. Kuitert oder Prof. Den Heyer. Wir versuchen als Kirche wieder zu geben, was wir im biblischen Zeugnis von Jesus Christus und seinem Heil vernommen haben. Dabei lassen wir uns zuallererst leiten durch das Bekennen der Vorfahren. Wo es im Blick auf heutige Diskussionen nötig war, besprechen wir die Fragen über die Geschichtlichkeit des Glaubens an Jesus Christus und die Fragen über den bildlichen Charakter der Glaubensaussagen. Wir werden auch einige wichtige Fragen und Gesichtspunkte von Prof. Kuitert und Prof. Den Heyer besprechen, ohne ihre Namen zu nennen, denn was sie schreiben bewegt viele. Die betreffenden Abschnitte in diesem Heft haben mehr den Charakter einer theologischen Diskussion.

Der Glaube an Jesus Christus und an die Versöhnung mit Gott und Menschen ist nicht selbstverständlich. Für die Gläubigen ist Jesus wichtig wegen seiner einzigartigen Beziehung zu Gott. Versöhnung mit Gott setzt voraus, dass die Beziehung zu Gott für unser eigenes Lebensglück eine entscheidende Bedeutung hat. Wenn es uns schwer fällt, an Gott zu glauben, dann haben die Fragen nach Jesus für uns ein anderes Gewicht. Wenn unser Leben kaum eine Beziehung zu Gott kennt, ist die Versöhnung mit Gott für uns viel weniger wichtig. Aber auch wenn wir Gott suchen und Jesu einzigartige Beziehung zu Gott erkennen, gibt es einige Voraussetzungen im Reden über die Versöhnung, die überhaupt nicht selbstverständlich sind: Dass Gott das Böse ursprünglich und letztendlich nicht will und wir deswegen auf Erlösung hoffen dürfen; dass es neben dem Bösen, das wir erleiden, auch Böses gibt, das wir tun und verursachen und wofür wir verantwortlich sind; dass wir, indem wir uns für das Böse entschieden haben, unsere Beziehung zu Gott zerbrochen haben und sie selbst nicht wieder herstellen können; dass ein anderer uns vor Gott vertreten und unsere Beziehung zu Gott wieder in Ordnung bringen kann. Das sind alles Voraussetzungen, die wir nicht von selbst erleben. Sie können ernsthafte Hindernisse bilden für das Verständnis der Versöhnung. Wir sind uns dieser Schwierigkeiten bewusst und haben sie, wo das erforderlich schien, kurz angedeutet. Aufgabe dieses Heftes ist es jedoch nicht, ein seelsorgerliches Gespräch über unsere Verständnis- und Glaubenprobleme zu führen. Dieses Heft will unser Bekenntnis von Jesus Christus und der Versöhnung zusammenfassen und beschreiben.

Nach dieser Einführung beschreiben wir im zweiten Teil des Heftes den Glauben an Jesus Christus (Kapitel 2) und die Versöhnung (Kapitel 3). Im dritten Teil zeigen wir zuerst, wie unsere Vorfahren diesen Glauben bekannt haben und was die Gemeinschaft mit diesem Bekennen beinhaltet (Kapitel 4). Danach gehen wir auf die besondere Rolle ein, die die Glaubenslehre im Bekennen, Verkündigen und Unterrichten der Kirche erfüllen muss (Kapitel 5). In Teil Vier gehen wir ausführlicher ein auf zwei Probleme, die im heutigen Gespräch über Jesus, also auch in Kapitel 2 und 3 im Hintergrund mit im Spiel sind, nämlich die Geschichtlichkeit des Glaubens (Kapitel 6) und den bildhaften Charakter der Glaubenssprache (Kapitel 7). Diese Kapitel sind aus der Art der Sache ein wenig fachspezifisch, aber sie dürfen nicht fehlen, weil jeder bewusste Gläubige mit diesen Fragen in Berührung kommt. Wir schließen dieses Heft mit einem Hinweis auf die Quelle, aus der unser Glaube kommt und lebt (Kapitel 8).

 

 

 

Jesus Christus und unsere Versöhnung mit Gott

 

2. Unser Herr und Erlöser

 

2.1 Christus

 

Wir gebrauchen die Worte Jesus und Christus meistens als zwei Namen. Dieser Sprachgebrauch findet sich schon im NT. Das ist bemerkenswert, weil dieses Wort eine griechische Übersetzung für das hebräische Wort „Gesalbter“ ist (Maschiach, davon ist Messias abgeleitet). „Gesalbte“ sind im Alten Testament Menschen, die Gott beauftragt, eine besondere Aufgabe zu erfüllen. Dafür werden sie gesalbt, mit Öl oder mit dem Geist Gottes. Dies geschieht bei Königen, dem (Hohen)Priester und dem Propheten Elisa. Wenn sie „Gesalbte“ heißen, ist das kein Name, sondern ein Titel. Er deutet nicht ihre Person, sondern ihr Amt an. Auch in außerbiblischen jüdischen Schriften findet sich der „Ausdruck“ Messias für jemanden, der das Volk Israel von seinen Feinden erlösen und ihm Frieden bringen wird als Anfang des Reiches Gottes in dieser Welt. Die Frage, wie und durch wen das geschieht (durch einen König oder einen Hohenpriester), wird verschieden beantwortet. Seine Nachfolger geben Jesus schon zu Lebzeiten den Titel „Messias“ (Mk. 8,29). Nach seiner Auferstehung hat sich dieses Wort als Name für Jesus bei der Gemeinde eingebürgert. Wenn wir das Wort Christus als Amtstitel für „Gesalbter“ lesen, dann fasst er die besonderen Funktionen zusammen, die Jesus im Auftrage Gottes erfüllt hat. Gott hat Jesus mit dem Heiligen Geist gesalbt als Prophet, Priester und König. (HK A 31, Fundam. 6, 7, 8).

Zwei geschichtliche Randbemerkungen müssen hier gemacht werden. Die wissenschaftliche Forschung hat deutlich gemacht, dass es in Jesu Tagen keine eindeutige Erwartung des Messias gab. Es gab viele unterschiedliche Vorstellungen des Messias. Es gab auch Erlösungserwartungen ohne einen Messias. Deshalb kann man nicht sagen, Jesus habe mit seinem Auftreten für alle, die ihn sahen, eindeutig bewiesen, dass er der Messias sei. Ebenso wenig kann man behaupten, er sei nicht der Messias gewesen, den Israel erwartete, weil er Israel nicht von der römischen Besatzungsmacht befreit habe.

Historisch-wissenschaftlich ist es nicht wahrscheinlich, dass Jesus sich „Messias“ nennen ließ (Mk. 8,30), aber wohl, dass er seinen Auftrag messianisch verstanden hat, auch wenn man das nicht beweisen kann. Das Gegenteil, dass er sich nicht als Messias verstanden hat, kann man ebenso wenig beweisen.

Für unseren Glauben ist es wichtig, dass wir den Namen und den Titel „Christus“ nur gut verstehen können, wenn wir auf das Alte Testament und andere jüdische Schriften achten. Die Aufgabe des Messias, die Rolle, die er erfüllen muss, und das Heil, das er bringt, werden nur im Weg, den Gott mit seinem Volk Israel geht, recht deutlich. Der Messias wurde und wird in der Synagoge noch immer erwartet als der Erlöser Israels. Wenn wir Jesus als Messias bekennen, erkennen wir damit an, dass Jesus für Israel gekommen ist. Er „ist ein Diener der Juden“ (Röm. 15,8). Der größte Teil Israels aber hat Jesus nicht als Messias anerkannt. Deswegen gibt es zwischen Synagoge und Kirche eine tiefe Kluft. Weil Gott seinem Volk, das er erwählt hat, treu bleibt, bleibt Israel das erwählte Volk Gottes. Die Kirche ist nicht an die Stelle Israels getreten. Unser Glaube an den Messias Jesus verbindet uns mit dem Volk, für das er gekommen ist und zu dem er gehört, dem Volk Gottes. Durch Jesus haben wir Zugang zum Gott Israels (Eph. 2,11-13) und durch ihn teilen wir die Israel geschenkte Erwartung des Reiches Gottes. (KO VPKN I 1).

Die Bezeichnung „Christen” kommt von Christus. Dieser Name bedeutet: wir haben Teil an seiner Salbung, an seinem besonderen göttlichen Auftrag, und wir sind berufen, auf unsere Art und Weise königlich, priesterlich und prophetisch zu leben (HK A 32). Der Geist Gottes, der ihn erfüllte, will auch in unserem Leben wirken.

 

 

2.2. Herr und Erlöser

 

Der besondere Ort Jesu Christi in unserem Leben und in der Welt wird mit dem Titel „Herr“ angedeutet. Ein Herr hat Befugnis und Macht, zu regieren und seinen Dienern Aufträge zu erteilen. Jesus ist der Herr, weil er Autorität hat über unser Leben. Die Bezeichnung „Herr“ gebrauchte man in der griechischen Kultur, in der die Kirche sich entwickelte, für Götter und göttliche Herrscher. Die Stellung, die sie für sich fordern, kommt nur Jesus Christus zu (1. Kor. 8,6). Jesus hat sich ausgerechnet darin für uns als Herr erwiesen, dass er sich für uns erniedrigte (Phil. 2,7f). Griechischsprechende Juden kannten den Ausdruck „Herr“ als griechische Übersetzung des alttestamentlichen Eigennamens JHWH, den die Juden nicht aussprechen dürfen. Dieser Herr beweist seine Herrschaft in seiner gnädigen und barmherzigen Anwesenheit. Mit dem Titel „Herr“ steht Jesus auf der Höhe des Gottes Israels. Dinge, die im Alten Testament von Gott gesagt werden, können jetzt auf Jesus übertragen werden. Das bedeutet nicht, dass Jesus den Platz Gottes einnimmt und sozusagen Gott ersetzt, aber es bedeutet wohl, dass Jesus teilhat an der Königsherrschaft Gottes. Gott hat Jesus durch die Auferstehung erhöht und lässt ihn teilhaben an seinem Königtum und seiner Herrschaft (1. Kor. 15,23-28). Jesus sitzt zur Rechten Gottes. Er ist erhöht, damit alle sich vor ihm beugen und ihn als Herrn bekennen (Phil. 2,9-11). Er ist nicht nur der Herr der Gemeinde, sondern auch der Welt. Deshalb können wir in der Welt letztendlich keine anderen Herren anerkennen. (Barmen II).

Jesus ist unser Herr. Das bedeutet, wir dienen ihm und halten seine Gebote. Wer ihn als Herrn bekennt, will sein Diener sein. Er ist nicht ein Herr, der nur Gehorsamkeit fordert, sondern ein Herr, der uns zuvor gedient hat. Ihm gehorsam zu sein, bedeutet ihm nachzufolgen (Phil. 2,1-5).

Das Wort „Herr“ reicht nicht aus, die Bedeutung Jesu in unserem Leben auszudrücken. Er ist unser Herr und Erlöser (Heiland) (2.Petr. 1,11). (KO VPKN I 6). Im Hebräischen und Griechischen hängt das Wort Erlöser, das man auch als Retter, Befreier oder Heiland übersetzen kann, zusammen mit dem Tätigkeitswort für retten, befreien, erlösen und erhalten und mit dem Hauptwort für Rettung und Heil. In diesem Titel klingt also stark an, was Jesus für uns tut und was er uns gibt. Er rettet uns vielfach von Bosheit und Untergang. Er bewahrt und behütet uns und gibt uns Heil, ein volles und gutes Leben vor Gott. Wenn wir Jesus „Christus“ oder „Herr“ nennen, tun wir das immer auch im Blick auf das Heil, das er uns bringt. Er ist nicht Christus oder Herr für sich selbst, er ist es für uns. Zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen. (Niz.-Konst.)

Jesu Herrschaft und Erlösung gehören zusammen. Wenn wir über das eine sprechen ohne das andere, entstehen Missverständnisse und Verzeichnungen. Ein Herr, der uns nicht erlösen würde, würde kalt und distanziert über uns stehen bleiben. Glauben wäre dann nicht mehr als Pflichterfüllung. Im christlichen Leben würde es nur um unser Tun und unsere Leistungen gehen. Umgekehrt wäre ein Erlöser, der unser Leben nicht regieren würde, nur ein Mittel, um uns eine friedliche Existenz zu sichern. Glauben würde dann nur der Erfüllung unserer eigenen Bedürfnisse dienen. Im christlichen Leben würde es nur um unser Wohlbefinden gehen. Es gäbe keinen Einsatz, keinen Dienst und keine tatkräftige Liebe für Gott und den Nächsten. Deshalb gibt der Glaube an Christus unserem Leben einen empfangenden und gebenden, einen entspannten und eingespannten Charakter. Wir üben uns darin, ihn mit zwei Worten zu bekennen: als unseren Herrn und unseren Erlöser.

 

 

2.3. Sohn Gottes

 

Der Titel „Sohn“ kommt häufig und in fast allen Schriften des Neuen Testaments vor. Dieser Titel ist wichtig, weil er Jesu Verhältnis zu Gott andeutet. Wer Jesus ist und worin das Geheimnis seiner Person besteht, enthüllt sich uns im tiefsten in diesem Wort. Jesus ist der Sohn Gottes.

Das Wort Sohn deutet auf Jesu besonderes Verhältnis zu Gott. Diese Verbindung ist in seinem ganzen Auftreten zu spüren. Er betet zu Gott als „mein Vater“ und lehrt seine Jünger zu beten zu „unserem Vater“. Mit prophetischer Vollmacht verkündigt er das Kommen des Reiches Gottes und ruft auf zu Bekehrung. Er spricht von diesem Reich in Gleichnissen. Dabei deutet er auch seine eigene Rolle im Kommen dieses Reiches an. Er tritt auf in der Vollmacht des Geistes, den er bei seiner Taufe empfangen hat. Er treibt böse Geister aus, heilt Kranke, vergibt Sünden und ruft Menschen auf, ihm nachzufolgen. Er stellt die Menschen vor die Entscheidung, für oder gegen das Reich Gottes, und diese Entscheidung ist identisch mit der Entscheidung für oder gegen Jesus. So handelt er im Namen Gottes und als Gott.

Der Ausdruck „Sohn Gottes“ wird nicht nur für Jesus gebraucht. Im Alten Testament werden auch das Volk Israel und König David so bezeichnet. Im Neuen Testament heißen die Gläubigen Söhne Gottes und auch einige jüdische, charismatische Wundertäter werden Sohn Gottes genannt. Alle haben sie eine besondere Beziehung zu Gott. Aber Jesu Verhältnis Gott gegenüber ist einzigartig: in seinen Worten und Taten hat er sich mit Gott und Gottes Handeln identifiziert. Gott hat dies bestätigt und sich mit Jesus vereint, indem er ihn von den Toten auferweckt hat (Röm. 1,3). Darum wird er der eingeborene Sohn Gottes genannt (Joh. 1,14), (Apost. Gl. Bek.).

Diese einzigartige Beziehung wird vor allem im Johannesevangelium weiter durchdacht und ausgearbeitet. Das Wort Beziehung ist noch zu wenig, um die intime Lebensgemeinschaft zwischen Gott und Jesus anzudeuten. Gott und Jesus stehen nicht als zwei lose Personen einander gegenüber, sie bilden eine Einheit. In seiner Mission, seinem Handeln und Reden ist Jesus eins mit Gott und Gott eins mit Jesus. Der Vater ist im Sohn und der Sohn ist im Vater (Joh. 10,30; 14,10).

Jesu Jünger haben diese Einheit mit Gott erlebt und nach der Auferstehung unterschiedlich ausgedrückt. In Jesus handelt Gott. In ihm ist Gott anwesend und kommt Gott zu uns. (Fundam. 4, Proeve 3).

Diese Einheit mit Gott bestimmt das ganze Leben Jesu. Sie war von Anfang an da und bleibt immer bestehen. Um jeden Schein zu vermeiden, diese Einheit könne zufällig und nebensächlich sein, haben einige Zeugen diese Einheit ausdrücklich bekannt als den ewigen Grund für Jesu irdisches und zeitliches Leben. Wenn in Jesus Gott selbst zu uns kommt, dann hat Jesus seinen einzigartigen Ursprung offenbar in Gott selbst. Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sagt ein sehr frühes Bekenntnis (Phil. 2,6). Johannes 1 drückt Jesu göttliche Herkunft genauer aus. Die Beziehung zwischen dem Vater und dem Sohn ist die Beziehung zwischen Gott und seinem ewigen Wort vom Anfang. Es gibt keine Zeit und keinen Ort, wo Gott ohne Jesus und Jesus ohne Gott ist. Das Wort, das bei Gott ist, und das Gott ist (Joh. 1,1), hat die menschliche Existenz angenommen und hat in Jesus als Mensch auf Erden gelebt. Das ewige, göttliche Wort ist der Sohn des Vaters.

Die Kirche hat sich in ihrem Bekennen bei Johannes angeschlossen, um die einzigartige Verbundenheit und Einheit zwischen Jesus und Gott in Worte zu fassen. Auf der Spur des Johannes und in der Tradition der Kirche bekennen wir, dass Gott, der Sohn, Mensch geworden ist. (CA 3, Kl. Kat. 2, Leuenb. 21). Dabei ist es wichtig, dass wir solche Ausdrücke und Redewendungen gut verstehen. Mit dem Ausdruck „die Gottheit Jesu“ deutet man den einzigartigen Ursprung Jesu an im ewigen Leben Gottes und seine einzigartige Einheit mit dem Vater, in der er gelebt hat und in der er gestorben und auferweckt worden ist. Gleichzeitig müssen wir bedenken, dass Jesus als Sohn vom Vater unterschieden bleibt. Der Sohn ist nicht der Vater. Jesus „ist“ nicht Gott. Er ist der Sohn Gottes und in diesem Sinne göttlich. Seine einzigartige Einheit mit Gott bleibt eine einzigartige Beziehung zu Gott.

Jesu Gottheit, seine einzigartige Einheit mit Gott, verdrängt also nicht seine Menschlichkeit, seine einzigartige Beziehung zu Gott. Es ist keine Rede davon, dass wir mit dem Bekenntnis der Gottheit Jesu seine Menschheit leugnen und ihn sehen als einen zweiten Gott neben Gott oder sogar anstelle Gottes.

Mit diesem Bekenntnis der Gottessohnschaft Jesu wird in unserer Zeit (wieder) die historische Frage gestellt, ob Jesus sich seiner Gottheit bewusst war und ob er sich selbst als eingeborenen Sohn Gottes oder als fleischgewordenes Wort gesehen hat.

Dabei müssen wir zuerst bedenken: die Wirklichkeit und das Geheimnis von Jesu Verbundenheit mit Gott sind nicht identisch mit den Ausdrücken, die sie andeuten. Dass Jesus sich selbst nicht als fleischgewordenes Wort Gottes oder eingeborenen Sohn Gottes bezeichnet hat, schließt nicht aus, dass diese späteren Ausdrücke seine Einheit mit Gott angemessen umschreiben.

Weiter müssen wir bedenken, dass wir mit den Mitteln der historischen Wissenschaft nicht feststellen können, ob Jesus sich selbst für göttlich gehalten hat. Historisch kann man das genauso wenig beweisen wie das Gegenteil. Wohl gibt es in Jesu außergewöhnlichem Auftreten Hinweise, die wir oben genannt haben, die andeuten, dass er von einem einzigartigen Auftrag und einer einzigartigen Einheit mit Gott gewusst hat, die ihn von allen anderen Dienern Gottes unterscheidet.

 

 

 

 

 

3. Versöhnung

 

3.1. Erlösung von dem Bösen

 

Jesus Christus ist unser Herr und Erlöser, der Sohn Gottes. In ihm ist Gott zu den Menschen gekommen und hat er uns Heil geschenkt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Jesus uns von all unseren Leiden und Fehlern befreit hat. Unser Leben auf Erden ist noch immer gefährdet und vergänglich. Unsere Existenz kann plötzlich von Krankheiten oder Naturkatastrophen bedroht werden. Nach Jesu Kommen erwarten wir mehr als je zuvor ein neues und gutes Leben (Röm. 8,19-21) und wir erwarten einen neuen Himmel und eine neue Erde (2. Petr. 3, 13).

Jesus hat uns in Wort und Tat verkündet: das Reich Gottes ist nahe. Diese Verkündigung ist gleichzeitig ein Ruf zur Bekehrung (Mk. 1,15). Durch seine Unterweisung und sein Beispiel zeigt er uns den Weg in sein Reich. Er öffnet unsere Augen für dieses Reich, indem er Gleichnisse erzählt, die dieses zugleich erklären und verbergen. Seine Heilungen sind Zeichen, die ein Leben ohne Krankheit, Leiden und Tod verheißen. Er ist als Erstling aus den Toten auferstanden und regiert als König bis zur Vollendung (1.Kor. 15, 23f). Das Reich hat in Jesus Christus angefangen, aber es ist unter uns noch nicht volle Wirklichkeit geworden. Gemeinsam mit Israel erwarten wir noch die Erlösung (KO VPKN I 1).

Diese Erlösung ist keine Befreiung aus unserer irdischen und leiblichen Existenz als solche, nicht nur innerliche Glückseligkeit, keine geheime Erkenntnis und kein höheres geistliches Wissen. Eine solche Erlösung würde bedeuten, dass unsere irdische und leibliche Existenz als solche Ursache für Leiden und Schlechtes wäre. Wir haben dieses Leben empfangen als gute Gabe Gottes, des Schöpfers. Deswegen ist unser Leben auf Erden nicht etwas Schlechtes.

Gott hat Himmel und Erde nicht schlecht erschaffen, und das Schlechte passt nicht in Gottes Reich. Aber wir stoßen in der Welt und in uns selbst auf die Realität des Bösen. Manchmal erleben wir es wie eine Macht, die uns von außen bedroht, uns Schmerzen zufügt oder unglücklich macht. Es gibt auch böse Neigungen in uns selbst, denen wir nachgeben, und es gibt böses Verhalten um uns herum, bei dem wir mitmachen. Wir tun auch selber Böses gegenüber anderen und uns selbst. Das Böse ist ein unergründbares Rätsel. In Gottes guter Schöpfung und in Gottes Reich kann es keinen Platz haben, aber in unserem Leben ist es eine unleugbare Realität.

Wir hoffen, vom Bösen erlöst zu werden. Wir können uns nicht damit abfinden. Wenn wir uns mit dem Bösen in uns selbst und in der Welt abfinden, werden wir nicht von Herzen auf die Erlösung warten. Und wenn wir unter dem Bösen leiden und nach Befreiung verlangen, aber dafür keine Möglichkeit sehen, dann können wir nicht auf wirkliche Erlösung hoffen. Wir müssen uns dann schweren oder leichten Herzens abfinden mit dem, was uns überkommt, es sei gut oder böse. Als Gläubige können wir uns nicht abfinden mit dem Bösen, das Menschen passiert oder das Menschen tun. Wir glauben, dass das Böse nicht Gottes Absicht mit unserem Leben entspricht. Wir glauben, dass unser Leben auf Erden und die Geschichte der Menschheit zum Guten bestimmt sind und dass unser Leben deshalb nicht sinnlos ist.

Weil das Böse unsere Vorstellungskraft übersteigt, können wir diese Wirklichkeit nicht exakt beschreiben; wir müssen sie mit Bildern andeuten. Unsere Bekenntnisse fassen das Böse zusammen als Teufel, Tod und Sünde; das sind schwere Worte mit großer symbolischer Kraft. (Gr. Kat. 2). „Teufel“ deutet die Macht des Bösen außerhalb von uns selbst an; „Tod“ deutet das Böse an, das unser Leben bedroht und „Sünde“ ist das Böse, das stärker ist als wir selbst, dem wir nachgeben oder wofür wir uns entscheiden. Natürlich sind diese zusammenfassenden Begriffe noch allgemein. Das Böse nimmt konkrete Formen an in Naturereignissen, menschlichen Handlungen und gesellschaftlichen Strukturen. Deshalb erlebt und benennt man es auch verschieden. Dasselbe gilt für die Befreiung vom Bösen. Die Geschichte zeigt viele verschiedene Erfahrungen von Bosheit und Erwartungen von Heil. Auch innerhalb der weltweiten Kirche erlebt man Unheil und Heil unterschiedlich. Das hängt damit zusammen, dass unser Leben weithin von historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umständen bestimmt wird. Dies muss noch nicht zu einander entgegengesetzten Entwürfen führen. Bei allen Unterschieden kann man das Böse als böse erkennen und benennen. Das Böse ist nicht gut, und es wird nicht gut. Überall bleibt auch die Unterscheidung zwischen dem Bösen als Leiden und Tod, dem Bösen als böser Macht und dem Bösen als verkehrtem Tun.

Gott wird uns in seinem Reich vollkommen erlösen von Leid und Tod. Die Macht des Bösen, der Teufel, ist nicht mehr der Herr unseres Lebens, sondern Jesus Christus ist es. (Gr. Kat. 2, HK A 1+2). Die Zeichen seiner Macht über das Böse sind in unserer Geschichte und unserem Leben manchmal schon zu sehen. Aber das Böse ist in der Welt und in unserem Leben noch aktiv. Wir können nicht leben, ohne zu sündigen, und wir können die Sünde nicht ungeschehen machen. Aber Jesus Christus hat uns von unserer Schuld und unserer verlorenen Gemeinschaft mit Gott befreit. Wenn wir von Versöhnung sprechen, geht es uns um diese Befreiung.

 

3.2. Versöhnung unserer Schuld

 

Das neutestamentliche Griechisch hat zwei Begriffe für Versöhnung. Der eine deutet die Wiederherstellung einer Beziehung an, der andere die Wegnahme der Sünde. Versöhnung ist ein Kernbegriff unseres Glaubens. Damit sagen wir nicht, dass Schuld die einzige Form des Bösen und Versöhnung die einzige Form des Heils ist. Wir beten nicht nur „Vergib uns unsere Schuld“, sondern auch „Erlöse uns von dem Bösen“ (Mt. 6, 12f). Wenn wir jedoch weiter zum Kern des Unheils vordringen, stoßen wir früher oder später auch auf unsere Schuld. Wir können diese Form des Bösen nicht leugnen. Deshalb hat die Versöhnung der Schuld eine zentrale Bedeutung für unseren Glauben. Zugleich ist dieses zentrale Glaubenswort von vielen Missverständnissen bedroht. Die Lehre von der Versöhnung hat schon zu scheinbar „unversöhnlichen“ Gegensätzen geführt. Deshalb verdient die Versöhnung hier besondere Aufmerksamkeit.

Die Bibel spricht von Sünde. Das Wort Sünde deutet etwas an, das tiefer geht als die Übertretung eines Gesetzes, ein moralisch falsches Tun oder ein Abweichen von einer natürlichen oder kosmischen Ordnung. Wenn Menschen sündigen, setzen sie ihre Beziehung zu Gott und zum Nächsten und damit ihre Zukunft und ihr Lebensglück aufs Spiel. Sünde ist nicht nur eine persönliche Tat, sie hat auch etwas Gemeinschaftliches. Von Anfang an haben Menschen sich von Gott und ihrem Nächsten abgewandt und sich selbst gesucht. Dadurch sind sie von Gott entfremdet. Alle Menschen sind von Gott entfremdet. So gesehen ist die Sünde eine Last und eine Macht, von der wir uns nicht aus eigener Kraft freimachen können (Proeve 2).

Wenn wir sündigen, wenden wir uns ab von unserem Schöpfer und seinem heilsamen Willen, der ein Leben in Frieden ermöglicht. Wir nehmen die Gabe des Lebens in die eigene Hand und kündigen dem Geber des Lebens unser Vertrauen auf. Wir zerreißen die Verbindung mit der Quelle unserer Existenz. Wir verurteilen uns selbst zu einem Leben ohne Gott. Wir lieben Gott nicht über alles und den Nächsten nicht wie uns selbst. Wir enthalten Gott vor, was ihm gehört, und tun ihm damit Unrecht. Wir brechen die Beziehung ab und können sie selbst nicht wiederherstellen. Wir werden an Gott schuldig und können nicht mehr in Frieden mit ihm leben.

Wir entdecken die eigene Sünde, wo Gott Gemeinschaft mit uns haben will und wo sich zeigt, dass wir seine Zuwendung nicht wollen. Im Alten Testament sehen wir, wie das Volk, mit dem Gott seinen Bund geschlossen hat, diesen Bund im Ungehorsam immer wieder bricht. Jesus verkündigt im Namen Gottes die Nähe des Reiches Gottes und ruft uns auf, uns von unserem alten Leben abzuwenden und uns auf seine Zukunft zu richten. Aber dann zeigt sich, dass viele ihm nicht folgen wollen. Wo er an seinem Anspruch auf unser Leben festhält, wenden sich immer mehr Menschen von ihm ab. Schließlich lassen ihn alle allein und er stirbt am Kreuz. In der Kreuzigung zeigt sich unsere Sünde am deutlichsten als Feindschaft gegen Gott. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf (Joh. 1,11).

Von Schuld kann nur die Rede sein im Verhältnis zwischen Personen. Nur jemanden, der selbst verkehrt handelt und damit einem anderen etwas schuldig bleibt, nennen wir schuldig. Schuld ist mehr als persönliches Versagen; sie bedeutet zugleich, dass wir dem anderen etwas schuldig bleiben. Unsere tiefste Schuld ist, dass wir Gott etwas schuldig bleiben. Wer sein Leben ohne Gott lebt oder für wen diese Beziehung nicht natürlich und selbstverständlich ist, der erlebt seine Schuld nicht. Er erkennt die Notwendigkeit der Versöhnung nicht, auch wenn er nach Heil verlangt und auf Erlösung wartet. Eine gute Beziehung zu Gott ist für ihn nicht das höchste Heil und ein Verlust dieser Beziehung nicht das größte Unheil. Wenn die Beziehung zu Gott unser Erleben von Heil oder Unheil nicht bestimmt, dann berührt uns die Botschaft der Versöhnung nicht.

Wir können nicht bei jeder Erfahrung von Unheil direkt von menschlicher Schuld sprechen. Es gibt Naturkatastrophen, für die kein Mensch verantwortlich ist. Technisch verursachte Unglücksfälle und gesellschaftliches Unrecht wie Hunger und Armut erleben wir eher als unbeabsichtigte Auswirkungen menschlichen Handelns denn als persönliche Schuld. Trotzdem müssen wir von Schuld sprechen. Es gibt zu viel Böses, das Menschen einander antun. Wir sind nicht nur ein Spielball der Umstände. Wir sind verantwortlich für unsere Taten und oft auch für ihre Folgen. Das ist unsere Menschlichkeit, und darauf beruht unsere menschliche Würde. Wer die menschliche Verantwortung nicht anerkennt und wer den Menschen nur als natürlichen Organismus oder Mechanismus ohne eigenen Willen sieht, der wird die Schuld minimalisieren und damit auch die Notwendigkeit von Heilung und Versöhnung. Wir halten dagegen in unserer Beziehung zu Gott dem Schöpfer an unserer menschlichen Verantwortung fest und tragen deswegen schwer an unserer Schuld.

 

 

3.3. „gestorben für unsere Sünden“

 

Das Neue Testament verkündigt uns die gute Nachricht, dass Gott uns in Jesus Christus von der Schuld befreit hat. Gott selbst hat die zerbrochene Gemeinschaft mit ihm wiederhergestellt und so unser Leben neu gemacht, dass wir in neuem Gehorsam seinem Willen gegenüber leben können und wollen. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2.Kor. 5,19). Christus ist für unsere Sünden gestorben (1.Kor.15,3). Paulus verkündigt den gekreuzigten Christus (1.Kor.1,23; 2,2). Am Kreuz, dem Symbol für Fluch und Schande, hat Christus uns erlöst vom Fluch des Gesetzes (Gal. 3,13f). In der christlichen Tradition ist das Kreuz ein Symbol des Heils. So nennen wir (im Niederländischen) den Tag, an dem wir das Sterben Jesu gedenken, den „Guten Freitag“ („goede vrijdag“).

Paulus konzentriert sich so stark auf das entscheidende Geschehen von Kreuz und Auferstehung Jesu, dass Jesu Leben im Hintergrund verschwindet. Damit hebt Paulus hervor, dass in Jesu Tod etwas Entscheidendes geschehen ist. Das bedeutet nicht, dass wir Jesu Tod losgelöst von seinem Leben sehen können. Jesu Bereitschaft zu sterben liegt in einer Linie und einer Verlängerung mit seiner Art zu leben. In diesem Sinne ist sein Tod die Konsequenz seiner Worte und Taten. In seinem Tod hat er seine Lebensaufgabe bis zum Letzten vollbracht. Er ist für andere gestorben, wie er auch für andere gelebt hat. In seinem Sterben hat er selbst getan, was er verkündigte (Mk. 8,35). Er war dienstbar bis zum Äußersten und hat sein Leben hingegeben (Mk. 10,45).

Jesu Leben war mehr als nur Leiden. Er kannte Momente von Freude und Frieden. Wir dürfen die Botschaft seines Leidens und seines Sterbens für andere nicht lösen von der Geschichte seines Lebens und seiner Auferstehung. Wir haben die Briefe und die Evangelien beide nötig, um seine Bedeutung zu entdecken und sein Heil völlig zu erkennen.

Dann können auch Fragen bei uns aufkommen. Etwa die Frage nach dem Handeln Gottes in Jesu Leiden und Sterben und die Frage, ob Jesus seinen Tod selbst als heilbringend gesehen und gewählt hat.

Paulus verkündigt, Gott habe in Jesu Tod gehandelt. Im Lukasevangelium hören wir, dass der Christus leiden „musste“ (Lk. 24,26). Hat Gott den Tod Jesu gewollt (Apg. 2,23)? Gleichzeitig machen die Evangelisten unüberhörbar deutlich, dass die Führer des jüdischen Volkes und der römische Statthalter, also Menschen wie wir, Jesus zu Tode gebracht haben (Apg. 2,23; 3,15). Menschen sind für seinen Sterben verantwortlich.

Es macht uns große Mühe, Gottes Handeln und die Verantwortung von Menschen zusammen zu denken. Die Versuchung ist groß, das eine auf Kosten des anderen zu betonen. Wenn wir Gottes Handeln im Sterben Jesu betonen, droht die menschliche Verantwortung für dieses Unrecht zu verschwimmen. Wenn wir dagegen das menschliche Handeln darin voranstellen, ist es schwer, Gott am Werk zu sehen. Wie verhalten sich das Handeln Gottes und das Handeln des Menschen zueinander, und wie ist das Verhältnis zwischen dem Willen Gottes und der menschlichen Verantwortlichkeit? Dieses Problem ist seit dem Anfang der Kirchengeschichte aufgetaucht. Für heutige Menschen kommt ein Problem hinzu. Wir gehen bewusst oder unbewusst von einer Vorstellung der menschlichen Geschichte aus, in der für Gottes Handeln kaum oder überhaupt kein Platz ist.

Das Handeln Gottes liegt nicht auf einer Ebene mit dem der Menschen und das Verhältnis zwischen Gottes Handeln und dem der Menschen ist nicht immer gleich. Gott kann handeln ohne die Beteiligung von Menschen. Er kann auch das Handeln von Menschen in seine Absichten aufnehmen. Dann handelt er über oder mit dem menschlichen Handeln. Gott kann in und durch Menschen handeln. Wie immer Gottes Handeln sich auch zum menschlichen Handeln verhält, sein Handeln hebt das der Menschen und ihre Verantwortung nicht auf. Deswegen können wir nicht sagen: entweder handelt Gott oder der Mensch. Die Bibel spricht nicht von 'entweder – oder' sondern von 'sowohl – als auch' (Verzoening 22-26). Jesus wurde von Menschen getötet. Aber das schließt nicht aus, dass Gott hier am Werk war. Und dass Gott hier am Werk war, hebt die menschliche Verantwortung nicht auf.

Wenn man suggeriert, Gott habe das Leiden Jesu 'gewollt', müssen wir uns fragen, was mit diesem 'wollen' gemeint ist. Wenn wir dies 'wollen' auffassen als ein beauftragen oder befehlen , ist es ausgeschlossen, dass Gott Jesu Tod gewollt hat. Aber wenn wir 'wollen' auffassen im Sinne von bezwecken oder nachstreben, dann könnten wir sagen, Gott habe Jesu Tod in seine Absichten aufgenommen. Jesus ist gekommen, um im Namen Gottes das Reich Gottes auszurufen. Aber diese Ankündigung und diese Absicht wecken Widerstand. Dieser Widerstand, der sich letztlich gegen Gottes Absicht mit Christi Leben richtet, führt schließlich zu Jesu Leiden und Sterben. Während Jesus am Widerstand gegen Gottes Herrschaft stirbt, wird gerade dadurch Gottes Herrschaft verwirklicht. So hat Gott Jesu Tod in seine Absichten und seinen Plan aufgenommen. In diesem Sinn hat Gott gewollt, dass Jesu Tod uns zum Heil dienen soll.

Die Verkündigung, dass Jesus für uns gestorben ist, kann weiterhin die Frage aufrufen, ob Jesus selbst seinen Tod als Auftrag oder heilbringend gesehen hat. Diese geschichtliche Frage ist mit den Mitteln der Geschichtswissenschaft nicht mit Sicherheit zu beantworten. Die Evangelien, die uns von Jesu Auftreten erzählen, sind größtenteils seinem Leiden gewidmet. Zweifellos enthalten sie Erinnerungen an das, was Jesus gesagt hat. Gleichzeitig werden sie getragen durch den Glauben seiner Jünger, dass Jesu Kreuz und Auferstehung uns Heil bringen. Dieser Glaube hat nach Ostern Gestalt gewonnen und unter anderem in den Evangelien seinen Ausdruck gefunden. Es wäre sehr seltsam, wenn die Berichte über das Leben Jesu hierdurch nicht gefärbt worden wären. Genau diese Färbung macht die Evangelien zum Evangelium, zur Guten Nachricht. Das bedeutet, nicht alles ist mit der Genauigkeit und Sicherheit zu überprüfen, die die Geschichtswissenschaft fordert. Was Jesus selbst gesagt hat, ist historisch-wissenschaftlich nicht immer mit Sicherheit zu bestimmen, man kann es höchstens für mehr oder weniger wahrscheinlich halten.

In den Ankündigungen seines Leidens und Sterbens und seiner Auferstehung (Mk. 8,31; 9,31; 10,33f) spricht Jesus von seinem kommenden Ende, aber er sagt nichts über dessen Bedeutung. Dass Jesus seinen kommenden Tod als Teil seines Auftrages gesehen hat, zeigt sich im Gleichnis von den bösen Weingärtnern (Mk. 12,1-9). Einen Hinweis, dass er sein Sterben für heilbringend gehalten hat, finden wir in seinen Worten beim letzten Abendmahl (1.Kor. 11,25; Mt. 26,28). Es ist auch gut möglich, dass er seinen Weg in der Gestalt des leidenden Knechtes des Herrn aus Jesaja 53 wiedererkannt hat (Mk. 10,45). Weiter können wir, rein historisch gesehen, nicht gehen.

Es gelten hier dieselben Überlegungen wie bei der Sohnschaft Jesu. Die historische Frage, was Jesus selbst über die Bedeutung seines kommenden Todes zuvor empfunden und gesagt hat, ist nicht von durchschlagender Bedeutung für die Botschaft, dass er für uns gestorben ist. Die Verkündigung der Apostel und Evangelisten gründet sich auf ihrer Begegnung mit Jesus vor und nach Ostern und auf das Werk seines Geistes, der ihnen die Augen für Jesus öffnete. Unser Glaube gründet sich auf ihre Verkündigung, für die der Geist unsere Herzen öffnet. Unser Glaube hängt an der Begegnung im Geist mit unserem Herrn und Erlöser, der lebt und der auf Erden gelebt hat. Damit verglichen ist die Frage, ob die Tatsächlichkeit aller Teile des Evangeliums historisch-wissenschaftlich zu beweisen ist, weniger wichtig.

In der Verkündigung des Neuen Testaments ist das Kreuz ein wesentlicher Teil vom Heil, das in Jesu ganzem Leben, Sterben und Auferstehen von den Toten von Gott her geschehen ist. Jesu Sterben ist mehr als die Folge ungerechten menschlichen Handelns, obwohl es das auch ist. In seinem Tod geht es um mehr als um Jesu Verhältnis zu Gott, obwohl es darum auch geht. Auf wunderliche Weise ist Gott aktiv in diesem Geschehen dabei und ist dieses Geschehen entscheidend für Gottes Verhältnis zur Welt und unser Verhältnis zu Gott. Von dieser Wirklichkeit geht die Verkündigung des Neuen Testaments aus.

 

 

3.4 Bilder

 

Die Wirklichkeit der Versöhnung ist ein Geheimnis. Wir können im Tiefsten nicht erhellen und ergründen, wie der Tod Jesu unsere zerbrochene Beziehung zu Gott wiederherstellt. Das geschieht im Neuen Testament auch nicht. Wohl wird dort das Wunder der Versöhnung auf verschiedene Weise bildlich festgehalten. Die verschiedenen Bilder erhellen die Versöhnung auf unterschiedliche Weise und lassen die verschiedenen Seiten der Versöhnung für uns aufleuchten. Durch diese Bilder können wir dem Geheimnis der Versöhnung auf die Spur kommen und uns ihm denkend nähern. Aber kein einziges Bild gibt den Reichtum der Versöhnung umfassend und erschöpfend wieder. Wir dürfen deswegen kein einziges Bild der Versöhnung mit der Wirklichkeit der Versöhnung gleichsetzen.

Wenn wir zu verstehen suchen, was die biblischen Zeugen uns mit ihren Bildern sagen wollen, brauchen wir uns nicht auf diese Bilder zu beschränken. Wir dürfen auch andere, neue Bilder benutzen. Auch können wir versuchen, die verschiedenen Bilder miteinander zu verknüpfen und sie in ihrem Zusammenhang zu verstehen. Dabei benutzen wir genauer umschriebene Begriffe. Dann entsteht eine „Lehre“ der Versöhnung. Es kann mehrere solcher ‚Versöhnungslehren’ geben, wie die Kirchengeschichte zeigt. Jede Versöhnungslehre steht in der Gefahr, die verschiedenen Bilder so zu „vermengen“, dass unterbeleuchtet bleibt, was jedes Bild für sich sagen wollte. Eine andere Gefahr ist, dass ein Bild in den Mittelpunkt rückt und dass andere ihm untergeordnet werden. Bestimmte Aspekte der Versöhnung fallen dann heraus oder sie werden verzeichnet. In einem Gesamtbild, das eine Lehre geben möchte, sind Einseitigkeiten kaum zu vermeiden. Deshalb kann keine Versöhnungslehre die biblischen (und zeitbedingten) Bilder der Versöhnung ersetzen. Noch weniger als die Bilder der Versöhnung darf man eine Versöhnungslehre mit der Wirklichkeit der Versöhnung gleichstellen. An die Versöhnung glauben und aus der Versöhnung leben ist etwas anderes als einer Versöhnungslehre anhängen.

Das Neue Testament spricht in verschiedenen Bildern über Versöhnung. Manchmal stellen diese Bilder Versöhnung als Wiederherstellung einer Beziehung dar; Menschen werden mit Gott versöhnt. Andere Bilder zeigen, dass die Sünde gesühnt wird; Versöhnung bedeutet hier Austilgung. Verschiedene Situationen dienen als Bilder für Versöhnung. So wird über Versöhnung gesprochen in Bildern, die der Kriegsführung oder dem Friedensschluss zwischen Feinden entlehnt sind. In Christus hat Gott alles mit sich versöhnt, indem er Frieden machte (Kol. 1,20). Christus hat Frieden gemacht zwischen Gott und Menschen, die Feinde waren (Röm. 5,10; Eph. 2,16). Auch der Geldverkehr liefert Bilder für die Versöhnung. Wir sind freigekauft von dem Fluch des Gesetzes (Gal. 3,13; 4,5), wir sind teuer erkauft und bezahlt (1. Kor. 6,20; 7,23). Das Finanzielle hat hier auch einen juristischen Aspekt. Viele Bilder stammen aus dem Rechtswesen. Durch Christus sind wir nicht mehr schuldig, sondern vom Zorn Gottes befreit und „gerecht“ vor Gott (Röm. 3,24f; 4,24f). Er hat den Schuldbrief getilgt und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet (Kol. 2,13f). Auch der Sklavenhandel kann als Bild dienen: Jesus gibt sein Leben als Lösegeld (Mk. 10,45). Viele Bilder und Ausdrücke stammen aus dem Opferdienst. Christus ist das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegträgt (Joh. 1,29). Wir werden erlöst durch sein „Blut“ (1. Petr. 1,19; Offb. 5,9); sein Blut reinigt uns von aller Sünde (1.Joh. 1,7). Im Hebräerbrief ist Jesus gleichzeitig Opfer und Hohepriester (Hebr. 9; 10). Es fällt auf, dass in einigen Texten mehrere Bilder gleichzeitig benutzt werden.

Alle diese Bilder haben ihre eigene Aussagekraft. Sie sprechen Herz und Verstand an. Schwieriger ist es, exakt festzustellen, was jedes Bild wohl oder nicht sagen will beziehungsweise, wie weit die Übereinstimmung zwischen Bild und Wirklichkeit geht. Sorgfältig müssen die wörtliche Bedeutung eines Ausdrucks und dessen übertragene Bedeutung erforscht werden. Nicht immer wissen wir, woran ein Schreiber gedacht hat. Ein Beispiel dafür ist Römer 3,25, wo Paulus Jesus ein „Sühnmittel“ nennt. Erinnert dieser Ausdruck an 3. Mose 16? Dort wird ein Versöhnungsritual vorgeschrieben, in dem zwei Böcke vorkommen. Das Blut des einen wird gegen den Gnadenthron gesprengt, der andere Bock wird nicht getötet, sondern in die Wüste gejagt. Dachte Paulus, als er Jesus ein „Sühnmittel“ nannte, an den Gnadenthron? Aber das Blut, an das Römer 3,25 denkt, wird gegen den Gnadenthron gesprengt. Ist Jesus also gleichzeitig Opferstelle und Opfer? Oder hat Paulus 3.Mose 16 gar nicht im Sinn gehabt und denkt er nur allgemein an ein Sühnopfer? Dieses Beispiel zeigt, wie schwer es sein kann, die genaue Bedeutung eines Bildes zu bestimmen.

Die militärischen, finanziellen und juristischen Bilder sprechen uns vielleicht an, weil Krieg, Geldverkehr und Gericht uns nicht unbekannt sind. Mit dem Opferdienst, aus dem die kultischen Bilder stammen, sind wir dagegen aus eigenem Erleben nicht vertraut. Seit der Verwüstung des Tempels im Jahr 70 n.Chr. bringen die Juden dort keine Opfer mehr. Das Verstehen und Übersetzen von Aussagen über die Versöhnung, die mit kultischen Bildern zu tun haben, ist deswegen besonders schwer. Im Versöhnungsritual aus 3.Mose 16 ist es z.B. schwierig nachzuempfinden, wie die Versöhnung durch die vorgeschriebenen Handlungen geschieht. Jedenfalls ist deutlich, dass wir es mit einer Bildsprache zu tun haben. Wenn über das Opfer Jesu gesprochen wird, ist das kein Opfer in dem Sinne, in dem ein Priester ein Tier nach vorgeschriebenem Ritual schlachtete und verbrannte.

In der Glaubens- und Lehrtradition der Kirche hat man einige Bilder teils mit neuen Bildern und Begriffen erklärt. So wurde das Bekenntnis, dass Jesus unsere Sünde getragen und uns vom Zorn Gottes erlöst hat, später erklärt mit Begriffen wie Wiedergutmachung, Entschädigung, Genugtuung, Befriedigung oder Verdienst. Wie Paulus Bilder aus seiner Welt nahm, so entliehen Theologen ihre Ausdrücke oft ihrer eigenen Welt oder sie interpretierten bestehende Ausdrücke von dort her. So können ihre Erklärungen erhellend wirken und zugleich schwer zugänglich sein für Menschen, die diese Welt nicht erleben oder wiedererkennen.

 

 

3.5 Hauptlinien

 

Wenn wir die Aussagen über die Versöhnung in Christus im Zusammenhang mit der ganzen Bibel anschauen, entdecken wir einige Hauptlinien.

Die Versöhnung ist Gottes Tat. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber“ (2.Kor. 5,19). Gott nimmt die Initiative, um den Bruch in der Beziehung zu ihm zu heilen. Er bringt diese Heilung zustande, indem er die Schuld wegnimmt, die der Gemeinschaft mit ihm im Wege steht. In der Versöhnung erweist Gott seine Liebe zu uns Menschen, die wir seine Feinde waren (Röm. 5,10). Diese Liebe kommt ganz und gar aus Gott. Man muss ihn nicht von außen zu dieser Liebe bewegen. Gott ist Liebe (1.Joh. 4,8+16).

In seiner Liebe zu den Menschen bleibt Gott gerecht. Er ist selbst gerecht in seinen Geboten und er erwartet, dass sein Volk seine Gebote hält und in seinen Wegen geht. Es lässt Gott nicht kalt und gleichgültig, wenn sein Volk seine Gebote übertritt und seine Wege verlässt. Er zürnt über die Sünde und straft die Sünder. Vor allem die Propheten verkündigen den Zorn Gottes über die Sünde. Dieser Zorn währt nicht ewig (Ps. 103,9). Gott will damit sein Volk zur Reue bringen, zu Bekehrung und neuem Gehorsam in seinem Dienst (Hes. 18,23). Wer seine Schuld bekennt, dem will Gott Vergebung schenken (Ps. 65,4; 78,38; 79,9). Durch Reue und Bekehrung erkennen die Menschen ihre Sünden und den Anspruch Gottes auf ihr Leben. Weil Gott in seiner Liebe gerecht bleibt, können wir nicht sagen, Gott lasse „Gnade vor Recht“ gelten. Vergebung ist etwas anderes als das Böse durch die Finger zu sehen. Vergebung bedeutet: eine Beziehung von Liebe und Vertrauen herstellen, indem man das Böse als böse verurteilt und wegschafft.

Schuld verschwindet nicht, indem man das Böse, das Menschen angerichtet haben, verneint oder totschweigt. Es muss etwas geschehen. Schuld muss konkret beseitigt werden. Eine Art und Weise im Alten Testament ist das Opfer, das wegen einer Sünde zur Versöhnung gebracht wird. Dies ist eine rituelle Art, die Gemeinschaft mit Gott wiederherzustellen. Das Opfer wirkt übrigens nicht automatisch. Opfer ohne Reue und Bekehrung haben keinen Wert.

Wir können über die Versöhnung Jesu in ethischen und kultischen Begriffen sprechen. Jesus ist der Gerechte, der Gottes Anspruch auf unser Leben anerkennt und der tut, was Gott von uns erwartet. Er ist gehorsam, er hält Gottes Gebote und geht in seinen Wegen. Er ist dem Bund gegenüber treu. Er tut, was recht ist in Gottes Augen, auch wenn er das mit dem Tod bezahlen muss. Sein Leben vor Gott und Menschen bringt ihn ans Kreuz. Dies ist für ihn ein Weg voller Anfechtung (Mk. 14,32-42), auf dem er sich am Ende von Gott verlassen fühlt (Mk. 15,34). Er lebt und stirbt als Knecht des Herrn. Aber dieser Gerechte stirbt für die Ungerechten (1.Petr. 3,18). In diesem Leiden und Sterben für andere vollzieht sich ein eigenartiger Wechsel (2.Kor. 5,21; 8,9). Jesus lebt, leidet und stirbt für uns und an unserer Stelle. Er hat unser von Gott entfremdetes Leben und den Zorn Gottes darüber auf sich genommen. So hat er Gottes Recht auf unser Leben anerkannt, auch das Recht in der Gestalt des Zorns. Er hat Gottes Urteil über unsere Sünde getragen. Er hat uns freigekauft von dem Fluch des Gesetzes indem er für uns zum Fluch wurde (Gal. 3,13).

Das Neue Testament spricht auch oft über Jesu Leiden und Sterben mit Begriffen und Bildern aus dem Opferdienst. Jesu Hingabe und Übergabe an Gott bis in den Tod haben zwischen Gott und Menschen eine Wirkung, die mit der versöhnenden Kraft der Opfer im Tempel vergleichbar ist. Jesu Lebenshingabe stellt unsere Lebensgemeinschaft mit Gott wieder her. Sie gibt Frieden und macht ein neues, heiles Leben in Liebe möglich. Das bedeutet nicht, dass sein Tod im wörtlichen Sinn ein Opfer ist. Sein 'Opfer' ist nicht eines der gängigen rituellen Schlachtungen und Verbrennungen von Opfertieren. Es ist von anderer Art. Der Hebräerbrief nennt Jesu Sterben das eine Opfer, das ein für allemal die Sünde wegnimmt (Hebr. 9,14+26; 10,10+12) und wovon die Opfer im Tempel ein Abbild und Schatten sind (Hebr. 10,1; 8,5). Wenn wir das Bild des Opfers mit der ethischen Linie verbinden, können wir sagen: Jesu Opfer ist das Opfer eines gehorsamen Lebens bis zum Ende in Liebe zu Gott und Menschen (Hebr. 10,5-10).

Wenn wir Jesu Leben, Leiden und Sterben für andere als Gehorsam gegen Gott verstehen, ahnen wir, was vonseiten des Menschen geschehen musste, um die Gemeinschaft mit dem gerechten Gott wiederherzustellen. Jesu menschliche Gehorsamkeit und sein Opfer sind in Übereinstimmung mit Gottes Gerechtigkeit.

Das bedeutet nicht, dass Gottes Gerechtigkeit neben oder gar gegenüber seiner Liebe steht. Gott lässt sich nicht erst durch Jesu Leben und Tod zur Liebe gegenüber den Menschen bewegen. Es ist umgekehrt: Gottes Liebe bestimmt Jesu Leben und Sterben und bewirkt, dass es uns zugute kommt. Auch wo Gott seine Gerechtigkeit und seinen Anspruch auf unser Leben gegenüber Jesus zur Geltung bringt, beweist er darin seine Liebe zu uns.

Sowohl auf ethischer wie auch auf kultischer Ebene wird das im Alten Testament schon deutlich. Der Gehorsam, den Gott fordert, wird er selbst im Herzen seines Volkes bewirken (Hes. 36,27). Als Forderung Gottes ist er zugleich eine Gabe Gottes. Die Opfer, die die Menschen darbringen müssen, sind ein Mittel, das Gott selbst gegeben hat, um die zerbrochene Beziehung wieder herzustellen. Gott hat den Opferdienst geschenkt, um es den Menschen zu ermöglichen, Versöhnung zu erlangen (3.Mose 17,11). Auch hier gehen Gottes Liebe und Gnade vorweg.

Versöhnung ist ein Geschehen zwischen Gott und Menschen, zwischen Gott und uns. Wie auch die Liebe muss die Versöhnung von zwei Seiten kommen. Eine versöhnende Geste, die keine Antwort findet, schafft keine neue Lebensgemeinschaft. Wir sind mit Gott versöhnt, wenn wir auch tatsächlich in und aus unserer Versöhnung mit Gott leben. Deshalb werden wir auch aufgerufen, uns mit Gott versöhnen zu lassen (2. Kor. 5,20) und steht die Kirche im Dienst der Versöhnung. Das Evangelium ruft uns auf, das Böse, für das wir verantwortlich sind, als Schuld anzuerkennen, wieder gut zu machen und umzukehren zu einem neuen Leben im Dienst an Gott und dem Nächsten. Was Christus für uns getan hat, steht nicht weit außerhalb unseres Lebens. Was er für uns getan hat, hat er uns auch vorgelebt, und wir sollen genauso handeln. Wir folgen seinen Fußstapfen (1.Petr. 2,18-25). Wir folgen unserem Herrn und Erlöser in der Erwartung des Reiches und mit Taten, die auf jenes Reich ausgerichtet sind.

Versöhnung mit Gott lässt unsere übrigen Beziehungen nicht unberührt. Sie prägt unser ganzes Leben und ist eine gesellschaftliche Aufgabe, wo immer Menschen, Generationen, Geschlechter, Gruppen oder Völker einander entfremdet sind und nicht mehr in Frieden miteinander leben können. Auch hier sind Vergebung und Erneuerung unmöglich, so lange wir das Böse negieren oder totschweigen. Versöhnung ist notwendig: Anerkennung von Schuld, Versuche, das Böse wieder gut zu machen und den angerichteten Schaden zu ersetzen, und ein konkreter Einsatz für ein neues Zusammenleben.

Die Versöhnung, die wir als Menschen bewirken müssen, und die Versöhnung, die uns in Christus geschenkt ist, gehören zusammen. Wir können hier nicht in einem Schema des 'entweder – oder' sondern nur des 'sowohl – als auch' denken. Versöhnung geschieht für uns und dann auch durch uns. Ein versöhnter Mensch ist ein versöhnender Mensch, jemand der zerbrochene Beziehungen so viel und so gut wie möglich wieder heilt.

 

 

3.6 Fragen

 

Die Versöhnung wird uns als Wirklichkeit und als Wunder verkündigt. Wir sind in Christus mit Gott versöhnt und dürfen durch den Geist in neuer Gemeinschaft mit Gott und miteinander leben. Vertrauen wird der Grundton im Leben der Gläubigen. Glauben heißt, in diesem Vertrauen zu leben. Wir können die Möglichkeit und Notwendigkeit der Versöhnung in Christus und durch den Geist nicht ohne diesen Glauben beweisen. Wir können den Grund dieser Versöhnung nicht von außerhalb erklären. Höchstens können wir uns von innerhalb (dieses Glaubens) und im Nachhinein dankbar verwundern über Gottes Gründe, diesen Weg mit uns zu gehen. Dann erwächst Raum für weiteres Nachdenken und Fragen.

Raum auch für Fragen. Fragen müssen kein Zeichen von Zweifel oder Unglauben sein. Innerhalb einer Glaubensgemeinschaft ist Raum, Fragen zu stellen und selbst nach Antworten zu suchen. Die Kirche schreibt keine Fragen und Antworten vor. Wohl hört sie auf das Evangelium und übersetzt es und ruft sie Menschen auf, dem Evangelium Gehör zu schenken. Dabei spielen die Fragen der Menschen immer eine Rolle. Wir nennen einige Fragen, die in unserer Zeit wichtig sind.

Musste Jesus für unsere Versöhnung mit Gott notwendigerweise sterben? Konnte Gott uns nicht vergeben ohne den Tod seines Sohnes? Eine Antwort auf diese Frage kann die Verkündigung des Neuen Testaments nicht außer Acht lassen, dass Gott uns durch Kreuz und Auferstehung tatsächlich mit sich selbst versöhnt hat. Es wird uns gesagt, dass Gott so gehandelt hat und offenbar so handeln wollte. Es bleibt die Frage, warum er so handeln wollte. Über diese Frage ist in der Kirchen- und Theologiegeschichte viel nachgedacht worden. Wir belassen es hier mit einem Hinweis, der uns bei der Suche nach einer Antwort vielleicht helfen kann.

Die ganze Bibel geht davon aus, dass wir in einer persönlichen Beziehung mit Gott leben. Nur innerhalb dieser Beziehung macht es Sinn, von Schuld und Versöhnung zu sprechen. Gott will eine Beziehung von Liebe und Gerechtigkeit zu uns. Wir können dies mit zwischenmenschlichen Beziehungen vergleichen. In einer solchen Beziehung kann der eine den anderen so schädigen, dass der andere ihm nicht mehr vertrauen kann. Dann ist die Beziehung zerbrochen. Verlorenes Vertrauen kann man nicht mit einigen wenigen Worten wieder gewinnen. Entschuldigungen reichen nicht. Worte von Vergebung funktionieren nicht. Es muss etwas geschehen. Man muss etwas wieder gut machen. Man muss Schuld anerkennen. Der Schaden muss vergütet werden; man braucht eine Art von Genugtuung. Und der andere muss diese annehmen. Dieses Wissen lebt auch in unserer Gesellschaft. Vielen reicht eine Kultur von einfachen Entschuldigungen nicht mehr. Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch haben ein Recht auf Genugtuung.

Etwas Ähnliches gilt für unser Verhältnis mit Gott. Es ist gestört. Wir haben Gott, der uns liebt und der gerecht ist, so missachtet und beleidigt, dass etwas geschehen muss, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Entschuldigungsworte und Vergebungsworte reichen nicht aus. Es muss etwas geschehen. Es muss Genugtuung gegeben und angenommen werden. Nur dann können wir wirklich darauf vertrauen, dass alles wieder gut ist und dass der Friede kein Scheinfriede und kein Kalter Krieg ist.

Mit diesem Vergleich erklären wir die Versöhnung nicht. Wir versuchen, ihre Gründe annähernd zu verstehen. Der Vergleich hilft uns zu verstehen, dass nicht Gott, sondern wir die Genugtuung brauchen. Versöhnung bedeutet: der Schaden ist repariert und wieder in Ordnung gebracht und wir können ohne Angst Gott nahe kommen. Er hat es uns möglich gemacht, ihm zu vertrauen und ihn zu lieben.

Eine andere Frage lautet, ob es nur in Jesus Christus Versöhnung gibt. Gibt es keine Versöhnung zwischen den Menschen und mit Gott ohne Jesus? Gab es z.B. im Alten Testament keine Versöhnung? Wenn wir sagen, dass Gott uns in Christus mit sich selbst versöhnt hat, sagen wir, was uns durch Wort und Geist geschenkt ist. Wir sagen damit nicht, dass es in der Zeit vor Christus keine Versöhnung gegeben habe. Gott hat auch damals durch Gnade und Vergebung seine Beziehung zu den Menschen wieder hergestellt. Und die Menschen konnten auch damals durch Reue und Bekehrung und durch die Opfer von ihrer Seite aus die Beziehung zu Gott wieder in Ordnung bringen. Trotzdem hat Gott in Christus ein für allemal definitiv und umfassend unsere Beziehung zu ihm in Ordnung gebracht und neues Leben mit ihm möglich gemacht. Versöhnung mit Gott und zwischen den Menschen kann auch heute durch Umkehr und Reue geschehen. Wir glauben, dass jede echte Versöhnung so stattfindet und dadurch getragen wird.

Eine dritte Frage ist schließlich, ob ein anderer Mensch für meine Sünden büßen kann. Ist dieser eigenartige Wechsel überhaupt möglich, in dem Christus an meiner Stelle steht? Ist nicht jeder für sein eigenes Tun verantwortlich? In unserer Kultur erscheint uns die Autonomie (Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Willensfreiheit) des Einzelnen selbstverständlich. Wenn wir von dieser Autonomie ausgehen, erscheint jeder Hinweis auf eine Vertretung oder Stellvertretung unmöglich. Aber müssen und dürfen wir von dieser Autonomie ausgehen? Die Bibel spricht auf zwei Arten vom Menschen. Er ist vollkommen selbst verantwortlich, aber er gehört gleichzeitig einer Gemeinschaft an. Er lebt nie ganz für sich und völlig losgelöst von anderen. Er lebt mit anderen zusammen. Er lebt auch von dem, was andere für ihn tun. Er ist Teil einer Gemeinschaft. Dank der anderen, denen er begegnet und zu deren Gemeinschaft er gehört, ist er, wer er ist. Deshalb ist die Autonomie nicht das einzige und letzte Wort über unser Menschsein, auch nicht über unser Menschsein vor Gott. Auch in unserer Beziehung zu Gott sind wir Teil einer Gemeinschaft. Wie es eine Gemeinschaft der Sünde gibt, gibt es auch eine Gemeinschaft der Vergebung. „Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.“ (Röm. 3,23f; vgl. 1. Kor. 15,22; 2.Kor.5,15). Gläubige leben in Gemeinschaft mit Jesus Christus. Sie haben Teil an seinem Tod und seiner Auferstehung. In dieser Verbundenheit vertritt er sie bei Gott, und sein Tod und seine Auferstehung bestimmen, wer sie vor Gottes Angesicht sind. (Tussenmuur III,26).

 

 

3.7 Leben mit Christus

 

Wenn wir an dieser Stelle aufhörten, würde etwas Wesentliches fehlen. Die Bedeutung der Versöhnung beschränkt sich nicht auf das Werk, das Jesus Christus in der Geschichte der Taten Gottes getan hat. In diesem Werk begegnet uns Jesus Christus selbst und im Geheimnis seiner Person begegnet uns Gott. Wir können Jesu Werk wohl von seiner Person unterscheiden, aber wir können beide nicht voneinander scheiden und losgelöst voneinander verstehen. Jesus Christus ist mehr als ein Werkzeug oder ein Mittel in der Hand Gottes. Der gerechte und liebende Gott ist in ihm gegenwärtig. Sein Menschsein ist das menschliche Ebenbild von Gottes Gerechtigkeit und Liebe. Diese Anwesenheit beschränkt sich nicht auf Jesu Erdenleben. Er ist auferstanden und lebt bei Gott. Durch seinen Geist lebt er immer auch in uns. Er ist in Wort und Sakrament und in unserem täglichen Leben anwesend. Jesus Christus ist in unserer Mitte. Dadurch können wir in der Gemeinschaft mit ihm leben. Glauben ist mehr als die Früchte des Werkes Jesu zu genießen, es ist Gemeinschaft und Vereinigung mit Christus selbst. Diese Gemeinschaft erneuert unser Leben von innen heraus.

Die innige Verbundenheit mit dem lebenden Herrn ist die geheimnisvolle Dimension des christlichen Glaubens. Diese Gemeinschaft gibt unserem Leben inneren Glanz und Kraft. Es kann so weit gehen, dass wir uns selbst nicht mehr begreifen können ohne Jesus Christus. Christus lebt nicht mehr nur für uns und außerhalb von uns, sondern auch in uns und durch uns. „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2,20). Diese Glaubensverbundenheit mit Christus kann in unserem Leben viele verschiedene Formen annehmen, aber sie wird nie völlig fehlen. Denn Leben aus der Versöhnung ist Leben mit Christus.

 

 

 

 

 

Das Bekennen und Bedenken des Glaubens

 

4. Gemeinschaft mit dem Bekennen der Vorfahren

 

Wenn wir unseren Glauben an Jesus Christus in Worte fassen, hören wir aufmerksam und ehrfürchtig auf die Bibel und geben wir uns Rechenschaft über die Fragen, die sich uns in unserer Zeit stellen. Wir hören diese Fragen und suchen in der Schrift nach einer Antwort. Glücklicherweise leben wir nicht allein mit der Schrift und den Fragen unserer Zeit. Wir gehören zu einer Glaubensgemeinschaft, die über die Grenzen unserer Zeit und unseres Ortes hinausreicht, nämlich der Kirche aller Zeiten und Orte. Wir sind nicht die ersten und nicht die einzigen, die glauben und bekennen. Viele sind uns auf diesem Weg vorangegangen. Wir wissen uns mit ihnen verbunden. Wir sind dankbar für das, was sie uns überliefert haben. Wir erkennen in ihrem Glauben und ihrem Kampf unseren Glauben und unseren Kampf. Ihre Worte erfüllen und wärmen uns, sie geben unserm eigenen Suchen eine Richtung und eine Orientierung in der Frage, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Deshalb hören wir auch auf diese Glaubensgenossen und Vorgänger, und wir lassen uns von ihnen korrigieren. Wir können und wollen nur glauben in Verbundenheit  mit dem Bekenntnis der Vorfahren (KO VPKN I 4).

Die Vorfahren haben immer in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort den Glauben bekannt, und ihr Bekenntnis ist davon geprägt. Es ist die Frucht eines Hörens auf die Schrift im Blick auf die Fragen, die die Gemüter bewegten. Oft sind die Bekenntnisse in Zeiten großer Verwirrung und Uneinigkeit entstanden. Sie versuchen zu sagen, was die Gläubigen bindet, und klar anzugeben, was der christliche Glaube beinhaltet. Ausdrücklich oder zumindest inhaltlich weisen sie Meinungen ab, die mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinigen sind. Sie wollen Frieden und Gemeinschaft in der Kirche stiften und bewahren. Leider finden sich in der Geschichte der Kirche nicht nur gute Absichten und lautere Taten. Wenn wir die Entstehungsgeschichte der Bekenntnisse erforschen, entdecken wir, dass oft zwischen den kirchlichen Gruppierungen auch ein unheiliger Machtstreit stattgefunden hat. Der Gewinn der einen Partei bedeutete Verlust und Ausschluss für die andere. Diese Schattenseiten wollen wir nicht bagatellisieren.

Unsere Gemeinschaft mit dem Bekenntnis der Vorfahren bedeutet nicht, dass wir all ihre Fragen und Formulierungen ohne nachzudenken wiederholen können. Es kommt darauf an, was sie sagen wollten, und diese ihre Absicht neben die Schrift und unsere Fragen zu legen. Dann könnte sich ergeben, dass einige Teile des biblischen Zeugnisses in einem Bekenntnis zu wenig erklingen oder einseitig wiedergegeben werden. Es kann auch geschehen, dass brennende Fragen von früher uns heute kalt lassen oder dass Worte und Begriffe, die in jener Zeit erhellend wirkten, uns nicht mehr ansprechen. Dann müssen wir neue Worte suchen, um denselben Glauben so auszudrücken, dass man ihn in unserer Zeit verstehen kann. Wir sind nicht gebunden an den Buchstaben der Bekenntnisse, aber verbunden mit ihrem Inhalt. Gemeinschaft mit dem Bekennen der Vorfahren ist eine lebendige und geistliche Angelegenheit.

 

Wir wollen jetzt kurz angeben, in welcher Hinsicht dieses Bekennen für unsere Besinnung und unser Gespräch über Christologie und Versöhnung von besonderer Bedeutung ist.

Durch unsere Zustimmung zu den frühkirchlichen Bekenntnissen sind wir ein Teil der allgemeinen christlichen Kirche. Sehr deutlich bekennt das Apostolische Glaubensbekenntnis Jesus Christus als den eingeborenen Sohn Gottes und unseren Herrn. Die Fakten von Jesu Geburt, Leiden und Sterben, seine Auferstehung, Erhöhung und Wiederkunft werden sehr betont. Das erinnert uns daran, dass uns Heil geschenkt worden ist in Jesu irdischem Leben als Mensch und dass wir unser Heil von dem lebendigen Herrn und seinem Kommen erwarten. Dieses Heil wird zusammengefasst als Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Das Glaubenbekenntnis von Nizäa - Konstantinopel (EG S. 790f) aus 325 und 381 legt uns ans Herz, dass Gott selbst in Jesus Christus zu uns kommt und uns sein Heil schenkt. Die einzigartige Einheit des Sohnes mit seinem Vater wird nach griechischer Denk- und Gedankenwelt dargestellt. Gleichzeitig werden dabei die Denkmuster dieser griechischen Kultur durchbrochen. Das ewige Wort, das in Jesus Fleisch geworden ist, ist kein Halbgott, kein Zwischenwesen, kein fließender Übergang zwischen Gott und Mensch. Es ist auch kein abstraktes und unpersönliches kosmisches Prinzip. Dieses göttliche Wort ist „Gottes eingeborener Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater“. Er ist vom Himmel gekommen „für uns Menschen und zu unserm Heil“.

Die Reformatoren haben diesem frühkirchlichen Bekenntnis von Jesus als dem Sohn Gottes von Herzen zugestimmt. Im theologischen Bedenken und seiner Ausarbeitung haben sie eigene Akzente gesetzt. Luther betont, dass Gott selbst in Jesus Christus unser Dasein auf sich nimmt. Er teilt unser Leiden und unseren Tod, um uns auf diesem Wege zu erlösen. Calvin legt in Übereinstimmung mit dem Alten Testament mehr den Nachdruck auf das 'Mittleramt' Jesu, das er in den drei Ämtern des Propheten, Priesters und Königs beschreibt.

Die Erneuerung der Reformation liegt jedoch in der Entdeckung, wie wir an der Versöhnung teilhaben. An diesem Punkt erwuchs Anfang des 16. Jahrhunderts ein so tiefgehender Streit mit der Römisch-katholischen Kirche, dass eine Kirchentrennung leider nicht mehr zu vermeiden war. Es ging um die Frage, wie Gott Sünder zu seinen Kindern annehmen kann. Wie können gottlose Menschen in Gottes Augen Existenzrecht bekommen? Wie sind wir gerecht vor Gott? Nach der damals gängigen Auffassung geschah dies durch die göttliche Vergebung und durch menschliche gute Werke, die als Verdienst galten. In den Augen der Reformatoren schmälert diese Sicht Gottes Gnade und verkennt, dass der Mensch unmöglich aus sich selbst Gott vertrauen kann oder Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst zu lieben in der Lage ist (CA.2; H.K. Sonntag 2 und 3). Die Reformatoren sagten mit Paulus, dass unsere Rechtfertigung im Gehorsam Jesu Christi beschlossen liegt. Wenn wir an ihn glauben, gilt seine Rechtfertigung als die unsrige. Nur in und durch Christus sind wir gerecht vor Gott. Wir empfangen unsere Gerechtigkeit als ein Geschenk, wir können sie nicht durch unsere Leistung erwerben. Das bedeutet nicht, dass die guten Werke unwichtig sind. Wenn wir glauben, bleiben sie nicht aus. Sie sind jedoch nicht der Grund, sondern die Frucht unserer Gerechtigkeit vor Gott.

„Weiter wird gelehrt, dass wir Vergebung der Sünden und Gerechtigkeit für Gott nicht erlangen mögen durch unser Verdienst, Werk und Genugtuung, sondern dass wir Vergebung der Sünden bekommen und vor Gott gerecht werden aus Gnaden um Christus willen durch den Glauben, so wir glauben, dass Christus für uns gelitten hat und dass uns um seinetwillen die Sünden vergeben, Gerechtigkeit und ewiges Leben geschenkt wird. Denn diesen Glauben will Gott für Gerechtigkeit halten und zurechnen“ (CA 4, CA 20). Nicht unsere Werke versöhnen uns mit Gott, sondern unser einziger Mittler Jesus Christus. In Jesus Christus ist alles vorhanden, „was zu unserem Heile nötig ist“ (NGB 22). Wir ruhen und stützen uns allein auf den Gehorsam des gekreuzigten Christus (NGB 23). Gott rechnet uns die Gerechtigkeit Christi zu, „als hätte ich … selbst den ganzen Gehorsam vollbracht, den Christus für mich geleistet hat“ (HK A 60; CA 20). Nur so findet unser Gewissen Ruhe und Frieden (NGB 23). Dieses Evangelium befreite und schenkte Freude. Das tut es noch immer für Menschen, die gebückt gehen unter ihrer Ohnmacht, zu vertrauen und lieb zu haben, und die sich selbst durch ihre Leistungen beweisen wollen und darin nie Ruhe und Frieden finden. Sie dürfen sich angenommen wissen durch Gottes bedingungslose Liebe.

 

In der Auslegung der Versöhnung in der reformierten Tradition spielen Strafe und Genugtuung eine große Rolle. Diese Auslegung gibt Anlass zu Fragen. Ging es für den gerechten Gott nicht anders, als die gefallene Menschheit zu strafen? Konnte er nicht anders? Kann er die Menschen erst dann in Liebe annehmen, nachdem zuvor seiner Strafe fordernden Gerechtigkeit Genüge getan ist? Es sieht so aus, als ob Genugtuung eine Voraussetzung für Gottes Liebe ist; Gottes Liebe ist dann nicht mehr bedingungslos. Eine abstrakte Notwendigkeit einer abstrakten Gerechtigkeit steht in dieser Sicht der Dinge scheinbar anstelle von Gottes inniger Liebe zu dem Sünder. Ist Gott vielleicht Gefangener seiner eigenen Gerechtigkeit?

Dieses Bild der Versöhnung wird oft als anselmianisch oder klassisch bezeichnet. Es fragt sich aber, ob diese Bewertung richtig ist. Anselm (1033/4-1109) schrieb ein Buch: Warum (wurde) Gott Mensch? Anselm wollte aus dem Glauben heraus über Gottes Gründe für seine Menschwerdung und sein Kreuzesleiden nachdenken. Wie Anselms Versöhnungslehre interpretiert werden muss, ist bis heute Thema wissenschaftlicher Forschung und Diskussion. Zwei Punkte sind für uns wichtig.

Anselm argumentiert, Gottes Ehre müsse zu ihrem Recht kommen. Sie sei durch die Sünde des Menschen verletzt. Aber was bedeutet „Ehre“? Man kann diese Ehre verstehen als die Unantastbarkeit eines Herrn, der nicht mit sich spotten lässt und der die kleinste Beleidigung rächen will. Neuere Interpretationen argumentieren dagegen, die Ehre Gottes bestehe bei Anselm darin, dass Gott seiner Absicht mit der Schöpfung treu bleibe und Wege suche, um die von den Menschen zerbrochene Gemeinschaft wiederherzustellen und zwar in einer Weise, die nicht gegen Gottes Gerechtigkeit gerichtet ist.

Zweitens argumentiert Anselm, dass Gott auf zwei Weisen gerecht bleiben kann, durch Strafe oder durch Genugtuung. Wenn der Mensch keine Genugtuung leisten kann, bleibt ihm nur der Tod als Strafe. Aber weil Christus die Genugtuung geleistet hat, wartet auf den Menschen nicht mehr Strafe sondern Glückseligkeit. Nach Anselm versöhnt Christus uns mit Gott, indem er Genugtuung und nicht Strafe erleidet. Gottes Gerechtigkeit erfordert demnach nicht Strafe und Genugtuung, wie es im Heidelberger Katechismus in den Antworten 10 bis 12 gesagt wird. Hier folgt der Katechismus einem anderen Gedankengang als Anselm.

Es ist gut, den Heidelberger Katechismus nicht nur mit Anselm, sondern auch mit Calvin zu vergleichen. Man kann sich fragen, wieweit die Auslegung von Sonntag 2 bis 6 mit den Ansichten Calvins übereinstimmt. Calvin ist der Gedanke fremd, Gott könne erst nach Genugtuung und Strafe barmherzig sein. Es ist jedoch umgekehrt. Gottes Liebe geht voran. Sie ist das tiefste Motiv hinter der Versöhnung, die Christus zustande bringt, indem er Gott Genugtuung leistet und die Strafe Gottes erleidet.

Der Heidelberger Katechismus führt auf eigene Weise frühere Traditionen weiter aus. Er spitzt die Sicht von Anselm zu. Dabei droht Gottes Liebe, die bei Calvin im Vordergrund steht, in den Hintergrund zu geraten. Verglichen mit Anselm und Calvin ist der Heidelberger Katechismus nicht klassisch. Man muss ihn klassisch nennen, insoweit er die reformierte Tradition in den Niederlanden stark geprägt hat. Hier wurde er auch für viele ein Stein des Anstoßes. Gottes- und Menschenbild in den Darlegungen des Heidelberger Katechismus riefen bei ihnen Angst- und Ohnmachtgefühle hervor. Andererseits machen diejenigen, die hier das Herz des Evangeliums finden, die Darlegungen des Heidelberger Katechismus oft zum Schibbolet (Ri. 12,6) der Orthodoxie. Wir dürfen unser Gespräch über Versöhnung nicht entarten lassen in ein „wohl wahr – nicht wahr“ Spiel um den Heidelberger Katechismus. Er gibt eine der möglichen Darstellungen von Versöhnung. Seine Interpretation ist einseitig, wie jede systematisierende Beschreibung. Das nimmt die wertvollen und bleibenden Glaubenserkenntnisse, die der Heidelberger Katechismus in Worte fasst, nicht weg. Wir denken z.B. an die Aussage, dass wir unser Elend erkennen aus dem Liebesgebot Christi (HK A 4). Die Betonung der Menschheit Jesu ist wichtig (HK A 16); was Menschen verbrochen haben, müssen Menschen wieder gut machen. So tritt der Heidelberger Katechismus ein für die menschliche Würde.

 

Wie wir im 16. Jahrhundert neu gelernt haben, dass Jesus Christus unser einziges Heil ist, so ist im 20. Jahrhundert in der Konfrontation mit der Ideologie des Nationalsozialismus wieder neu deutlich geworden, dass Jesus Christus unser einziger Herr ist und dass wir niemandem sonst zu gehorsamen und nachzufolgen haben. Jesus Christus darf niemals Bestrebungen von Gruppen oder Völkern untergeordnet werden, die andere ausschließen oder verachten. Er ist nicht einer der vielen Mächte, die Völker oder Gruppen in Bewegung bringen, und er ist bestimmt nicht der Vertreter solcher Mächte. Er steht als Herr und Erlöser über allen Mächten. Er ist der einzige, dem wir vertrauen und gehorchen können. „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“ (Barmen I). „Durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“ (Barmen II).

Neben den klassischen Bekenntnissen, die Art. I der Kirchenordnung der VPKN nennt, wird unser Glaube belebt durch Texte, die das Bekennen neu in Worte fassen oder die auf neue Fragen eingehen. In unseren Kirchen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einige moderne Bekenntnisse entworfen: Fundamente und Perspektiven des Bekennens (1947) und Versuch eines einmütigen Glaubensbekenntnisses (1974). Das Nachdenken über die Versöhnung ist auf erhellende Weise fortgeführt in zwei wichtigen synodalen Schriften: Die Mauer weggebrochen. Über die Predigt der Versöhnung (1967). Hierin wird besonders die Stellvertretung besprochen. Versöhnung mit Gott und Menschen (1976) behandelt besonders die Frage, ob Christus Gottes Gericht über die Sünde getragen hat. Auch diese Beiträge helfen uns weiter auf dem Weg des Bekennens und in der Vertiefung unseres Gesprächs über die Versöhnung.[1]

 

 

 

 

5. Bibel und Glaubenslehre

 

Wir glauben und bekennen, was die Bibel uns verkündigt, aber wir können den Inhalt der biblischen Botschaft nicht in einem Wort zusammenfassen. Die Botschaft kommt zu uns in einer bunten Sammlung von verkündigenden, erzählenden, vorschreibenden, unterweisenden oder lobpreisenden Aussagen aus ganz verschiedenen Zeiten. In jeder Situation werden eigene Akzente gesetzt. Die Worte werden uns nicht immer alle gleich stark ansprechen. Diesen Unterschieden in der Bibel entspricht eine reiche Verschiedenheit an Glaubenserfahrungen und -äußerungen.

Doch führt diese Vielstimmigkeit nicht zu einem Missklang, sie wird keine Beliebigkeit, wenn wir in der Versammlung der Gemeinde und in der Glaubensgemeinschaft der Kirche auf die Bibel hören. In allen Stimmen atmet der Geist und hören wir die eine Stimme des Gottes Israels und seines Sohnes Jesus Christus. Die unterschiedlichen Situationen sind Teil des einen Weges, den Gott mit seinem Volk und mit den Völkern geht, seinem Reich entgegen. Die wechselnden Bilder zeigen das Heil, das Gott in vielen Formen schenkt. Es gibt verschiedene Erlebens- und Ausdrucksweisen in der Gemeinde, aber letztlich ist es ein Herr und ein Glaube, durch die wir Gemeinde sind (Eph. 4,5).

Glauben heißt: von Herzen der Botschaft der Bibel zustimmen. Vor allem im Lobpreis äußerst sich dieser Glaube. Darin danken wir Gott für das, was er für uns getan hat und dafür, wer er für uns ist. Jeder Ausdruck des Glaubens und jedes Glaubensbekenntnis haben etwas von einem Lobpreis an sich. Ein Glaubensbekenntnis ist eine Antwort auf Gottes Wort. Es kann ganz kurz sein, wenn es den Kern des Glaubens zusammenfasst. Solche Bekenntnisse finden wir schon in der Bibel. „Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein“ (5. Mose 6,4). „Du aber, Herr, Gott, bist barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue“ (Ps. 86,15). „Du bist der Christus“ (Mk. 8,29). „Jesus Christus ist der Herr“ (Phil. 2,11). Der Inhalt dieser Bekenntnisse kann später mit anderen Worten wiederholt werden, die in jener Zeit verständlich und relevant sind. Ein sehr kraftvolles und nachbiblisches Bekenntnis ist das Apostolische Glaubensbekenntnis.

Die Kirche hört weiter auf die Bibel und antwortet immer wieder neu auf ihre Botschaft (KO VPKN I 2, 3). Botschaft und Bekenntnis werden neuen Generationen weitergegeben und erklärt. In dieser Weitergabe kann man Fragen und Widersprüche nicht außer Acht lassen. Die Kirche versucht, auf die Verwerfung ihrer Botschaft mit Argumenten einzugehen. So entsteht aus dem Unterricht die Lehre der Kirche, ein zusammenhängendes Ganzes von Aussagen, in denen Glaube und Bekenntnis ausgelegt werden. Typisch heißt es oft in der Augsburger Konfession: „Bei uns wird gelehrt“ (oder: Es wird gelehrt). Reformatorische Bekenntnisschriften wie die Augsburger Konfession, das Niederländische Glaubensbekenntnis und der Heidelberger Katechismus haben einen sehr erklärenden Charakter.

Manchmal gibt es eine Krise im Hören, Bekennen und Auslegen der Kirche. Die vielen Stimmen widersprechen einander dann so sehr, dass man die eine Stimme (der Schrift) nicht mehr hören kann. Vielförmigkeit entartet in Geschiedenheit. Verschiedene Kirchen drohen zu entstehen. Es gibt keinen Glauben mehr an den einen Herrn, es gibt verschiedene Arten des Glaubens, und man spricht von anderen Herren. Wenn die Identität der Kirche auf dem Spiel steht, muss der eine Glaube an den einen Herrn wieder neu deutlich werden. Der Raum für unterschiedliche Glaubensauffassungen ist innerhalb der christlichen Kirche nicht unbegrenzt. Unter solchen Umständen sah die Kirche sich gezwungen, besondere Lehraussagen zu machen. Sie versuchen, die Grenze zu zeigen zwischen 'dasselbe anders glauben' und 'etwas anderes glauben'. Auffassungen, die den Kern des christlichen Glaubens verkennen oder leugnen, werden abgewiesen. Dieser Kern wird in einer Lehraussage so deutlich wie möglich verbindlich festgelegt. Eine solche normative Lehraussage nennen wir ein Dogma.

Das klassische Dogma ist das Bekenntnis der Gottheit Jesu Christi und des Heiligen Geistes (Konzil von Nizäa 325 und Konzil von Konstantinopel 381) und das Bekenntnis, dass Jesus eine Person ist, „wahrer Gott und wahrer Mensch“ (Konzil von  Chalcedon 451). Hierbei können philosophische Begriffe benutzt werden, die zu theologischen Fachbegriffen umgeschmiedet werden. Diese theologischen Fachbegriffe sind nur Hilfsmittel, um die biblische Botschaft zu erklären. So sagte man in Nizäa, das ewige Wort sei „desselben Wesens“ mit dem Vater und man sprach in Chalcedon von den zwei „Naturen“ Jesu Christi, nämlich der göttlichen und der menschlichen Natur. Dogmatische Aussagen können auch in ein Glaubensbekenntnis aufgenommen werden, manchmal sogar mit den theologischen Fachbegriffen. So finden wir die Wesenseinheit im Glaubensbekenntnis von Nizäa – Konstantinopel und die Naturenlehre in der Augsburger Konfession und dem Niederländischen Glaubensbekenntnis.

Dogmen sollen in Zeiten von Krisen und Glaubensuneinigkeit den Frieden in der Kirche wieder herstellen. Aber auch danach dienen sie in der Kirche als Glaubensregel weiter. Sie warnen die Kirche vor solchen Auffassungen über Gott, Mensch und Welt, über Jesus und den Geist, die es unmöglich machen würden, die biblische Botschaft zu glauben und zu verkündigen. Ein Dogma muss die Verkündigung und den Dienst der Kirche in den richtigen Bahnen halten, aber es ist selbst nicht Gegenstand von Verkündigung und Bekenntnis. Wir bekennen kein Dogma, sondern den Herrn. Wir verkündigen kein Dogma, sondern die biblische Botschaft. Wir unterweisen in der Kirche das Dogma nur, wenn es hilft, die biblische Botschaft auszulegen.

 

Wenn der Inhalt des christlichen Glaubens wissenschaftlich verantwortlich durchdacht und erforscht wird, sprechen wir von Glaubenslehre, Systematischer Theologie oder Dogmatik und christlicher Ethik. Dieses Durchdenken schließt auf eigene, selbständige und kritische Weise an bei der Bibel, den Bekenntnissen und den Dogmen der Kirche. Frühere Bekenntnisse und Dogmen werden verglichen mit den Ergebnissen neuerer exegetischer und historischer Forschungen. Auch werden moderne wissenschaftliche und weltanschauliche Auffassungen in die Erwägungen einbezogen. Die Glaubenslehre kann bestehende Begriffe nutzen, aber auch neue entwickeln. Dogmatik ist also mehr als die Wiederholung der kirchlichen Lehre. Durch ihre selbständige und kritische Arbeitsweise steht die Dogmatik in einer gewissen Distanz  zur Kirche. Gerade so kann sie der Verkündigung und dem Glaubensgespräch dienen.

In der Glaubenslehre wird versucht, Zusammenhänge zu sehen und Wiedersprüche zu vermeiden sowie möglichst viele verschiedene Aspekte des Glaubensinhaltes zusammenzufassen und zu durchdenken. Aber eine vollständige Festlegung des ganzen Glaubensinhaltes in einem einzigen schlüssigen System ist unmöglich.

In der Glaubenslehre werden verschiedene Denkmöglichkeiten abgetastet sowie Modelle entwickelt und miteinander verglichen. Geurteilt wird dabei auf Grund von Argumenten. Das finden wir auch in der Lehre von Christus. Die traditionelle Logos-Christologie (Logos = Wort) formuliert die einzigartige Einheit zwischen Jesus und Gott mit Hilfe des Begriffes 'Wort'. Daneben können z.B. Möglichkeiten untersucht und entwickelt werden, die diese Einheit mit dem Begriff 'Geist' ausdrücken, eine Geist-Christologie. Auch in der Versöhnungslehre gibt es verschiedene Modelle, je nachdem man in der Beziehung zwischen Gott und Mensch die Liebe, das Recht oder das Religiös-kultische betont. Dieses Entwickeln, Vergleichen und Prüfen verschiedener Theorien kann der Dogmatik einen experimentellen Charakter geben. Sie wird dann zur Spurensuche einer zeitgemäßen Glaubensverantwortung.

 

Der Unterschied zwischen Botschaft, Bekenntnis, Lehre und Dogma ist nicht immer ganz einfach. Manchmal liegen sie dicht zusammen. Paulus wechselt bekennende Aussagen ab mit Abschnitten, in denen er theologisch für und gegen bestimmte Auffassungen argumentiert. In Nizäa hören wir sofort nach dem Lobpreis „Gott aus Gott, Licht aus Licht“ die theologische Formel „eines Wesens mit dem Vater“. Im Niederländischen Glaubensbekenntnis und dem Heidelberger Katechismus wird in der bekennenden Auslegung der Erlösung und Versöhnung Gebrauch gemacht von der alten dogmatischen Terminologie der zwei Naturen. (NGB 19, HK Sonntag 6). Es ist auch denkbar, dass ein und derselbe Bibeltext als Botschaft, Bekenntnis oder Lehre charakterisiert wird. 5. Mose 4,6 ist gleichzeitig Bekenntnis und Lehre.

In unseren Diskussionen ist es gut, Botschaft, Bekenntnis, Lehre und Dogma auseinander zu halten. Es gibt unverkennbare Unterschiede in Funktion, Niveau und Gefühlswert zwischen den verschiedenen Ebenen. Dogmatische Aussagen können nie den lebendigen Umgang mit der Bibel ersetzen. Unser Glaube lebt am meisten aus der Bibel, auch wenn liturgische Texte oder Bekenntnisse oder Teile eines Katechismus uns sehr lieb werden.

Vor allem der Unterschied zwischen Bibel und Glaubenslehre ist wichtig. Die Lehre von Gottes immanenter (innerer) Drei-Einheit (das sogenannte Glaubensbekenntnis von Athanasius) und die Lehre von den zwei Naturen Christi stehen nicht mit ausdrücklichen Worten in der Bibel. Das Wort Versöhnung kommt nur wenige Male im Neuen Testament vor, und eine ausgearbeitete Lehre der Versöhnung findet sich in der Bibel nicht. In den biblischen Aussagen sind wohl einige Kerngedanken über Gott, Christus, den Geist und die Versöhnung enthalten. Wir können versuchen, diese Gedanken auszusprechen und sie miteinander zu verbinden. Wir benötigen dafür einige Zwischenschritte. Wir interpretieren Bibeltexte, selektieren und verbinden biblische Begriffe und ergänzen sie mit nichtbiblischen Begriffen. So entsteht eine Lehre. Ob diese Lehre wirklich der Bibel entspricht, kann immer geprüft und näher untersucht werden. Vor allem die exegetische Wissenschaft stimuliert eine solche kritische Untersuchung.

Dass sich eine Lehre nicht mit vielen Worten in der Bibel findet, ist jedoch kein Argument gegen diese Lehre. Das ist mit der Art der Lehre und dem Unterschied zwischen Lehre und Botschaft gegeben. Die Frage ist nicht, ob eine Lehre in der Bibel steht, sondern ob eine Lehre nach ihrem Hauptinhalt und ihrer Absicht mit dem Hauptinhalt und der Absicht der Bibel übereinstimmt.

 

Jeder Gläubige wird durch bestimmte Worte über Christus und die Versöhnung mehr angesprochen als durch andere. Das ist von einem zum anderen Gläubigen unterschiedlich. Auch in der Bibel finden wir eine reiche Verschiedenheit an Worten und Bildern. Bedeutet dies, dass jeder Gläubige seine eigene Wahl treffen darf und nur an die Worte und Bilder gebunden ist, die ihn ansprechen? Das würde nur dann gelten, wenn die Bibel eine lose Sammlung unterschiedlicher Jesusbilder und der Glaube eine rein persönliche Sache wäre. Aber wir glauben, dass die unterschiedlichen Bilder auf die Wirklichkeit des einen Herrn verweisen und dass wir miteinander an denselben Herrn glauben. In der Glaubensgemeinschaft versuchen wir gemeinsam, seinen ganzen Reichtum zu erarbeiten. Auch wenn es uns nie ganz gelingen kann, so beschränken wir uns doch nicht auf den Teil, den wir für uns selbst als wahr und wertvoll kennen gelernt haben. Dann würden wir der Glaubensgemeinschaft und uns selbst schaden.

Können wir glauben ohne Dogmen? Wir glauben bestimmt nicht an Dogmen sondern an den Herrn. Unser Glaube lebt aus dem Umgang mit biblischen Aussagen und nicht aus dem Sezieren von dogmatischen Begriffen. Für uns persönlich können wir den Glauben erleben und aussprechen ohne Dogmen. Aber wenn wir den Glauben mit anderen teilen und weitergeben wollen, müssen wir ihn zur Sprache bringen. Dann stehen wir vor der Frage, was wir wohl oder nicht sagen können. Dann ist eine Sprachregelung unentbehrlich. Deshalb benutzen wir die Dogmen dankbar, um zu sehen, ob die Glaubenskommunikation innerhalb und außerhalb der Gemeinde auf einer Linie bleibt mit der Bibel.

Auch die Glaubenslehre darf in der Kirche nicht fehlen. Wenn wir nicht mehr selbständig und kritisch über den Glaubensinhalt nachdenken würden, dann würde von unserem Glauben am Ende nicht viel mehr übrig bleiben als ein vages Gefühl. Wir verlieren dann den Kontakt mit der uns umringenden intellektuellen Kultur und können unseren Glauben in der Gesellschaft nicht mehr verständlich ausdrücken. Die Dogmatik ist eine Übung für das klare und verständliche Sprechen über den Glauben innerhalb und außerhalb der Gemeinde. Dabei kann die Grenze zwischen innen und außen nicht genau festgelegt werden.

 

 

 

 

 

Aktuelle Herausforderungen

 

6. Glaube und historische Forschung

 

Wir müssen auf die neuen Fragen eingehen, die sich uns aufdrängen. Sie fordern uns heraus, unseren Glauben erneut so deutlich wie möglich auszudrücken. Vorstellungen und Formulierungen, die früher zeitgemäß waren, können im Licht neuerer Fragen als ungenügend oder gar unbrauchbar erscheinen. Es ist übrigens nicht neu, dass wir die aktuellen Herausforderungen ernst nehmen wollen. Das Bekennen der Vorfahren ist auch auf aktuelle Fragen eingegangen. Gerade in der Auseinandersetzung mit solchen Fragen hat die Kirche Einsichten gewonnen, die bleibende Bedeutung haben.

Zwei Fragen treten in unserer Zeit in den Vordergrund. Was bedeutet die historische Erforschung der Bibel für unseren Glauben an Jesus Christus? Und: Was bedeutet es, dass der Glaube in der Bibel oft in Bildern zur Sprache kommt? Beide Fragen haben direkt mit unserem Umgang mit der Bibel und damit mit unserem Bekennen zu tun. Die Bibel ist doch Quelle und Prüfstein unseres Bekennens. Wenn wir unseren Glauben bekennen, stimmen wir mit der biblischen Botschaft ein. Wenn früher formulierte Bekenntnisse Fragen aufrufen, gehen wir zur Bibel zurück. Aber unser Verstehen der biblischen Botschaft hängt unter anderem von unserer Bewertung der historischen Forschung und der Bilder in der Glaubenssprache ab. Diese Fragen sind nicht ganz neu, aber sie sind in den letzten zweihundert Jahren immer aktueller geworden. Niemand kann sich der Bedeutung dieser Fragen entziehen. Wir denken in diesem Kapitel über die historische Forschung nach.

 

In der Gemeinschaft der Kirche glauben wir den Bibelschreibern auf ihr Wort. Wir vertrauen ihnen als zuverlässigen Zeugen der guten Nachricht. Wir hören in ihren Worten Gottes Wort. Ihre Worte atmen den Geist Gottes, den Geist, der unsere Herzen anspricht und unseren Glauben weckt.

Man kann sich der Bibel auch anders nähern. Nicht mit gläubigem Hören, sondern historisch-wissenschaftlich. Die Bibel wird dann als eine Quelle erforscht, die uns historische Informationen liefern kann. Die Erforschung kann sich auf verschiedene Entwicklungen beziehen. Man kann die Entstehung des Bibeltextes erforschen. Man kann die Geschichte untersuchen, die in der Bibel erzählt wird. Man kann prüfen, wie bestimmte Menschen in einer bestimmten Zeit – biblische Personen oder Bibelschreiber – über verschiedene Dinge gedacht haben. Man kann auch die Entstehung und Entwicklung der jüdischen oder christlichen Religion erforschen.

Jede historische Forschung wird dadurch gekennzeichnet, dass sie versucht, Texte zu datieren und in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Diese historische Reihenfolge von Texten und Textabschnitten kann von der biblischen Reihenfolge abweichen. Die Paulusbriefe stehen dann z.B. vor den Evangelien und das Markusevangelium vor Matthäus. Auch innerhalb eines Bibelbuches kann man ältere und jüngere Schichten unterscheiden. Man liest die Texte dann nicht im Zusammenhang eines Bibelbuches und in der biblischen Reihenfolge, sondern sie werden dann in ihrer historischen Entwicklung gelesen und erklärt.

Weiter ist kennzeichnend für die historische Forschung, dass man von Fall zu Fall beurteilen muss, ob die erzählten Ereignisse als historische Tatsachen gelten können. Man unterscheidet zwischen Tatsachen und Erzählungen und zwischen tatsächlichen Erzählungen und Mythen, Sagen, Legenden oder Gleichnissen. Dadurch wird historische Forschung zu einer kritischen Arbeit und zu einer Wissenschaft. In der Wissenschaft kann man nicht irgendeiner Autorität glauben, man braucht ein eigenes begründetes Urteil.

Historische Beurteilungen sind nur selten absolut sicher. Einige Fakten stehen fest, andere haben sich sicher nicht ereignet. Dazwischen liegen die Zweifelsfälle. Hier kann man nur mehr oder weniger wahrscheinlich annehmen, dass ein Geschehen sich ereignet hat. Verschiedene Historiker können zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen. Jedes Urteil ist vorläufig.

Es ist nicht nur eine historisch-wissenschaftliche, sondern auch eine weltanschauliche Frage, ob man ein Geschehen für möglich hält oder nicht. Für die Beurteilung von Wundererzählungen, Schöpfungsgeschichten und Auferstehungsberichten macht es einen großen Unterschied, ob man ein göttliches Handeln in der menschlichen Geschichte für möglich hält. Hält ein Historiker dies für unmöglich, dann ist das kein historisches Urteil, sondern eine weltanschauliche Voraussetzung. Bei der Beurteilung, ob eine Geschichte tatsächlich geschehen ist, spielen im Hintergrund immer solche Hypothesen mit.

 

In der historischen Forschung geht man ganz anders an die Bibel heran als in unserem gläubigen Hören. Aber der wissenschaftliche und der glaubensmäßige Zugang schließen einander nicht von vornherein aus. Der Glaube, dass Gott in der Geschichte Israels und Jesu Christi befreiend gehandelt hat und dass der Geist uns das durch die Bibel mitteilt, erfordert nicht, dass wir eine historische Erforschung der Bibel abweisen. Der Glaube gründet sich auf die Überzeugungskraft der biblischen Botschaft selbst. Er ist die Frucht von Wort und Geist. Wir glauben an Gott, nicht an historisch bewiesene Tatsachen. Deshalb darf man den Glauben auch nicht verwechseln mit einer Schlussfolgerung aus den Ergebnissen historisch-wissenschaftlicher Forschung.

Der Glaube, dass Gott innerhalb der Geschichte gehandelt hat, gibt uns gerade die Freiheit, die Spuren seines Handelns wissenschaftlich zu erforschen. Die Bibel, die diese Geschichte erzählt, ist von Menschen geschrieben worden. Wenn sich ergibt, dass nicht alles genauso geschehen ist, wie es die Bibel erzählt, verlieren wir unseren Glauben nicht. Es ist z.B. gut möglich, dass nicht alle Worte, die die Evangelien Jesus in den Mund legen, wörtlich so von ihm stammen. Das vermindert jedoch den Wert und die Wahrheit der Worte für den Glauben nicht. Sie können Jesu Absicht zuverlässig wiedergeben.

Historisch-kritische Forschung kann auch unser gläubiges Verstehen der biblischen Botschaft fördern. Sie schärft unseren Blick für den historischen Zusammenhang, in dem Gottes Handeln sich ereignete. Sie macht uns deutlich, dass Menschen Gottes Handeln in ihrem historischen Kontext erlebt und erklärt haben. Der Inhalt der Bibel ist keine zeitlose Lehre, sondern eine konkrete Geschichte. Deshalb brauchen wir gerade als Kirche die historisch-wissenschaftliche Forschung.

 

Historische Forschung und Glauben harmonieren jedoch nicht immer miteinander. Historische Forschung kann von Voraussetzungen ausgehen, die mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar sind. Wir nennen drei davon.

Der Historiker, der die Gegebenheiten chronologisch ordnet und der nach den frühesten bewiesenen Tatsachen sucht, kann leicht so weit kommen, dass er annimmt, das Frühere sei echt und wahr, alles Spätere sei unecht und unwahr. Was Jesus selbst gesagt hat, hält man so für echt und wahr. Im Gegensatz dazu steht dann die Wiedergabe seiner Botschaft in den Worten der Evangelisten. Was Paulus über Jesus sagt, sieht man manchmal als Verzeichnung und Verdrehung der Botschaft Jesu selbst. Ein solches Urteil muss nicht zutreffen. Was in späteren Worten über Jesus gesagt wurde, vielleicht aufgrund eines neuen Wirkens seines Geistes, kann zuverlässig ausdrücken, wer er ist, auch wenn Jesus selbst diese Worte nicht gebraucht hat.

Der Historiker, der vor allem versucht, Tatsachen zu beweisen, kann auch dazu kommen, die Geschichte auf die Tatsachen zu beschränken. Aber gibt es überhaupt solche Fakten für sich? Alle Ereignisse sind doch wahrgenommene, erlebte, gewürdigte, ‚geglaubte’ Ereignisse? Wir müssen darauf achten, dass wir die methodisch notwendige Unterscheidung zwischen Tatsache und Bedeutung nicht zu einer hermetischen Trennung machen. Denn dann entstehen zwei Welten: eine Welt der sogenannten objektiven Tatsachen, die Welt der Wissenschaft, und eine Welt der sogenannten subjektiven Sinngebung, eine Sache des Glaubens. Geschichte ist mehr als lose alleinstehende Tatsachen. Zur Geschichte gehört auch die Bedeutung, die solche Tatsachen für die Menschen haben. So können wir in der wissenschaftlichen Forschung wohl unterscheiden zwischen dem historischen Jesus und der Bedeutung, die Jesus für die Gläubigen hatte. Aber wenn die Verfasser des Neuen Testaments über Jesus erzählen und den Christus verkündigen, dann reden sie nicht von zwei verschiedenen Realitäten, die man unabhängig voneinander betrachten kann. Sie reden von ein und derselben Person. Ein Jesus an sich, losgelöst von seiner Bedeutung für andere, ist eine theoretische Abstraktion.

Der Historiker, der die Entstehung und Entwicklung von Glaubensvorstellungen zu erklären versucht , tut dies nach Möglichkeit auf eine Art und Weise, die für jeden einsichtig ist. Er wird sich nicht auf übernatürliche Faktoren berufen. Er nutzt vergleichbare Erscheinungen und Prozesse. Er versucht, den Glauben, dass Jesus auferstanden ist von den Toten, historisch zu erklären, indem er Vergleiche anstellt mit anderen Auferstehungsgeschichten innerhalb und außerhalb der Bibel. Er versucht, den Glauben, dass Jesus für uns gestorben ist, historisch zu erklären, indem er ihn mit anderen Texten vergleicht, die jemandes Sterben mit einer Heilsbedeutung versehen. In solchen wissenschaftlichen Erklärungen wird nicht auf das Handeln Gottes verwiesen. Man versucht, eine religiöse Entwicklung als das Werk gläubiger Menschen zu erklären. Das ist möglich, weil der menschliche Glaube tatsächlich auch ein Menschenwerk ist. Als solches kann man es mit den Möglichkeiten der Wissenschaft erforschen. Der Historiker geht jedoch viel weiter, wenn er suggeriert, die Entstehung des Glaubens an Jesus sei nichts anderes und könne nichts anderes sein als Menschenwerk. Dann lässt er Gottes Handeln nicht nur methodisch-wissenschaftlich außen vor. Dann hält er solches Handeln grundsätzlich für unmöglich. Aber das ist kein historisches Urteil, sondern ein weltanschauliches Vorurteil.

 

Unser Bekenntnis von Jesus Christus und der Versöhnung gerät unter Druck, wenn man es für eine spätere subjektive Interpretation hält, die von den Worten des historischen Jesus abweicht. Deshalb müssen wir hier auch kurz auf die Forschung nach dem historischen Jesus eingehen. Viele Gelehrte haben hinter dem Bibeltext gesucht nach dem Jesus, „wie er tatsächlich war“. Man muss ihn dann sozusagen aus den Evangelien heraus pulen, die ja im Glauben geschrieben sind. Man muss dann seine tatsächlichen Worte und Taten von denen trennen, die die Evangelisten beschreiben. Dabei ergibt sich sofort die große Frage, welche Maßstäbe man dafür anlegen muss. Sind nur das Worte Jesu, die ihn vom Judentum seiner Tage unterscheiden? Oder sind gerade das Worte Jesu, in denen er mit dem Judentum übereinstimmt? Die Wahl der Kriterien bestimmt in hohem Maße das Ergebnis. Danach muss man dann mit den kritisch erarbeiteten Gegebenheiten die „echte“ „historische“ Lebensgeschichte Jesu erzählen. Man erhält dann eine historische Rekonstruktion, die man aufgrund aller Gegebenheiten für die am meisten wahrscheinliche hält. Diese Spurensuche hat widersprüchliche Ergebnisse gehabt. Im 19. Jahrhundert wurden Bücher über „Das Leben Jesu“ veröffentlicht, die mehr über ihre Verfasser sagen als über Jesus. Danach hat man die Spurensuche nach dem historischen Jesus eine Zeitlang aufgegeben. Theologisch kann man das damit begründen, dass wir nicht an den historischen Jesus glauben, sondern an Jesus Christus, wie er uns in der Schrift und durch den heiligen Geist begegnet, den „Christus der Schriften“. Das ist an sich richtig. Aber so entsteht unbeabsichtigt der Eindruck, die Botschaft Jesu sei völlig losgelöst von Jesus selbst. Das Evangelium muss doch wenigstens Anknüpfungspunkte haben im Leben Jesu. Wie stellen wir diese Punkte fest? Darüber wird neu diskutiert, ein gemeinsames Ergebnis ist noch nicht in Sicht.

Diese historischen Diskussionen wirken sich auch aus auf unsere Suche, wie wir den Glauben an Jesus Christus in unserer Zeit ausdrücken können. Wenn man den Glauben auf historisch sichere Tatsachen gründen will und dabei den Evangelien, unseren wichtigsten Quellen vom Leben Jesu, mit historischem Misstrauen begegnet, weil sie ja doch im Glauben geschrieben sind, dann kann das weitreichende Folgen haben. Wir nennen einen Gedankengang als Beispiel, in dem viele sich wieder erkennen werden. Nehmen wir folgendes an: Wenn wir sagen wollen, wer Jesus für uns ist, darf dies nicht strittig sein mit dem, was Jesus selbst gedacht hat. Der historische Jesus war ein Jude. Jesus glaubte, was die Juden glaubten. Die Juden glauben an einen einzigen Gott. Deswegen müsste es unmöglich sein, dass Jesus sich selbst als Gott gesehen hat. Er wäre dann auch nicht göttlich. Wenn man ihn für göttlich hielte, wäre das eine spätere Auslegung der Gläubigen. Sie hätten Jesu Bedeutung erklärt, indem sie ihn mit dieser Interpretation ‚umkleidet’ hätten. Christen hätten Jesus ‚in den Himmel gehoben’ und ihn so zu Gott ‚gemacht’, aber das wäre er nicht.

Diese Argumentation enthält mindestens fünf Voraussetzungen, die unbemerkt den Inhalt unseres Glaubens an Jesus Christus bestimmen. Aber sind diese Voraussetzungen wohl so annehmbar wie sie sich geben?

Als erstes gibt es die Voraussetzung, die Juden glauben an einen einzigen Gott. An sich ist das wohl wahr. Aber aus jüdischen Quellen aus der Zeit Jesu wissen wir, dass dieser Glaube auch verbunden sein kann mit anderen himmlischen oder gar göttlichen Wesen, die zur Sphäre des einzigen Gottes gehören. Warum sollte es unmöglich sein, dass Jesus wie die Juden seiner Tage an die Existenz derartiger göttlicher Wesen glauben konnte?

Zum zweiten gibt es die Voraussetzung, dass Jesus glaubte, was die Juden glaubten. Vorausgesetzt, die Juden in Jesu Tagen glaubten an einen einzigen Gott und nicht an göttliche Wesen neben Gott. Bedeutet das dann automatisch, Jesus glaubte auch nicht daran? Ist es völlig ausgeschlossen, dass Jesus etwas glaubte, was seine Zeitgenossen nicht glaubten? Warum sollte jemand nicht etwas anderes glauben können als die Menschen um ihn herum? Kann ein Mensch keine neuen Gedanken und Vorstellungen haben?

Zum dritten die Voraussetzung, Jesus wäre nicht göttlich, weil nicht er selbst sich für göttlich hielt, sondern weil andere ihn dafür gehalten hätten. Vorausgesetzt, Jesus hätte wirklich seine Gottheit nicht selbst erkannt. Ist damit völlig ausgeschlossen, dass er göttlich war? Göttlich sein ist doch nicht dasselbe wie sich bewusst sein, dass man göttlich ist. Auch wenn Jesus sich seiner Göttlichkeit nicht bewusst gewesen wäre, kann es doch wohl wahr sein, dass er göttlich war. Was man ist und wissen, was man ist, sind zwei verschiedene Dinge. Man kann die Tochter eines Menschen sein ohne es zu wissen, während andere es wohl wissen. Jesu Bewusstsein seiner Gottheit ist keine Voraussetzung für seine Gottheit.

Viertens die Voraussetzung, Jesus könne nur dann göttlich gewesen sein, wenn er sich dessen selbst bewusst gewesen wäre. Wenn wir zu seiner Gottheit auch seine Allwissenheit zählen, dann scheint dies in der Tat der Fall gewesen zu sein. Wenn wir dagegen in diesem Zusammenhang seine Gottheit auffassen als den einzigartigen Ursprung in Gott und die einzigartige Einheit mit dem Vater, liegen die Dinge anders. Dass der Mensch Jesus nicht in vollem Umfang von seiner Gottheit gewusst hat, muss nicht ausschießen, dass er im hier genannten Sinn göttlich gewesen ist.

Fünftens die Voraussetzung, Jesus sei nicht göttlich, weil er erst später dafür gehalten wurde. Aber auch die Tatsache, dass die Nachfolger Jesu ihm erst nach Ostern seine Gottheit zugeschrieben haben, ist kein Beweis gegen seine Gottheit. Auch wenn man etwas erst später erkennt und einsieht, ist es deswegen nicht unwahr. Ob etwas wahr ist oder nicht, hängt nicht vom Zeitpunkt ab, an dem man es entdeckt.

Natürlich kann man mit solchen Gedanken nicht beweisen, dass Jesus wohl göttlich war. Jesu Gottheit kann man nicht mit Argumenten beweisen. Wohl können diese Gedanken deutlich machen, dass die Argumente, die beweisen sollen, Jesus könne unmöglich Gott gewesen sein, weniger überzeugend sind als es auf den ersten Blick scheint.

Weiter macht dieses Beispiel deutlich, wie vorsichtig wir sein müssen, den Glauben an Jesus Christus nur auf historische Erwägungen zu gründen. Einige Erwägungen beruhen auf weltanschaulichen Voraussetzungen, z.B. der Gedanke, das Frühere sei verbindlich für das Spätere. Andere Erwägungen beruhen auf Hypothesen, die man bezweifeln oder mit neuem Material entkräften kann, z.B. dass ein Jude nicht an göttliche Wesen neben dem einen Gott glauben könne. Und selbst wenn wir diese historischen Thesen vorläufig annehmen, ist damit noch nichts gesagt über Inhalt oder Wahrheit unseres Glaubens. Jesus kann göttlich gewesen sein, auch wenn er sich dessen nicht bewusst gewesen wäre. Wir leugnen nicht, dass man hier historische Fragen stellen kann, auch nicht, dass man auf diese Fragen mit den Mitteln der historischen Wissenschaft eine Antwort suchen muss. Aber längst nicht alle historischen Fragen und Antworten sind von entscheidender Bedeutung für den Inhalt unseres Glaubens.

 

Über die Bedeutung des Todes Jesu für andere kann ein vergleichendes Gespräch geführt werden. Dass Jesus für andere gestorben ist, gehört zum Kern des Evangeliums. Hat Jesus das selbst auch so gesehen? Diese Frage kann historisch nur beantwortet werden, indem die Texte mit anderen Texten verglichen werden, die an jemandes Tod eine besondere Bedeutung zuerkennen. Man kann denken an Texte über einen Propheten, den Gott als letzten Boten zu seinem Volk schickt. Oder an Texte über gerechte Diener Gottes, die Gott nach ihrem Tod ins Recht gesetzt hat. Oder an den Tod eines Knechtes des Herrn, der für andere stirbt. Ein Historiker kommt nicht weiter als bis zu Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Unser Glaube an die Bedeutung des Todes Jesu hängt nicht ab von einer historischen Antwort auf die historische Frage nach den eigenen Auffassungen Jesu. Unser Glaube ruht auf der Verkündigung, die in der Bibel zu uns kommt und wovon der heilige Geist uns überzeugt.

 

Die historische Forschung richtet unsere Sinne auf die Tatsachen vergangener Zeit. Das ist jedoch in der Gemeinde nicht die einzige Art und Weise, wie wir mit der Geschichte Jesu umgehen. In der Gemeinde wissen wir, dass Jesus lebt. Seine Geschichte ist nicht zu Ende. Sein Leben, Sterben und Auferstehen sind für uns nicht vorbei. In der Liturgie gedenken wir seines Lebens, Sterbens und Auferstehens und erwarten wir sein Kommen und sein Reich. In diesem Gedenken und Erwarten ist seine Geschichte gegenwärtig und aktuell. Die Bedeutung dieser Geschichte erleben wir in Wort und Sakrament. In der Feier des Abendmahls sind Jesu Tod und Auferstehung und unsere Versöhnung mit Gott und mit einander eine lebendige und aktuelle Realität. Sie bewirkt, dass wir Gottes Reich erwarten. Der Herr lebt inmitten seiner Gemeinde.

 

 

 

 

7. Die Sprache des Glaubens

 

Die Bibel bringt Versöhnung oft zur Sprache mit Hilfe von Worten, die im übertragenen Sinn benutzt werden. Jesus ist das „Lamm“ Gottes (Joh. 1,29). Das Wort Lamm bedeutet hier etwas anderes als im normalen wörtlichen Sinn. Jesus gehört nicht zu der Gruppe Lebewesen, die man mit dem Wort „Lamm“ andeutet. Er fällt nicht unter den Begriff „Lamm“. Aber er hat auf bestimmte Art und Weise wohl eine Ähnlichkeit mit einem Lamm. Ein Wort oder einen Begriff, mit dem man aufgrund eines Vergleichs andere Dinge andeutet als normal, nennen wir eine Metapher. (Metapher: Sprachlicher Ausdruck, bei dem ein Wort aus seinem Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen, als Bild verwendet wird.) Die Bibel enthält viele Metaphern. Das Totenreich hat „den Schlund weit aufgesperrt“ (Jes. 5,14). Auch über Gott wird in Metaphern gesprochen. Gott ist „mein Fels“ (Ps. 92,16). Manchmal ist eine Metapher uns so vertraut, dass sie uns gar nicht mehr auffällt: „Der HERR ist mein Hirte“ (Ps. 23,1).

Ein Wort wird metaphorisch benutzt, wenn die wörtliche Bedeutung des Wortes eine falsche Aussage ergibt. Ein Beispiel ist der Satz: Der Mann ist aus Eisen. Wenn wir „Eisen“ wörtlich nehmen, ist der Satz falsch. „Aus Eisen“ deutet in diesem Satz nicht auf die Eigenschaft, die normalerweise als Eisen bezeichnet wird. „Eisen“ muss also metaphorisch benutzt sein. Wenn eine wörtlich genommene Aussage nicht wahr sein kann, enthält sie eine Metapher.

Das bedeutet nicht, dass eine metaphorische Aussage nicht wahr sein kann! Es bedeutet nur, dass sie nicht buchstäblich wahr ist. Eine metaphorische Aussage kann sehr wohl wahr sein und eine Wirklichkeit bezeichnen. Aber sie ist auf eine andere Art und Weise wahr und verweist auf eine andere Ebene der Wirklichkeit. Wenn ich mit dem Satz „Der Mann ist aus Eisen“ sagen will, der Mann ist hart und unbeweglich, dann behaupte ich etwas über die Wirklichkeit dieses Mannes. Die Behauptung kann wahr sein. Das Bild vom Eisen unterscheidet sich deutlich von der Wirklichkeit jenes Mannes und bringt gleichzeitig die Wirklichkeit zur Sprache.

Das ist für unser Gespräch über die Versöhnung wichtig. Wenn wir mit einer Metapher zu tun haben, deren buchstäbliche Bedeutung nicht wahr sein kann, zieht man manchmal zu Unrecht die Schlussfolgerung, eine Metapher sei nicht wahr und rede nicht von der Wirklichkeit. Diese falsche Schlussfolgerung führt in ein falsches Dilemma. Entweder ist eine Aussage metaphorisch, dann ist sie nicht wirklich wahr. Oder etwas ist wirklich wahr, aber dann muss man jede Aussage darüber buchstäblich annehmen. Man meint, man müsse wählen zwischen dem Bild und der Wirklichkeit. Ein typisches Beispiel ist das Wort: „Das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde“ (1.Joh. 1,7). Ist „Blut“ hier buchstäblich gemeint? Wenn man diese Frage bejaht, muss man annehmen, dass eine spezifische Flüssigkeit (spezifisch durch eine bestimmte chemische Zusammensetzung) die Kraft oder das Vermögen hat, Menschen von ihren Sünden zu befreien. Versöhnung wird dann zur Magie. Die Versöhnung wird, sehr realistisch, bewirkt durch das Blut Jesu. Wir verstehen das Motiv. Man möchte an der Wirklichkeit der Versöhnung festhalten, die durch das Sterben Jesu geschehen ist. Wer eine solche magisch-realistische Auffassung nicht teilen kann, wird umgekehrt gezwungen, mit dieser Auffassung auch die Wirklichkeit der Versöhnung preiszugeben. Beide Positionen entspringen einem falschen Dilemma. Wir brauchen nicht zu wählen. Es geht nicht um Bild oder Wirklichkeit, sondern um Bild und Wirklichkeit. Das reinigende Blut ist ein kultisches Bild, das sich von der Wirklichkeit des Todes Jesu unterscheidet und gleichzeitig diesen Tod als Heil zur Sprache bringt: Jesus gibt sein Leben und nimmt unsere Sünde von uns. Er gibt seinen Leib bis in den Tod.

Wenn wir ein metaphorisches Wort wörtlich für wahr halten, dann verstehen wir die Aussage nicht. Wer bei der Aussage „Gott ist mein Fels“ fragen würde, zu welchem Gebirge Gott denn wohl gehöre, zeigt damit, dass er die Aussage nicht verstanden hat. Die Frage, wo wir den Schafstall Gottes, unseres Hirten, suchen müssen, ist sinnlos, (es sei denn, dass wir auch den Schafstall metaphorisch benutzen).

Es ist jedoch nicht immer klar, ob ein Wort metaphorisch benutzt wird. Es gibt Zweifelsfälle, in denen man ein Wort sowohl buchstäblich wie metaphorisch lesen kann. „Hilf mir aus dem Rachen des Löwen“ (Ps. 22,22). Ist der Löwe hier buchstäblich gemeint oder als Bild gebraucht (wie in Ps. 7,3; 10,9; 17,12)? Hier ist die Diskussion offen.

 

Man charakterisiert den Unterschied zwischen metaphorischem und buchstäblichem Wortgebrauch oft, indem man sagt, eine Metapher beschreibe die Wirklichkeit nicht so wie sie ist. Es ist wahr, die Metapher beschreibt die Wirklichkeit nicht mithilfe von Begriffen wie „Eisen“, mit denen wir bestehende Dinge einordnen. Aber bedeutet dies jetzt auch, dass eine Metapher nicht die Wirklichkeit beschreibt? Ist eine begriffsmäßige Beschreibung die einzige Möglichkeit, etwas zu beschreiben? Auch wenn wir sagen „Der Mann ist aus Eisen“, beschreiben wir jemand so, wie er ist. Man wählt die Bilder nicht willkürlich aus. Eisen ist ein zutreffendes Bild für diesen Mann, weil das Eisen ihm in bestimmter Hinsicht ähnlich ist und so etwas über den Mann aussagt. Es ist von daher besser, den Unterschied zwischen metaphorischem und buchstäblichem Wortgebrauch eher in der Art und Weise zu suchen, wie die Wirklichkeit beschrieben wird. Auch eine Metapher beschreibt die Wirklichkeit, aber auf eine besondere Art und Weise: mit einem Vergleich oder Gleichnis. Die Metapher beschreibt, wie etwas ist, indem sie etwas anderes nennt, das dem ähnlich ist.

Wenn wir metaphorisches Reden nicht mehr sehen als eine bestimmte Art und Weise, die Wirklichkeit zu beschreiben, stehen wir in der Gefahr, dieses Reden zu einem Ausdruck unserer Sicht auf die Wirklichkeit zu reduzieren. Natürlich zeigt sich in den Metaphern auch unsere Sicht. Aber diese ist doch nicht von der Wirklichkeit getrennt.

Diese Überlegungen erscheinen manchem vielleicht reichlich abstrakt und theoretisch. Aber sie haben weitreichende Folgen für unser Gespräch über Gott und die Versöhnung. Welche Bedeutung hätte unser metaphorisches Reden über Gott und sein versöhnendes Handeln noch, wenn wir dies nicht mehr verstehen als eine Art und Weise, die Wirklichkeit zu beschreiben? Dann würden wir mit unseren Aussagen nur noch sagen, wie wir Gott und die Versöhnung sehen. Ob diese Aussagen wahr wären, würde nicht mehr von der Wirklichkeit Gottes und der Versöhnung abhängig sein. Maßstab für die Wahrheit einer Aussage wäre unser Erleben oder die Wirksamkeit einer Aussage. Aussagen über Gott wären wahr, wenn ich sie so erlebe oder wenn sie in meinem Leben so wirken. In diesem Sinne könnten auch erfundene Gedanken wahr genannt werden.

Zudem sind Erleben und Wirksamkeit für jeden Menschen unterschiedlich. Jeder könnte dann nur noch für sich selbst bestimmen, ob metaphorische Aussagen über Gott wahr wären oder nicht. Die Vielfalt im Erleben des einen Glaubens droht so auf ein Wirrwarr von ganz unterschiedlichem Erleben und verschiedenen Wahrheiten und Bildern hinauszulaufen. Alle Erlebnisse, Wahrheiten und Bilder wären im Prinzip gleich wahr und wertvoll. Wie sollte das eine Erleben wahrer oder wertvoller sein als das andere? Pluralität verkommt so zum Relativismus. Ein Glaubensgespräch kann dann nicht mehr sein als ein Auswechseln von persönlichen Erfahrungen und Wahrheiten.

Das können wir als christliche Gemeinde nicht zulassen. Wir halten deswegen daran fest: auch in unserem metaphorischen Reden über Gott und die Versöhnung beschreiben wir die Wirklichkeit, wie indirekt und fragmentarisch auch immer.

 

Es ist ein großer Unterschied, ob wir die Wirklichkeit mit Begriffen oder mit Bildern beschreiben. Begriffe umschreiben wir so genau wie eben möglich. So exakt wie möglich legen wir fest, was ein Begriff beinhaltet und welche Dinge unter diesen Begriff fallen, damit wir uns genau und klar ausdrücken können. Ein Bild dagegen ist nicht fest definiert, es ist offen. Wenn wir mit einem Bild etwas beschreiben, ist nicht von vornherein deutlich, wo die Übereinstimmung zwischen Bild und Wirklichkeit liegt, also welche Eigenschaften das Bild und die angedeutete Wirklichkeit gemeinsam besitzen. Bedeutet „Gott ist mein Fels“, dass Gott unempfindlich und hart ist wie ein Stein? Das Bild vom Felsen könnte das an sich wohl nahe legen. Aber aus dem Zusammenhang wissen wir, dass die Übereinstimmung anderswo liegt. Verkündigt wird: „Der HERR ist wahrhaftig und gerecht; er ist mein Fels, und kein Unrecht ist an ihm“ (Ps. 92,16). Die Aussage „Gott ist ein Felsen“ hat also mit seiner Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit zu tun. Es bedeutet: man kann ihm vertrauen.

Es liegt auch nicht von vornherein fest, wie weit eine Übereinstimmung geht. Jesus gab sein Leben als „Lösegeld“ (Mk. 10,45). Können wir hier fragen: Wem gab er das Lösegeld? Oder zeugt diese Frage von genauso viel Missverständnis wie die nach dem Schafstall Gottes? Weil die Bedeutung einer Metapher weniger festliegt als die eines Begriffs, bleibt auch hier eine Diskussion immer möglich.

Die Kraft von Metaphern hängt eng mit dieser Unbestimmtheit zusammen. Sie legen nicht zuviel fest, sie engen unsere Vorstellungen nicht ein, sie schreiben nicht alles vor. So können sie überraschen, etwas hervorrufen, ansprechen, inspirieren und uns auf neue Gedanken bringen. Neue, frische Bilder berühren uns mehr und bewirken mehr als genaue, vollständige Begriffsbestimmungen. Die Metaphern wecken auch unser Verständnis dafür, dass die Wirklichkeit, über die wir sprechen, ein Geheimnis ist, das wir nie vollständig in den Griff bekommen.

Das gilt wohl ganz besonders für das allergrößte Geheimnis, das Geheimnis Gottes selbst. Deswegen meinen einige, wir könnten über Gott und sein Handeln nur in Metaphern sprechen, weil wir ihn nicht begriffsmäßig beschreiben können.

Alles menschliche Reden über Gott ist in der Tat unzureichend. Doch ist es die Frage, ob wir nur in Metaphern über Gott sprechen können. Das Wort Gott ist selbst keine Metapher. Auch ein Wort wie Schöpfer ist kein Begriff, den man normalerweise für andere Personen benutzt und aufgrund eines Vergleichs auf Gott überträgt. Sind Begriffe wie barmherzig und gerecht Metaphern, wenn wir sie auf Gott beziehen? Ist Gott nicht buchstäblich barmherzig und gerecht? Deshalb ist es besser zu sagen, über Gott kann man sowohl metaphorisch als auch nicht metaphorisch sprechen. Wir können mit der Aussage „Gott ist treu“ dasselbe über Gott sagen wie mit der Aussage „Gott ist ein Fels“, aber wir sagen es wohl auf eine andere Art und Weise.

Auch hier bleiben Zweifelsfälle. Das Wort „Versöhnung“ im Sinne der Sühne, als Übersetzung eines spezifischen kultischen hebräischen oder griechischen Ausdrucks, kann man eine Metapher nennen. Aber wenn wir die Versöhnung in Bekenntnis oder Glaubenslehre als Wiederherstellung einer zerbrochenen Beziehung umschreiben, dann kann man diesen Begriff sowohl auf die Versöhnung mit Gott wie auch auf die Versöhnung mit Menschen buchstäblich anwenden.

Wenn wir in unserer Zeit begeisternd und ansprechend über Gott und sein versöhnendes Handeln reden wollen, sind neue, treffende Metaphern wirkungsvoller als Begriffe. Aber wenn unser Sprechen nur aus neuen Metaphern bestünde, (wenn das überhaupt möglich wäre), dann würde es unverständlich werden. Wir würden sie erklären müssen, unter anderem mit bekannten Begriffen.

Es geht also zu weit zu sagen, unsere Glaubenssprache bestehe nur aus Metaphern. Die Glaubenssprache verwendet Bilder und Begriffe gleichzeitig. In der Auslegung des Evangeliums und vor allem in der Glaubenslehre braucht man auch Begriffe, auch wenn es nur wäre, um die Metapher der Bibel und des Glauben zu verstehen, zu erklären und auszuarbeiten. Zudem streben wir beim Durchdenken nach Klarheit und Genauigkeit. Aber wie genau wir unsere Begriffe auch definieren, es bleiben menschliche Begriffe. Gott bleibt gerade für unser begriffsmäßiges Denken das größte Geheimnis.

 

Im Glaubensgespräch und in der Darstellung der Versöhnung müssen wir neue Bilder suchen und probieren. Dafür braucht man Raum, Raum für eine berechtigte Verschiedenheit von Bildern und Glaubenserfahrungen, wie sie auch in der Bibel sichtbar werden. Wir setzen unsere Bilder nicht an die Stelle von Bildern der Bibel oder der Tradition. Wir sehen sie auch nicht losgelöst von der Wirklichkeit der Versöhnung, die die Bibel uns verkündigt. Wir beschränken sie nicht auf unsere eigene Sicht der Versöhnung. Wir versuchen mit neuen Bildern, die Wirklichkeit der Versöhnung, wie wir sie aus der Bibel und der Tradition vernommen und erfahren haben, neu so unter Worte zu bringen, dass man sie erleben und verstehen kann. Dabei laben wir uns an der Quelle, der Gemeinschaft mit unserem Herrn und Erlöser. Und wir suchen die Richtung, die der heilige Geist uns zeigt.

 

 

 

 

Schluss

 

8. Die Quelle unseres Glaubens

 

Wir haben einen langen Weg zurückgelegt. Er fing an mit der Frage, wer Jesus für uns ist. Darauf haben wir im Hören auf die Schrift und im Blick auf die Fragen unserer Zeit unseren Glauben an unsern Herrn und Erlöser umschrieben. Wir haben uns an unsere Gemeinschaft mit dem Bekennen der Vorfahren erinnert und uns Rechenschaft gegeben von der Rolle, die die Glaubenslehre bei der Verarbeitung und Übersetzung der biblischen Botschaft erfüllt. Zum Schluss sind wir auf die Fragen eingegangen, die sich aus der historischen Erforschung der Bibel und die eigene Art der Glaubenssprache ergeben.

Am Ende unserer Überlegungen ist es gut, an den Anfang zurückzukehren, zur Quelle unseres Glaubens. Der Glaube erfordert wohl eine Zusammenfassung und ein Nachdenken (eine Reflexion), aber er ist selbst keine Reflexion. Er ist ein Vertrauen auf Gott, den Vater, und ein Leben mit Jesus Christus in der Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist. Er entsteht durch Wort und Geist und wird genährt durch den Umgang mit der Schrift. Wir üben diesen Umgang in der Versammlung der Gemeinde und im täglichen Leben der Gläubigen aus. Auch wenn ein einzelner sich durch ein Bibelwort ansprechen lässt und es bedenkt, befindet er sich – geistlich gesprochen – im Raum der Kirche. In diesem Raum klingen für unser Leben die Worte von und über Jesus. Sein Name klingt in unseren Ohren wie Musik, die uns trägt (Liedboek 446,7). Durch diese Erfahrung entspringt und wächst unser Glaube, immer wieder neu, von einer Zeit zur anderen, manchmal stürmisch, manchmal trotz Unterdrückung. Wir antworten auf die Worte, die uns erreichen, mit Worten, die wir gemeinsam oder persönlich zu Gott singen und beten. Gemeinsam mit diesen Antworten der feiernden Gemeinde und dem hörenden und betenden Gläubigen bilden die Worte, die uns in der Schrift erreichen, das Flussbett unseres Glaubens.

Deshalb wollen wir diese Schrift abschließen mit einigen dieser Worte. Sie sind keine Zusammenfassung, sie sind nicht einmal repräsentativ für das reiche biblische Reden über Jesus Christus und die Versöhnung. Sie zeigen ein wenig von der Quelle und dem Flussbett unseres Glaubens. Sie geben, jedes auf seine Art, den Blick frei auf unseren Herrn und Erlöser.

 

 

 

Im Philipperbrief lesen wir:

 

 

6 Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub,
Gott gleich zu sein,

7 sondern entäußerte sich selbst
und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich
und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.

 

8 Er erniedrigte sich selbst
und ward gehorsam bis zum Tode,
ja zum Tode am Kreuz.

9 Darum hat ihn auch Gott erhöht
und hat ihm den Namen gegeben,
der über alle Namen ist,

10 dass in dem Namen Jesu
sich beugen sollen aller derer Knie,
die im Himmel und auf Erden
und unter der Erde sind,

11 und alle Zungen bekennen sollen,
dass Jesus Christus der Herr ist,
zur Ehre Gottes, des Vaters.

 

 

EG Lied 81 : 1 - 4

1. Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen,

daß man ein solch scharf Urteil hat gesprochen?

Was ist die Schuld, in was für Missetaten

bist du geraten?

2. Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet,

ins Angesicht geschlagen und verhöhnet,

du wirst mit Essig und mit Gall getränket,

ans Kreuz gehenket.

3. Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen?

Ach, meine Sünden haben dich geschlagen;

ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet,

was du erduldet.

4. Wie wunderbarlich ist doch diese Strafe!

Der gute Hirte leidet für die Schafe,

die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte,

für seine Knechte.

 

 

Met Gezang 105 zingen wij:

Christus heeft voor ons geleden
als een beeld van ons bestaan,
dat wij zover zouden gaan
in zijn voetstappen te treden.

Die geen zonde heeft bedreven,
uit wiens mond niet is gehoord
enig onvertogen woord,
maar de adem van het leven.

Die wanneer Hij werd geslagen,
zelfs zijn mond niet opendeed,
die niet dreigde als Hij leed,
maar het zwijgend heeft verdragen.

Die de zonden heeft gekorven
in zijn lichaam aan het hout,
dat gij Gode leven zoudt,
aan de zonde afgestorven.

Door wiens striemen gij genezen,
door wiens dood gij levend zijt,
levend in rechtvaardigheid,
taal en teken van Gods wezen.

Als eertijds verdoolde schapen
thans den Herder toegewijd,
die u in de waarheid weidt.
Uw Bewaarder zal niet slapen.

Ja, de Heer zal u bewaren,
Hij de Herder, Hij het Lam,
die voor u ter aarde kwam,
die voor u is opgevaren!

 

En aan de tafel van de Heer loven wij de Allerhoogste
en vieren wij zijn grote daden in schepping en bevrijding:
Dienstb., 887

Want Gij hebt ons geschapen
tot een leven van liefde en lofzang,
en toen wij U loslieten,
hebt Gij ons vastgehouden
en ons teruggeroepen
van een doodlopende weg.
Gij hebt ons bevrijd
uit de macht van donker en dood
en ons uitzicht gegeven
op een toekomst van licht:
vrijheid, vrede, vreugde,
voor al uw geliefde mensen.

En wij gedenken de weg en het werk van Jezus Christus:
Dienstb., 888

Gezegend zijt Gij, God onze Vader,
en gezegend is Jezus die komt in uw Naam.
Want Hij is tot het uiterste gegaan
om ons voor U te behouden.
Hij heeft voor ons uit
de doortocht gemaakt
door de engte van de dood
naar de ruimte van het leven.
Zo is Hij onze herder,
de hoeder van zijn volk.

 

 

Abkürzungen

Wenn im Text dieser Broschüre zwischen der Abkürzung und der Ziffer ein Komma steht, dann verweist die Ziffer auf die Seitenzahl. Steht zwischen der Abkürzung und der Ziffer kein Komma, dann verweist die Ziffer auf das Kapitel, den Artikel, die Frage oder die Antwort.

CA                   Augsburger Konfession, (Confessio Augustana) 1530

Apost.              Apostolisches Glaubensbekenntnis

Barmen            Theologische Erklärung von Barmen, 1934

Bijbel                De bijbel. Taal en teken in de tijd, SoW-kerken, 1999

Dienstb.            Dienstboek, Een proeve, Schrift - Maaltijd - Gebed, Zoetermeer, 1998

Fundam.           Fundamenten en perspectieven van belijden. Proeve van beschrijving, Nederlandse Hervormde Kerk, 1949

Gr. Kat.            Großer Katechismus Luthers, 1529

GMO               God met ons. Over de aard van het Schriftgezag, Gereformeerde Kerken, 1979

HK A               Heidelberger Katechismus, 1563, Antwort

HK S               Heidelberger Katechismus, 1563, Sonntag

Kl. Kat.            Kleine Catechismus van Luther, 1529

Kl. wijn            Klare wijn. Rekenschap over geschiedenis, geheim en gezag van de Bijbel, Nederlandse Hervormde Kerk, 1967

KO VPKN       Kerkorde van de Verenigde Protestantse Kerken in Nederland

Leuenb.            Konkordie reformatorischer Kirchen in Europa, Leuenberger Konkordie, 1973

NGB                Niederländisches Glaubensbekenntnis, 1561

Niz.-Konst.       Glaubensbekenntnis von Nizäaa-Konstantinopel, 325, 381

Proeve             Proeve van een eenparig geloofsgetuigenis, Gereformeerde Kerken, 1974

Tussenmuur      De tussenmuur weggebroken. Over de prediking van de verzoening, Herderlijke brief, Nederlandse Hervormde Kerk, 1967

Verzoening       Verzoening met God en met mensen, Herderlijk schrijven, Gereformeerde Kerken, 1976

 

 

 

 

 

 

 

 

Handreichung

 

für die Besprechung von

 

 

Jesus Christus,

unser Herr und Erlöser

 

 

 

Synodale Schrift der Synoden

der Nederlandse Hervormde Kerk,

der Gereformeerde Kerken in Nederland und der

Evangelisch-Lutherse Kerk in het Koninkrijk der Nederlanden

 

 

 

 

 

Besprechungsmöglichkeiten

 

Diese synodale Schrift möchte das Gespräch über den Glauben fördern. Nicht nur in der Synode, sondern vor allem in den Gemeinden. Die Synoden haben diese Schrift verabschiedet. Sie übergeben sie jetzt den Gemeinden als ‚eine zusammenfassende Umschreibung unseres Bekenntnisses von Jesus Christus und der Versöhnung’, um ‚den Glauben der Kirche neu auszusagen’ und ‚Menschen in ihrer Suche zu helfen’ (Zitate aus der Einleitung).

 

Die einmalige Besprechung dieser Schrift auf einer Kirchenratsversammlung erfordert natürlich andere Methoden als ein Gespräch an sechs oder sieben Abenden in einem Gesprächskreis oder Kursus. Bei jeder Versammlung ist wichtig, sich über die Absicht klar zu werden: geht es vor allem um Auslegung, um Diskussion oder um eine offenes Gespräch über den Glauben?

Die Ausgangslage kann sehr unterschiedlich sein. Es ist nicht unwichtig, ob innerhalb der Gruppe vorher schon theologische oder selbst christologische Fragen zur Sprache gebracht worden sind und wie unterschiedlich das Erleben des Glaubens in der Gemeinde ist. Darf man Interesse für das Thema erwarten, oder muss erst Interesse geweckt werden? Manche Gruppen werden sofort über das Thema Versöhnung diskutieren, andere sind sich von vornherein einig oder halten andere Dinge für wichtiger. Manche sind es gewöhnt, über ihre Glaubenserfahrungen zu sprechen, andere können sie schlechter ausdrücken.

 

Hierunter sind für jedes Kapitel einige Fragen formuliert. Abhängig vom Ziel der Versammlung und von der Ausgangssituation können Sie daraus wählen.

Es gibt unterschiedliche Arten von Fragen. Einige beziehen sich auf eine Erhellung des Textes, andere auf das Einbringen eigener Erfahrung. Einmal wird nach der Sicht der Gemeinde, dann wieder nach der eigenen Meinung gefragt.

 

 

 

Für die Besprechung im Kirchenrat oder Synodalverband

 

Zur Vorbereitung haben die Anwesenden die ersten drei Kapitel gelesen. Für die Besprechung benötigt man mindestens eineinhalb Stunden, lieber noch etwas mehr. Wenn mehr als zehn Personen anwesend sind, wird die Teilnahme am Gespräch dadurch gefördert, dass man die Versammlung nach der Einführung in kleine Gruppen von ungefähr sechs Personen aufteilt.

Einführung (15 Minuten)

Gespräch – evtl. in Kleingruppen – über die Fragen 1,2,5,15,18 (30 bis 60 Minuten)

Gemeinsam Schlussfolgerungen ziehen und Frage 36 besprechen (15 bis 30 Minuten).

 

 

 

 

Für die Besprechung an einem Gemeindeabend

 

Interessenten werden eingeladen, die Schrift zu lesen, aber das ist nicht unbedingt notwendig für eine Teilnahme. Im Gemeindebrief und über die Mitteilungen wird der Abend angekündigt.

Einführung und Zusammenfassung durch den Pastor

Verständnisfragen (noch keine Diskussion)

Gespräch in Kleingruppen (zusammenstellen durch Abzählen) über eine Auswahl aus den Fragen 1 bis 5, 7, 10, 11 bis 14, 21 bis 23, 26, 27, 29, 32, 33 bis 35. (Dies sind Fragen, die man besprechen kann, ohne den Text gelesen zu haben.)

(Bei mehr als zwei Kleingruppen:) Bericht der wichtigsten Gesprächspunkte im Plenum auf einer Tafel oder auf Klapptexten, die aufgehängt werden (Flap-over)

Eventuell kurze Pause und Möglichkeit, die Notizen an der Tafel oder die Klapptexte zu lesen

In großer Runde: Die Tafeln oder Klapptexte erläutern

Schlussfolgerungen ziehen und schließen mit einem der Texte aus Kapitel 8.

 

 

Für die Besprechung in einem Gesprächskreis oder einem Kursus von sechs Abenden

 

Jedes Mal bereiten die Teilnehmer sich vor, indem sie ein oder zwei Kapitel lesen. Zum ersten Mal braucht man noch nichts zu lesen. Die Teilnehmer werden gebeten, beim ersten Mal einen Text (Bibeltext, Lied oder etwas anderes) über Jesus Christus mitzubringen, der sie anspricht.

Einführung und Vorstellungsrunde anhand der mitgebrachten Texte. Absprache über die Arbeitsweise. Eventuell Gespräch über die Fragen 1, 2 und/oder 3. Hausaufgabe: Kapitel 1 und 2 lesen.

Unser Herr und Erlöser. Gespräch anhand ausgewählter Fragen zu diesen Kapiteln. Hausaufgabe: Kapitel 3 lesen (das längste und nicht einfache Kapitel).

Versöhnung. Gespräch anhand ausgewählter Fragen zu diesem Kapitel. Fragen, die sich ergeben über das Verhältnis Bibel – Dogma – Bekenntnis – Theologie aufschreiben und für den nächsten Abend bewahren. Fragen nach historischer Forschung sowie nach dem Verhältnis zwischen Bild und Wirklichkeit bewahren für den fünften Abend. Hausaufgabe: Kapitel 4 und 5 lesen.

Bekennen und Bedenken des Glaubens. Gespräch anhand einer Auswahl von Fragen zu diesem Kapitel. Hausaufgabe: Kapitel 6 und 7 lesen.

Aktuelle Herausforderungen: Glaube und historische Forschung, die Sprache des Glaubens. Gespräch anhand einer Auswahl von Fragen zu diesem Kapitel. Hausaufgabe: Kapitel 8 lesen, den Text aus der ersten Versammlung wieder mitbringen.

Abschluss anhand von Texten aus Kapitel 8 und dem eigenen Text vom ersten Abend. Besprechen von Frage 36. Rückblick (Auswertung).

 

 

 

Lesen des Textes

 

Obwohl die Sprache nicht schwer ist, ist es kein einfacher Text. Es ist hilfreich, wenn die Teilnehmer darauf vorbereitet sind. Der Text ist ziemlich konzentriert und das Thema ist nicht einfach. Man braucht Zeit zum Lesen. Lieber einen Teil konzentriert lesen als das Ganze nur flüchtig überfliegen. Unterstreichungen, Frage- und Ausrufungszeichen sowie Bemerkungen am Rand sind eine gute Vorbereitung für die Besprechung.

 

 

 

Gezielte Fragen

 

Kapitel 1          Wer ist Jesus Christus für uns?

 

1. Die Einleitung nennt zwei Gründe für diese Schrift:

 

2. Als Kirche können wir nur in Verbundenheit mit Jesus Christus über ihn sprechen.

·      Erleben Sie diese Verbundenheit, in ihrer Gemeinde, im Synodalverband?

·      Wenn ja, wie?

·      Wenn nicht so sehr, was bedeutet das?

 

3. ‚Die eine Frage nach Jesus kann in viele Fragen auseinanderfallen. Sie ist in jeder Zeit anders zugespitzt.’

·      Erkennen Sie als Fragen unserer Zeit:

·      ‚Interesse für Jesus als Mensch seiner Zeit’ (und für Umstände außerhalb der Bibel).

·      ‚ein offenes Auge für die vielfältige Weise, in der das Neue Testament die Bedeutung Jesu zum Ausdruck bringt’ (z.B. im Zusammenhang mit dem Tode Jesu).

·      mehr Einsicht ‚in die jüdische Welt, zu der Jesus selbst gehörte’.

·      ‚die (von gewisser Seite geäußerte) Vermutung (…) das Bild, das die Bibel uns von Jesus gibt, sei durch spätere Vorstellungen verzeichnet worden’.

·      Können Sie diese Fragen als ‚Herausforderungen’ sehen, ‚um eine neue Antwort auf die Frage nach Jesus zu geben’?

 

4. ‚Es ist kein Wunder, dass viele ein Gefühl von Verwirrung, Verlegenheit und Unsicherheit empfinden.’

·      Erkennen Sie (eines) dieser(r) Gefühle bei sich selbst, in Ihrer Gemeinde oder Ihrem Synodalverband?

·      Wenn nicht, was sagt man denn dort zu den neuen Fragen über Jesus Christus?

·      Wenn ja, wie gehen Sie damit um?

·      Könnte diese Schrift dabei eine Hilfe sein?

 

5. ‚Der Glaube (…) an die Versöhnung mit Gott (…) ist nicht selbstverständlich.’ Er setzt in erster Linie voraus‚ dass auch für unser eigenes Lebensglück die Beziehung zu Gott von entscheidender Bedeutung ist’.

·      Trifft diese Voraussetzung zu für die Glieder unserer Kirche? Für Sie selbst, Ihre Gemeinde, Ihren Synodalverband?

·      Und die andere Voraussetzung, die in einem der letzten Absätze der Einleitung genannt wird?

 

6. Der Aufbau dieser Schrift wird im vorvorletzten und im letzten Absatz der Einleitung beschrieben.

·      Was halten Sie von diesem Aufbau?

 

7. Der Titel lautet: Jesus Christus, unser Herr und Erlöser.

·      Ist der Titel deutlich?

·      Spricht der Titel Sie an?

 

 

 

Kapitel 2          Unser Herr und Erlöser

 

8. Dieses Kapitel umschreibt den Glauben an Jesus Christus anhand der Titel Christus, Herr, Erlöser und Sohn.

·      Sind diese Titel für Sie auch wichtig? Oder stehen andere Titel bei Ihnen höher im Kurs?

·      Ist die Umschreibung des Titels Christus hilfreich?

 

9. ‚Jesu Herrschaft und Erlösung gehören zusammen.’

·      Welche Gründe nennt der Text, diese zwei Worte miteinander zu verbinden?

·      Können Sie noch andere Gründe angeben?

·      Was passiert, wenn wir über das eine ohne das andere sprechen? Sehen Sie diese Gefahr?

 

10. ‚Jesu Gottheit, seine einzigartige Einheit mit Gott, tritt also nicht an die Stelle seiner Menschheit.’

·      Können Sie dieser Formulierung zustimmen?

 

 

 

Kapitel 3          Versöhnung

 

11. ‚Das Böse ist ein unergründliches Rätsel. In Gottes guter Schöpfung und in Gottes Reich kann es keinen Platz haben, aber in unserer Erfahrung ist es eine nicht zu leugnende Realität.’

·      Erleben Sie das Böse als ein unergründliches Rätsel?

 

12. ‚Als Gläubige können wir jedoch mit dem Bösen, das Menschen überkommt und das Menschen tun, keinen Frieden haben.’

·      Besprechen Sie diese These: Für und Wider sowie Konsequenzen.

 

13. ‚In unseren Bekenntnissen wird das Böse zusammenfassend angedeutet als Teufel, Tod und Sünde, geladene Worte mit einer großen symbolischen Kraft.’

·      Welche Gedanken rufen die Worte ‚Teufel, Tod und Sünde’ bei Ihnen hervor?

 

14. ‚Aber die Macht des Bösen, des Teufels, ist nicht länger Herr unseres Lebens, sondern Jesus Christus.’

·      Ist das so?

·      Worin zeigt sich das denn?

 

15. Kapitel 3.1 und 3.2 beschreiben das Verhältnis zwischen Bösem, Schuld, Gott und menschlicher Verantwortung.

·      Stimmen Sie der Art und Weise zu, wie das geschieht?

 

16. Der letzte Absatz von Kapitel 3.3  fasst den ganzen Paragraphen kurz zusammen.

·      Teilen Sie diese Schlussfolgerung?

·      Wenn nicht, liegt es vielleicht daran, weil sie die Voraussetzung nicht teilen, die sich in der Einleitung findet (siehe Frage 5 ‚Glauben an die Versöhnung mit Gott ist nicht selbstverständlich …’)?

 

17. Kapitel 3.4 nennt viele biblische Bilder der Versöhnung.

·      Welche Bilder sprechen Sie an, welche nicht?

·      Lesen Sie einige der genannten Texte gemeinsam.

 

18. Kapitel 3.5 gibt Hauptlinien in ‚Aussagen über die Versöhnung in Christus im Zusammenhang der ganzen Bibel’.

·      Erkennen Sie sich in diesen Hauptlinien wieder?

·      Wie verhalten sich Gnade und Recht zueinander im Verhältnis zwischen Gott und Menschen?

·      Und im Verhältnis der Menschen untereinander? Können Sie dafür gute und schlechte Beispiele nennen?

 

19. ‚Die Versöhnung wird uns verkündigt als Wirklichkeit und Wunder.’ Das bedeutet nicht, dass es keinen Raum gibt für Fragen (Kapitel 3.6). ‚Einige Fragen, die in unserer Zeit wichtig sind’:

·      ‚War es für unsere Versöhnung mit Gott notwendig, dass Jesus starb?’

·      ‚Ob es allein in Jesus Versöhnung gibt?’

·      ‚Ob ein anderer Mensch für meine Sünden büßen kann?’

·      Halten Sie diese Art von Fragen für wichtig? Warum?

·      Gibt es Raum für diese Fragen in Ihrer Gemeinde, Ihrem Synodalverband und bei Ihnen selbst?

·      Welche Antworten gibt diese Schrift? Und was halten Sie davon?

 

20. ‚Jesus Christus ist in unserer Mitte. Dadurch können wir in Gemeinschaft mit ihm leben. (…) Diese Gemeinschaft verändert und erneuert unser Leben von innen her.’ (Kapitel 3.7)

·      Erkennen Sie diese Verbundenheit in der Gemeinde?

·      Erkennen Sie diese Verbundenheit in Ihrem eigenen Leben?

·      Hat sich darin im Laufe der Jahre etwas verändert?

 

 

 

Kapitel 4          Gemeinschaft mit dem Bekennen der Vorfahren

 

21. ‚Zum Glück leben wir nicht nur mit der Schrift und den Fragen unserer Zeit. Wir sind Teil einer Glaubensgemeinschaft, die die Grenzen unserer Zeit und unseres Ortes überschreitet.’

·      Fühlen Sie sich mit dem Glauben Ihrer Vorfahren verbunden?

·      Mit Ihren Eltern, Großeltern, noch weiter zurück?

·      Wenn ja, wie? Wenn nein, warum nicht?

 

22. ‚Die Vorfahren haben immer in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort (ihren Glauben) bekannt, und ihr Bekennen trägt davon die Spuren an sich.’

·      Wie sehen Sie das Apostolische Glaubensbekenntnis?

·      Und den Heidelberger Katechismus?

·      Erkennen Sie die Erneuerung der Reformatoren im 16. Jahrhundert, wie sie hier ausgedrückt wird?

 

23. Der Heidelberger Katechismus ist ‚für viele ein Stein des Anstoßes geworden’, auf der anderen Seite wurde er zum ‚Schibbolet (= Erkennungszeichen) der Orthodoxie’ gemacht.

·      Wie sehen Sie das?

·      Sehen Sie eine andere Möglichkeit, mit dem Heidelberger Katechismus umzugehen?

 

24. ‚Es zeigt sich, dass der Heidelberger auf eigene Art auf frühere Traditionen weiterbaut. Dabei wird die Sicht von Anselm stark zugespitzt. Gottes Liebe, die bei Calvin im Vordergrund steht, droht in den Hintergrund zu geraten.’

·      Ist diese Erklärung für Sie erhellend?

 

 

 

Kapitel 5          Bibel und Glaubenslehre

 

25. ‚Der Unterschied zwischen Botschaft, Bekenntnis, Lehre und Dogma (…). Es gibt einen unübersehbaren Unterschied in Funktion, Niveau und Gefühlswert’.

·      Können Sie die Funktionen und Gefühlswerte benennen?

·      Und den Unterschied im Niveau?

·      Wann liegen sie nahe beieinander?

 

26. ‚Die Frage ist nicht, ob eine Lehre in der Bibel steht, sondern ob eine Lehre nach ihrem Hauptinhalt und ihrer Absicht mit dem Hauptinhalt und der Absicht der Bibel übereinstimmt.’

·      Halten Sie dies für eine gute Beschreibung des Unterschiedes zwischen biblischer Botschaft und Lehre?

 

27. Jeder Gläubige wird durch einige Worte über Christus und die Versöhnung mehr angesprochen als durch andere. (…) Bedeutet dies nun auch, dass jeder Gläubige seine eigene Wahl treffen darf’?

·      Wie denken Sie darüber?

·      Können wir glauben ohne Dogmen?

·      Und ohne Glaubenslehre?

 

 

 

Kapitel 6          Glaube und historische Forschung

 

28. ‚In der Gemeinschaft der Kirche glauben wir den Bibelschreibern auf ihr Wort. (…) Man kann sich der Bibel auch anders nähern.’

·      Ist Ihnen die historisch-wissenschaftliche Methode vertraut?

·      Wenn nicht, ist die Erklärung hilfreich?

·      Sehen sie historische Fragen als Bedrohung, Herausforderung oder noch anders?

·      Was ist die Bedeutung dieser Vorgehensweise für unseren Glauben?

 

29. ‚Wir glauben an Gott, nicht an historisch bewiesene Tatsachen. (…) Wenn sich ergibt, dass nicht alles genauso geschehen ist, wie es die Bibel erzählt, verlieren wir unseren Glauben nicht.’

·      Besprechen Sie diese Aussagen.

 

30. ‚Historische Forschung kann von Voraussetzungen ausgehen, die mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar sind.’

·      Welche drei Hypothesen werden in dieser Schrift genannt?

·      Besprechen Sie alle drei einzeln.

 

31. ‚Diese historischen Diskussionen wirken sich auch aus auf unsere Suche, wie wir den Glauben an Jesus Christus in unserer Zeit ausdrücken können.’ Diese Schrift skizziert ‚einen Gedankengang … in dem viele sich wieder erkennen werden’.

·      Erkennen Sie sich in diesem Gedankengang wieder?

·      Stimmen die fünf genannten Voraussetzungen in dieser Argumentation?

·      Sind es Argumente gegen Jesu ‚Gottheit’?

 

32. ‚Der Herr lebt inmitten seiner Gemeinde.’

·      Erfahren Sie das auch? (Siehe auch Frage 20)

·      Was bedeutet das für die Geschichte Jesu Christi?

 

 

 

Kapitel 7          Die Sprache des Glaubens

 

33. ‚Es geht nicht um Bild oder Wirklichkeit, sondern um Bild und Wirklichkeit. (…) Die Metapher (= Bildwort) beschreibt, wie etwas ist, indem sie etwas anders nennt, das ihm ähnlich ist.

·      Was sind die Vor- und Nachteile von Metaphern gegenüber Begriffen?

 

34. ‚Wir halten deswegen daran fest: auch in unserem bildhaften Reden über Gott und die Versöhnung beschreiben wir die Wirklichkeit, wie indirekt und fragmentarisch auch immer.’

·      Nennen Sie einige Metaphern für Gott und für Jesus.

·      Wo liegt hier die Übereinstimmung zwischen Bild und Wirklichkeit?

·      Was geschieht, wenn man diese Metaphern wörtlich nimmt?

 

35. ‚Im Glaubensgespräch und in der Darstellung der Versöhnung müssen wir neue Bilder suchen und erproben.

·      `Kennen Sie neue Bilder für Versöhnung (z.B. in Liedern oder Gebeten)?

·      Wie verhalten diese sich zu den Bildern aus der Bibel und der Tradition?

 

 

 

Kapitel 8          Die Quelle unseres Glaubens

 

36. Diese synodale Schrift möchte den Glauben anregen.

·      Hat die Besprechung dieser Schrift dieses Ziel erreicht?

·      Wenn ja, wie denn?

·      Wenn nein, was ist denn dafür notwendig?

 

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[1] Anmerkung GJB: Die in diesem Absatz genannten Schriften gibt es nur in niederländischer Sprache