Gottesdienst Ev.-altref. Kirche Hoogstede 13.06.2004
Zeit: 14.00 Uhr
Stilles Gebet,
Votum und Gruß:
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters, der die Welt erschaffen
hat,
im Namen des Sohnes, der uns erlöst hat und
im Namen des heiligen Geistes, der in uns wohnt und wirkt.
Gnade ist mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, durch unseren Herrn
Jesus Christus. Amen
Eingangslied: Psalm 89 : 1, 5 Ich sing in Ewigkeit
von des Erbarmes Huld, er liebet treu sein Volk, vergibt und hat Geduld.
Mein Mund soll seine Treu und Wahrheit laut verkünden, dass auch die Enkel Gott,
wie wir ihn fanden, finden.
Ja, deine Gnade steigt, sich ewig zu erhöhen, und deine Wahrheit bleibt im
Himmel feste stehen.
Wie selig ist das Volk, das sich in dir erfreut, das deine Stimme hört und kommt
und dir sich weiht.
Frohlockend steht es da vor deinem Angesichte und geht dann seinen Weg, bestrahl
von deinem Lichte.
Dein Nam, ihr hoher Ruhm, gibt Mut, stets fortzugehen, bis die Gerechtigkeit in
dir sie wird erhöhen.
Gebet
Herr, unser Gott, lieber Vater im Himmel, uns allen hast du Eltern geschenkt. Du
weißt, dass wir alle wohl einmal Schwierigkeiten haben mit unseren Eltern. Dass
wir als Kinder unsere Eltern manchmal nicht verstehen, und dass wir als Eltern
manchmal unsere Kinder nicht verstehen. Du weißt, dass Eltern und
Großeltern sich immer wieder Sorgen machen um den Weg von Kindern und Enkeln und
Urenkeln. Du weißt, dass es schwierig ist in unserer Welt erwachsen zu werden,
den eigenen Weg zu finden, selbständig und eigenständig zu werden.
Herr, unser Gott, wir danken dir, dass wir als Jüngere und Ältere, als Kinder
und Eltern miteinander dich preisen dürfen. Dass du uns dein Gebot und deine
Verheißung gibst, dass du langes Leben versprichst, denen, die die Alten ehren.
Hilf uns, dass wir unsere Aufgabe, unseren Auftrag darin verstehen und
begreifen, dass wir gut miteinander auskommen als Junge und Alte in dieser
Gesellschaft, in der Kirche, in der Familie. Dass die Liebe wachse auch zwischen
den Generationen und die Fürsorge, dass wir in der Elternliebe etwas von deiner
Liebe erleben und erfahren, dass Kinder und Enkel gemeinschaftsfähig werden,
fähig auf andere zuzugehen, sich auf andere einzulassen, Beziehungen einzugehen
und sich für andere einzusetzen. Dass sie Liebe empfangen, damit sie auch Liebe
schenken können.
Schenke uns offene Ohren, Herr, für dein Wort und offene Sinne, dass wir bereit
werden in rechter Weise zu reden und zu hören, von dem, was dein Wort und deine
Verheißung, dein Gebot und deine Ordnungen uns sagen, durch Jesus Christus
unseren Herrn. AMEN
Wir sind heute Nachmittag angekommen beim fünften Gebot:
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem
Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.
Im Zusammenhang
damit lesen wir, was der Apostel Paulus in Römer 13 über die Stellung zur
staatlichen Gewalt, geschrieben hat.
Lesung:
Römer 13, 1 – 13 (staatl. Gewalt, Liebe als Erfüllung vom Gesetz)
Lied zur Predigt:: Lied 423 : 1, 3, 4, 8
.
1. Herr, höre, Herr, erhöre, breit deines Namens Ehre an allen Orten aus;
behüte alle Stände durch deiner Allmacht Hände, schütz Kirche, Obrigkeit und
Haus.
3. Gib du getreue Lehrer und unverdroßne Hörer, die beide Täter sein;
auf Pflanzen und Begießen laß dein Gedeihen fließen und ernte reiche Früchte
ein.
4. Laß alle, die regieren, ihr Amt getreulich führen, schaff jedermann sein
Recht,
daß Fried und Treu sich müssen in unserm Lande küssen, und segne beide, Herrn
und Knecht.
8. Sei allen Kindern Vater, den Müttern sei Berater, den Kleinen gib
Gedeihn;
und ziehe unsre Jugend zur Frömmigkeit und Tugend, daß sich die Eltern ihrer
freun.
33. Predigt: Heidelberger Katechismus Frage 104 Seite 1649 im
Gesangbuch
Wir sprechen die Antwort gemeinsam:
Was will Gott im fünften Gebot?
Ich soll meinem Vater und
meiner Mutter
und allen, die mir vorgesetzt sind,
alle Ehre, Liebe und Treue erweisen
Eph 5,22; 6,1-2.5; Kol 3,18.20-24
und alle gute Lehre und Strafe
Spr 1,8; 4,1; 15,20; 20,20
mit gebührendem Gehorsam annehmen, 2.Mose 21,17; Röm 13,1
auch mit ihren Schwächen
Spr 23,22; 1.Mose 9,24-25
und Fehlern Geduld haben,
1.Petr 2,18
weil Gott uns durch ihre Hand
Eph 6,4.9; Kol 3,19.21
regieren will.
Röm 13,2-7; Mt 22,21
Liebe Brüder und Schwestern, liebe
Gemeinde, liebe Kinder,
Wir alle sind Kinder, wir alle haben Eltern. Wir haben nicht nur Eltern gehabt.
Wir haben alle Eltern. Und unsere Eltern bleiben unsere Eltern, auch wenn sie
schon lange tot sind. Wir haben alle Eltern, wir haben nicht alle Kinder,
etwa weil wir selber noch Kinder sind, weil wir ledig geblieben sind oder
weil uns als Ehepaar keine Kinder geschenkt worden sind.
Manche Paare können keine Kinder bekommen und sie tun alles daran und lassen
viele medizinische Untersuchungen und Tätigkeiten über sich ergehen, um es
vielleicht doch möglich zu machen. Man fragt sich in unserer Zeit, was man alles
tun darf. Darf man alles tun, was man tun kann, um Kinder zu bekommen.
Manche Paare entscheiden sich bewusst und willentlich gegen Kinder. Sie
sagen: Wir wollen keine Kinder. Sie bereuen es dann später oft. Auch
wenn man keine Kinder bekommen kann, kann man Kinder adoptieren. Es wohnen auch
in unserem Land Kinder in den Heimen und Waisenhäusern, nicht immer kleine
Kinder, sondern vielfach größere und ältere Kinder, die gerne Eltern hätten, die
gerne eine Familie hätten.
Manche wollen keine Kinder, wollen auch kein Kind adoptieren. Später - im Alter
- sind sie allein, viel mehr allein als sie selber gedacht haben.
Kinder hat nicht jeder und will nicht jeder. Aber Eltern haben wir alle. Unsere
Eltern behalten wir, auch wenn sie tot sind. Sie gehören zu uns. Sie sind Teil
unseres Lebens, ein Teil, das wir nicht abschütteln können und auch nicht
abschütteln wollen. Eltern bleiben für immer, sie bleiben für immer unsere
Eltern. Deine Mutter hat dir das Leben geschenkt. Sie hat dich geprägt,
sie hat dich ernährt, sie hat dich im Arm gewiegt, dir das Schlaflied gesungen.
Sie hat für dich auf ihren Schlaf und manche Annehmlichkeit verzichtet – sie hat
sich ein Stück weit für dich aufgeopfert. Sie ist zurückgetreten, damit du
vortreten konntest.
Unsere Mütter haben uns losgelassen, damit wir erwachsen, damit wir
wachsen und erwachsen werden konnten.
Unsere Eltern haben mehr für uns getan, als wir in der Regel überhaupt
ahnen können. Wir können uns niemals ganz in ihre Situation hinein
versetzen. Wir hören wohl, wie das Leben der vorigen Generation, das Leben
vor 30 oder 60 Jahren gewesen ist, damals, als wir klein waren, als wir
geboren wurden. Aber wie das Leben wirklich war, das können wir nicht
nachvollziehen. Weil wir in einer ganz anderen Welt und einer ganz anderen Zeit
leben.
Wenn wir größer werden, wenn wir erwachsen sind, dann verstehen wir ein bisschen
besser, was unsere Eltern früher gesagt haben. Wer selber Kinder bekommt,
versteht besser, was die eigenen Eltern ihm oder ihr gesagt haben.
Aber die Welt dreht sich weiter und wie das war 1950 oder 1920, was damals dran
war in der Gesellschaft, wie die Menschen damals gelebt haben, nicht nur, ob sie
Fernsehen hatten oder Autos, sondern auch wie sie gelebt haben, wie sie gedacht
haben, was ihnen wichtig war, das war eine andere Welt. Das ist in jeder
Generation eine andere Welt.
Wir werden es nie ganz verstehen, wie unseren Eltern zumute war, als wir
geboren wurden. Wir ahnen es ein bisschen, wo wir selber Eltern werden dürfen.
Kinder hat nicht jeder. Eltern hat jeder!
Der Heidelberger Katechismus bespricht das
fünfte Gebot und er legt großen Nachdruck auf den Gehorsam. Er erklärt das
5. Gebot als ein Gehorsamsgebot. Er sagt: Selbst wenn deine Eltern nicht
im Recht sind, wenn sie Unrecht haben, dann sollst du trotzdem ihnen gehorsam
sein, "mit ihren Schwächen und Fehlern Geduld haben" "mit gebührendem Gehorsam
annehmen", was sie sagen, "alle gute Lehre und Strafe, ... weil Gott uns durch
ihre Hand regieren will".
Der Heidelberger geht noch weiter. Er macht es
noch schärfer, noch spitzer: Er sagt, die Erziehungsgewalt geht über den Kreis
der Familie hinaus. Er erweitert diese Erziehungsgewalt auf „alle,
die mir vorgesetzt sind“. Also damals: der Lehrer, der Pastor, die Polizei, der
Lehrherr, beim Militär der Kompaniechef, der Arbeitgeber, die Regierenden,
eben "alle, die mir vorgesetzt sind, weil uns Gott ja durch ihre Hand regieren
will."
Darin klingt durchaus an und nach, was Paulus in Römer 13 von der
Obrigkeit sagt. Dahinter steht die
damals allgemein gültige und anerkannte Auffassung, Gott regiere die Welt nicht
so sehr direkt, sondern Gott regiere die Welt auch sehr indirekt, eben
auch durch Eltern und Arbeitgeber und Polizei und Militär und durch "alle,
die mir vorgesetzt sind", würde Gott an mir handeln und die Welt regieren.
Deshalb schulden wir allen Genannten, so die Folgerung, deshalb auch Gehorsam.
Es besteht eine Gehorsamspflicht.
Von Demokratie, von demokratischen Wahlen
oder gar von Befehlsverweigerung ist hier nichts zu spüren. Davon ist gar
nicht die Rede. Das war nicht "dran" in der Zeit. Es war noch völlig unbekannt,
dass Menschen ihre Regierung wählen oder abwählen, dass es ein
Misstrauensvotum gibt in der Politik, dass gewählte Volksvertreter das Volk
regieren. Das war noch völlig unbekannt.. Gott will uns durch die Hand der
Fürsten und Könige und Mächtigen regieren. Punkt, Schluss! Weiter darfst du
nicht fragen. Du musst gehorchen. So war das damals.
Wir leben heute in einer anderen Welt, mit
gewählten Regierungen, jedenfalls bei uns. Und wir sind mit dem
Gehorsamsgebot gerade kräftig auf die Nase gefallen. So heftig, dass sie
eigentlich noch immer blutet! „Befehl ist Befehl“, "ich muss gehorsam
sein" das haben viele so gemeint und nicht nur später als Entschuldigung
gebracht.
"Befehl ist Befehl". Ihr wisst, wo das gesagt wurde. Und schauen
wir nicht so sehr auf die anderen. Auch Altreformierte haben mitgemacht und
mitgeholfen, Gefangene zu bewachen, am Bathorner Diek, in Alexisdorf, in Kalle
in der Schule, im Lager Bathorn.
Das merkwürdige und betretene Schweigen über
diese Zeit spricht eigentlich Bände. Das merkwürdige und betretene Schweigen
über die Lager, die Arbeitslager - 500 Meter weiter hier am Bathorner Diek,
hinterm Kanal im "Lager Bathorn", wie der Volksmund lange gesagt hat, heute
sagen wir "Bathorner Siedlung", im Lager Alexisdorf - in Neugnadenfeld - und in
all den anderen Arbeits- und Dienstlagern.
Wir hatten in dieser Woche Senioren aus Putten zu Besuch hier in der Gemeinde.
Die Jungen unter uns werden es gar nicht mehr wissen, dass das Dorf Putten im
Zweiten Weltkrieg von deutschen Soldaten umstellt worden ist, weil
niederländische Partisanen, Untergrund- oder lieber Widerstandskämpfer vier
Deutsche in einem Auto erschossen hatten. Zwei hatten sie erschossen, zwei
überlebten. Danach wurde das ganze Dorf Putten umstellt und 650 Männer sind aus
diesem Dorf in die Lager - ins Emsland (und bis vor Hamburg) transportiert
worden. Etwa 50 sind zurück gekommen!
In Meppen-Versen, wenige Kilometer von uns entfernt, sind Menschen aus Putten
gestorben. Und es war kein Hass bei diesen Puttenern, die uns diese Woche
besucht haben. Ganz im Gegenteil: Sie haben gesagt: Wir haben schon sehr
bald auch wieder Deutsche bei den Gedenkfeiern gehabt. Nachkommen von denen, die
unser Dorf eigentlich ausgerottet haben, jedenfalls die Männer aus unserem Dorf.
Sie konnten drüber sprechen, ganz offen, auch hier bei uns!
Während bei uns Unrecht, das geschehen ist, verschwiegen wird. Wir
schweigen eisern, durch die Generationen. Wir informieren uns auch nicht als
Jüngere. Es interessiert uns eigentlich nicht, wo ein Lager gewesen ist und was
da passiert ist.
Wir wissen kaum, wo der so genannte, abschätzig
genannte "Russenfriedhof" in Neugnadenfeld liegt, und ob dort 600 oder 6000
Menschen begraben sind, wen kümmert das so sehr unter uns? Ein Besuch im
Dokumentations- und Informationszentrum der Emslandlager in Papenburg könnte uns
die Augen öffnen. Ich kann allen nur empfehlen, im Sommer einmal dort vorbei zu
gehen und sich das anzuschauen, sich Zeit zu nehmen. Was da für Regeln galten in
diesen Lagern, wie das vor sich ging mit den Lagerinsassen und mit denen, die
sie bewachen mussten.
Unser Schweigen redet laut. Es redet laut von dem schlechten Gewissen, von
dem Unrecht jener Tage. Es redet laut davon, dass Gehorsam nicht alle sein
kann. Davon, dass Gehorsam allein auch Unrecht sein kann.
Die vermeintliche Gehorsamspflicht, mit der
Generationen groß geworden sind, hat ein ganzes Volk ins Unglück
gerissen. Weil man nicht Nein sagen durfte, weil man nicht wagte, Nein zu sagen.
Nein gegen diese Regierung, Nein gegen diesen Diktator. Weil selbst
Dietrich Bonhoeffer und seine Mitverschwörer sich schwer getan haben, sich
unendlich schwer getan haben, die Waffe zu erheben gegenüber einen solchen
Diktator. Denn ist das denn nicht eine Obrigkeit "von Gott gegeben"?
Und - und ... der
Heidelberger hat mit seiner Auslegung des fünften. Gebotes das Unglück nur
noch größer gemacht. Er hat es im Grunde vermehrt, verstärkt und gefördert, mehr
als dass er es verhindert hätte. Gerade darin, dass er zum Gehorsam auffordert:
"mit gebührendem Gehorsam annehmen - weil uns Gott durch ihre Hand
regieren will"! Ich glaube, es wäre hilfreich, wenn wir über diese Zeit,
wo es hieß: "Befehl ist Befehl", und "wenn du dem Befehl nicht folgst, dann
wirst du selber erschossen" - das war ja auch die Konsequenz: Wer Befehle
verweigerte in der Zeit des Nationalsozialismus, ganz sicher im Militär, der
hatte oft selber sein Leben verwirkt. Ich glaube, es wäre uns allen hilfreich
und besser, wenn wir darüber reden könnten. Ich würde gerne mehr über diese Zeit
hören und erfahren. Nicht nur über die Zeit des Nationalsozialismus, sondern
auch darüber, wie unsere Eltern und Großeltern groß geworden sind, auch über
ihre Theologie. Auch über ihr Verständnis vom fünften Gebot. Wie es soweit
kommen konnte, in unserem Land, dass durchaus gebildete Menschen und
Menschen, die sich auskannten, in dieses Verderben mit hinein gelaufen
sind - und es jedenfalls nicht aufhalten konnten.
Dabei - und das ist ja nun das Merkwürdige -
spricht das fünfte Gebot mit keinem Wort vom Gehorchen und vom Gehorsam. Im
fünften Gebot kommt das Wort Gehorsam oder gehorchen überhaupt nicht vor. Wobei
wir bis heute das immer wieder ganz schnell davon machen und es so hören. Wenn
ich frage: Was sagt das fünfte Gebot, kommt die Antwort: "Du sollst deinen
Eltern gehorsam sein!" Nein, das steht nicht da!
Das fünfte Gebot spricht vom ehren. Das ist etwas anderes als gehorchen.
Und es ist ganz etwas anderes als blinder Gehorsam.
Und – das fünfte Gebot ist kein Kindergebot, wie wir leicht auch
immer wieder meinen könnten. Auch das fünfte Gebot gilt wie alle Gebote den
erwachsenen Menschen zuerst. Und nicht, als hätte Gott neun Gebote für
Erwachsene und eins für Kinder gegeben. Ganz im Gegenteil. Es ist dem
erwachsenen Juden und der dem erwachsenen Christenmenschen gesagt: "Du sollst
deinen Vater und deine Mutter ehren!" Ehren nicht im Sinne, als müssten sie nun
als Erwachsene sich dem Willen ihrer Eltern nun ein Leben lang beugen,
sozusagen kuschen und klein bei geben.
Ehren heißt absolut nicht zuerst gehorchen, sondern heißt achten und beachten.
"Verachte deine Eltern nicht, wo du selber
erwachsen wirst. Verachte, die die vor dir gewesen sind, deine Vorfahren nicht.
Denn ohne Vergangenheit, wenn du deine Vergangenheit nicht kennst, dann hast du
keine Zukunft. Erinnere dich an die Geschichte Gottes mit seinem Volk! Erinnere
dich an die Geschichte Gottes mit deiner Gemeinde, mit deiner Kirche, mit deinen
Eltern und Großeltern! Wie Gott dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft
geführt hat. Dann bekommst du teil an dieser Geschichte! 'Auf dass du
lange lebest in dem Lande und es dir wohl gehe in dem Land, das dir der HERR
dein Gott geben wird.' Auf dass du deinen Ort findest in dieser Welt, deinen dir
von Gott gegebenen Ort."
"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren", das heißt eher so etwas wie:
"Schütze das Leben deiner schwach und alt gewordenen Eltern!" Du musst keine
Angst haben, indem du für deine alt und schwach gewordenen Eltern sorgst, dass
du dann selber nicht mehr genug zum Leben übrig hast.
Das ist ja eine Diskussion, die heißt geführt
wird in unserer Zeit. Wie ist das mit der Rente und der Rentensicherheit? Und ob
das denn wohl möglich ist, dass eine jüngere Generation überhaupt für die ältere
sorgt? Und ob überhaupt wohl genug da ist für die Alten? Ob man sich das
überhaupt leisten kann, den Alten eine Rente, eine hohe Rente zu geben.
Achte das Leben und ehre das Leben derer, die sich für dich aufgeopfert haben,
die sich für dich eingesetzt haben, die dir das Leben geschenkt haben.
"Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!"
Ehren heißt auch nicht, du musst sie jeden Tag
lieb haben und sie jeden Tag drücken und ihnen jeden Tag sagen: "Ihr seid so
richtig Klasse Eltern!" Du musst dich nicht jeden Tag vor ihnen
verbeugen. Du musst schon gar nicht alles tun, was sie wollen. Ehren heißt,
ihnen ihre Würde zu lassen, ihnen Achtung entgegenzubringen, sie dann auch in
Würde alt werden zu lassen, ihnen ein würdiges und menschliches Leben und
Sterben zu ermöglichen.
Ich denke, da läuft manches schief in unserer
Gesellschaft. Welche Ehre erweisen wir den Menschen, die nicht mehr jung und
dynamisch und leistungsfähig und gesund sind? Wollen wir weiter dem Wahn der
Werbung frönen und folgen? Wollen wir weiter Jugend und Schönheit, glatte Haut
und volle Haarpracht den Ton angeben lassen? Soll die Werbung uns weiter
bestimmen und prägen und vorgaukeln: Ihr müsst jung und dynamisch sein. Dann
könnt ihr die Welt erobern! Und wenn ihr das nicht mehr seid, wenn ihr das
nicht mehr könnt, wenn ihr gebeugt geht, dann seid ihr eigentlich nicht
mehr so viel wert.
Oder werden wir es in der Gemeinde Jesu lernen,
als Ältere und Jüngere miteinander, dass jede Falte in einem Menschengesicht –
eine lange Geschichte erzählt? Jede einzelne Falte eine lange Geschichte von
Lachen und Weinen, eine Geschichte des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung?
Dass wir geprägt sind als Menschen durch die Geschichte unseres Lebens? Durch
die Geschichte Gottes, die er mit uns gegangen ist? Werden wir vielleicht
auch in der Gemeinde, gerade in der Gemeinde, die Schönheit des Alters
entdecken, wieder entdecken?
Schon sind nicht nur junge und glatte Menschen. Sondern schön, schön kann auch
ein Gesicht voller Falten sein, weil es eine lange Lebensgeschichte erzählt.
Achte solche Geschichten nicht gering. Verachte
das Alter und die Älteren nicht und denk nicht, dass mit dir die Weltgeschichte
anfängt. Denn die Alten vermitteln eine Lebensweisheit, die wir als
jüngere noch gar nicht haben können. Sie haben eine Glaubenserfahrung, die wir
uns erst noch mühsam erarbeiten müssen. Sie reden doch von der Geschichte
Gottes, von der Befreiung eines Lebens mit Gott.
Die Kurzatmigkeit und die Hektik unserer Zeit,
die ja keine fünf Minuten still stehen kann, die immer wieder vom einen zum
nächsten springt, diese Kurzatmigkeit und Hektik unserer Gesellschaft und
unseres Lebens gehen Hand in Hand einher mit einem Abschreiben und Abschieben
der Älteren.
Doch der sittliche Wert, der ethische Wert einer Gesellschaft zeigt sich in
besonderer Weise und vor allem in ihrem Umgang mit den Alten und Älteren. Und da
gibt es viel zu lernen, gerade in unserer Gesellschaft. Da reicht es nicht,
Altenheim einzurichten und alte Menschen dort wohnen zu lassen, getrennt vom
Leben. Die Alten und die Eltern, sie gehören in unser Leben mit hinein. Wir
werden sie mit hinein nehmen in unser Leben, so weit wir nur können und so weit
sie nur mögen.
Das fünfte Gebot ist höchst aktuell, gerade auch in unserer Gesellschaft. "Du
sollst deinen Vater und deine Mutter ehren". Du tust dir selbst zukurz, du
schadest dir selbst, wenn du meinst, du brauchst die Alten nicht und mit dir
beginnt die Welt.
Vater und Mutter ehren ....
Und wie steht es dann mit dem demokratischen
Staat? Mit der Polizeigewalt, mit der richterlichen Gewalt, mit der
gesetzgebenden Gewalt in unserem Land? Mit den Regierungen und denen, die
regieren, die gewählt oder abgewählt werden?
Ich denke, die Geschichte ist wie ein Pendel.
Wir purzeln von einem Extrem ins andere. Das Pendel schlägt von einem Äußersten
ins andere. Die schrecklichen Auswüchse der nationalsozialistischen
Diktatur haben wir noch kaum aufgearbeitet. Von einer völlig autoritären
Erziehung sind wir in eine völlig antiautoritäre verfallen. Es ist noch gar
nicht so lange her, da galten Kinder nichts und da sagten Kinder nichts. Die
Älteren und Alten unter uns wissen das. Wo sie klein waren, da hatten sie den
Mund zu halten. Die Alten redeten. Kinder mussten schweigen. Sie zählten nicht
mit. Sie wurden schon gar nicht gefragt, was sie denn wohl wollten.
Heute ist genau das Gegenteil der Fall. Heute, gerade in den
letzten zehn oder fünfzehn Jahren tanzen kleine Kinder ihren jungen Eltern auf
der Nase herum. Sie tun, was sie wollen und sind nicht zu bremsen.
Weil auch junge Eltern es vielfach nicht gelernt
haben, Grenzen zu setzen und Nein zu sagen. Es ist vielfach schwierig,
auch immer wieder Nein zu sagen, Autorität zu zeigen. Wo früher nichts
durfte, darf heute vielleicht alles! Wo früher zu wenig erlaubt war, ist
heute vielleicht viel zu viel erlaubt. Wir üben das ja gerade heute im Umgang
mit Kindern und Jugendlichen auch in den Schulen, dass wir Grenzen setzen
müssen. Dass es keine grenzenlose Freiheit gibt. Dass Kinder nicht erwachsen
werden, indem man ihnen sagt: Tut, was ihr wollt. Man sagt, in unserem Land
werden mindestens zehn Prozent, vielleicht sogar ein Viertel der Kinder gar
nicht erzogen. Sie wachsen wohl heran, sie wachsen, aber sie bekommen
keine Erziehung. Sie bekommen keine Grenzen. Sie lernen kein Ja und Nein mehr.
Dann heißt es: Die Schule soll es richten. Dann wundern wir uns, weil die
Schulen überfordert sind. Sie können nicht nachholen, was im Elternhaus versäumt
wurde.
Wir werden alle miteinander wieder lernen, dass es Grenzen
gibt, auch als Eltern, als Erwachsene,
dass es Grenzen gibt, die man nur zum eigenen Schaden überschreitet. Und
wir werden gut daran tun, auf die Weisheit der Älteren und des Alters zu hören.
Und gerade in den Altgewordenen und Schwachen das Leben zu achten und darin
Gottes Werk zu tun.
Die Liebe ist ein guter Maßstab. Die Liebe, und
wie Paulus schreibt, das gute Gewissen dem Staat und der staatlichen Gewalt
gegenüber. Sie sind ein guter Maßstab für das Zusammenleben, eine gute
Basis. Denn wo die Liebe wohnt und wirkt, da setzt sie Grenzen. Da geht sie als
Jugendlicher oder Erwachsener auch eigene Wege. Wo die Liebe wirkt, da achtet
sie den anderen. Da hat sie das Wohl des anderen im Blick, auch wenn das
manchmal durchaus auch zu Spannungen führt und schwierig sein kann.
Wo die Liebe wirkt, da wird die Familie gebaut. Wo die Familie gebaut wird, da
wird die Gesellschaft gebaut. Wo Familie und Ehe zerbrochen werden, da wird die
Gesellschaft zerbrochen. In der Familie werden Kinder und Heranwachsende
gemeinschaftsfähig – oder sie werden zu Egoisten, die nur sich selber kennen und
nur sich selber suchen und die sonst nichts anderes interessiert.
Darin heißt es dann: Wie wir mit unseren Kindern umgehen, so
werden sie später mit uns umgehen. Wie du mit deinen Eltern umgehst und wie du
von ihnen redest, das prägt deine Kinder wieder. Es prägt den Umgang, den deine
Kinder später mit dir pflegen werden.
Halten wir fest: Langes Leben und Zukunft gibt
es nicht ohne die Achtung, die Ehre derer, die älter und alt geworden sind, ohne
die, die vor uns sind und gewesen sind. Und vergessen wir nicht: Bei aller
Kritik, die wir immer wieder auch als Kinder auch an unseren Eltern haben
können, und die durchaus immer wieder auch berechtigt sein kann, vergessen wir
nicht, dass sie uns das Leben geschenkt haben und dass sie vieles für uns getan
haben. Tun wir dasselbe, Gutes, für unsere Kinder und Enkel und geben wir darin
die Verheißung Gottes wieder weiter.
Am Ende steht es unter der Verheißung "Auf dass du lange lebst und es dir wohl
ergehe in dem Lande, an dem Ort, den Gott dir gibt.
AMEN
Singen Psalm 144 : 1, 5
1. HERR, mein Beschützer, laß
mich dich erheben! Du machst mich tüchtig und geschickt zu leben.
Ich brauche für mein Wirken Kraft und Mut, stärk mir die Hand, daß sie das
Rechte tut!
Du bist mein Helfer, du bist mein Erretter, die Zuflucht und der Schutz vor
Sturm und Wetter.
Mein Volk und alle Völker dieser Welt hast du dir deinem Willen unterstellt.
5. Wie Bäume grünen und das Land erfreuen, laß unsre Jugend wachsen und
gedeihen.
Gib in ihr Herz den Geist des Glaubens ein und laß sie Säulen deines Hauses
sein!
HERR, segne uns, daß wir die Fülle haben, mit deinen Gütern und mit deinen
Gaben.
Wie glücklich ist das Volk in Land und Stadt, das dich, mein Gott, zum Herrn und
König hat!
Apostolisches
Glaubensbekenntnis vorgelesen
Singen Lied 133 :1, 10
1. Zieh ein zu deinen Toren, sei
meines Herzens Gast,
der du, da ich geboren, mich neu geboren hast,
o hoch geliebter Geist des Vaters und des Sohnes,
mit beiden gleichen Thrones, mit beiden gleich gepreist.
10. Beschirm die Obrigkeiten, richt auf des Rechtes Thron,
steh treulich uns zur Seiten; schmück wie mit einer Kron
die Alten mit Verstand, mit Frömmigkeit die Jugend,
mit Gottesfurcht und Tugend das Volk im ganzen Land.
Gebet
Lieber Gott und
Vater, du hast uns hineingestellt in das Verhältnis von Eltern und Kinder, in
alle Spannungen, aber auch in alle Freude, die das mit sich bringt. Kinder
wachsen heran und werden selber wieder zu Eltern und zu Großeltern. Sie erinnern
sich doch auch immer daran, wie das war, selber Kind zu sein. Klein zu sein in
der Welt der Großen.
Wir bitten dich: Hilf uns, dass wir als Ältere und Alte den Kindern und
Jugendlichen den rechten Platz, den rechten Raum und die rechte Weite geben in
der Familie und in der Gemeinde, in unserem Land, in diesem Staat.
Hilf den Kindern und Enkeln, hilf allen, die nach uns kommen, dass sie den
Älteren und Alten den rechten Platz geben, die rechte Ehre und Achtung, in
diesem Land und dieser Welt.
Dass wir dir danken können für unsere Kinder und für unsere Eltern. Dass wir dir
danken können, dass du uns gerade diese Kinder und gerade diese Eltern gegeben
hast, damit wir mit ihnen leben, in Gemeinschaft vor dir miteinander.
Herr, unser Gott,
wir beten für alle, die es in ihrer Familie nicht finden können, für alle, die
entfremdet sind von ihrem Elternhaus, die vielleicht jeden Kontakt abgebrochen
haben, für alle, die leiden unter den Spannungen, für alle, die leiden -
vielleicht auch unter dem Schweigen, das es manchmal auch dort gibt.
Segne die Gespräche zwischen den Jungen und den Alten, die Gemeinschaft in der
Familie, in der Gemeinde und in unserem Land. Dass Liebe und Fürsorge, Treue und
Barmherzigkeit das Leben und die Welt bestimmen und prägen. Lass uns deine
Geschichte mit deinem Volk nicht vergessen. Deine Geschichte der Erlösung und
Befreiung. Deine Geschichte, die uns den Ort gibt, an dem wir leben können - in
all den vielfältigen Beziehungen und Verhältnissen.
Wir beten für
alle, die Regierungsgewalt ausüben, für alle auch, die in diesen Tagen und heute
an diesem Tag gewählt werden im Europaparlament, für den Landrat, der heute
gewählt wird. Wir beten für alle politisch Verantwortlichen und wirtschaftlich
Führenden und Tätigen: Lass sie in rechter Weise das Wohl der Menschen im Auge
haben und nicht auf Eigennutz und Eigenbelang aus sind. Dass sie in rechter
Weise ein offenes Herz und Auge haben für dein Gebot und für deine Verheißung.
Dass unser Leben von dir her kommt und zu dir hin unterwegs ist.
Wir beten, Herr,
für die Älteren und Alten unter uns, wo sie sich aufmachen zur Seniorenfahrt.
Wir beten für die Kinder und Helfer vom Kindergottesdienst, wo die Generalprobe
stattfindet für das Musical.
Wir beten für alles, was in dieser Gemeinde und in der Kirche weltweit
geschieht: Dass sie ein lebendiges Zeugnis sei und gebe von dir unserem Herrn
und Heiland Jesus Christus.
Wir beten für die,
die krank geworden sind, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, auf Fürsorge
und Zuwendung. Wir beten für alle, die die Last des Lebens nicht allein tragen
können, die gebeugt und gebückt gehen: Guter Gott, nimm du die Lasten und
verwandle du die Dunkelheit in Licht, das Schwere in Segen. Lass uns erleben,
dass du Wege hast, wo wir keine sehen. Dass du mit uns gehst gerade dort, wo wir
meinen, wir seien ganz allein. Segne alle, die in Nöten und Ängsten sich
befinden. Schenke Ihnen dein Licht und deine Gnade.
Wir wollen wir
danken, Herr, für alle, die heute Nachmittag hier sind. Für alle, die zu deiner
Gemeinde gehören. Für alle, die nach dir suchen, die nach dich fragen. Wir
wollen dir danken, dass dein Wort uns in so vielfältiger Weise erreicht in den
Kirchen und Konfessionen. Dass du nicht aufhörst, zu reden. Dass du dein Wort
weiter sagen und weiter geben lässt. Dass du uns deine Verheißung schenkst.
Wir wollen dich
preisen, ewiger Gott, für das Leben und für jeden Tag, für die Gemeinschaft mit
einander und mit anderen. Wir wollen dich preisen für die Gaben und Aufgaben,
die du gibst, für die Arbeit die wir tun dürfen, für alles, was Menschen
füreinander bedeuten und sein dürfen. Wir bitten dich, lass uns wachsen in allen
Dingen zu dir hin, der du das Haupt deiner Kirche und der Herr der Welt bist.
Erfülle uns und unser Leben mit deiner Gegenwart, dass wir dich preisen und
deinen Namen ehren.
Gemeinsam wollen
wir dich preisen und deinen Namen ehren, wie du Herr Christus uns gelehrt hast:
Unser Vater .... AMEN
Singen: Lied 241 : 1, 6 – 8
1. Wach auf, du
Geist der ersten Zeugen, die auf der Mau'r als treue Wächter stehn,
die Tag und Nächte nimmer schweigen und die getrost dem Feind entgegengehn,
ja deren Schall die ganze Welt durchdringt und aller Völker Scharen zu dir
bringt.
6. Ach laß dein Wort recht schnelle laufen, es sei kein Ort ohn dessen Glanz und
Schein.
Ach führe bald dadurch mit Haufen der Heiden Füll zu allen Toren ein!
Ja wecke dein Volk Israel[a] bald auf und also segne deines Wortes Lauf!
7. Laß jede hoh und niedre Schule die Werkstatt deines guten Geistes sein,
ja sitze du nur auf dem Stuhle und präge dich der Jugend selber ein,
daß treuer Lehrer viel und Beter sein, die für die ganze Kirche flehn und
schrein!
8. Du wirst dein herrlich Werk vollenden, der du der Welten Heil und Richter
bist;
du wirst der Menschheit Jammer wenden, so dunkel jetzt dein Weg, o Heilger, ist.
Drum hört der Glaub nie auf, zu dir zu flehn; du tust doch über Bitten und
Verstehn.
Segen
Am 14. Juni 2004 getippt nach der Tonbandaufnahme
vom 13. Juni 2004, 14.00 Uhr (GJ. Beuker)
| |
Zurück
zur
homepage von Pastor Dr. Beuker
|