Gottesdienst 17.02.2002Liturgie Ort: Hoogstede Uelsen Zeit: 10.00 Uhr 14.00 Uhr
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von Pastor Dr. Beuker Begrüßung und Mitteilungen Stilles Gebet, Eingangswort, vormittags Kleines Gloria, Gruß Eingangslied: Psalm 8 : 1 – 6 HERR, unser Gott, dein Name sei gepriesen! Gebet vormittags: Wochenpsalm Ps. 705, Aus Ps. 8, S. 1513 Weisung Singen Psalm 81 : 8, 9 Denn dein Herr bin ich Gebet Lesung: 1. Korinther 1, 18 - 31 Singen: Lied 91 : 5 – 9 Seh ich dein Kreuz den Klugen dieser Erden... Predigt: 1. Kor. 1,30 (Barmen II)Thema:Singen Lied 530 : 5, 6, 8 Ich habe Jesus angezogen, ... nachmittags Apostolisches Glaubensbekenntnis Singen Psalm 81 : 8, 9 Denn dein Herr bin ich / Tue auf den Mund Gebet Singen: Lied 529 : 10 – 12 Wo ich bisher hab gesessen ... Segen
"Text" Theologische Erklärung der Bekenntnissynode von Barmen, vom 29. bis 31. Mai 1934 These 2: "Durch Gott seid ihr in Christus Jesus, der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung. (1. Kor .1,30). Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist auch auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.
Aus den (ausgeführten) Predigtnotizen: Die kursiv gedruckten Abschnitte sind in Uelsen weggefallen. Liebe Gemeinde, "Durch Gott seid ihr in Jesus Christus“ – wie können wir in Jesus Christus drin sein? Wir sind im Haus oder im Garten oder wir sind in der Kirche. Aber was heißt das, "in Jesus Christus" zu sein? Ich kann eigentlich in einem doppelten Sinn in der Kirche sein. Einmal sind wir alle äußerlich und leibhaftig anwesend in diesem Kirchengebäude. Wie die Touristen - sie besuchen meinetwegen den Dom in Münster oder in Köln oder sonst irgendwo. Touristen gehen in die Kirche. Sie schauen die Kirche, die sie besuchen, von innen und außen an. Sie bestaunen ihre Architektur. Sie können in der Kirche sein, im Kirchengebäude, ohne der Kirche selbst anzugehören. Sie können in der Kirche sein, ohne Mitglied der Kirche zu sein. Das ist das nur äußerliche, eine körperliche Anwesenheit. Viel tiefer geht die innerliche Verbundenheit mit der Kirche. Sie besteht in einem Mitdenken, Mitleben und Mitfiebern, in einem Mitbeten und Mitarbeiten. Da ist also nicht nur eine äußere sondern auch eine innere Bezogenheit. Ich bin mit allen Fasern meines Lebens mit der Kirche Jesu Christi verbunden. Ich bin in der Kirche, heißt dann: Ich bin nicht nur äußerlich anwesend, sondern ich bin mit ganzem Herzen dabei. Ich bin ein Teil der Kirche Jesu Christi. Ich bin ein Glied Christi - und also untrennbar und immer mit ihm verbunden.
„Wir sind in Jesus Christus“ bedeutet also nicht nur eine äußerliche Verbindung, sondern es bedeutet eine Herzensverbindung. Da ist eine herzliche Beziehung und eine enge Gemeinschaft. Wir reden nicht über äußerliche Dinge, über eine äußerliche Kirchenzugehörigkeit. Sondern wir reden davon, dass jemand ganz und gar, mit Haut und Haaren sozusagen Jesus Christus gehört. Jemand ist sozusagen Jesus Christus verfallen und von ihm abhängig ist. Jemand ist süchtig nach Jesus Christus. Wenn es eine Sucht gibt, die uns nicht krank macht, dann ist es diese Sucht, diese Sehnsucht nach Jesus Christus. „Wir sind in Jesus Christus“ bedeutet, wir sind Feuer und Flamme für ihn. Wir sind von ihm begeistert, von ihm erfüllt, von ihm getrieben, von ihm geliebt, von ihm geprägt, von ihm bestimmt, von ihm geführt, von ihm gehalten, von ihm gerettet. Wir gehören nicht nur zu Jesus Christus. Das ist noch viel zu wenig, wenn jemand zu Jesus Christus gehört. Wir gehören ihm, ganz und gar, mit Haut und Haaren, mit all unserer Zeit und all unserer Kraft – mit unserem ganzen Leben. Durch Gott, durch Gottes Güte, durch Gottes Gnade, durch Gottes Erwählung, sind wir in Jesus Christus. Er hat uns aus dem Reich des Todes hinübergebracht in das Reich des Lebens, aus der Finsternis in das Licht, aus dem Gefängnis in die Weite.
Jesus Christus ist uns von Gott gemacht zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung. Das ist das Leitmotiv, der Eingangssatz der zweiten Barmer These. Das Dritte Reich verspricht den Menschen in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts auch Erlösung. Es verspricht den Deutschen ein neues Ansehen in der Welt, eine Überwindung der Arbeitslosigkeit und der Schmach von Versailles, wie man das nannte, also eine Überwindung der Folgen des Ersten Weltkrieges, der mit dem Frieden von Versailles beendet wurde. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 war noch lange nicht überwunden. Wenn da jemand Erlösung anbietet, dann hat er die Massen hinter sich. Aber bevor wir nur auf die Vergangenheit schauen, fragen wir uns, wo wir heute Lösungen und Erlösung erwarten? Sind es vielleicht Stammzellen- und Embryonenforschung, von denen viele sich eine Art „Erlösung“ versprechen? Sind es vielleicht die Genforschung, moderne Technik, Informations- oder Kommunikationswissenschaften? Oder ganz andere Bereiche?
Erlösung? Es gibt viele selbsternannte Propheten und Religionen, die Erlösung versprechen. Auch in der Kirche gibt es sie. Da will man festhalten am Alten. Im Konservatismus, im Bewahren des Alten, darin sehen manche die Lösung. "Halte, was du hast. Geh nicht weiter vorwärts. Alles Neue ist schlecht!" Andere sehen sie im Fortschritt, gerade im Loslassen des Alten und in einer Neuorientierung die Zukunft.
Barmen II sagt: Ohne Jesus Christus gibt es keine Erlösung. Ohne Jesus Christus gib es kein Heil und ohne Jesus Christus gibt es keine Zukunft! Es gibt keinen Bereich unseres Lebens, wo wir nicht JC gehören und wo wir ihn nicht brauchen. Es gibt keinen Bereich unseres Lebens und unserer Welt, der ohne Jesus Christus auskommen könnte! Das müsste gerade Altreformierten sehr bekannt vorkommen. Einer der Spitzensätze von Abraham Kuypers lautete: "Es gibt keinen Bereich unseres Lebens, von dem Jesus Christus nicht sagt: Mein!" Barmen sagt genauso: "Jesus Christus ist Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben."
Liebe Gemeinde, seit 1934 und bis heute ist unsere Gesellschaft hier schuldig geworden. Hier an diesem Bekenntnis hat sie versagt. Denn es gibt heute ganz viele Bereiche unseres Lebens und unserer Gesellschaft, wo wir offenbar ganz gut ohne Jesus Christus auskommen. Ob ein Kanzler oder ein Minister bei uns vier- oder fünfmal verheiratet sind, ob sie ihren Eid aussprechen „mit Gottes Hilfe“ – oder ohne diesen Zusatz, das fällt uns nicht mal mehr auf! Ob Politiker sich sorgen um „Gottes Anspruch“ auf unser Leben, oder ob sie sich nicht drum kümmern, das wissen wir vielfach nicht mehr.
Barmen geht vom Evangelium aus – und zieht daraus Konsequenzen. "Jesus Christus ist Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden", das ist der erste Satz der These. Gott schenkt uns Vergebung aller unserer Sünden. Vor dem Anspruch steht der Zuspruch! Jesus Christus ist für uns Gottes Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung. Barmen geht vom Evangelium aus. Das müssen Menschen zuerst hören – und damit dürfen wir die Menschen viel mehr konfrontieren und bekannt machen. Jesus Christus ist Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden. Haben wir das verstanden – und haben die Menschen um uns herum das verstanden? Mit dem Evangelium fängt der Glaube an. Das ist das erste Wort Jesu, das er den Menschen seiner Zeit sagt: Deine Sünde ist dir vergeben! Deswegen haben die Menschen Jesus so gemocht. Deswegen kamen sie in Scharen zu ihm. Weil er die Vergebung Gottes aussprach, sie brachte, sie lebte und vollzog. Jesus Christus bringt und vollzieht die Vergebung Gottes. Er lebt sie. Er redet nicht nur von ihr. Jesus Christus ist Gottes Zuspruch der Vergebung. Also in Jesus Christus vergibt Gott alle unsere Sünden. Ich denke, dieses Evangelium dürfen wir viel mehr leben, praktizieren und weitergeben. Das gilt es zu üben und zu leben: Die Annahme, die bedingungslose Annahme des anderen. Wenn wir die Menschen nicht annehmen, wenn wir sie nicht lieben mit göttlicher Liebe, dann können die Menschen nur schwer Christen werden. Der oft beklagte Rückgang von Kirche und Gemeinde – hat vielleicht auch mit einem Mangel an Evangelium zu tun. Mit einem Mangel an Zuspruch der Vergebung und mit einer Überbetonung von Gottes Anspruch und Gebot. Wir leben viel aus dem Gesetz und wenig aus dem Evangelium. Wir hängen die Messlatte sehr hoch – in Staat und Kirche. Du musst jahrelang zur Schule und lernen und Arbeiten schreiben und Prüfungen ablegen – du musst jahrelang in den kirchlichen Unterricht – und vieles lernen und wissen, Katechismus und Gesangbuch kennen, Bibelbücher auswendig hersagen können – und vieles andere mehr. Du sollst im Gottesdienst sein, möglichst zweimal am Sonntag – und dich in der Woche beteiligen. Du sollst, du musst, du könntest ... Liebe Gemeinde, wo bleibt das Evangelium, auch in den Gottesdiensten? Ich schaue mich selber an: Wo bleibt das Evangelium in meinen Predigten, in unseren Liedern und Gebeten, eben in unseren Kirchen und Gemeinden. Es wird so viel Angst geschürt in unserer Welt und oft auch in der Kirche. Da werden immer wieder schlechte Nachrichten aufgekocht und verbreitet. Da wird uns die Bedrohung des Lebens und der Welt und der Kirche vor Augen gemalt. Da werden die Statistiken beschworen: steigende Arbeitslosenzahlen und sinkende Zahlen der Kirchenangehörigen..
Wo bleibt das Evangelium? Barmen sagt uns: "Jesus Christus ist Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden." Und erst danach, wenn das ganz klar und deutlich ist und laut gesagt und geschrieben und verkündigt wurde, erst danach heißt es: „So und mit gleichem Ernst ist er Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben." Und dann – dann greift Barmen wieder auf das Evangelium zurück: "Durch Jesus Christus widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen“. Im altreformierten Formular zum Öffentlichen Glaubensbekenntnis heißt es im letzten Satz fast genau so: "Jesus Christus macht uns frei von den gottlosen Bindungen dieser Welt zu einem dankbaren Dienst an der ganzen Schöpfung." Da stehen das altreformierte Formular und die Barmer 2. These einander sehr nahe. Diese Befreiung widerfährt uns einfach. "Frohe Befreiung" ist nicht unser Tun und Können, unser Entscheiden oder Wollen. Wir können nur dankbar bezeugen: Gott hat eingegriffen. Gott hat uns befreit – aus Gottlosigkeit und Finsternis – zu einem Leben in Dankbarkeit und Licht. Aus den gottlosen Beziehungen und Bindungen dieser Welt – zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen. Aus der Gottlosigkeit zur Dankbarkeit, zur Freude und zum Dienst! Gottes Befreiung, Gottes Vergebung, Gottes Anspruch und Zuspruch haben eine deutliche Richtung. Sie zielen alle in Richtung Dienst und Dankbarkeit. Ein dankbares Leben ist ein dienstbares Leben. Allein im Dank Gott und Menschen gegenüber, allein im Dienst an Gott und Menschen – finden wir das Leben. "Durch Jesus Christus widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbarem Dienst an seinen Geschöpfen." Und dann folgt, wie in jeder These, die Verwerfung einer falschen Lehre. Wir verwerfen die falsche Lehre, als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heiligung durch ihn bedürften.
Das Bekenntnis von Barmen 1934 ist heute 2002 hochaktuell. Denn aus vielen Bereichen unseres Lebens und unserer Welt haben wir Jesus Christus ausgeschlossen. Aus dem Fernsehprogramm und den Zeitungen haben wir Jesus Christus fast völlig verbannt. Aus den Schulen und Universitäten haben wir Jesus Christus weithin ausgeschlossen. In unserer Wirtschaft und bei unserer Arbeit kommen wir gut ohne Jesus Christus zurecht. Sein Platz wird immer kleiner. In unseren Familien und Ehen ist uns vieles andere wichtiger. Barmen II aber sagt: Es gibt nichts Wichtigeres und niemand ist wichtiger als Jesus Christus. Denn Jesus Christus allein ermöglicht das Leben. Jesus Christus ist Gottes Zuspruch und Anspruch, Evangelium und Gebot. Jesus Christus befreit zur Dankbarkeit – und zum Dienst an allen Geschöpfen Gottes. Das ist hochaktuell. Barmen 2 fängt mit dem Evangelium an, mit dem Zuspruch der Vergebung. Daraus erwächst der Anspruch Gottes auf unser ganzes Leben. Dort widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen zu einem dankbaren Dienst. Amen |
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