Gottesdienst 07.04.2002Ort: Hoogstede Zeit: 14.00 Uhr
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von Pastor Dr. Beuker "Text" 5. Barmer These
5. Fürchtet Gott, ehrt den König. (1.Petr 2,17) Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die Kirche über
ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und
staatliche Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden. Aus den (ausgeführten) Predigtnotizen: Liebe Gemeinde, der letzte König in unserem Gebiet, der König von Hannover, hat 1866 abgedankt mit dem Übergang des Königreiches Hannover an Preußen. Der letzte Kaiser für unser Gebiet, Kaiser Wilhelm, ist 1918 in die Niederlande ins Exil gegangen und dort in Doorn verstorben. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts haben viele Deutsche gerufen und geschrieben: "Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben!" Von Demokratie wollten viele Menschen in unserer Gegend in den zwanziger Jahren noch nicht viel wissen. Wir haben es heute nicht mehr so mit Kaisern und Königen, mit Fürsten und Obrigkeiten. An ihre Stelle ist der moderne Staat getreten mit den staatlichen Organen und Einrichtungen. Auf ihn beziehen wir die biblischen Texte von der Obrigkeit und den Königen. Wir wollen gerne vieles vom Staat bekommen, Steuererstattungen und Unterstützung, gute Straßen und Eisenbahnen, ein funktionierendes Verkehrswesen und ein gutes Schulwesen und manches andere. Wir möchten vieles von unserem Staat haben, von der Gesellschaft, von der Gemeinschaft der Menschen in diesem Land. Aber wir möchten nicht so viel für diesen Staat geben, einsetzen und opfern. Wir möchten gerne viele Steuern zurückbekommen – und so wenig wie möglich Steuern zahlen. Dabei ist deutlich: Ich kann in einen Topf nicht mehr herausnehmen, als ich vorher hinein getan habe. Unser Staat, die Länder und Kommunen, haben Billionen Schulden angehäuft. Es geht dem deutschen Staat nicht besonders gut – und der Wirtschaft auch nicht. Die Frage ist, ob das eine mit dem anderen zu tun hat. Ob also der Staat und die staatlichen Vorschriften, die Wirtschaft, den Bau, die Landwirtschaft und andere Bereiche zu viel behindern? Die Frage ist, wie viel Staat muss sein? Wie viel Staat benötigt der Mensch? Was ist die Aufgabe des Staates? Wie verhalten sich Staat und Kirche zu einander? Die klassischen Bibelabschnitte über die „Obrigkeit“, wie sie bei Luther hieß, über den Staat also, finden sich in Römer 13 und 1. Petrus 2. Dort fallen nämlich zum ersten Mal in der Bibel die staatliche und die kirchliche Obrigkeit auseinander. In Israel im AT stehen ja der König und der Priester mehr oder weniger auf einer Ebene. Mose und Aaron im Anfang der Geschichte Israels, später die Könige und Propheten, zur Zeit Jesu der Hohepriester und der König – sie stehen auf einer Ebene. Das Volk Israel bildete einen Gottesstaat (wie Calvin ihn in seiner Zeit in Genf bilden wollte) – oder eine Volkskirche. Das ganze Volk Israel ist Volk Gottes – und es gilt nur die eine gute Ordnung Gottes. Die religiöse Ordnung ist gleichzeitig politische Ordnung. Es gibt damals keine eigenen neutralen Staatsgesetze. Das entspricht heute dem Zustand strenger islamischer Länder, wo die Sharia gilt, das islamische Religions- und Grundgesetz. Da wird nur nach religiösen Grundsätzen geurteilt. Da gibt es keine eigene staatliche Gesetzgebung. Die geistlichen Führer sind zugleich die politischen Führer. Die Geistlichkeit bemächtigt sich dort in diesen Ländern des Staates. Sie höhlt den Staat aus – und wirft ihn weg wie eine Hülse. Ein Geistlicher wird Präsident, Kanzler oder Minister – und bald gibt es nur noch islamische Geistliche in der Regierung. Die Religion übernimmt den Staat –und macht ihn überflüssig. Das ist keine Verweltlichung, über die wir sie hier im Westen klagen, sondern eine Religösierung des Landes. Alles hat dann mit der Religion zu tun – und alles wird dann von der Religion bestimmt. Für Wirtschaft und Forschung, für Frauen und Mädchen und allgemein für die Freiheit bedeutet das meistens nichts Gutes. Sie haben in solchen fanatisierten, religiösen Staaten keine Chance. Barmen spricht von der gegenüber gesetzten Gefahr, die ich heute noch für viel größer halte. Im Dritten Reich und immer wieder in modernen Gesellschaften geschieht das Gegenteil. Da übernimmt nämlich der Staat die Kirche. Da greift der Staat in die Kirche ein. Da will der Staat sich die Kirche dienstbar machen. Da will der Staat die Kirche ausnutzen und die Kirche bestimmen. Da kommt es nicht zur Unterdrückung des Staates, sondern zur Unterdrückung der Kirche. Die Kirche wird an den Rand geschoben und ins Abseits gestellt. Sie verschwindet aus der Öffentlichkeit und aus der Gesellschaft. Barmen sagt: Der Staat ist eine Gabe Gottes. Die staatliche Ordnung ist nicht zu verachten, sie ist zu ehren und zu achten. In den Lesungen: „Seid untertan aller menschlichen Obrigkeit. Führt ein rechtschaffenes und ehrbares Leben. Obrigkeit und Staat sind von Gott.“ Gott regiert auch durch Staatsgesetze. Gott regiert nicht nur durch das Wort der Predigt, sondern auch durch Polizei, Gerichte und Parlamente. Der Staat ist eine Dienerin Gottes. Für dein gutes Gewissen ist es besser, du hältst dich an staatliche Gesetze. So nüchtern urteilt Paulus. Vom römischen Kaiser und dessen Rechtsordnung sagt Paulus: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, widerstrebt den Anordnungen Gottes. Dabei war der römische Kaiser kein Demokrat und kein gewählter Fürst, sondern wenige Jahre nach Paulus ein Diktator und Tyrann, ein Christenverfolger ersten Ranges. Ob Paulus 15 Jahre später noch so geschrieben hätte: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, denn jede Obrigkeit ist von Gott“, darf man bezweifeln. 10 bis 15 Jahre nach diesem Römerbrief bricht für Jahrhunderte eine schreckliche Christenverfolgung über das ganze römische Reich herein. An der Spitze dieser Verfolgungen steht der Kaiser in Rom. Paulus hat eine Obrigkeit im Auge, einen Staat, der die Gesetze Gottes einhält. Paulus identifiziert noch die Ordnung Gottes und die Ordnung des Staates miteinander. Dass die staatlichen Ordnungen auch auf breiter Basis ins Gegenteil verkehren können, konnte er sich wohl kaum vorstellen. Wenn der Staat gegen Gott und sein Gebot handelt, dann ist Widerstand gegen den Staat geboten und Übertretung der staatlichen Gebote mit allen Mitteln. Da sind z.B. die beiden Hebammen, die beiden israelischen Hebammen im Lande Gosen. Sie haben den Widerstand gegen die Staatsgewalt praktiziert. Sie hatten den Befehl alle neugeborenen Judenjungen zu töten. Aber das tun sie nicht. Sie benutzen eine Notlüge. „Die israelischen Frauen sind so stark. Wenn wir kommen, haben die ihre Kinder schon geboren – und sie verstecken ihre Söhne vor uns.“ Die Hebammen haben eine Notlüge gebraucht – und dafür werden sie in der Bibel gelobt. Barmen sagt: Der Staat soll in der noch nicht erlösten Welt für Recht und Frieden sorgen. Wenn er das tut, folgt er darin der göttlichen Anordnung – und dann erkennt die Kirche den Staat an. Die Kirche erinnert Regierende und Regierte an Gottes Reich, an Gottes Gerechtigkeit und an ihre Verantwortung. Wenn jemand den Krieg treibt, wenn ein Staat das Recht und die Würde der Menschen mit Füßen tritt, Arme beraubt oder Terroristen ausbildet und schützt, dann muss die Kirche protestieren und politisch werden. Wenn wir heute in unserem Staat Riesensummen in die Rüstung stecken und kaum etwas in die Bildung und noch viel weniger in die Entwicklungspolitik – dann muss die Kirche und dann müssen wir Christen uns zu Wort melden und den Staat und die Regierenden und Regierten an ihre Verantwortung erinnern. Das ist heute dran! Wir müssen als Kirche Regierende und Regierte, Politiker und Bürger also, an ihre politische Verantwortung als an ein hohes Gut, erinnern. Wir tragen Verantwortung für diesen Staat, für dieses Land, in dem wir leben. Hier hat Gott uns hingestellt. Der Staat kann und darf nicht zu einer totalen und absoluten Ordnung werden. Sondern Kirche und Staat, so sagen es Barmen und auch schon das Niederländische Glaubensbekenntnis in Artikel 36, dienen beide den Menschen in der Welt. Der Staat darf nicht in die Kirche hinein regieren. Und die Kirche darf sich keine staatliche Macht oder Würde aneignen. Das Schwert schneidet nach beiden Seiten. Und nur wenn beide Seiten scharf sind, kann Schaden von Kirche und Gesellschaft abgewandt werden. Die Menschen brauchen beides: eine funktionierende, aktive Kirche in einem wohl bestellten Staat. Die beiden stehen durchaus in einem Spannungsverhältnis. Es geht nur dort gut, wo Kirche und Staat einander anerkennen und fördern. Wenn sie einander bekämpfen, geraten die Dinge aus dem Gleichgewicht. Wir dürfen mehr als dankbar sein für eine funktionierende Kirche in einem funktionierenden Staat. Staat und Regierung, Gemeinderäte, Kreistage und Parlamente sind Gottes Geschenk. Geordnete Verhältnisse sind ein großer Segen, auch wenn manchmal in unserem Staat ein wenig viel geordnet und gesetzlich reglementiert wird. Nehmen wir unsere Verantwortung wahr in Kirche und Gesellschaft und bleiben wir in treuer Fürbitte für alle die regieren. |
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