Ort: Evangelisch-altreformierte Kirche Hoogstede
Zeit: 10.00 Uhr
Zurück zur homepage von Pastor Dr. Beuker
"Text" 6. Barmer These
6. Jesus Christus spricht: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt
Ende. (Mt 28,20)
Gottes Wort ist nicht gebunden. (2.Tim 2,9)
Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an
Christi Statt und also im Dienst seines eigenen Wortes und Werkes durch Predigt
und Sakrament die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles
Volk.
Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne die Kirche in menschlicher
Selbstherrlichkeit das Wort und Werk des Herrn in den Dienst irgendwelcher
eigenmächtig gewählter Wünsche, Zwecke und Pläne stellen.
Die Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche erklärt, daß sie in
der Anerkennung dieser Wahrheiten und in der Verwerfung dieser Irrtümer die
unumgängliche theologische Grundlage der Deutschen Evangelischen Kirche als
eines Bundes der Bekenntniskirchen sieht. Sie fordert alle, die sich ihrer
Erklärung anschließen können, auf, bei ihren kirchenpolitischen Entscheidungen
dieser theologischen Erkenntnisse eingedenk zu sein. Sie bittet alle, die es
angeht, in die Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung zurückzukehren.
Verbum Dei manet in aeternum.
Aus den Predigtnotizen:
Die Barmer Erklärung spricht von Jesus Christus, von seinem Anspruch und Zuspruch und seiner Befreiung, von der Kirche, von ihren Ämtern und ihrem Auftrag und vom Staat. Über das Verhältnis von Kirche und Staat haben wir letzten Sonntag nachgedacht an Hand der 5. These von Barmen. In der sechsten und letzten These spricht Barmen über den eigenen Auftrag der Kirche. Mit Jesus Christus fängt das Bekenntnis in These eins an: "Jesus Christus... ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." Es endet in These sechs mit dem Auftrag der Kirche: "Der Auftrag der Kirche... besteht darin... die Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk."
Gegen eine übermächtige Staatsgewalt pocht Barmen auf die Freiheit der Kirche. „Der Auftrag der Kirche, in welchem ihre Freiheit gründet, besteht darin, an Christi Statt … die Botschaft der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk.“
Die Freiheit der Kirche gründet in ihrem Auftrag und ihrem Aufraggeber Jesus Christus. Die Freiheit der Kirche ist nicht begründet von Tradition oder von Staatsgesetzen her, sondern von ihrem Auftrag und her.
Ihr Auftrag ist, an Christi Statt, an Christi Stelle, die Botschaft von der freien Gnade Gottes allen Menschen auszurichten.
Die Freiheit der Kirche gründet in dem freien und ungebundenen Wort Gottes und in dem Auftrag Jesu, in Wort und Sakrament die Gnade Gottes bekannt zu machen.
Wie frei sind wir heute als Kirche oder wie gebunden sind wir an die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse unseres Landes? Haben wir und nehmen wir uns die Freiheit, z.B. die Politik zu kritisieren, wenn sie unmenschlich wird? Sind wir wirklich frei von wirtschaftlichen Zwängen und Notwendigkeiten?
Haben wir die Freiheit der Kirche Jesu Christi bewahrt? Oder haben wir uns dem Zeitgeist und der gängigen Mode angepasst? Ist die Kirche Jesu Christi ein Störfaktor und ein Fremdkörper in unserer Welt geblieben? Oder ist sie nicht viel mehr ein Ort, wo man alte Traditionen und Gebräuche pflegt und wo man aufpasst, nur nicht anzuecken und niemanden zu nahe zu treten?
Wenn in der Kirche dasselbe gilt wie in der Welt, wenn sie weltgleichförmig und weltangepasst lebt, dann hat sie ihr Freiheit verloren und ihren Botschaft und ihren Herrn verleugnet! Das passiert schneller und leichter als wir ahnen.
Wir können hier z.B. schöne Gottesdienste feiern – und doch als Kirche und Gemeinde insgesamt den Herrn verleugnen, weil wir uns z.B. anpassen an die Welt, weil wir den Armen und Bedürftigen, den Aussiedlern und Asylbewerbern, den Ausländern und Sterbenden nicht beistehen. Oder weil uns die Menschenrechte in anderen Ländern ziemlich egal sind, oder weil uns der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern nicht interessiert.
Unsere Gleichgültigkeit, unsere Sattheit, unsere Lauheit – kann Jesus Christus und seine Herrschaft verleugnen trotz schöner Gottesdienste. Jeder Streit, jeder Zank unter Geschwistern – verleugnet Jesus Christus. Wenn wir nicht in Frieden miteinander leben können, wie wollen wir dann dieser Welt den Frieden Gottes bringen?
Die Kirche Jesus Christi findet dort ihre Freiheit und ihre Kraft, wo sie sich auf ihren Herrn und auf seinen Auftrag besinnt. Barmen beschreibt diesen Auftrag so: Die Kirche soll als Stellvertreterin Christi, „an Christi Statt, … die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten an alles Volk“.
Einige würden sicher lieber sehen, dass der Welt das Gericht Gottes gepredigt und angesagt würde. Sie meinen, die Angst vor der Strafe, die Angst vor der Hölle, müsse die Menschen in die Arme Jesu treiben.
Aber Jesus hat nicht gesagt: „Predigt das Gericht!“, sondern „predigt das Evangelium“, „Lehrt sie halten, alles, was ich euch befohlen habe“. Jesus hat den Menschen nicht Angst gemacht. Er hat ihnen nicht mit der Hölle gedroht. Sondern er spricht immer wieder: "Friede sei mit euch. Meinen Frieden lasse ich euch. Fürchte dich nicht!"
Ein klein wenig misstrauen wir der Gnade Gottes! „Allein die Gnade, allein der Glaube, allein Jesus Christus, allein die Schrift“, ruft die Reformation. Aber wir wollen auch Taten sehen. Wir sagen: die Menschen müssen sich entscheiden.
Jesus Christus bietet einfach seine Gnade an. – Wer sie annimmt, der ist gerettet. Der findet neues Leben – für Zeit und Ewigkeit.
Gleichzeitig, nicht erst später, sondern gleichzeitig, vollzieht sich auch das Gericht. Denn wer an Jesus Christus vorbeigeht, wer ohne Jesus Christus lebt, der ist und bleibt im Gericht Gottes. Der hat keine Gnade, keine Nähe Gottes, kein Leben!
Auch deswegen hat die Barmer Erklärung es schwer gehabt unter uns, weil wir ihrem Verfasser Karl Barth misstrauten. Barth würde zu viel von der Gnade reden und zu wenig vom Gericht. Ich denke, der Vorwurf ist unberechtigt, und er ist viel zu oft unbesehen weiter gegeben worden. Wenn Karl Barth sagt, wie es vor wenigen Wochen noch im Grenzboten zu lesen war:
„Es ist in keinem Namen Heil als in diesem Namen Jesus Christus.
Dort ist der Antrieb zur Arbeit, zum Kampf, auch der Antrieb zur Gemeinschaft, zum Mitmenschen. Dort ist alles, was ich in meinem Leben in Schwachheit und Torheit probiert habe. – Dort ist es.“ (Der Grenzbote, S. 34)
dann bezeugt er Jesus Christus in seiner ganzen Fülle und Gnade.
Der Auftrag der Kirche ist, die Gnade Jesu Christi auszurichten. Das ist mehr, als nur davon zu reden. Das ist mehr, als davon zu predigen, zu singen oder zu hören. Eine Hochzeit auszurichten, das ist ja auch mehr, als nur darüber zu reden. Es bedeutet, die Hochzeit vorzubereiten und durchzuführen. Die Gnade auszurichten, heißt, den Weg der Gnade vorzubereiten, und sie hineinzugießen und hineinzutragen und hineinzubauen in diese unsere Welt. Es heißt, die Gnade zu vollziehen, sie zu leben und aufzurichten.
Und wodurch soll die Kirche das tun?
„Durch Predigt und Sakrament, im Dienst des eigenen Wortes und Werkes Christi“.
Ich möchte Predigt und Sakrament nun einmal ganz weit fassen. In allem, was die Kirche Jesu Christi tut, soll Jesus Christus erkennbar sein. In allen Äußerungen, in allen Lebensäußerungen der Kirche, in allen ihren Fasern, in allem Reden und Tun, soll Jesus Christus erkennbar sein.
Symbolisch, zeichenhaft soll die Kirche im Sakrament, in Taufe und Abendmahl, die Herrschaft Christi verkünden und bezeugen. Sie soll Zeichen setzen in dieser Welt. Sie soll das Gebiet Christi abstecken und erobern, das Revier Christi vergrößern. In vielen Zeichen, in ihrem ganzen Handel und Sein, soll Jesus Christus erkennbar werden.
Jesus Christus ist im Letzten und Tiefsten die freie Gnade Gottes für alles Volk. Ihn gilt es zu verkünden, ihn gilt es zu leben und seine Nähe gilt es zu suchen.
Darauf kommt es also an, ob Jesus Christus erkennbar und sichtbar wird im Leben seiner Kirche. Ob wir nur ihn suchen. Oder ob wir doch noch immer wieder eigenmächtige Wünsche, Zwecke und Pläne verfolgen.
Das Wort und Werk unseres Herrn Jesus Christus ist nichts und niemandem untergeordnet. Alle unsere Wünsche, alle unsere Pläne, müssen ihm dienen, ihm allein. Wenn da bei uns noch irgendwelche anderen Wünsche mitspielen, wenn wir uns da irgendwo noch selber behaupten oder wenn da selber groß werden möchten, dann haben wir schon Christus verleugnet.
Wer Staat oder Rasse oder Kapital, wirtschaftliche Zwänge oder Wohlstand oder was immer Christus vorordnet, der hat ihn verleugnet. Wer Wohlstand und Reichtum, Sicherheit und Gesundheit ihm vorordnet, wer das höher stellt und höher achtet als Jesus Christus, der hat ihn verleugnet.
Barmen ruft in allen Thesen nur einen Namen. Barmen spricht mit einer Stimme und sagt ein Wort: Jesus Christus allein! Seiner Verheißung allein wollten die Väter und Mütter von Barmen trauen. Auf ihn allein wollten sie bauen.
Darin sind sie Vorbild und Anspruch für uns. Die Herausforderungen, die Bedrohungen für Kirche und Gemeinde wechseln. Aber unser Herr bleibt derselbe.
Ihn wollen wir bekennen und in allen Entscheidungen die Einheit des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung suchen.
Allein das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit.
Das ist die Übersetzung des lateinischen Schlusswortes:
Verbum Dei manet in aeternum.
Gottes Wort bleibt in Ewigkeit!