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Andacht zu 2. Könige 5 Nach meinen Predigtnotizen und aus meinen Erinnerungen zusammengestellt (GJB, 5.3.05) Liebe Frauen, die Liturgie, Texte und Lieder für heute Abend stammen aus Polen. Ich möchte vorweg fragen, wer von euch aus Polen stammt oder in Polen geboren wurde. (Es meldet sich eine Frau.) Wer von euch spricht ein wenig Polnisch? (Niemand.) Wer war schon einmal in Polen? (Es melden sich etwa 20 von 60 Anwesenden). Polen ist unser erster Nachbar im Osten. Das Land ist fast so groß wie die Bundesrepublik Deutschland und hat ungefähr 39 Millionen Einwohner, etwas weniger als die Hälfte von Deutschland. Rund 90% von ihnen sind katholisch. Es gibt in Polen etwa 80.000 Lutheraner und gerade einmal 4.000 Reformierte. Die polnische Geschichte hat alles mit der deutschen zu tun.
Vielleicht erinnern wir uns: 1980: Die Gewerkschaft Solidarnos
unter Leitung von Lech Walesa, Anfänge der Demokratie.
Eine zweite Vorbemerkung: Ich
empfinde es immer noch als merkwürdig, als Mann auf einem Weltgebetstag der
Frauen zu sprechen, zu dem, anders als an anderen Orten, die Männer nicht
eingeladen werden. In der biblischen Geschichte für heute Abend geht es auch um Männern und Frauen, eigentlich um einen Mann und ein junges Mädchen..
Da begegnen wir Naaman. Er ist Feldhauptmann des
Königs von Aram. Er ist hoch dekoriert und geehrt von seinem König. "Ein
vortrefflicher Mann" übersetzt Luther, "wert gehalten vor seinem Herrn". Er ist
ein gewaltiger und manchmal sicher auch gewalttätiger Mann. Als oberster
Kriegsherr wird er auch immer wieder Gewalt anordnen und durchsetzen. "Durch ihn
gab der Herr den Aramäern Sieg", sagt die Bibel. Gott gibt diesen Aramäern den
Sieg über sein eigenes Volk Israel! Gott ist damals mit den Aramäern und nicht
mit Israel! – Und das relativiert alles. Dieser mächtige Mann ist völlig machtlos – dieser Krankheit gegenüber. Es ist eine andere Krankheit als Lepra. Leprakranke wurden isoliert und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Wir müssen wohl an eine Art von Hautkrankheit denken, die diesen Mann zeichnet und behindert. Der gewaltige, der großartige, der beliebte Mann und sicher auch beleibte Mann – hat eine dunkle Ecke, die er versteckt und verstecken muss: seine Krankheit. Ihm gegenüber, ganz am anderen Ende der Skala, ganz unten, völlig verachtet, genau das Gegenteil, sie hat nichts zu sagen, sie ist der Willkür anderer ausgeliefert. Wir erfahren in der ganzen Geschichte nicht einmal ihren Namen. Da steht eine namenlose Sklavin. Eine Nummer, eine Gefangenennummer, ein Spielball der Soldaten und Mächtigen. „Ein junges Mädchen, weggerissen aus dem Lande Israel", Kriegsgefangene und Leibeigene. Sie hat nichts zu sagen. Sie hat nichts zu melden. Sie hat keinen Einfluss. Sie hat keine Macht. Sie muss gehorchen und springen – die Mächtigen bei Laune halten und ihnen zu Diensten sein. Sie ist rechtlos, mittellos, verschleppt und ausgebeutet – im fremden Land mit einer fremden Sprache. Schlimmer geht es nimmer. Schlimmeres kann einem Menschen kaum geschehen. Eine Fremde, rechtlos unter Fremden, von fremden Soldaten verschleppt, und ihrer Willkür schutzlos ausgeliefert. So erging und ergeht es vielen Frauen und Kindern in vielen Kriegen, die oft von Männern angezettelt und geführt werden. Die Schwächsten bringen die größten Opfer. Frauen und. Mädchen werden verkauft und verschleppt, in China, Asien oder in Indien. Frauen und Mädchen aus Osteuropa werden als billige Arbeitssklaven ausgebeutet. Mit falschen Versprechungen gelockt und mit Drohungen und Gewalt missbraucht und gezwungen. Es ist ein finsteres Geschäft, damals und heute!
Aber: Diese Geschichte ist anders! Die Namenlose ist hier die Retterin! Sie bringt Licht, Glanz und neue Zukunft in das traurige, trostlose kranke Leben ihres Herrn. Dieses Mädchen kannte keine Schadensfreude. Sie hat nicht gedacht: Soll er doch verrecken, dieser Naaman. Sie hegt keinen Groll und keinen Hass gegenüber diesem Oberbefehlshaber der Armee. Sie äußert gegenüber ihrer Chefin einen Wunsch: "Ach dass mein Herr doch bei dem Propheten in Samaria wäre. Der würde seinen Aussatz heilen." Dieses Mädchen traut dem Gott Israels Großes zu - obwohl dieser Gott ihr eigenes Gebet um Errettung und Bewahrung nicht erhört hatte. Sie verzweifelt nicht an ihrer Lage und nicht an Gott - auch wenn Gott so unendlich verworrene Wege mit ihr und ihrem Leben geht: "Der Prophet Gottes in Samaria kann helfen!" Der mächtige Mann muss seine Macht abgeben. Er muss abrüsten. Er muss alles ablegen und zurücklassen, bis er schließlich völlig wehrlos 7x im Jordan untertaucht. Naaman kommt mit Ross und Wagen. Sie sind das Statussymbol der Herren und Kriegsherren damals. Sie lassen sich gerne mit Ross und Wagen abbilden. Naaman muss in Feindesland reisen. Er kommt heute in friedlicher Absicht. Aber wer soll ihm das glauben? Zu dem Zeitpunkt hat er wahrscheinlich gewünscht, er habe Israel nie angegriffen. Naaman ist wiederholt drauf und dran, die Sache zu vergessen und zu begraben. Das kann nichts werden: 1. Der König Israels kann ihm nicht helfen. Der sieht in dem Ganzen nur eine Kriegserklärung. 2. Elia kommt nicht mal nach draußen. Elisa schickt nur einen Boten. Elisa missachtet bewusst die Macht und Herrschaft Naamans. Wenn Elisa doch selbst heraus gekommen wäre, ihn berührt hätte, selbst mit ihm gesprochen hätte 3. Das Wasser des armseligen Jordan ist nichts gegen die Flüsse und Oasen von Damaskus. Damaskus ist berühmt für seine Wasserwirtschaft, für seine Bäder und seine Bewässerungsanlagen. 4. Mindestens dreimal (Punkt 1 - 3) muss Naaman sich tief und noch tiefer und noch tiefer beugen – bis er schutzlos und nackt im Jordan steht und untertaucht. Das namenlose Mädchen, die Sklavin ist mutig. Die Machtlose, die selber nicht gerettet wurde von dem Gott Israels, deren Gebete um Heimkehr und Bewahrung nicht erhört worden sind, sie hält den Schlüssel der Geschichte in der Hand. Sie bekennt sich durch ihren Hinweis an ihre Herrin als Kind Gottes. Wäre mein Herr doch bei dem Propheten in Samaria. Der würde seine Krankheit heilen. (2. Kg. 5, 3) Dieses Mädchen hegt keinen Groll ih. Die wir gerade noch bemitleidet haben, spricht jetzt mit großem Mitleid, mit großer Sorge, mit offensichtlicher Sympathie (= Mit – leiden) für Naaman. Sie wünscht seine Heilung. Sie zeigt ihm den Weg zu seiner Heilung: Der Prophet Gottes i n Samaria. Danach geht es noch durch viele kritische Momente. Immer wieder scheint die Sache aussichtslos. Aber am Ende ist Naaman gesund und geheilt. Sein Untertauchen im Jordan ist fast so etwas wie eine Taufe und ein Glaubensbekenntnis in einem. Der alte, kranke Naaman bleibt im Jordanwasser zurück. Heraus kommt ein neuer und geheilter Mensch. Naaman kehrt um. Er bekehrt sich am Ende. Er nimmt sogar Erde mit aus Israel, um auf dieser Erde den Gott Israels anzubeten –im heidnischen Land Aram. Dieser Gott hat ihm geholfen. Dieser Gott hat ihn gerettet. Naaman kann in ein neues Leben zurückkehren. Da ereignet sich auch etwas von Auferstehung. Das neue gesunde Leben liegt vor ihm. Er ist dem Leben zurückgegeben. Liebe Frauen, wenn ein namenloses Mädchen damals in einer solch schrecklichen Lage Gottes Macht und Hilfe bezeugen kann, dann können wir es ganz sicher auch heute in unser Lage. Dann kann es ganz sicher auch jede von euch in ihren Umständen und ihrer Situation. Gott schenke uns solches Licht und solche Gnade - auch im Verhältnis zwischen Deutschen und Polen.
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