Predigt zum 10. Gebot:
Du sollst nicht begehren deines
Nächsten Haus.
Du sollst nicht begehren deines
Nächsten Frau,
Knecht, Magd, Rind, Esel, noch
alles, was dein Nächster hat.
2.Mose 20, 17
Gehalten in Hoogstede und Laar 27.05.2001
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Stilles Gebet, Votum, Eingangswort, Gruß
Eingangslied: Lied
671 : 1 – 3 Unfriede
herrscht auf der Erde
Gebet
vormittags:
Wochenpsalm
Nr. 765, S. 1558, aus Römer 8,31-39
Weisung
Singen Lied 658 : 1 – 3 Lass uns in deinem Namen, Herr, die nötigen
Schritte tun.
Gebet
Lesung: Matth.
12, 16 – 21 Geschichte vom
reichen Kornbauern
Singen: Lied
657 : 2, 11, 12 Ich bin der
Herr, dein Gott + Retter
Singen Lied
373 : 1 , 2, 6 Jesus hilf
siegen, du Fürste des Lebens
nachmittags:
Glaubensbekenntnis
Singen Lied 658: 1 – 3 Lass uns in deinem Namen, Herr, die
Gebet
Singen: Psalm
139 : 1, 8, 10 Du, Herr,
mein Gott, erforschest mich
Segen
Liebe Gemeinde,
das zehnte Gebot ist ein
merkwürdiges Gebot. „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst
nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel, noch alles, was
dein Nächster hat.“
Es ist gar nicht so einfach zu
verstehen. Denn eigentlich ist doch alles schon vorher einmal in den Zehn
Geboten genannt. Das haben wir alles schon gehört. Wenn ich die Frau meines
Nächsten begehre und entsprechend handle, dann begehe ich Ehebruch. Das hatten
wir schon im siebten Gebot. Wenn ich meines Nächsten Haus und Hof, seinen
Porsche oder seinen Schlepper begehre und sie mir heimlich oder offen
organisiere, dann stehle ich ihm etwas. Das hatten wir schon im achten Gebot.
Das letzte Gebot steht aus
gutem Grund am Schluss. Es bildet eigentlich den Anfang und die Grundlage für
viele andere Gebote. Ich kann nicht ehebrechen, wenn ich nicht zuvor begehrt
habe. Ich werde nicht stehlen, was ich nicht
begehrt habe.
Dieses Begehren ist mehr als
nur, sich etwas zu wünschen. Begehren und Verlangen selbst sind nichts
Schlechtes. Aber es darf das Begehrte eben nicht deinem Nächsten gehören.
Das Begehren aus dem 10.
Gebot kann man besser übersetzen mit: „Du sollst nicht an dich reißen, was
deinem Nächsten gehört.“ Das Gebot
verbietet falsche Gesinnung und falsche Tat. Es handelt von unseren Gedanken
und von unserem Tun.
Von Anfang an begleitet
dieses Begehren den Menschen. Schon im ersten Sündenfall spielt es eine
wesentliche Rolle. Die Frau „begehrte“ vom verbotenen Baum der Erkenntnis zu essen
(1. Mose 3,6). Die Menschen wollten „sein wie Gott“ (Vs. 5).
Das ist die tiefste Sünde,
wenn der Mensch die Grenze zu Gott hin überschreitet, wenn der Mensch selber
Maß und Mitte aller Dinge sein will – und keine Grenze und keinen Gott mehr
anerkennt. „Die Habgier“, das Haben wollen und etwas sein wollen – ist, so 1.
Tim. 6,10, „die Wurzel aller Übel“.
Wenn wir alles haben wollen
und dafür sprichwörtlich „über Leichen gehen“, dann sind wir wie kleine Kinder,
die nicht erwachsen werden. „Haben“ gehört zu den ersten Worten kleiner Kinder.
Greifen und festhalten können wir praktisch von Geburt an. Aber ein Leben lang
müssen wir das Teilen lernen und das Loslassen üben.
Leo Tolstoi erzählt eine
Geschichte von unendlicher Habgier und ihrer tödlichen Folge.
Die Geschichte heißt: „Wie
viel Erde braucht der Mensch?“ Sie stammt aus 1886.
Da ist ein Bauer, Pachom
heißt er, der verkauft seinen ganzen Grund und Boden. Er hat gehört in einem
fernen Land kann er ein Vielfaches dafür wieder erwerben. In dem fremden Land
sagt man ihm: Alles Land, was du von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang
umschreiten kannst, das gehört dir. Aber – du musst bis Sonnenuntergang wieder
zurücksein. Pachom macht einen viel zu großen Bogen, weil er immer noch
besseres Land entdeckt. Er muss sich immer mehr beeilen, um noch rechtzeitig
zurück zu sein. Als er den Ausgangspunkt gerade bei Sonnenuntergang erreicht –
bricht er dort tot zusammen.
Wie Jesus den reichen
Kornbauern fragt, kann man auch hier fragen: Du Narr, wem wird alles gehören, was
du angehäuft hast?
Ich will in vier Punkten
erklären, warum das Begehren und An-sich-reißen von Dingen, die dem Nächsten
gehören, unser Leben kaputt macht. Mit dem Begehren schaden wir uns selbst und
andere.
1. Wir dürfen jetzt
zufrieden sein
Wir sind mit vielen Dingen
und Umständen bestens zufrieden – bis ein anderer mehr hat. Wenn ich einem
kleinen Kind ein Bonbon oder einen Keks gebe, dann freut es sich sehr darüber,
bis es bemerkt, ein anderes Kind hat zwei bekommen. Wenn ein Teenager eine CD
geschenkt bekommt, ist er begeistert, bis er merkt, die Schwester hat einen
Walkmann erhalten. Wenn ein Mitarbeiter eine Provision erhält von 10.000,- DM –
dann hängt der Himmel voller Geigen, bis er mitbekommt: Mein Kollege hat
30.000,- DM bekommen.
Es gibt jeden Tag Tausend
Möglichkeiten, mich über das zu freuen, was ich geschenkt bekommen habe – oder
mich über das zu ärgern, was ich nicht habe. Wer immer auf andere schielt und
haben will, was sie besitzen, zeigt darin eine tiefe Unzufriedenheit mit sich
und seinem Leben. Wir dürfen jetzt, hier und heute, zufrieden sein mit dem, was
Gott uns schenkt.
2. Wir dürfen jetzt leben
Wenn wir meinen, wir sind
besser als andere, dann scheitern wir. Du kannst noch so gut sein – irgendwann
kommt immer jemand, der ist besser, stärker, schöner, größer, klüger oder was
weiß ich. Dein Leben ist ganz einmalig. Du hast eine ganz einzigartige Mischung
von Fähigkeiten, Stärken und Schwächen. Du musst nicht warten, dass das Leben
erst dann anfängt, wenn du Chef oder Abteilungsleiterin bist – oder wenn das
Haus abbezahlt ist. Du darfst heute leben und dich freuen. Hast du schon
gesagt: „Danke, lieber Gott, dass ich heute leben darf!“? Das Leben kommt nicht
später, wenn ich aus der Schule bin, wenn ich mein Studium oder meine Lehre abgeschlossen habe, wenn ich es zu etwas
gebracht habe oder Rentner werde. Wir dürfen jetzt leben.
3. Wir dürfen jetzt lieben
Wer liebt, der freut sich
über das Glück des anderen. Auch wenn mein Bruder oder meine Schwester vier
Kekse oder Bonbons erhält und ich nur einen. Wir müssen nicht dauernd denken:
„Was der andere hat, will ich auch.“ Sondern: „Ich gönne dem anderen sein Glück
und was er hat – und ich wünsche ihm, dass es ihm damit gut geht.“ Wer liebt,
freut sich am Glück des anderen – und fördert es, wo er oder sie nur kann. Das
ist Liebe! Nicht in dem, was wir zusammenraffen und krampfhaft festhalten liegt
unser Glück, sondern in dem, was wir geben und für andere tun. „Geben ist
seliger als nehmen“, so predigte schon Jesus.
4. Wir dürfen jetzt Gott
vertrauen
Wer anfängt zu stehlen,
glaubt nicht, dass Gott ihn mit allem Nötigen versorgt. Für das 10. Gebot gilt
noch einmal ganz umfassend: Wir leben nicht aus dem, was wir sind oder haben, sondern
aus der Liebe und dem Erbarmen Gottes. Ein von Gott geliebter Mensch wird den
Kreislauf von Eifersucht, Neid, Gier und Begehren durchbrechen. Wir dürfen uns
über unser Leben und unsere Welt von tiefstem Herzen freuen.
Dankbarkeit ist eine ganz
große Kraft. Wo sie uns prägt, da haben Neid und Missgunst keinen Platz mehr.
Da fangen wir an, nach allen
Geboten Gottes zu leben. Da wissen wir um das eigene Versagen, um Schuld und
Sünde. Aber die Vergebung und Gerechtigkeit Christi werden uns so groß und so
wichtig, dass sie alles übersteigen.
Wir wollen Gott um seinen
Geist bitten, dass wir erneuert werden – und das Ziel der Vollkommenheit – nach
diesem Leben erreichen.
Eine etwas längere
Kindergeschichte nicht nur für Kinder:
Bussi war ein kleiner Kleinbus.
Er wohnte an einer großen Straße. Dort war seine Garage. Gleich nebenan wohnte
Sporti, ein kleiner Flitzer, ein Sportwagen. Der konnte vielleicht schnell
fahren – und alle fanden ihn gaaanz toll. Bussi konnte es nicht länger
ertragen. Er wollte auch im Mittelpunkt stehen, wie der Sportwagen.
„Ich will ein Sportwagen
sein“, sagte er zu sich. Und er fing an, an sich selbst herumzubasteln. Zuerst
nahm er sich andere, gaaaanz breite Reifen. Sporti hatte ja auch solche! Dann
bekam Bussi einen Spoiler; das sah ein wenig merkwürdig aus an einem Bus, aber
Sporti hatte ja auch einen. Und so bastelte Bussi, der Bus, immer weiter an
sich herum.
Der Sommer kam, aber Bussi,
der Bus, hatte keine Zeit für seine Freunde. Sonst waren oft acht junge
Burschen mit ihm zum See gefahren. Aber dafür war jetzt keine Zeit mehr. Es war
schwierig, für Bussi, ein Sportwagen zu werden. Er hatte jetzt auch nur noch
zwei Sitze, genau wie sein Vorbild. Die Zeit verging – und Bussi veränderte
sich immer mehr. Er war inzwischen knallig rot lackiert, genauso wie Sporti. Er
hatte ein Loch im Dach – aber er wurde immer unglücklicher. Und in stillen
Stunden weinte er in seiner Garage, der unglückliche Bus, Bussi, der ein
Sportwagen werden wollte – wie Sporti.
Liebe Gemeinde, wenn Neid
und Begehren uns beherrschen, dann sehen wir uns selbst und Gott nicht mehr
richtig. Dann finden wir keinen Frieden, kein Leben, keine Liebe und kein
Vertrauen. Dann übersehen wir leicht,
was Gott uns alles geschenkt hat.
Dann zerstören wir uns
selbst – wie der Bus der zum Sportwagen werden wollte. Davor will Gott uns
schützen. Und ein klein wenig enden die Zehn Gebote, wo sie begonnen haben.
„Ich bin der Herr, dein Gott. Ich habe dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft
befreit.“ So fangen die Gebote an.
Dieser Satz sagt uns: „Du
Mensch, Gott will dich. Er will eine Beziehung zu dir und deinem Leben. Du bist
nicht mehr ein Sklave – sondern ein freier Mensch. Gott will dir erfülltes
Leben schenken, frei vom Neid. Du brauchst dich nicht zu orientieren an dem, was
du nicht hast oder nicht bist. Du hast schon so viel. Die Freiheit, die Gott
dir gegeben hat, das Leben. Du bist ein wunderbares Wesen, von Gott geschaffen
und befreit.“
Du darfst die Erfahrung der
Freiheit weitergeben und weiterleben.
Du sollst je länger je mehr
zum Ebenbild Gottes erneuert werden.
Daran kannst du heute schon
arbeiten.
Amen