Geschichte und Gegenwart

von sechs Kirchen der Grafschaft Bentheim,

die in der Stiftung Kloster Frenswegen zusammenarbeiten

 

Vortrag vor dem

Verein für Geschichte und Gegenwartsfragen der Brüdergemeine

am 1. Oktober 2004 in Neugnadenfeld

 Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker, Hoogstede

Zu meiner Person

Ich bin im Norden der Grafschaft Bentheim geboren, habe in den Niederlanden und kurz in den USA Theologie studiert und bin seit 1978 Pastor der jüngeren Evangelisch-altreformierten Kirche. Ich darf für  die Zeit von 2000 bis 2006 Präses ihrer Synode sein und bin 1996 in Kampen in den Niederlanden über einen Abschnitt aus der Geschichte dieser Kirche promoviert worden.

Gleichzeitig bin ich mitarbeitender Gast in der reformierten Synode und altreformierter Geschäftsführer in einem 12köpfigen Gemeinsamen Ausschuss der Evangelisch-reformierten und Evangelisch-altreformierten Kirche, der seit 1988 weitergehende Wege und Möglichkeiten der Zusammenarbeit beider Kirchen eröffnen soll. Daran erkennen Sie, Reformierte und Altreformierte gehen auf einander zu und tun vieles gemeinsam.

 

Karl Barth 1922 über die Grafschaft Bentheim

Ich möchte Ihnen die Grafschaft Bentheim mit einem längeren Zitat von Karl Barth vorstellen, das er am 16. Oktober 1922 geschrieben hat:

Lieber Eduard!

[...] Ein Reisebericht aus Ostfriesland und Bentheim geht gleichzeitig nach München ab. Es war sehr gut in diesen beiden entfernten Triften! […]

Am Freitag […] nach Nordhorn, wo sich die Bentheimische Geistlichkeit versammelt hatte. Wieder legte ich meine Walze auf, und wieder gings scharf, aber gut ins Gefecht. Dort ist die Welt vollends stillgestanden, von Liberalen keine Spur! Schleiermacher einfach nicht vorhanden. Dafür entschlossene alte Herren, die das Dogma wirklich intus haben und entwickeln können vom Sündenfall bis zur Auferstehung des Fleisches, daß es eine Lust ist, und dann vor allem meine besonderen Freunde, die „Kohlbrüggianer“, eine Sturmtruppe von ca. 4 – 6 jüngeren Pfarrern, die in ganz erstaunlicher Weise dasselbe sagen wie wir, durch allerlei unterirdische Kanäle, die mir noch dunkel sind, auf denselben Punkt geführt.

Der Unterschied ist nur, daß sie alles viel saftiger und natürlich auch ungeschützter vortragen als wir und sich darum beständig als Antinomisten verklagen lassen müssen. […]

Sie können scheinbar alle ausgezeichnet reden, wobei sie mit mächtigen Sensenhieben vorgehen, aber (in Deutschlands Theologie eine hohe Seltenheit!) auch lachen, sind ganz unliteratenhaft und unästhetenhaft, einfach den Mund auftuende Pfarrer, kurzum es lebe die Grafschaft Bentheim, sie ist wirklich einer Monographie nicht unwürdig, in der Geographie des Reiches Gottes vielleicht ein viel beachtlicherer Ort als etwa – sagen wir Basel!

(Karl Barth, Gesamtausgabe. Karl Barth – Eduard Thurneysen. Briefwechsel Band 2, 1921-1930, Zürich 1974, 110-113.)

 

Folie: Beamer: Karte Grafschaft Bentheim

Fläche und Bevölkerungszahlen

In der Grafschaft Bentheim lebten Ende 2002 rund 132.000 Einwohner auf einer Fläche von fast 1.000 Quadratkilometern. (Das sind rund 130 Einwohner pro Quadratkilometer.)

Die Grafschaft liegt ungefähr mitten zwischen den beiden Städten Emden und Münster und erstreckt sich etwa 50 bis 60 km von Norden nach Süden sowie 20 bis 25 km von Osten nach Westen. Ihr nördlicher Teil, die sog. Niedergrafschaft ragt zum größten Teil wie eine Nase in die Niederlande.

Dieser nördliche Teil, die Niedergrafschaft hatte Jahrhunderte lang enge Bindungen an das katholische Bistum Utrecht in den Niederlanden, während die Obergrafschaft, der südliche Teil ab Nordhorn eng verbunden war mit dem Bistum Münster. Die Grenze der beiden Bistümer verlief also mitten durch die Grafschaft.

Der nördliche Teil, die Niedergrafschaft ist nach wie vor stark landwirtschaftlich geprägt, obwohl nur noch schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig ist. In der Grafschaft gibt es vier Städte, drei in der Obergrafschaft: Nordhorn, Schüttorf und Bentheim, sowie Neuenhaus in der Niedergrafschaft. Alle vier haben Stadtrechte schätzungsweise aus der Zeit von 1300 bis 1500.

Nordhorn hat heute über 50.000 Einwohner, Schüttorf und Bad Bentheim je 15.000 und Neuenhaus 10.000. Dreiviertel der Bevölkerung lebt also in den vier genannten Städten. Die Gesamtbevölkerung wächst mit etwas weniger einem Prozent pro Jahr.

Der nördliche Teil, die Niedergrafschaft hat sich politisch in drei großflächigen Samtgemeinden organisiert: Uelsen, Neuenhaus und Emlichheim. Daneben gibt es ganz im Osten die Gemeinde Wietmarschen, die überwiegend katholisch ist. In der Mittel- und Obergrafschaft gibt es neben den Städten Nordhorn und Bad Bentheim nur noch die Samtgemeinde Schüttorf.

Zur Samtgemeinde Emlichheim gehören die Orte Ringe mit 2.000 Einwohnern, (dazu gehört auch Neugnadenfeld); Hoogstede, wo ich lebe mit fast 3.000 Einwohnern, Laar mit 2.000 und Emlichheim mit fast 7.000 Einwohnern.

 

Vier Kirchen in vielen Orten

In Emlichheim und Hoogstede gibt es jeweils vier Kirchen, in Laar drei. In vielen Orten der Grafschaft finden sich jeweils drei oder vier Kirchengebäude: eine reformierte, eine altreformierte, eine katholische und eine lutherische. Viele Orte mit 2.000 oder 3.000 Einwohnern haben drei oder vier Kirchen. Neugnadenfeld ist in der Niedergrafschaft neben Georgsdorf der einzige Ort mit nur einer Kirche.

 

Konfessionen in der Grafschaft

Von den 132,254 Einwohnern der Grafschaft Bentheim gehören Ende 2002 rund 50.004 zur Ev.-reformierten Kirche, rund 20.556 zur Ev.-luth. Kirche, knapp 6.000 zur Ev.-altreformierten Kirche, rund 30.000 zur Röm.-katholischen Kirche und jeweils rund 500 zur Herrenhuter Gemeinde Neugnadenfeld und zur Ev.-freikirchlichen Gemeinde Nordhorn, die man landläufig als Baptisten bezeichnet.

In den letzten zehn Jahren ist eine Freie evangelische Gemeinde in Veldhausen (Tel. 41-47 29) entstanden, die erste im Landkreis. Daneben gibt es kleine Gruppen freier Gemeinden und religiöser Gemeinschaften wie etwa die „Freie Christengemeinde e.V. (Lange Straße 3, Tel. 41 39), die Gemeinde „Der Leuchter“, die Evangelisch-freie Gemeinde (Suddenweg 223) (T. 42-1482) und andere, die insgesamt zahlenmäßig kaum ins Gewicht fallen. Man begegnet ihnen auch nicht im ökumenischen Gespräch. Sie leben für sich. Das gilt auch für einige Gruppierungen von Orthodoxen Kirchen, die als Hausgemeinden zusammenkommen.

Viele „Russlanddeutsche“ haben sich in einer eigenen „Evangelium Christen Gemeinde“ als eingetragener Verein in Nordhorn organisiert (Tannenstraße 51, Tel. 7 48 56). Ihre Gottesdienste sind sehr gut besucht. Am ökumenischen Gespräch beteiligen sie sich (noch) nicht.

 

Einwohner, Größe und Konfession der Grafschaft

1532 hatte die Grafschaft 5.400 Einwohner, wobei die unter 12-jährigen nicht mitgezählt waren, (weil sie keine Steuern zahlten).[1] Ende 2002 waren es 132.254.

Rund 45 Prozent dieser Einwohner sind evangelisch-reformierter Konfession, fünf Prozent sind evangelisch-altreformiert. Die beiden reformierten Kirchen machen heute also die Hälfte der Bevölkerung aus. Das war nicht immer so. (Siehe Kirchenstammbaum etwas weiter unten).

15.5 Prozent (20.556) sind heute lutherischen Glaubens, 23% (30.048) katholischen Glaubens.

Es gibt in der gesamten Grafschaft 13 selbständige Katholische Kirchengemeinden mit insgesamt 18 Kirchengebäuden. Diese Gemeinden sind in sechs Gemeindeverbünde aufgeteilt, wobei einige der sechs katholischen Pfarrer mehrere Gemeinden bzw. einen Gemeindeverbund leiten. Es sind dies im Dekanat Grafschaft Bentheim die Gemeindeverbünde Obergrafschaft, Neuenhaus, Niedergrafschaft, Wietmarschen sowie Nordhorn Nord und Nordhorn Süd.

In der reformierten Grafschaft hat es immer einige wenige katholische Christen gegeben. Die Dörfer Wietmarschen und Engden blieben katholisch. 1613 wurde den katholischen Einwohnern die Ausübung ihres Gottesdienstes an bestimmten Orten gestattet. 1629 allerdings starb in der Stadt Neuenhaus z.B. die letzte ortsansässige Katholikin. Erst seit rund 1850 wurden mehr und mehr katholische Kirchen gebaut, etwa in Hoogstede, Laar, Emlichheim und Neuenhaus. Das jüngste katholische Kirchengebäude wurde 1978 in Uelsen von einem altreformierten Architekten errichtet.

In der gesamten Grafschaft gibt es heute neun lutherische Gemeinden und zwar in Bentheim/Gildehaus, Schüttorf, Neuenhaus/Uelsen, Emlichheim, Veldhausen/Füchtenfeld, Emlichheim, Hoogstede sowie drei Gemeinden in Nordhorn. Die erste lutherische Kirche wurde 1912 in Bad Bentheim errichtet, Nordhorn folgte 1930. Alle anderen Kirchengebäude der Ev.-lutherischen Kirche in der Grafschaft sind in den 1950ern und Anfang der 1960er Jahre gebaut. Es gab immer einige wenige preußische Verwaltungsbeamte in der Grafschaft, die von auswärts betreut wurden. 1905 zählte man 1.000 Lutheraner in der Grafschaft, 1930 etwa 4.000 und 1950 fast 22.000.

Durch den Zuzug der Flüchtlingsströme nach dem Zweiten Weltkrieg haben sich die konfessionellen Verhältnisse in der Grafschaft einschneidend verändert. Neben den reformierten und altreformierten Gemeinden kamen nun auch die katholischen und vielfach neu gegründeten lutherischen Gemeinden in den Blick. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind in vielen Grafschafter Dörfern und Städten neue lutherische und katholische Gemeinden entstanden, teilweise auch ganz neue Dörfer wie z.B. Neugnadenfeld oder Füchtenfeld.

Wie unterschiedlich die Konfessionen verteilt sind, möge aus den aktuellen Angaben der Samtgemeinde Emlichheim ersichtlich sein. Dort sind fast 50 Prozent der Einwohner reformiert, etwas über 17% sind altreformiert, 17 % katholisch und 12% lutherisch. Dann bleiben für die Samtgemeinde Emlichheim vier Prozent für die Herrnhuter Brüdergemeinde, Konfessionslose und Anhänger anderer Religionen.

Im Bereich der Samtgemeinde Emlichheim gibt es einzelne kleine Orte und Ortsteile, wo bis zu fünfzig Prozent der Einwohner zur Ev.-altreformierten Kirche gehören, in der gesamten Obergrafschaft liegt der Anteil der Altreformierten unter einem Prozent.

 

Zahlen und Prozentpunkte aus der Graphik:

1888 zählte die Grafschaft Bentheim 20.501 Einwohner, davon waren 17% oder 3.477 römisch-katholisch, 2,6% oder 523 waren lutherisch, 15.146 oder 73.9% waren reformiert und 1222 oder 6% waren altreformiert. Unter „Sonstige“ liefen 0,5% der Bevölkerung oder 133 Personen.

1987 haben sich die Verhältnisse u.a. durch die Zuwanderung nach dem Zweiten Weltkrieg erheblich verschoben. 1987 zählte die Grafschaft Bentheim 116.000 Einwohner. Davon stehen 29,6% oder 34.540 als römisch-katholisch zu Buche. 20.093 oder 17.2% gelten als lutherisch, 53.000 oder 45.5% sind reformiert gemeldet und die Altreformierten zählen 5.843 Personen oder 5% der Bevölkerung. Herrnhuter (500 Personen) und Baptisten (466 Personen) haben eine Anteil von jeweils 0.4% und zu den „Sonstigen“ (einschließlich Konfessionslose oder Anhänger anderer Religionen) zählen 1371 Personen, oder 2% der Einwohner.

 

Zwei reformierte Kirchen

Die Grafschaft Bentheim besitzt eine ganz eigene und lange Zeit eigenständige politische und kirchliche Geschichte, die diesen Landstrich beidseitig der Vechte geprägt hat. Die Vechte entspringt im Westfälischen. Sie fließt von Süd nach Nord durch die Grafschaft und mündet bei Zwolle in den Niederlanden in der IJssel im IIsselmeer. Sie war bis Nordhorn schiffbar und Jahrhunderte lang die Autobahn der Grafschaft. Sie bildete den Hauptwirtschaftsweg in die Niederlande etwa zum Transport des berühmten Bentheimer Sandsteins.

Zu den Eigenheiten dieser Grafschaft gehören zwei reformierten Kirchen, die Evangelisch-reformierte Kirche, gegründet im Jahre 1588, und die Evangelisch-altreformierte Kirch genau 250 Jahre später gegründet, aus dem Jahre 1838.

Merkwürdig im wörtlichen Sinn ist: Die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen ist die jüngere Kirche, eine sog. konfessionelle Freikirche die vor allem zwischen 1838 und 1860 entstanden ist und heute insgesamt rund 7000 Gemeindeglieder in 14 Gemeinden zählt. Es gibt daneben in Deutschland noch zwei weitere altkonfessionelle Kirchen, die Altkatholische Kirche und die Altlutherische Kirche, die sich heute Selbständig Evangelisch Lutherische Kirche (SELK), nennt. Den konfessionellen Freikirchen war und ist es weniger um Evangelisation und die Gründung neuer Gemeinden zu tun. Sie sind entstanden, um ihre jeweilige Mutterkirche wieder herzustellen nach der alten Ordnung. Daher kommt der Name „Altreformiert“. Man wollte reformiert sein, wie die Alten es gewesen waren.

Die Evangelisch-reformierte Kirche (Synoden reformierter Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland), so der offizielle Name, ist eine von 23 evangelischen Landeskirchen, die gemeinsam die EKD bilden, die Evangelische Kirche in Deutschland. Auch die ERK ist eine verhältnismäßig kleine Kirche mit rund 190.000 Gemeindegliedern in 150 Gemeinden in Deutschland. 15 ihrer Gemeinden und mehr als ein Viertel ihrer Gemeindeglieder finden sich in der Grafschaft Bentheim. 1988 feierte die Evangelisch-reformierte Kirche der Grafschaft Bentheim ihr 400 jähriges Bestehen und die Evangelisch-altreformierte Kirche der Grafschaft ihr 150 jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass sind zwei Bücher erschienen, die noch zu erwerben sind: „400 Jahre reformiertes Bekenntnis in der Grafschaft Bentheim“ sowie „Umkehr und Erneuerung. Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen 1838-1988“.

Die Evangelisch-altreformierte Kirche zählt heute in der Grafschaft rund 6.000 Glieder in acht Gemeinden. Etwa in der Hälfte der reformierten Kirchspiele hat sich seit 1838 eine altreformierte Gemeinde gebildet. Dies geschah vor allem in der nördlichen Niedergrafschaft mit ihren engen Beziehungen zu den Niederlanden. Fünf altreformierte Gemeinden entstanden zwischen 1838 und 1849 in Uelsen, Bad Bentheim, Veldhausen, Wilsum und Emlichheim. Die Mitglieder der 1845 gegründeten Gemeinde Hoogstede wanderten praktisch vollständig 1847 aus in die USA. 1886. Es folgten altreformierte Gemeindegründungen 1886 in Laar, 1911 in Nordhorn und 1953 in Hoogstede, die alle aus altreformierten Muttergemeinden entstanden sind.

 

Reformiert geprägt

Um 700 wurde die Grafschaft christianisiert. Die ältesten Teile der großen Kirchen aus Bentheimer Sandstein stammen aus dem 11. bis 13. Jahrhundert. Sie waren ursprünglich katholische Kirchen, wurden 1544 mit dem Grafen von Bentheim lutherisch und 1588 reformiert.

Heinrich Frese schreibt im Vorwort des genannten reformierten Jubiläumsbandes von 1988: “Die Grafschaft Bentheim ist durch Jahrhunderte durch das reformierte Bekenntnis geprägt worden. Insofern ist das Jahr 1588 nicht nur für reformierte Christen ein wichtiges Jahr, sondern markiert ein für die Geschichte dieses Raumes entscheidendes Datum.
1544 war die Grafschaft evangelisch-lutherisch geworden. Römisch-katholische Gemeinden und Klöster blieben, wenn auch in kleiner Zahl erhalten. 1588 fand keine zweite Reformation statt. Auf Betreiben des Grafen wurde die bestehende evangelisch Kirche nach reformierten Grundsätzen neu geordnet. In Tecklenburg wurde eine Kirchenordnung erlassen. Ihr folgte einige Jahre später die Bentheimische Kirchenordnung, die bis 1970 gültig war. ...
Diese Kirchenordnung prägte das Leben der Grafschaft Bentheim. Lehrpredigt (Katechismus-Gottesdienst, gjb), hohes Konfirmationsalter und regelmäßiger Hausbesuch der Pastoren (sowie ein fast ausschließlicher Psalmengesang, gjb) waren typisch für die reformierten Gemeinden. Im Jahre 1882 verlor die Reformierte Kirche (der Grafschaft Bentheim) ihre Selbständigkeit und wurde ein Bezirkskirchenverband der neu entstandenen Evangelisch-reformierten Kirche der Provinz Hannover.“

Fast 400 Jahre lang war die reformierte Kirche der Grafschaft Bentheim mehr oder weniger selbständig. Sie regelte ihr Leben, sie regelte auch Schulwesen, Ehegesetzgebung, Konfirmandenunterricht und das gesamte kirchliche Leben selbständig.

Eine enge Verbindung zwischen kirchlichen und weltlichen Würdenträgern und Amtsinhabern ist in so einer Situation unvermeidlich. Und die Monokultur, auch die religiöse Monokultur – laugt den Boden aus und gibt fremden Pflanzen wenig Raum.

 

Zunahme des niederländischen Einflusses

Der niederländische Einfluss nahm besonders im westlichen Niedersachsen, hier in der Grafschaft Bentheim und weiter im Norden in Ostfriesland erheblich zu. Die reformatorische Entwicklung verlief hier und in den Niederlanden seit ca. 1520 zeitlich parallel und in enger Wechselwirkung. Nachhaltig wirkte ab Mitte des 16. Jh. der Calvinismus, besonders, als er zur Ideologie des niederländischen Aufstandes gegen Spanien wurde. Das westliche Niedersachsen wurde militärisch, politisch und konfessionell unmittelbar in die Auseinandersetzung einbezogen. Während der Herrschaft des Herzog Alba (1567 – 1573) flüchteten Tausende Niederländer aus Glaubensgründen z.B. nach Emden, das durch die Immigranten und die Blockade niederländischer Häfen einen rasanten wirtschaftlichen Aufschwung nahm und für kurze Zeit der schiffreichste Hafen Europas wurde. Emden wurde in den 60er und 70er Jahren des 16. Jh. das unumstrittene religiös-politische Zentrum des niederländisch-calvinistischen Exils. 1571 fand in Emden jene Synode statt, auf der sich die niederländischen Calvinisten eine gemeinsame konfessionelle Grundlage mit den Lehrsätzen des Guido de Bres (Guy de Bray) gaben. (Niederländisches Glaubensbekenntnis oder Confession Belgica, ursprünglich schon 1559 in französischer, 1562 in niederländischer Sprache, evtl. sogar in Emden übersetzt. Der Verfasser starb 1567 in Valenciennes den Märtyrertod.) Die Synoden von Emden 1571 und Dordrecht 1574 beschlossen, alle niederländischen Prediger müssten dieses Bekenntnis unterzeichnen.[2] So geschah es auch in den reformierten Gemeinden der Grafschaft und – in abgeschwächter Form – unterzeichneten altreformierte Älteste, DiakonInnen und PastorInnen ihre Übereinstimmung mit dem Bekennen der Kirche noch bis zur Gründung der Protestantischen Kirche in den Niederlanden im Mai 2004.

Nachdem sich die niederländische Republik 1588 konsolidiert hatte, wirkte sie ihrerseits entscheidend auf ihre östlichen Nachbarn in Ostfriesland und der Grafschaft Bentheim ein. In diesem Jahr 1588 wurde der Graf von Bentheim und bis auf wenige Ausnahmen seine ganze Grafschaft reformiert. (Katholisch blieben Kloster und Wallfahrtsort Wietmarschen, Kloster Frenswegen, Süsternkloster Schüttorf (später Hohe Schule) sowie die Orte Engden, Drievorden und Wietmarschen.)

Die Grafschaft Lingen wurde unmittelbar in den niederländischen Aufstand einbezogen. 1555 gelangte sie mit den Niederlanden an Spanien, war dann jahrzehntelang umkämpft, bevor sie 1632 endgültig zum Hause Oranien kam. Trotz massiver Calvinisierungsmaßnahmen, zu denen auch die Universitätsgründung in Lingen 1697 zählte, blieb die Bevölkerung katholisch.

Die Grafschaft Bentheim und ihre reformierte Bevölkerung wohnte und blieb nahe an den Niederlanden. Man sprach und lernte von 1700 bis mindesten 1850 und vielfach bis 1900 und auch noch danach Niederländisch. Ich zitiere noch einmal eine Broschüre des Landkreises:

„Mit dem Wiener Kongress 1815 wurde die Eingliederung der Grafschaft in das Königreich Hannover beschlossen, mit der Annektion von Preußen (1866/71) wurde sie zum westlichsten Teil dieses Königreiches. Die Anbindung an ein modernes Eisenbahnnetz von Amsterdam nach Berlin und ein großzügig realisiertes Kanalbauprogramm ermöglichten das Aufblühen der seit Mitte des 19. Jahrhunderts hier beheimateten Textilindustrie mit Zentrum in Nordhorn. Am 1. April 1885 trat die Kreisordnung für die preußische Provinz Hannover in Kraft, die Geburtsstunde des heutigen Landkreises Grafschaft Bentheim. Trotz der engen Einbindung in den überregional politischen Rahmen ist die Eigenständigkeit der Grafschaft als gewachsene landschaftliche und kulturelle Einheit bis heute gewahrt geblieben.“ 

Kurz vor 1900 wurde der Coevorden – Piccardie Kanal gegraben, der die Grafschaft mit den Niederlanden verbindet und für die Erschließung und Entwässerung der Moorgebiete auch um Neugnadenfeld von unschätzbarem Wert war. Ebenso durchzieht seit kurz vor 1900 eine Süd-Nord Eisenbahn die gesamte Grafschaft, mit Anschluss im Norden an das niederländische und im Süden an das deutsche Schienennetz.

 Evangelisch-reformierte Kirche

Ich möchte ein wenig darlegen, was überhaupt „reformiert“ ist. Die Evangelisch-reformierte Kirche (Synode ev.-ref. Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland) (ERK) zählt heute rund 190.000 Gemeindeglieder in 150 Gemeinden. Ein Viertel dieser Reformierten lebt in der Grafschaft Bentheim. Die Gemeinden sind in elf Synodalverbände aufgeteilt, die Synodalverbände eins bis fünf liegen im westlichen Ostfriesland, den sechsten Synodalverband bildet die Grafschaft Bentheim mit 15 Gemeinden, den siebten Synodalverband bildet die Region Emsland/Osnabrück mit zehn Gemeinden, die Verbände acht um Hamburg, Bremen, neun ist Plesse und zehn um Hannover Hameln, Celle zählen insgesamt 26 Gemeinden und schließlich gibt es die „elfte Provinz“, 13 Gemeinden in Bayern, die 1988 zur Ev.-ref. Kirche dazu gestoßen sind.

Von den 23 deutschen Landeskirchen in der EKD (Evangelische Kirche Deutschlands) sind gerade einmal zwei reformiert oder überwiegend reformiert. Neben der gerade genannten ERK ist das die Lippische Landeskirche, die ebenfalls rund 200.000 reformierte Glieder hat. Daneben gibt es im Rheinland und in Westfalen eine Reihe reformiert geprägter Gemeinden, aber sie gehören heute zu unierten, also vereinten Kirchen. Die Union zwischen Lutheranern und Reformierten wurde ja in vielen Ländern im 19. Jahrhundert teilweise „von höchster Stelle“ durch Staatsgesetz gefordert und gefördert.

Sie spielt hier in der Grafschaft Bentheim keine Rolle. Hier gab es praktisch keine Lutheraner. Aber ein Erwachen und Erstarken des reformierten Gedankens und der reformierten Konfession ereignet sich auch mit der Entstehung altreformierter Gemeinden 1838 bis 1860 vor dem Hintergrund staatlich erzwungener oder geförderter Unionsbestrebungen.

Nebenher bemerkt: Alle Flüchtlinge, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Osten kamen und auch in die Grafschaft strömten, waren nur „evangelisch“. Sie konnten nicht sagen, ob sie reformiert oder lutherisch waren. Sie waren nur evangelisch. Und jetzt dürfen mir Lutheraner und Katholiken unter Ihnen sagen, wie Sie im Einwohnermeldeamt 1945, 1946 die Evangelischen gerecht auf reformierte oder lutherische Kirchen aufteilen. Wie bekommen Sie die Schäfchen in den richtigen Stall?

Das war ganz einfach! Sie fragen die evangelischen Christen, wie denn bei ihnen das Gebet das Herrn anfängt? Fängt jemand an: „Unser Vater“ – schon klar: reformiert. Sagt jemand: „Vater unser“ – auch klar: lutherisch. Wenn das irgendwie nicht funktionierte, fragten die Beamten auf dem Einwohnermeldeamt nach dem 4. Gebot. 4. Gebot: Vater und Mutter ehren: lutherischer Karteikasten, 4. Gebot den Feiertag heiligen, reformierter Karteikasten! So einfach war das!

 Was ist reformiert?

Aber das ist es nicht, was „reformiert“ ausmacht. Schon eher die Bedeutung des zweiten Gebotes, des Bilderverbotes.

Reformierte Christen sind geprägt vom Wort, von der Bibel und der Predigt. Sie verwerfen alle Bilder und Heiligenfiguren in den Kirchen. Sie zeichnen kein Kreuz auf Stirn oder Brust.

Das bedeutete für die alten katholischen Kirchen in der Grafschaft Bentheim in  der Zeit um 1544 oder 1588: Die Altäre verschwanden, im Chorraum oder an einer Längsseite bildet die Predigtkanzel den zentralen Mittelpunkt der Kirche. Bilder wurden übermalt. Die Überreste sind erst rund 400 Jahre später, also vor einigen Jahren oder Jahrzehnten wieder frei gelegt, z.B. in der Alten Kirche am Markt in Nordhorn.

Reformierte sind geprägt von Johannes Calvin oder Jean Cauvin, einem Franzosen. Deswegen spricht man vom Calvinismus. Calvin lebte 1509-1564. Er arbeitete vor allem in Frankreich und der Schweiz, besonders in der Stadt Genf. Reformierte liebten und lieben den Psalmengesang. Sie kennen viele bereimte biblische Psalmen ganz oder teilweise auswendig. Reformierte und Altreformierte haben als einzige in Deutschland im Evangelischen Gesangbuch (jetzige Ausgabe von 1996) vorweg die 150 Psalmen eingebunden. Im Durchschnitt besteht die  Hälfte der Lieder in einem reformierten oder altreformierten Gottesdienst aus den bereimten Psalmen.

Reformierte sind politisch aktiv, etwa in der Friedensbewegung oder der Bewahrung der Schöpfung. Sie sind in der Leitung flexibel. Sie kennen keine Bischöfe oder Päpste, sondern Synoden, also Versammlungen von Abgeordneten aus den Kirchenräten, die jährlich oder halbjährlich national oder international zusammentreten. Sie kennen zwei oder drei Ämter in den Kirchen. Diese Ämter sind alle gleichwertig und gleichrangig und im Kirchenrat vertreten, nämlich Älteste, Prediger und oft auch Diakone. Alle drei Ämter werden seit etwa 1970 in reformierter und altreformierter Kirche mit Männern und Frauen besetzt.

Reformierte Christen sind fast weltweit geprägt vom Heidelberger Katechismus von 1563. Er behandelt in 129 Fragen und Antworten nach einer kurzen biblischen Einführung das Apostololische Glaubensbekenntnis, die beiden reformierten Sakramente Taufe und Abendmahl, die Zehn Gebote und das Unser Vater Gebet. In vielen reformierten Kirchen wird der Heidelberger bis heute regelmäßig in den Sonntagsgottesdiensten verlesen und ausgelegt.

Kennzeichnend für Reformierte ist allerdings, dass sie im Gegensatz zu den Lutheranern kein weltweit verbindliches Bekenntnis haben und keine einheitliche feste Struktur. Es gibt in Ungarn und Rumänien sogar Reformierte mit einem Bischof

 

Evangelisch-altreformiert

Reformierte sind in Deutschland recht unbekannt. Deutschland ist das Land Luthers und nicht das Land Calvins. Altreformierte sind für viele etwas noch Exotischeres, wenn man überhaupt je von ihnen gehört hat.

Es gibt in Deutschland nur die acht altreformierten Gemeinden in der Grafschaft Bentheim sowie fünf kleine Gemeinden mit insgesamt 1000 Gliedern in Ostfriesland. Seit 1983 gehört auch die Niederländisch-reformierte Gemeinde Wuppertal, die Gemeinde von Hermann Friedrich Kohlbrügge, zur Evangelisch-altreformierten Kirche.

Die ersten drei Altreformierten wurden Ende 1837 aus der reformierten Gemeinde Uelsen ausgeschlossen. Sie wehrten sich vehement gegen eine oberflächliche, aufklärerische Predigt und gegen die Nichteinhaltung der reformierten Bentheimer Kirchenordnung. Sie wollten die Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführten Gesänge nicht singen, nur die Psalmen waren ihnen recht. Sie waren mit der Einführung des Katechismus von Katerberg nicht einverstanden, der in den reformierten Gemeinden einige Jahrzehnte lang den Heidelberger Katechismus verdrängte.

Spätere Altreformierte hatten sich auch schon zuvor in Versammlungen den Bauernschaften in den Schulen und Privathäusern getroffen und Laienprediger aus ihrem Dorf oder der Umgebung gehört. Diese erbaulichen Versammlungen waren vielen Predigern ein Dorn im Auge und oft eine Konkurrenz. Der reformierte Oberkirchenrat versuchte sie schon seit rund 1830 erfolglos einzudämmen. Aber je mehr er dagegen anging, desto stärker wurden die Konventikel.

Die in Uelsen Ausgeschlossenen sollten wohl nur diszipliniert und zur Unterwerfung unter den Ortskirchenrat gebracht werden. Wohl niemand hätte sich dabei träumen lassen, dass dadurch eine neue Kirche entstehen würde. Die Pfarrer der Gemeinde waren wohl auch nicht informiert über die vielfältigen Kontakte der beunruhigten und klagenden Gemeindeglieder zu den Pastoren und Predigern der 1834 von Pastor Hendrik de Cock und anderen neu gegründeten Christlich Abgeschiedenen Gereformeerden Kirche in den Niederlanden.

Die Uelsener fragten in den Niederlanden um Rat und Hilfe. Sie wählten einen ersten Kirchenrat mit zwei Ältesten und zwei Diakonen, die am 1.1.1838 in Itterbeck, auf halbem Wege zwischen Uelsen und der niederländischen Grenze, von dem niederländischen Pastoren Albertus van Raalte in ihre Ämter eingeführt wurden. Damit vollzog er die Gründung der heutigen Evangelisch-altreformierten Kirche.

 

Altreformierte Beziehungen in die Niederlande

Ausländische Prediger wurden 1838 bis 1848, teilweise sogar bis 1866 des Landes verwiesen, einheimische Laienprediger und Teilnehmer an den verbotenen religiösen Versammlungen wurden von 1838  bis 1848 mit Geld- und Gefängnisstrafen belegt.

Praktisch alle Mitglieder der 1845 neu gegründeten altreformierten Gemeinde Hoogstede wanderten aus diesem Grund 1847 in die USA aus. Sie gründeten dort u.a. den Ort Graafschap südlich von Holland, Michigan.

In der Grafschaft Bentheim konnten die Altreformierten erst nach den Freiheiten des Jahres 1848 ihre ersten beiden Prediger offiziell in ihr Amt einsetzen. Die altreformierten Pastoren sorgten selbst für die Ausbildung des theologischen Nachwuchses. Viele altreformierte Pastoren verzogen auch in die Niederlande. 1881 wurde ein Dozent berufen und eine kleine Theologische Schule gegründet, die bis etwa 1915 in Emden funktionierte.

Von 1923 bis zum 1. Mai 2004 gehörte die Evangelisch-altreformierte Kirche als eine Partikular- oder Provinzialsynode den Gereformeerde Kerken in Nederland an. In der Ausbildung von Theologen, in der Missionsarbeit und der gesamten kirchlichen Organisation schloss man sich so eng wie möglich an diese Kirchen an. Ihre niederländische Kirchenordnung galt auch bei den Altreformierten, die ihrerseits mit zwei bis drei Abgeordneten stimmberechtigte Mitglieder der  rund siebzigköpfigen niederländischen Generalsynode waren.

Mit der Gründung der Protestantischen Kirche der Niederlande aus den ehemaligen reformierten, altreformierten und lutherischen Kirchen der Niederlande endete diese enge Bindung. In Zukunft hat die Evangelisch-altreformierte Kirche ein Assoziation mit der Protestantischen Kirche der Niederlande. Vereinbart wurde eine weitere Zusammenarbeit auf den Gebieten der Mission, der Ausbildung und der Versicherungen.

Die Evangelisch-altreformierte Kirche hat schon 2003 eine neue Verfassung und neue Geschäftsordnungen verabschiedet, die sich eng an diejenigen der Evangelisch-reformierten Kirche anlehnen.

Zum 400-jährigen Jubiläum der reformierten und zum 150-jährigen Jubiläum der altreformierten Kirche hat der Landeskirchenvorstand der Ev.-reformierten Kirche öffentlich die Trennung beider Kirchen bedauert und die Schuld der eigenen Kirche darin ausgesprochen. Die Evangelisch-altreformierte Synode hat im November 1988 ein ähnliches Wort veröffentlicht. Seitdem arbeitet ein Gemeinsamer Ausschuss aus beiden Kirchen daran, die Gemeinsamkeiten beider Kirchen zu stärken und Wege zu einander zu ebnen und zu fördern. Die Gesprächsergebnisse sind 1994 und 2000 in zwei Heften „Reformiert-altreformierte Gespräche“ veröffentlicht worden.

In der Lehre von der Kirche, in Predigt und Theologie gibt es keine Unterschiede mehr zwischen den beiden Kirchen, wohl noch in der Organisation und der Praxis des täglichen und gemeindlichen Lebens. Anders als in den Niederlanden, wo es praktisch nur Freikirchen gibt, ist die engere Beziehung zwischen einer Landes- und einer Freikirche mit vielen praktischen Problemen gespickt.

Theologisch müsste zum Beispiel der Übergang oder die Berufung eines Pastors in die jeweils andere Kirche ohne Probleme möglich sein. Die rechtliche Stellung der Pastoren in den beiden Kirchen macht ihn indessen äußerst schwierig. Ein anderes Beispiel mag die Kirchensteuer sein. Die kleinen altreformierten Gemeinden, mit einer durchschnittlichen Gemeindegröße von 500 Gliedern, kommen in keinerlei Weise mit dem volkskirchlichen  Kirchensteuersystem zurecht. Sie bringen erheblich größere finanzielle Opfer für die Arbeit von Kirche und weltweiter Diakonie als normale Kirchensteuerzahler.

 

Nachfolgende kursive Abschnitte nicht vorgetragen im Referat

Historischer Überblick Grafschaft Bentheim

Verzeihen Sie mir diesen kurzen Ausflug in die Theologie. Ich komme wieder zur Geschichte.

Für die Grafschaft Bentheim wurde 1613 ein sogenannter Oberkirchenrat eingerichtet, der aus drei Personen bestand. Aus dem Jahre 1617 stammen die sogenannten Zwölf Bentheimer Artikel oder das Bentheimer Glaubensbekenntnis[3]. Die Bentheimer Kirchenordnung wurde 1709 in niederländischer Sprache gedruckt – und galt bis rund 1965.[4]

Graf Ernst Wilhelm, ein Nachfahre des zum 1588 zum reformierten Glauben übergetretenen Grafen von Bentheim, kehrte 11.08.1668, also achtzig Jahre nach dem Konfessionswechsel der Grafschaft persönlich wieder in den Schoß der römisch-katholischen Kirche zurück. Er tat dies unter dem Druck des Fürstbischofs von Münster, Bernhard von Galen, der Coevorden belagerte und bis nach Groningen vorstieß. (Bommen Bernd). Die Grafschaft jedoch blieb reformiert. Dafür sorgte schlussendlich die Garantie des niederländischen Königshauses, mit dem ja das Grafenhaus von Bentheim auch verwandt war.

1701 schließlich kam der „Haager Vergleich“ zustande, ein in Den Haag geschlossener Vertrag, der die Erbfolgestreitigkeiten sowie die politischen und kirchlichen Fragen klärte und den Bestand der reformierten Grafschaft garantierte. 1704 wurde dieser Vertrag auch vom König von Preußen akzeptiert. Die kirchlichen Verhältnisse von 1624 wurden wieder hergestellt, der Oberkirchenrat wieder eingesetzt. Ein niederländischer Adliger wurde sein Vorsitzender und hatte Sitz und Stimme im Bentheimer Landtag.

Durch die kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Bischof von Münster und durch die westliche Schutzmacht der Niederlande bedingt, richtete die Grafschaft sich mehr und mehr auf die Niederlande. Die Kirchensprache wird nach 1700 niederländisch – und so bleibt es bis zwischen 1850 und 1900 in reformierten und sogar bis 1936 in altreformierten Gemeinden.[5] In meiner altreformierten Muttergemeinde Emlichheim gab es noch bis 1970 fast nur niederländische Predigten und Gesänge, sporadisch wird bis heute in Emlichheim noch ein niederländischer Gottesdienst gehalten – und es kommen auch dann 600, 700 oder 800 der 1500 bis 1600 Gemeindeglieder.

Seit 1752 war die Grafschaft wegen hoher Schulden an Hannover verpfändet. 1815 übernahm Hannover die Regierungsgewalt als Folge der Neuordnungen durch den Wiener Kongress. Mit Hannover kam die Grafschaft 1866 zum Norddeutschen Bund und nach dem Deutsch-französischen Krieg 1871 zu Preußen.

 

Kirchliche Unruhen 1815 – 1850 und ihre Folgen

Zwischen 1815 und 1850 brachten kirchliche Veränderungen große Unruhen mit sich. Die Laien erhoben sich in der reformierten Kirche. Sie hörten ihre Übenden, niederländisch die oefenaaren, manchmal lieber als ihre Pastoren. Diese Katecheten und Katechisationen gewannen an Bedeutung. In den Bauernschaften traten eigenständige selbst ernannte Prediger auf. Der Oberkirchenrat versuchte 1820 / 1830 dieses Konventikelwesen, die Zusammenkünfte, niederländisch „zamenkomsten“, in den Griff zu bekommen. Aber je mehr die reformierte Kirche sich  wehrte, desto stärker wurde diese Bewegung.

Die Laienbewegung wollte zurückkehren zur alten Lehre der Väter. Deswegen – „altreformiert“. Sie wollte von Gesängen und geistlichen Liedern nichts wissen, besonders dann nicht, wenn sie nur von Tugenden, von Blumen und Vögeln sangen und von Christus schwiegen. Die reformierten Gemeinden führten nach 1800 ein neues Lehrbuch[6] des christlichen Glauben ein, verfasst von Pastor  M. Ph. Katerberg (1755-1815 in Schüttorf). Die Konventikel wollen den Heidelberger Katechismus behalten. In den Schulen wurden neue Lehrbücher eingeführt, aber so die Beunruhigten: Diese Bücher enthalten nichts Göttliches, sondern nur Vogelverse. Von einem reformierten Pastor (in Laar) äußerten sie, er sei ein Blümchenprediger. Er könne packend reden von den Blumen und Vögeln, aber kaum von Gott und Jesus Christus.

Bis 1874 mussten alle altreformierten Geburten in die reformierten Geburts- und Taufbücher verzeichnet werden. Danach übernahmen die staatlichen Behörden mit dem Standesamt diese Aufgabe. Für die Eintragungen in die reformierten Bücher sind wir Altreformierte heute sehr dankbar, denn die ersten Altreformierten führten zwar seit 1849 Protokollbücher in Kirchenräten und Synode, aber Gliederverzeichnisse wurden oftmals erst in den 1850ern eingerichtet. Sie sind und waren oft sehr unvollständig und abhängig von der Zuverlässigkeit der Ortspastoren.

Das ist in den reformierten Gemeinden nicht anders. Es ist mehr als auffällig dass in mehreren reformierten Gemeinden die Protokolle der Kirchenräte nicht in die Bücher eingetragen sind für die Jahre, in denen altreformierte Gemeinden entstanden.[7] Es waren Jahre, in denen es im kirchlichen Leben ein wenig drunter und drüber ging.

Im Mai 1845 wurden die ersten gewählten Ältesten und Diakone der beiden altreformierten Gemeinden Emlichheim und Hoogstede im niederländischen Coevorden in ihr Amt eingeführt. Sie wanderten bis auf eine Ausnahme alle im Frühjahr 1847 in die USA und gründeten dort Graafschap, Michigan. Sie waren auch maßgeblich beteiligt an der Gründung der altreformierten Kirche in den USA (Christian Reformed Church, 1857).

Aus den Grafschafter reformierten Taufbüchern kann man die ersten Mitgliederlisten der Altreformierten rekonstruieren, denn hier wurde etwa verzeichnet: „Heeft zijn kind niet laten dopen, omdat de ouders (vader, moeder) tot de Separatisten behoren“.

Bei den Trauungen ist das schwerer festzustellen. Bezeichnend ist, dass reformierte Predigerclassis und reformierter Oberkirchenrat um 1856 im Clinch lagen mit dem Ministerium der geistlichen und Unterrichtsangelegenheiten in Hannover über ein Glaubensbekenntnis, das die Reformierten der Grafschaft vor der Trauung von altreformierten Gemeindegliedern forderten. Es hieß darin, dass „ich Unterschriebener zur Zeit mich ... als außerhalb der reformirten Kirche der Grafschaft stehend, weder betrachten könne(n) noch wolle(n).“[8]

Das Ministerium, das zwischen Baptisten und Lutheranern kur zuvor ähnliche Probleme in anderen Landesteilen gehabt hatte, drohte mit einer staatlichen Trauung. Dann würden den Pastoren die finanziellen Einnahmen aus den Trauungen entgehen.

Jedenfalls gab es seit 1847/8 Versammlungsfreiheit, auch wenn niederländische Prediger noch bis 1860 des Landes verwiesen wurden. Die Heimlichkeiten hatten nach 1848 ein Ende. Es konnten zum ersten Mal überhaupt altreformierte Pastoren öffentlich in ihr Amt eingeführt oder Kinder getauft werden. Trauungen blieben bis 1873 verwehrt. Und staatliche Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts erhielten die altreformierten Gemeinden erst 1951!

Bis 1900 gab es noch die Politik der kleinen Nadelstiche. Reformierte Kirchenräte und Gemeinden wehrten sich gegen den Bau von altreformierten Kirchen mit Turm, gegen altreformiertes Glockengeläut oder gegen altreformierte Beerdigungen auf reformierten Friedhöfen. Über diese Fragen sind viele Gerichtsprozesse geführt worden.

 

Annäherungen Ref. –altref. nach 1950

1900 bis 1950 war Funkstille zwischen den beiden Kirchen. Es gab es keine verwandtschaftlichen Beziehungen mehr wie in den ersten Jahrzehnten. Es gab auch keine Übertrittswellen mehr, wie etwa noch um 1880/85 als die reformierte Kirche der Grafschaft 1882 Teil der Reformierten Kirche in Preußen wurde oder als vehement auf die Einführung der deutschen Sprache in reformierten Gemeinden gedrängt wurde.

Es sind also von 1870 bis 1900 durchaus Menschen altreformiert geworden, weil sie weiter niederländische Gottesdienste besuchen wollten oder weil sie von einer Verbindung mit Reformierten außerhalb der Grafschaft nichts wissen wollten. 1900 bis 1950 kam es kaum zu Kontakten oder Berührungen zwischen den beiden reformierten Kirchen der Grafschaft.

Ganz vereinzelt gab es nach 1900 Ehepartner, die aus der jeweils anderen Kirche stammten und ihr lebenslang weiter angehörten. So wurden auf Familienebene erste Beziehungen wieder geknüpft.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war alles anders. Die Welt war aus den Fugen geraten und die Kirchen schauten über ihre Grenzen hinaus. Vom ersten Pastor in Neugnadenfeld wird berichtet, er habe die Amtsbrüder aus den verschiedenen Konfessionen aus den umliegenden Dörfern einmal nach Neugnadenfeld eingeladen – und festgestellt dass einige von ihnen einander gar nicht kannten. Doch die Beziehungen verbesserten und entwickelten sich.

Am 31.11.1962 gab es in der Grafschaft Bentheim  in Uelsen den ersten gemeinsamen Reformationsgottesdienst von Reformierten, Altreformierten und Lutheranern. Willi Friedrich titelte in den GN „Zur Umkehr ist es noch nicht zu spät!“[9]

Zwischen 1960 und 1980 fangen reformierte und altreformierte Kirchenräte in den einzelnen Orten an, einmal im Jahr gemeinsam zu tagen. Seit 1970 haben Reformierte und Altreformierte wieder ein gemeinsames Gesangbuch. Im Stammteil, dem mittleren Teil, gilt dieses Buch wie auch sein Nachfolger von 1996 für alle deutschsprachigen evangelischen Gemeinden in Deutschland und darüber hinaus. Ein Anhang von rund 200 Liedern wird im Rheinland, in Westfalen und Lippe sowie bei Reformierten und Altreformierten gesungen. Und nur die beiden letzten Kirchen  haben die 150 bereimten Psalmen vorn in ihr Buch eingebunden.[10]

Reformierte und altreformierte Gemeinden kennen heute einen regelmäßigen Predigertausch. In den letzten Jahren gibt es einzelne Sonntage, an denen in der Hälfte der altreformierten Gemeinden reformierte Pastoren predigen.[11]

Mit allen anderen Kirchen vor Ort gibt es gemeinsame Bibelwochen und Evangelisationen, Passionsgottesdienste, Weltgebetstage der Frauen oder andere Angebote. Reformierte, Lutheraner und Altreformierte bilden den Verein „Evangelische Erwachsenenbildung Emsland / Bentheim. Im diakonischen Bereich und in den vielen diakonischen Einrichtungen gibt es völlige Übereinstimmung und weitest gehende Zusammenarbeit zwischen Reformierten und Altreformierten.

 

Reformiert – altreformierte Unterschiede und Gemeinsamkeiten

In Lehre und Predigt gibt es heute kaum Unterschiede zwischen Reformierten und Altreformierten, wohl aber in der gemeindlichen Praxis und Aktivität. Altreformierte sind trotz landeskirchlicher Strukturen freikirchlich geprägt. Sie kennen eine hohe Beteiligung der Gemeindeglieder am kirchlichen Leben. 50 bis 70 Prozent der Gemeindeglieder nehmen regelmäßig vier- bis achtmal im Jahr am Abendmahl teil. Viele sind jeden Sonntag sogar zweimal im Gottesdienst. Zur Freikirche gehört eine verbindliche Mitarbeit und auch finanzielle Unterstützung. Altreformierte fühlen sich noch immer verpflichtet, ihre Gemeinde zu stützen und zu tragen, und z.B. an den Gottesdiensten teilzunehmen.

Reformierte sehen Kirche und Gemeinde mehr als ein Angebot unter vielen, das man je nach Bedarf und Belieben annimmt. Der Gottesdienstbesuch liegt hier bei schätzungsweise rund 10%, das ist immer noch erheblich mehr als im Bundesdurchschnitt. Die Beteiligung an Wahlen variiert hier zwischen 30 und 60 Prozent.

Altreformierte genießen keine staatliche Förderung oder Unterstützung. Sie ziehen keine Kirchensteuer über das Finanzamt ein und kennen außer der halbjährlichen Synode keine gesamtkirchlich Einrichtung oder Leitung. Für das Einwohnermeldeamt und die Lohnsteuerkarte gelten sie als Konfessionslose.

Reformierte bezahlen ihre Kirchensteuer über das Finanzamt und ein Ortskirchgeld in den Gemeinden. Ein Gemeindewechsel wird wie in anderen Großkirchen über das Einwohnermeldeamt angezeigt. Die Kirchenleitung mit Sitz in Leer hat auch Einfluss in die Verhältnisse vor Ort. Die Gemeinden sind in ihrer Organisation mehr gesamtkirchliche ausgerichtet.

Vor Ort ist die Vielfalt in reformierten Gemeinden größer als in altreformierten. Reformierte Gemeinden vor Ort entscheiden z.B. selbst über ihre Gottesdienstordnung und sie hören sonntags außer den eigenen nur eine begrenzte Zahl von Predigern auf der Kanzel. Es gibt nach wie vor Gemeinden, die nicht die ökumenische Fassung des Apostolikums sprechen und es gibt vermutlich keine reformierte Kirche in der Grafschaft mit einem Kreuz im Innenraum.

Altreformierte Gemeinden sind etwas beweglicher. Sie singen alle in ihrer Liturgie jeden Sonntag Morgen das „Kleine Gloria“[12]. Sie hören oder sprechen im zweiten Gottesdienst fast jeden Sonntag die ökumenische Fassung des Apostolikum und singen mit Begeisterung neuzeitliche Lieder. In ihren Kirchen brennt hier und da jeden Sonntag eine Kerze oder im Gottesdienstraum finden sich Kreuz, Blumenschmuck oder andere Symbole. In den altreformierten Gemeinden gibt es viele Kreise, Gruppen, Chöre oder Vereine, Kindergottesdienst-, Jungschar- oder Jugendarbeit, die eigenständig funktionieren. In reformierten Gemeinden sind solche unabhängigen Vereine und Aktivitäten weniger zu finden.

Die Trennung der Konventikel zwischen 1840 und 1860, also die Entstehung der altreformierten Gemeinden, schürte in der Mutterkirche lange die Angst vor Kleingruppen und Kreisen innerhalb der Gemeinde. Seit 1900, durch den Einfluss der Kohlbrüggianer, änderte sich auch das. Die Kohlbrüggianer stammen aus der unabhängigen Niederländisch-reformierten Gemeinde Elberfeld, die 1847 von Hermann Friedrich Kohlbrügge gegründet wurde. Aus ihr gingen sehr viele Pastoren hervor, die nach 1900 verstärkt in die Grafschaft berufen wurden. Unter ihrer Predigt von der Verlorenheit des Sünders und der Kraft Gottes näherten sich Reformierte und Altreformierte einander an.

In den letzten 50 Jahren sind in allen altreformierten Gemeinden neue Kirchen gebaut worden, weil die alten zu klein geworden waren. In allen reformierten und altreformierten Gemeinden der Grafschaft sind Gemeindehäuser gebaut und vergrößert worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg sind neue lutherische, katholische, herrenhuter und baptistische Kirchen und Gemeindehäuser entstanden. Sie zeugen von einem regen kirchlichen Leben.

 

Herrnhuter Brüdergemeine

Ich will noch ein wenig nachtragen über die Herrnhuter Brüdergemeine Neugnadenfeld, auch wenn ich in diesem Kreis in der Gefahr stehe, Eulen nach Athen zu tragen. Wir wissen nach wie vor viel zu wenig von einander in den Kirchen und Gemeinden. Wer weiß denn in der Grafschaft schon, dass sechzig Prozent der ursprünglichen Einwohner von Neugnadenfeld aus Leonberg nordwestlich von Warschau stammen? Zehn Prozent kommen aus der Umgebung von Lodz. Dorthin sind ihre Vorfahren um 1800 herum von Württemberg aus eingewandert. Es sind also Schwaben, die ihr Deutschtum durch eineinhalb Jahrhunderte bewahrt haben. Die übrigen dreißig Prozent stammen aus West- und Ostpreußen, Posen, Pommern und ein ganz winziger Teil aus Schlesien.

Wer weiß schon dass die Herrnhuter in der Tat ein wenig zwischen der EKD und den Freikirchen stehen. Sie sind Gastmitglied der EKD an und gehören auch der VEF an, der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. Man kann gleichzeitig reformiert sein und Herrnhuter oder lutherisch und Herrnhuter. Diese Weite ist schon ganz einmalig.

Wer weiß schon, was in Paragraph 7 der Kirchenordnung der Brüderunität steht? Dort heißt es:

„Die Brüdergemeine erkennt den Mittelpunkt der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments im Zeugnis von dem für uns gekreuzigten und auferstandenen Herrn und stellt darüber hinaus keine Sonderlehren auf, d.h. also keine eigene, verbindliche Abendmahlslehre. Dabei will sie sich aber von der ganzen Heiligen Schrift in Glauben und Lehre unterweisen lassen.“

Wer weiß von dem geschichtlichen Hintergrund dieser Kirche? Er liegt schon in der Vor-Reformation im Anfang des 15. Jh. mit Johannes Huß, der 1415 auf dem Konstanzer Konzil verbrannt worden ist. Das Konzil zu Basel gestand 1433 den Böhmen den Laienkelch und die Predigt in der Landessprache zu.

Der 1. März 1457 gilt als Gründungsdatum der Brüderunität mit dem Einzug in Kunwald in Ostböhmen. Im Kontakt mit den Waldensern in Italien vollzog sich die „Kirchwerdung) ab 1467. Zur Zeit der größten Ausbreitung zählte die Brüderunität 70.000 Mitglieder.

Heute gibt es rund 7.000 Hernnhuter in der BRD, genauso viele wie Altreformierte.

Viel zu wenig ist bekannt, das Johann Amos Comenius Bischof der Brüdergemeine war.

Von Zinzendorf, Hof- und Justizrat in Dresden, und der Gründung von Herrnhut ab 1722 wissen wir in der Grafschaft nichts. Wie sagte er: „Die Kirche ist die beste, die den kürzesten Weg zum Heiland zeigt.“

Viel zu wenig ist den etablierten Kirchen bekannt, wie sehr gerade diese Herrnhuter Brüdergemeine um Zinsendorf ab 1732 Missionare aussendet für St. Thomas, nach Grönland, Nordschweden, nördliches Russland, Südafrika, oder Surinam im Norden von Südamerika.

1742 wurden die Herrnhuter als Kirche in Preußen anerkannt, 1749 in England als „Moravian Church“.

Viel zu wenig wissen wir hier in der Grafschaft über diese Kirche und ihre Strukturen, über ihre Provinzialsynoden und die Unitätssynode, und über den leeren Stuhl des Vorsitzenden – Jesus Christus.

Hier in der Gemeinde predigen Altreformierte, Reformierte und wohl auch Lutheraner, sei es auch nur sehr selten. Diese Weite findet sich in keiner anderen Kirche. Obwohl es die Abendmahls- und Kanzelgemeinschaft gibt zwischen etwa zwischen Lutheranern und Reformierten, wird sie hier nicht vollzogen. Reformierte und Altreformierte üben beides gerade in den letzten Jahren verstärkt.

In dieser Weite, mitten zwischen Frei- und Landeskirchen können die Herrnhuter in der Grafschaft ein Beispiel geben.

Ich denke, wie alle kleineren Kirchen leiden auch die Herrnhuter daran, dass sie nicht überall in allen kirchlichen Organisationen und Einrichtungen vertreten sein können.

Mit nur einer Gemeinde haben sie hier in der Grafschaft Bentheim ein großes Gewicht im kirchlichen Leben. Wir wollten sie nicht wieder missen.

 

Baptistengemeinde Nordhorn

Ich will auch ein wenig nachtragen zu den Baptisten, der Ev.-freikirchlichen Gemeinde Nordhorn.

Auch sie steht ja in einer sehr alten Tradition, in der Tradition der Täuferbewegung. Nach den Irrungen der (Wieder)Täuferbewegung um Münster in den 1530er Jahren wurde 1607 in Amsterdam die erste Baptistengemende gegründet.

1834, im selben Jahr als die erste altreformierte Gemeinde in den Niederlanden entstand, gründete Johann Gerhard Oncken (1800-1884) die erste deutsche Baptistengemeinde in Hamburg. Anders als bei Altreformierten oder Herrnhutern entfalteten die Baptisten schnell eine rege Reisetätigkeit. Sie zählen heute rund 70.000 – 80.000 Glieder in 6 bis 700 Gemeinden. Das Ausbildungsseminar dieser Kirche wurde vor wenigen Jahren von Hamburg nach Elstal bei Berlin verlegt.

Betont werden in einem Aufsatz über die Nordhorner Gemeinde die regelmäßigen Hausbesuche, die Leitung der Gemeinde durch einen Gemeindeältesten, der in der Regel nicht Pastor ist, das monatliche Abendmahl und die vielen Gemeindegruppen, die familiäre Vertrautheit und die Opferbereitschaft der Gemeinde.

Die Gemeinde in Nordhorn wurde 1910 gegründet und zwar parallel mit der altreformierten (1911). Innerhalb eines Jahres gab es zwei neue kleine Gemeinden in der Stadt, neben der großen reformierten Kirche und der katholischen Kirche. Eine lutherische Kirche gab es noch nicht. Die erste luth. Kirche der Grafschaft wurde 1912 in Bentheim gebaut.

Die Nordhorner Baptisten stammten aus reformiertem Haus. Sie haben jahrelang noch die Psalmen gesungen und ein eigenes reformiert geprägtes Bekenntnis gehabt. Heute arbeiten zwei Pastoren in dieser Gemeinde, die etwa 500 bis 800 Glieder zählt, je nachdem, ob sie ungetaufte Kinder und Besucher dazu rechnen oder nicht. Ganz vereinzelt wohnen Mitglieder dieser Gemeinde in der Niedergrafschaft, aber praktisch so gut wie nie.

 

Stiftung Kloster Frenswegen bei Nordhorn

Alle beschriebenen sechs Kirchen der Grafschaft Bentheim arbeiten seit über 25 Jahren in der Stiftung Kloster Frenswegen zusammen, einer Ökumenischen Begegnungs- und Bildungsstätte vor den Toren Nordhorns.

Dieses alte Kloster wurde 1394 gegründet als ein Augustiner Chorherrenkloster. Es war das Tor Westfalens. Im Zuge der Devotio Moderna, der modernen Frömmigkeit mit als bekanntester Persönlichkeit Geert Groote aus Deventer, vollzog sich hier eine Reformation der Kirche lange vor dem Zeitalter der Reformation.

1809 wurde das Kloster aufgelöst, es fiel als Entschädigung an den Grafen von Bentheim. 1886 brannte die Klosterkirche ab. Die Gemäuer verfielen und dienten vielfältigen weltlichen Zwecken.

Heute sind hier nicht nur Reformierte und Altreformierte, sondern auch Katholiken, Lutheraner, Herrnhuter und Baptisten vereint, um ihren Auftrag für Kirche und Gesellschaft wahrzunehmen. Vor wenigen Jahren wurde hier in Frenswegen eine neue moderne und ökumenische Kapelle in Gebrauch genommen. Von Montag bis Freitag findet jeden Abend von 18.00 Uhr bis 18.30 Uhr ein ökumenisches Abendgebet statt.

Miteinander stehen die Kirchen ein für die Menschen unserer Zeit. Sie suchen bewusst das Gespräch zwischen den Konfessionen, aber auch mit Wissenschaft und Kultur unserer Zeit. Den Weg des Friedens, den Weg Gottes zu suchen, zu gehen und zu verkünden, ist Aufgabe der Kirchen und der Menschen.

Wir wissen heute: „Auch in Nachbars Garten blühen schöne Blumen.“ Das hat mir mein katholischer Religionslehrer, Pater Debbrecht 1971/72 gesagt. Ev. Religion wurde an der Schule nicht erteilt. Da durfte ich ausnahmsweise und mit einer eigenen bischöflichen Genehmigung als Evangelischer am katholischen Religionsunterricht in der Oberstufe des Gymnasiums teilnehmen.

Wir sind heute dankbar für ein reiches und vielfältiges kirchliches Leben in dieser Grafschaft, mit drei großen und drei kleinen offiziellen Kirchen und einer ganzen Reihe neuer Gemeinschaften und Gemeinden.

Sie haben sich vor kurzem in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen der Grafschaft Bentheim organisiert. Sie suchen gemeinsam das Gespräch mit dem Sportbund, mit dem 2003 erstmals ein Sportkirchentag beim Kloster Frenswegen angeboten wurde.

Die Kirchen treten gemeinsam ein für die Einhaltung des Sonntags, den wir immer mehr verlieren. Auch in den kleinsten Dörfern öffnen immer mehr Geschäfte ihre Türen am Sonntag.

Offiziell besteht seit der Leuenberger Konkordie 1972 Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft auch zwischen Lutheranern und Reformierten. Vollzogen wird sie hier in der Grafschaft leider noch nicht.

Zwischen Reformierten und Altreformierten wird die Kanzelgemeinschaft in allen Gemeinden, die Abendmahlsgemeinschaft etwa in der Hälfte der Gemeinden, vollzogen. Die Ev.-altreformierte Kirche der Grafschaft beteiligt sich mit allen Rechten und Pflichten seit etwa zehn Jahren an den reformierten diakonischen Einrichtungen und Angeboten.

Zwischen Lutheranern und Altreformierten gibt es keine eigenen Kontakte oder Verbindungen. Vor Ort sind alle sechs Kirchen beteiligt an

der jährlichen Bibelwoche und

dem Weltgebetstag der Frauen.

Alle feiern mindestens einen Passionsgottesdienst gemeinsam, und

an allen Orten gibt es eine Art von  ACK, eine Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen.

Reformierte und altreformierte Kirchenräte tagen vor Ort mindestens einmal im Jahr gemeinsam, öfter auch zusammen mit Lutheranern und Katholiken, soweit das wegen der Größenverhältnisse möglich ist. Die Kirchen sind gemeinsam tätig in der Evangelisation.

Reformierte und Altreformierte  haben vor wenigen Jahren gemeinsam mit der Lippischen Landeskirche und dem Bund Freier Reformierter Gemeinde eine Reformierte Liturgie, die Lutheraner würden sagen, Agende, herausgebracht, ein dickes Werk von 400 Seiten.

Im Reformierten Bund arbeiten diese vier reformierten Kirchen in Deutschland zusammen. So wie die Lutheraner am Lutherischen Weltbund beteiligt sind, sind sie im RWB.

Etwa 50 bis 70% der Altreformierten sind heute sonntags im ersten Gottesdienst, 10 bis 30 Prozent kommen auch in den zweiten Gottesdienst nachmittags oder abends. Sie werden ja am Sonntag – hoffe ich – einen zweiten Gottesdienst in der Ev.-altreformierten Gemeinde Emlichheim erleben. Dort ist die größte EAK Gem. mit 1550 Gliedern. Davon sind vormittags 800 im Gottesdienst und nachmittags 600 bis 700.

Auch die reformierten Gemeinden der Grafschaft stehen in der Hitliste der am besten besuchten Gottesdienste in Deutschland. Etwa 10 bis 15 Prozent geht der Gemeindeglieder gehen sonntags in die reformierte Kirche.

In den lutherischen Gemeinden fehlt diese Tradition. Hier entspricht der Kirchenbesuch dem deutschen Durchschnitt.

Katholische Gemeinden sind in der Regel sonntags sehr aktiv, in der (inzwischen abgeschafften) Sonntagspflicht stehen sie den Altreformierten nahe.

Ansonsten sind die Freikirchen sehr Freikirchen sehr rege auch während der Woche, während die um ein Vielfaches größeren landeskirchlichen Gemeinden  weniger Vereine und Gruppen und Kreise, Bibelstunden, Hauskreise und Unterricht kennen. Die aktiven Kerngemeinden sind vielfach gleich groß. Ob eine Gemeinde 600 oder 6000 Glieder zählt, getragen wird sie von etwa 100 bis 150 Gliedern. Das Problem der völlig passiven Gemeindeglieder kennen alle Kirchen. Es wird allerdings in den Freikirchen mehr problematisiert als in den Volkskirchen.

 

Die Vielfalt der Kirchen ist einerseits wie ein bunter Blumenstrauß. Da gibt es ganz unterschiedlich große Blumen mit den verschiedensten Farben und Blütezeiten. Sie sind alle Gottes Geschöpfe, die ihn preisen wollen. Ein bunter Blumenstrauß kann viel Freude machen.

Allerdings ist die konfessionelle Vielfalt, so scheint mir, auch ein Luxus des ehemals christlichen Abendlandes. In anderen Ländern der Erde, wo es etwa im muslimischen Bereich nur wenige Christen gibt, ist nicht die Frage, welcher Konfession gehörst du an, sondern bist du Christ oder nicht?

Wir finden unsere Kirchen so vor, wie sie sind. Wir dürfen in ihnen und an ihnen wirken und wissen doch sehr sicher: Nicht wir sind es, die die Kirche Jesu bauen, sondern unser Herr selber „versammelt, schützt und erhält sich eine Gemeinde von Anbeginn der Welt bis ans Ende“, wie der Heidelberger Katechismus es in Antwort 54 ausdrückt.

 

Das 1985 gedruckte Heft: „Die Grafschafter Kirchen im Kloster Frenswegen“ hat mir wichtige Hinweise für diesen Vortrag gegeben. Es ist für zwei Euro im Kloster Frenswegen zu erwerben.

 

15.09.04  Pastor Dr. Gerrit Jan Beuker

 

 

Aus der sehr lebhaften anschließenden Diskussion erinnere ich mich folgender Fragen:

Gibt es Beziehungen in die Schweiz?

Pastor Theile antwortet, er stammt aus der reformierten Schweiz. Beziehungen gibt es sonst keine, die enge Bindung an das Bekenntnis, etwa im Verlesen des Heidelberger, ist in der Schweiz ziemlich unbekannt.

Wie steht es um den Religionsunterricht? Wer darf ihn erteilen?

Alle Glieder von Kirchen, die der Konföderation Evangelischer Kirchen in Niedersachsen angehören. Rektor Herrenbrück vom Gymnasium Neuenhaus weist darauf hin, dass die konfessionellen Unterschiede in den evangelischen Kirchen im Religionsunterricht keine Rolle spielen. Die Evangelisch-reformierte Kirche etwa weiß im Gegensatz zur Evangelisch-lutherischen Kirche nicht einmal, welche ihrer Glieder Religionsunterricht erteilen.

Wie und wie lange wirkte sich die  Aufteilung auf zwei katholische Bistümer aus?

Eigentlich nur bis in die Zeit der Entstehung der Evangelischen Kirchen. Bei der Gründung des Bistums Deventer in 1561 umfasste dessen Gebiet wohl Lingen und die Niedergrafschaft Tecklenburg, nicht aber die Niedergrafschaft Lingen, so Dr. Heinrich Voort in einem unveröffentlichten Vortrag in Bad Bentheim vom November 2003 auf der Jahrestagung des Niederländischen Vereins für Kirchengeschichte.

 


 

[1] Gerhard Plasger 1995,4.

[2] Nach Deutsch-niederländische Gesellschaft e.V., Spuren der Niederländer in Norddeutschland, Berlin 2001, S. 112f. (ISBN 3-00-006074-X).

[3] Beuker 1988,49f;  JFK Müller 1903,883f; J. Schmidt in: Jahrbuch des Heimatvereins 1990,219-224; Karl Koch in: Jahrbuch des Heimatvereins 1998,93-96.

[4] Zahlen nach Gerhard Plasger 1995,39f

[5] 1936 wurde von einem auf den anderen Tag die niederländische Sprache in den altreformierten Gemeinden von den nationalsozialistischen Machthabern verboten. Sie konnten die Predigten und Gespräche nicht überwachen!

[6] M. Ph. Katerberg, Kurzer Entwurf zum Unterricht im Christenthum. Das Büchlein erlebte viele Auflagen in deutscher und niederländischer Sprache. Es gab den großen und den kleinen „Katerberg“.

[7] In Hoogstede sind im Protokollbuch des Kirchenrates die Seiten für die Jahre 1848 bis 1858, dem Sterbejahr von Pastor Nyhuis, nicht eingetragen, in Uelsen fehlen die Jahre 1838 bis 1848. In beiden Gemeinden sind wohl rund 50 bis 100  Seiten freigelassen worden.

[8] Beuker 1988,126

[9] Beuker 1983,176

[10] Die reformierte Grafschaft Bentheim hatte Jahrzehntelang eigene Gesangbücher, deutsche für die Ober- und niederländische für die Niedergrafschaft (Für die Titel vergleiche Beuker 1988, 101-118).

[11] Es gibt 15 reformierte Gemeinden in der Grafschaft Bentheim und 8 altreformierte.

[12] EG Nr. 177.2 „Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“

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