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Referat auf der Herbstversammlung vom Frauenbund der Ev.-altreformierten Kirche in Niedersachsen 25. September 2004, Emlichheim, 14.30 – 17.00 Uhr
Kirche der Zukunft - Kirche im 21. Jahrhundert
Kirche der Zukunft – Kirche im 21. Jahrhundert! Seit vier oder fünf Jahren sind wir sind schon drin, im 21. Jahrhundert. Ich könnte Ihnen also den Ist-Zustand beschreiben, wie ich ihn erlebe, und wir wären schon mitten drin. Das wollen Sie aber nicht hören, denke ich. Wie es ist und wie es uns geht in der Kirche, davon erleben wir ja tagtäglich manches. Schön, dass heute Nachmittag so viele sich Gedanken machen über die Kirche. Ich rede in besonderer Weise von der Evangelisch-altreformierten Kirche, der die meisten unter uns angehören. Doch was von dieser einen Kirche gesagt wird, gilt auch immer wieder für alle Kirchen. Ich werde im Vortrag nicht so sehr auf die praktischen Fragen eingehen. Sie müssen ja nachher auch noch einmal Gelegenheit haben, nachzufragen. Da kann man die praktischen Dinge vielleicht einfacher diskutieren. Ich habe ihnen ein Blatt hingelegt, damit Sie ungefähr wissen, wo ich bin im Vortrag. Eine Stunde hat man mir zugestanden.
Kirche der Zukunft – Zukunft der Kirche Herbstversammlung Frauenbund 25.09.2004 GJB Einleitung 1. Die Frage nach der Zukunft ist zumeist eine ängstliche Frage 2. Geert Mak, Das Jahrhundert meines Vaters S. 494, 518f, 523, 553-55, NL Entwicklung 3. Johannes Christian Hoekendijk 1964: Traditionsabbruch, Minderheitskirche
Aufbruch oder Abbruch, Fortschritt oder Rückschritt,
Hauptteil
4. Die geschlossene Kirche muss sich öffnen: „Kirche ist eine Mission, sie betreibt keine Mission“ 5. Die getrennte Kirche muss die Einheit suchen Konfessionelle Vielfalt ist Luxus des Abendlandes (Alt)Reformierte sind besonders anfällig für Spaltungen 6. Wir haben ein Handlungsproblem. Es fehlt nicht an theologischer Einsicht. Hörer werden Täter. Das Wort will Gestalt und Form gewinnen. 7. Kirche ist immer Kirche Jesu Christi, oder sie ist nicht Kirche Die erneuerte Kirche muss ständig erneuert werden. Kirche ist ein Werden und kein Sein 8. Die „bekenntnisgebundene Kirche“ muss eine bekennende Kirche werden 9. Sie kreist um Jesus Christus. Es gibt in ihr kein oben oder unten. Sie hängt nur von Jesus Christus ab. 10. Freikirche darf nicht unverbindlich werden. Sie dient (Diakonie) Gott und Menschen 11. Eine Gemeindekirche darf keine Pastorenkirche werden Rolle der Gemeinde im Gottesdienst, im Kirchlichen Unterricht, im Kirchenrat 12. Die Zukunft der Kirche entscheidet sich in der Ortsgemeinde. Sie bezeugt Jesus Christus als den Heiland. Sie dient Gott und Menschen durch den Bau des Reiches Gottes.
Sie erwartet und feiert die Vollendung von Himmel und Erde durch Schluss Die Kirche bleibt ein Glaubensartikel: Heidelberger 54: Der Sohn Gottes, eine auserwählt Gemeinde, durch seinen Geist und Wort, in Einigkeit des wahren Glaubens, von Anbeginn der Welt bis ans Ende – eine Gemeinde zum ewigen Leben versammelt, schützt und erhält. Dass auch ich ein lebendiges Glied dieser Gemeinde bin und ewig bleiben werde.
Die Heizung wird gerade ein wenig zurück gedreht. Ich hoffe, dann geht es. Ein oder zwei Grad zu warm – ist tödlich für jeden Vortrag und jede Predigt. Gegen zwei Grad zu viel Wärme kann niemand anreden oder anpredigen. Dann werden wir müde. Damit dass nicht geschieht mit dem Müdewerden, zeige ich halberwege einige Karikaturen. Dann können wir vielleicht noch wieder etwas besser zuhören.
Im Schatten der Hochhäuser Vorne auf dem Programmblatt sehen Sie eigentlich das ganze Problem. Vorne auf der Titelseite, die kleine Graphik. Sie zeigt eine kleine Kirche inmitten vieler Hochhäuser.
Es hat Zeiten gegeben, da war die Kirche – und es gab praktisch immer nur eine Kirche – das größte und schönste Haus im ganzen Dorf oder in der ganzen Stadt. Sie überragte alle anderen Häuser um ein vielfaches. Wir machen uns kaum eine Vorstellung davon, wie etwa hier in Emlichheim oder in Uelsen oder wo sonst die alten Kirchen stehen, wie weit die alten Kirchen über das niedrige, alte Dorf hinaus geschienen haben. Die Kirchen waren mindestens vier, fünf, sechsmal so hoch wie die übrigen Häuser des Dorfes oder der Stadt. Die standen wirklich alle im Schatten der Kirche. Heute steht – wie auf der Graphik sichtbar – die Kirche im Schatten der Hochhäuser von Banken oder Versicherungen. Die schönsten und größten Häuser in Deutschland haben heute mit Geld zu tun. Es sind oft Bankhäuser oder Versicherungstürme. Auch viele andere Hochhäuser und Wohnblocks lassen die Kirchen in vielen Städten klein erscheinen und aus dem Gesichtsfeld verschwinden. Wenn man sich die Skyline einer Stadt von weitem anschaut, dann sieht man nicht mehr die Kirchen. Man sieht vielfach Hochhäuser, Büropaläste und andere. Fast scheint es so, als ob die Kirche zurückgetreten ist, als ob sie kleiner geworden ist. Als ob sie kleiner geworden ist im Vergleich mit allem, was um sie herum gebaut wurde. Sie macht nicht mehr diesen mächtigen Eindruck, den sie früher vermittelte. Sie verschwindet vor dem, was da um sie herum gebaut wird und groß wird.
Krise oder Chance Ich muss gestehen, dieser Vortrag für heute Nachmittag hat mir durchaus viel Kopfzerbrechen bereitet. Sie werden das merken, es geht vielleicht auch ein wenig immer wieder querbeet. Wer von uns weiß schon, wie die Zukunft der Kirche aussieht? Wie die Kirche in zehn oder zwanzig Jahren oder mitten im 21. Jahrhundert sich darstellen wird in unserem Land? Ich denke, ihr habt dieses Thema gewählt, weil wir immer wieder ein Stück weit verunsichert sind, weil wir ein Stückchen ängstlich sind. Es könnte ja alles schlechter und schlimmer werden mit der Kirche. Weil wir uns fragen: Wie geht es weiter mit der Kirche? Aber dieses Fragen hat immer wieder einen bangen Hintergrund. Wir können auch ganz anders fragen. Wir können auch sehr fröhlich fragen nach der Zukunft der Kirche. Wir können nach ihrer Zukunft fragen als Chance mitten in der Krise. Ein wenig möchte ich auch so fragen, nicht aus einer Verteidigungshaltung heraus: Wir müssen retten, was zu retten ist. Eher als die Frage nach dem Gelobten Land, als die Frage nach der Zukunft, wo wir vielleicht heute mitten in einer Wüstenzeit stehen. Die Frage der Chance, der Möglichkeit: Ich glaube nach wie vor, dass Jesus Christus seine Gemeinde versammelt, schützt und erhält von Anbeginn der Welt bis ans Ende (Heidelberger 54). Deswegen ist mir nicht so bange um die Zukunft der Kirche. Es ist eine Frage unseres Glaubens, unserer Glaubensgewissheit, wie wir diese Frage nach der Zukunft der Kirche stellen: Als eine ängstliche oder doch als eine zuversichtliche Frage. Es wäre schon etwas gewonnen, wenn wir die Krise als Chance sehen könnten. Wenn wir es glauben könnten, dass Jesus Christus mehr Möglichkeiten hat, als wir sie haben. Wenn wir es glauben könnten, dass er seine Kirche nicht loslässt in dieser Welt und auch unter uns nicht.
Traditionsabbruch und Minderheit Der Niederländer Johannes Christiaan Hoekendijk hat 1964, vor vierzig Jahren, ein Büchlein in deutscher Sprache herausgegeben: Die Zukunft der Kirche - die Kirche der Zukunft. 1964! Mit Nüchternheit sah er den Traditionsabbruch voraus (Fettgedruckte Begriffe während des Referats mit dem Tageslichtschreiber auf die Leinwand geworfen – als Merkpunkte – zusätzlich zu den Thesen. Mit Nüchternheit hat Hoekendijk 1964, vor 40 Jahren, vom Traditionsabbruch gesprochen. und von der Minderheitsrolle der Kirche. Die Kirche wird eine Minderheit im Lande und in Westeuropa. Und er schreibt: Die Menschen in der Kirche sollten davor nicht in Schrecken verfallen. Resignation solle sich eher in Mut, Verschlossenheit in Offenheit verwandeln. Ihre zu groß geratenen und gewordenen Häuser sollte die Kirche nicht hindern, den Ruf zum Aufbruch zu hören. Und dann wörtlich: "Geben wir uns keinen Illusionen hin: Der Weg in die Welt von morgen führt in die Wüste." Aber“, so fährt er fort, "die Wüste, in die wir jetzt vielleicht beängstigt starren, wird ein Land sein, das urbar werden wird, und sie wird ein Ort sein, an dem die Neue Welt von morgen schon angebrochen ist." Wüste sah er voraus, aber in der Wüste sah er schon den Ort, an dem die neue Welt angebrochen ist.
Falsche Vorhersagen Es wäre schön gewesen, wenn wir alle 1964 – und so ganz viele unter Vierzig sehe ich nicht, damals einen Aufsatz geschrieben hätten. Die meisten von uns waren damals schon zehn oder fünfzehn Jahre alt und schon im Konfirmandenunterricht. Es wäre schön gewesen, hätte es damals überall im Kirchlichen Unterricht die Aufgabe gegeben, einen Aufsatz zu schreiben über die Kirche im Jahr 2000. Über die Evangelisch-altreformierte Kirche, oder wenn Sie aus einer anderen Kirche stammen, über Ihre Kirche im Jahr 2000 oder gar 2005oder 2010. So weit ich mich erinnern kann, gab es auch in den sechziger und siebziger Jahren sehr pessimistische Aussagen über die Kirche und ihre Zukunft – auch im altreformierten Bereich: Wie wenige Pastoren man im Jahr 2000 noch haben und bezahlen können würde. Wie schwierig das alles sein würde. Wie viele Gemeinden sich bis dahin zusammentun und wie viele aufgelöst werden müssten. Es hat viele dunkle Prophezeiungen gegeben, die sich – Gott sei gedankt – nicht erfüllt haben. Wenn wir vorwärts schauen, gehen wir immer vom heutigen Standpunkt aus und überlegen uns: Wie könnte es, von heute aus gesehen, weiter gehen. Oft kommt es dann anders als wir denken. Das müssen wir gerade als Ältere auch eingestehen. Wir vergessen sehr schnell, wie wir vor vierzig oder fünfzig Jahren gedacht haben, was wir da erwartet oder was wir da befürchtet haben. Die Ängste und Befürchtungen der sechziger und siebziger Jahre sind verflogen. Andere sind an ihre Stelle getreten. Ich will und kann heute nicht aufzeigen, wie die Gesellschaft sich damals gesehen hat, wie die Kirche sich damals gesehen hat vor 40 Jahren.
Aus dem „Jahrhundert meines Vaters“ Es hat ein anderer, ein Geert Mak ein Buch geschrieben: Das Jahrhundert meines Vaters. Frau Jenny Schönleber aus Bad Bentheim hat im letzten Grenzboten. „Das Jahrhundert meines Vaters“. Es ist 1999 in den Niederlanden erschienen als „De eeuw van mijn vader“ und 2003 als deutsche Ausgabe. Ich kann dieses Buch nur sehr empfehlen. Es gibt wenige Bücher, für die nachts bis drei oder vier Uhr aufbleibe. Dies gehört dazu! Ich habe einige Zitate für diesen Vortrag heraus geschrieben: S. 494 „Vorhersagen, so unterschiedlich sie sein mögen, haben fast immer eines gemeinsam: Sie verlängern die Entwicklungslinien dessen, was eine Gesellschaft im jeweiligen Augenblick als das Modernste betrachtet, im Guten wie im Schlechten,(sie verlängern solche Entwicklungslinien) in die Zukunft hinein. In solchen Prophezeiungen ist kein Raum für unerwartete Wendungen, für Phantasie. Sie sagen meistens mehr über die eigene Zeit aus als über die kommende. Und sie verraten ausnahmslos große Selbstsicherheit. Deswegen werde und kann ich Ihnen nicht sagen, wie die Kirche in fünfzig Jahren aussehen wird. Wenn wir einmal zurückdenken: In den Vorhersagen aus den siebziger Jahren hat niemand ahnen können, dass alle unsere Kinder einen Computer haben, dass viele von uns heute mit einem Laptop arbeiten und dass uns das alles ganz selbstverständlich ist. In all dem, was in den sechziger und siebziger Jahren vorgedacht wurde, war weder vom Internet noch vom Computer groß die Rede, die heute ganz wesentlich die Gesellschaft bestimmen. Eine große Selbstsicherheit kann man an den Tag legen, indem man kühn behauptet: So und so wird das alles werden! Das wissen wir alles weniger! Ein zweites Zitat: S. 518/19 Bei Katholiken und Hervormden sank die Zahl der treuen Kirchgänger zwischen 1968 und 1976 um fast die Hälfte und bei den Gereformeerden (normale Orthodoxe heißen sie in der Übersetzung) sank ihre Zahl in den siebziger Jahren von 95 auf 60 Prozent; die Jugend desertierte in Massen, die Verwirrung nahm zu. S. 519: Die Kirchen hatten so viele Jahre lang nur für ihre Selbsterhaltung als Institutionen gekämpft, dass sie jetzt nicht mehr in der Lage waren, den Menschen das versöhnende und erlösende Wort zu bringen. Was das bedeutet, ob wir denn dazu in der Lage sind, den Menschen das versöhnende und erlösende Wort zu bringen, darüber wollen wir ja heute nachdenken. Noch ein Zitat: S. 523 Angehörige früherer Generationen haben sich auch immer den Normen von Nachbarn und Glaubensgenossen angepasst, aber letztlich hörten sie doch vor allem auf ihre innere Stimme… Ihnen folgen jetzt Generationen, die hauptsächlich von etwas außerhalb ihrer selbst gelenkt werden, die sich also eher nach den Gedanken und Wünschen anderer richten. So wurden die inneren Normen von Religion, Gewissen und Tradition allmählich durch die Normen der Gruppe, der Gesellschaft, des Fernsehens oder der herrschenden Mode ersetzt. Später sprach man von der „Individualisierung der Gesellschaft“, aber es ist die Frage, wie tief diese Individualisierung eigentlich reicht. Die Angehörigen der jüngeren Generationen treffen mehr eigene Entscheidungen, aber zugleich sind sie in anderer Hinsicht konformistischer (also mehr übereinstimmend, gleichgesinnter) und weniger eigensinnig als ihre Eltern oder Großeltern. Mak beschreibt also den Prozess von der inneren Stimme zur Außenbestimmung. Wir reden von der Individualisierung der Gesellschaft, von der Vereinzelung. Er sagt, es ist die Frage, ob die Gesellschaft wirklich so vereinzelt, oder ob man nicht viel konformistischer, gleichgesinnter und übereinstimmender ist als wir das wahrnehmen. Obwohl man viel mehr Einzelentscheidungen trifft als früher und stark von außen geleitet und bestimmt wird. Letztes Zitat von Geert Mak: S. 553-555: Bis um 1950 gehörte das Christentum zum Wesen der Niederlande und Europas. Heute trifft das nicht mehr zu, im Gegenteil, in vielen südamerikanischen und afrikanischen Ländern ist das Christentum lebendiger als hier. Noch 1958 gehörten fast acht von zehn Niederländern einer Kirche an, heute sind es kaum noch vier. 1971 gab es in den Niederlanden etwa 50.000 Muslime, 1995 (25 Jahre später) waren es (zehnmal so viel), ungefähr eine halbe Million. Was in den Niederlanden gilt, gilt ähnlich auch unter uns, auch wenn die Kirchenaustrittszahlen bedingt wohl durch die Volkskirchlichkeit, durch die automatische Kirchensteuer, bedingt auch wohl dadurch dass es in Deutschland sehr viel weniger Reformierte gibt als in den Niederlanden. Kurz gesagt, der Austritt in den Niederlanden, dass so viele dort aus der Kirche, vor allem aus der protestantischen Kirche, austreten, hat unter anderem damit zu tun, dass man reformiert, calvinistisch ist. D.h. man muss überzeugt sein. Und wer nicht mehr überzeugt ist, tritt aus. In Deutschland hat die Volkskirchlichkeit eine lange Tradition. Man zahlt seine Kirchensteuer. Viele kommen dreimal im Leben zur Kirche: Bei der Taufe, der Trauung und der Beerdigung. Dabei kommt es nicht so sehr auf die eigene Überzeugung an, sondern mehr darauf, dass man dazu gehört. Das ist ein Problem aller Kirchen in Deutschland. In den Niederlanden nehmen in den älteren Jahrgängen kaum noch Jugendliche am Kirchlichen Unterricht teil. Dort steigt die Zahl der Taufglieder so rapide, weil nur noch wenige konfirmiert werden. In Deutschland gehen die Jugendlichen in allen Kirchen praktisch alle zum Konfirmandenunterricht. Danach werden sie alle konfirmiert. Was ehrlicher und was einfacher ist? Da muss man noch einmal nachdenken und darüber reden. Dass der Kirchliche Unterricht bis in die eigenen Reihen hinein immer mehr Schwierigkeiten macht, das werden Sie ja auch wissen. Ich habe Ihnen einige Zitate von Geert Mak vorgelesen, um Sie an die Zeit zu erinnern, aus der wir kommen.
Aufbruch in die Zukunft Hoekendijk meinte 1964, wir könnten uns erst dann in die neue Welt hinein begeben, wenn wir uns entscheiden würden für morgen – und wo das nötig wäre, uns dann auch entscheiden würden gegen gestern oder vorgestern. Wir könnten uns erst in die Welt von morgen hinein begeben, wenn wir unseren Weg als einen Auszug sehen und erleben, als einen Exodus, ein Weitergehen, ein Fortschreiten und nicht als ein Stehenbleiben. Ich frage nach: Sehen wir denn den Weg der Kirche als Aufbruch? Oder sehen wir ihn eher als Abbruch, als Abbruch von Traditionen als Aufbruch in die Zukunft Gottes`? Sehen wir etwas von dem verheißenen Land, von der Zukunft Gottes? Träumen wir manchmal davon – oder haben wir Alpträume von dem, was wir alles zurücklassen und loslassen müssen? Es geht nicht, dass wir alles mitschleppen und mitnehmen wollen, was uns je überkommen ist oder geschenkt wurde. Das geht nicht! Wer leben, wandern oder unterwegs sein will, der muss manches Päckchen zurücklassen. Er muss sich für die Zukunft entscheiden, das Ziel im Auge haben und dann auch Dinge loslassen. Sehen wir also Fortschritt oder Rückschritt? Ich glaube, zwei Menschen, zwei Gruppen können genau dasselbe sehen. Die einen sehen dann darin einen Rückschritt und die anderen sehen durchaus einen Fortschritt darin. Es ist wichtig, sehen zu üben, mit gläubigem Herzen sehen zu üben! Ich höre viele Klagen. Das hat wohl auch mit dem Älterwerden zu tun. Junge Leute klagen weniger. Sie sehen die Gefahren nicht so deutlich. Ich höre viel Klagen über den Zustand der Kirche, über den Abbruch, den wir ja durchaus auch erleben. Ich höre nur wenige Loblieder, nur wenige Lieder, von den „neuen Wegen, die Gott uns weist“ (Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns führt!). Ich spüre vielfach ein Misstrauen auch gegenüber diesen neuen Wegen. Wenn wir nur Rückschritt sehen und nur die Schwachheit der Kirche sehen, ihre Atemnot, ihre Beklemmnis und ihre Enge, ihre dunklen Seiten – und davon redet es sich leicht, davon höre ich auf vielen Hausbesuchen, von dem Leiden an der Kirche – wenn wir nur das sehen und erleben, dann schauen wir in die falsche Richtung. Dann zäumen wir das Pferd vom falschen Ende her auf.
Kirche ist Kirche Christi Kirche hat mit Jesus Christus zu tun! Kirche ist das, was des Herrn ist, was dem Herrn Jesus Christus gehört. Sie hat mit dem Kürios zu tun, mit dem Herrn. Sie ist, was dem Herrn Jesus Christus gehört, was sein eigen ist. Kirche, das sind die von ihm Gesandten und Beauftragten, seine Zeugen und Zeuginnen in dieser Welt! Schauen wir also in diese andere Richtung: Es ist Jesus Christus, der seine Kirche versammelt, schützt und erhält. Er sendet sie in die Welt. Die Kirche ist die Sendung, die Mission Gottes in dieser Welt. Und alles was nicht mit Christus zu tun hat, „was nicht Christum treibet“, wie Luther sagt, das gehört gar nicht in die Kirche oder höchstens an ihren Rand! Alles, was nicht Christum treibet, was nicht mit Christus zu tun hat, ist nicht die erste Aufgabe der Kirche, sondern höchstens eine Randtätigkeit. In einem Seminar hätte ich jetzt an dieser Stelle gerne mit Ihnen überlegt, was wir denn unbedingt mitnehmen müssen in die Zukunft und was wir vielleicht auch zurücklassen können. Worauf wir also in der Kirche verzichten könnten, und was unbedingt zum Marschgepäck gehört, was in den Koffer muss, was mit muss in das 21. Jahrhundert. Mit Hoekendijk: Wo wir uns verabschieden müssen und was wir unbedingt erhalten und behalten müssen. Ich lasse das jetzt bleiben. Meine Zeit reicht dafür nicht. Es ist sinnvoll darüber nachzudenken. Wo muss Kirche heute ihren Schwerpunkt setzen? Wo sind wir beauftragt? Dabei dürfen wir nicht nur und nicht zuerst von uns aus denken: Wo könnten wir noch mal und wo müssten wir wohl noch mal? Sondern: Wo will Jesus Christus uns haben als Kirche? Kann es sein, dass er uns manche Türen zuschließt, weil er uns andere Wege senden will? Weil er auf eine andere Art und Weise in dieser Welt präsent und gegenwärtig sein will und sein Werk getan haben will, als wir es tun. Wo er uns Türen zumacht, da wird er uns Tore wieder öffnen! Aber das kann eben dauern. Oder noch anders gesagt: Das Volk, das im Aufbruch ist, sehnt sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens, solange man Ägypten gekannt hat. Die ganze erste Generation in der Wüste redet von früher. Da muss eine ganze neue Generation heranwachsen. Die Alten sterben in der Wüste. Die jungen wachsen heran. Sie kennen früher nicht mehr, sie kennen auch Ägypten nicht mehr. Sie sind die ersten, die überhaupt das Gelobte Land erobern können. „Ihr habt Gnade gefunden vor meinen Augen“ sagt Gott seinem Volk. Ein Rabbiner hat dies bei der Hauptversammlung des Reformierten Bundes im Frühjahr in Wuppertal so ausgelegt: Es war Gnade, dass dieses Volk der Ausgezogenen in der Wüste sterben durfte. Dieses Sterben war Gnade. Diejenigen, die aus Ägypten kamen, hätten den Weg ins Verheißene Land im Tiefsten nicht geschafft. Sie sind immer wieder erfüllt von der Sehnsucht nach dem Früheren. Es ist Gnade, dass Gott eine neue Generation heranwachsen lässt und mit seinem Volk weiter geht. So kann man es vielleicht auch betrachten. Wir sehen den Tod in der Wüste nur als Strafe: Gott straft sein Volk! So haben wir es auch gepredigt. Diese vierzig Jahre in der Wüste sind auch ein Akt der Gnade. Sie sind Vorbereitung auf Erfüllung der Verheißung Gottes. Wüstenzeit als Vorbereitung! Wüstenzeit auch als Teil des Evangeliums, als Teil des Weges Gottes mit seiner Kirche und seiner Gemeinde. Sie merken aus allem, was ich nun gesagt habe: Die Kirche hat eine Aufgabe.
Mission und Offenheit habe ich den nächsten Abschnitt überschrieben. Wir sind Missionsland geworden. Das ist uns deutlich. In den Strukturen unserer Kirche ist es nicht deutlich! In den Strukturen der Kirchen allgemein ist das noch nicht deutlich! Die Strukturen der Kirchen sind dieselben wie vor vierzig oder fünfzig Jahren oder noch vor dem Zweiten Weltkrieg, wo in den Niederlanden noch acht von zehn Bürgern einer Kirche angehörten. Wir sind Missionsland geworden. Immer weniger besuchen sonntags die Gottesdienste. Aber es sind sehr viele, viel mehr als sich auf den Fußballplätzen aufhalten. Viel mehr Menschen als diejenigen ,die sonntags zum Sport gehen, gehen am Sonntag in die Kirchen. Wir haben darin eine verzerrte Wahrnehmung. Wir lesen am Montag die Zeitung und sehen vier oder sechs Seiten Sport, alle Ergebnisse vom Sonntag. Von den Gottesdiensten kann man schlechter berichten als vom Sport. Sie sind nicht so spannend und interessieren die Massen nicht so sehr. Es ist ein verzerrtes Bild, das uns da auch über die Medien vor Augen gemalt wird. Darin sind die vielen Menschen sonntags in den Gottesdiensten nur so eine Art von Randerscheinung, wenn man sie überhaupt wahrnimmt. So entsteht der Eindruck, es wären viel mehr Menschen sonntags in den Fußballstadien, als wäre da viel mehr Leben und Begeisterung als in der Kirche. Vielleicht gilt es in der Beziehung, dass in den Sportarenen viele junge Menschen sind, während vielfach älterer Menschen die Kirchen besuchen. Und doch: Die Begeisterung etwas von Kirchentagen oder Gemeindetagen hält bis heute an. Es tut mir weh, wenn Ältere immer wieder erzählen: Früher bei den Jugendversammlungen war die alte Kirche in Emlichheim voll. Liebe Ältere, wisst ihr denn, wie viele Jugendliche es heute gibt in den Gemeinden? Und wie viele Jugendliche es 1950 waren? Wisst ihr, wie viele Jugendliche etwa zwischen 20 und 25 zu eurer Gemeinde gehören und wie sich das Verhältnis zugunsten der Älteren und Alten verschoben hat? Wir habe kaum registriert, wie sich die Alterspyramide umkehrt. Heute gibt es die Masse der Älteren und Alten auch in den Kirchengemeinden. Wissen wir, dass in den letzten 20 bis 25 Jahren in den Gemeinden die Zahl der über 70jährigen sich verdoppelt hat? In den letzten 30 bis 40 Jahren verdreifacht? Wissen wir, dass sie Zahl der Jugendlichen rapide abgenommen hat? Die Zahl der Taufglieder in den Gemeinden geht runter und runter und runter. Das kann man ganz einfach in den Jahrbüchern der Kirche überprüfen. Wo sollen dann die vollen Kirchen herkommen? Und warum werfen wir es unseren jungen Leuten vor: Früher waren die Kirchen bei den Jugendversammlungen brechend voll und heute sind nur 200 oder 300 anwesend! Statt zu sagen: Es sind aber 200 oder 300 auf einer Auftaktversammlung oder auf einem Jugendfestival in Brandlecht oder sonst bei einer Veranstaltung. Machen wir jungen Menschen Mut, indem wir von früher erzählen oder entmutigen wir sie? Ich kann natürlich auch andersherum sagen: Es ist wahr, die Zahl der Gottesdienstbesucher wird nicht größer. In den besten altreformierten Gemeinden geht die Hälfte der Gemeindeglieder am Sonntag in den Gottesdienst. Wenn die Kirche in Emlichheim mit 750 Personen voll besetzt ist am Sonntagmorgen, dann ist die Hälfte der Gemeinde anwesend. Die andere Hälfte ist irgendwo anders. Das geht so in allen Gemeinden! Ich versuche, immer die vielen zu sehen, die anwesend sind. Aber ich sehe natürlich mit meinem geistlichen Auge auch die, die nicht anwesend sind. Ich habe in den letzten Wochen in den Konfirmandengruppen wiederholt gefragt: Wer von euch war den gestern gar nicht im Gottesdienst? Ich bin sehr erschrocken, dass auch bei uns in Hoogstede sich etwa ein Drittel meldet und sagt: Ich war gar nicht da! Ich hatte schon dieses Vermuten. Es gibt also durchaus Entwicklungen, dass Kirche nicht mehr selbstverständlich ist. Die Kirche muss ringen um die eigenen Gemeindeglieder. Vielleicht müssen wir darin auch noch ein Stück freikirchlicher werden in allen Kirchen. Auch Altreformierte sind sehr landeskirchlich organisiert im Umgang mit den jungen Menschen. Wenn wir Glieder der Freien evangelischen Gemeinde wären, dann würden wir dort schon von Kindheit an lernen: Die erste Missionsarbeit geht in die eigene Gemeinde: Wir kümmern uns um die eigenen Jugendlichen. Wir müssen unsere Kinder missionarisch gewinnen. Dafür tun wir alles. Die erste Mission ist die eigene Gemeinde. So sagt man dort. Wir dagegen sind geprägt von dem Tauflied aus Psalm 105, Vers 4: Er will stets seines Bunds
gedenken, Wir haben gelernt und betont bis in die Dogmatiken hinein: Es sind Kinder des Bundes, Glieder der Gemeinde. Sie müssen nicht noch bekehrt werden. Sie müssen nicht noch geworben werden. Sie gehören schon dazu – kraft des Bundes Gottes.
Zu selbstsicher gewesen Vielleicht haben wir zu oft gesungen und zu selbstüberzeugt: „Er will stets seines Bunds gedenken“. Es ist ja wahr: Gott will an seinen Bund denken. Aber das entlastet uns nicht davon, dass wir diesen Bund Gottes, die Verheißung des Evangeliums, die Größe und Liebe Gottes den Kindern deutlich machen. Wir müssen uns missionarisch mit aller Kraft mühen um die Kinder und Jugendlichen der Gemeinde! Gottesdienst und „Konfer“ sind für einige von ihnen nur „verlorene Zeit“. Ich habe schon gesagt: Es ist Tradition in unserem Land: Jeder und jede besucht den Konfirmandenunterricht. Ich habe immer wieder dagegen gepredigt: Wenn wir Gottesdienste nur absitzen und hoffen, dass die Zeit nur möglichst schnell vorüber geht, statt mitzuleben und mitzumachen, wenn wir auch von zu Hause aus wenig mitbekommen, dann haben wir in den Schulen durchaus Abraham und Mose behandelt. In der OS und den anderen Schulen ist guter Religionsunterricht gegeben worden. Und trotzdem ist es nicht existenziell geworden. Es wurde nicht für das Leben wichtig. Man lernt für die Schule oder für den Kirchlichen Unterricht, aber wenig für das eigene Leben. Mission ist also ein Kennzeichen der Kirche, Mission nach innen und Mission nach außen. Wir haben eingangs von der wachsenden Zahl von Muslimen gehört. Der Frauenbund hat dieses Thema schon behandelt. Frau Schirrmacher hat darüber referiert. Wir werden viel, viel mehr als bisher in Bunde und Emlichheim, in Hoogstede und Emden und an allen Orten nachdenken müssen über unseren Umgang mit Muslimen, mit Menschen muslimischen Glaubens in unserem Land. Wie erleben sie Christen und Kirchen? Wie hören und sehen sie das Zeugnis des christlichen Glaubens? Sehen und erleben sie, dass wir den Glauben an den dreieinigen Gott ernst nehmen? Oder begegnen sie dem christlichen Glauben kaum, obwohl sie in einem Land mit christlichen Wurzeln leben?
Konfessionslosigkeit steigt Ich muss nächste Woche einen Vortrag halten über die Kirchen in der Grafschaft Bentheim. Ich bin darüber erschrocken, dass die offiziellen Zahlen der Samtgemeinde Emlichheim sagen, dass sechs Prozent der Bevölkerung in dieser Samtgemeinde konfessionslos ist oder einer anderen Religion angehört. Sechs Prozent! So weit ich mich erinnere, lag diese Zahl vor 15 bis 20 Jahren unter zwei Prozent. Dann sagen wir vielleicht: Das sind doch noch gar nicht so viele! Das sind mehr als die 800 Menschen, die hier in dieser großen Kirche sonntags im Gottesdienst sitzen. Rund 800 Personen in der Samtgemeinde Emlichheim konfessionslos oder Angehörige anderer Religionen. Für ganz Deutschland geht es dabei etwa um ein Drittel der Bevölkerung, die konfessionslos ist oder einer anderen Religion angehört. Doch wenn man weiß, dass dies in der gesamten Grafschaft Bentheim vor zwanzig bis dreißig Jahren eine Zahl war, die noch unter einem Prozentpunkt lag, dann spürt man den dramatischen Wechsel, den solche Veränderungen mit sich bringen. Wenn meine Tochter in einer Grundschule in Leer erzählt: Ich habe drei Viertel Kinder von Ausländern in meiner Klasse und nur ein Viertel Leeraner, dann höre ich und weiß ich, wie schwierig es ist für Fremde, Fuß zu fassen in unserem Land. Dann gelten dort plötzlich in den Ausländersiedlungen ganz andere Sitten und Gesetze, ganz andere Regeln im Zusammenleben. Dann setzt sich die Macht des Stärkeren durch. Es ist für Fremde oft schwer, sich in unsere Gesellschaft einzufügen. Wo ist dabei die Kirche? Wo begegnet sie den Russlanddeutschen und ihren Kindern, die teils arge Probleme haben, sich zurecht zu finden. Wo begegnet sie den Asylbewerbern, den Heimatlosen und Obdachlosen? Mission hat mit allen diesen Menschen zu tun. Ohne Liebe zu diesen Menschen kann Kirche nicht missionarisch sein.
Kirche ist Mission Kirche ist Mission. Oder sie ist nicht Kirche Jesu! Wir haben gelernt: Kirche betreibt Mission. Wir treiben Mission oder unsere Missionsarbeit verrichten wir auf Sumba oder in Bangladesch. Nein, damit haben wir ein ganzes Stück unserer Aufgabe schon vernachlässigt. Die Kirche ist Mission. Sie ist Sendung Gottes, sie ist Werk Gottes. Sie ist mit ihrem ganzen Wesen Missionsarbeit und Missionsstation. Die Mission ist ihr Wesen, ist ihr Sinn. Die Kirche ist eine Rettungsstation, wie man auch wohl gesagt hat. Wenn die Männer von der Rettungsstation an der Küste des Meeres nur noch Kaffeekränzchen halten, es sich selber gut gehen lassen und nur ihr eigenes Clubhaus pflegen, aber keine Übungen mehr halten zur Rettung Schiffbrüchiger, dann haben sie ihren ursprünglichen Sinn verfehlt. Dann ist aus dieser Rettungsstation eine Insel Gleichgesinnter geworden, die sich nur noch wenig kümmert um diejenigen, die in Gefahr sind. Ich habe ja gerade noch einige Gruppen in unserer Gesellschaft genannt, die durchaus gefährdet sind.
„Die Kirche ist für alle offen“, sagen manche. „Wir brauchen keine öffentliche Werbung. Die Kirche ist bei jedem Gottesdienst offen, und jeder kann zum Gottesdienst kommen.“ Ich halte dagegen: Die Kirchentüren in Hoogstede sind gerade einmal zwei oder drei Stunden am Sonntag geöffnet. Für den Rest sind sie verschlossen. Die Kirche ist hinter hohen Mauern verschlossen. Ja, die Türen vom Gemeindehaus stehen in der Woche ab und zu offen. Aber wer geht denn dort einfach so hinein, ohne dass er dazugehört? Die Türen der Kirchen sind nicht offen. Sie wirken sehr verschlossen! Die Mauern sind sehr hoch für die Menschen außerhalb der Kirchen. Für Deutsche und Zugereiste. Hinter dicken Mauern versteckt sich ein Kreis von Eingeweihten, die mit dem kirchlichen Leben vertraut sind. Wir brauchen mehr Offenheit, mehr Klarheit, mehr Einfachheit, mehr Eindeutigkeit nach innen und nach außen. Offenheit nach innen und außen, Eindeutigkeit, Einfachheit. Wer von uns kann in fünf Sätzen sagen, was wir glauben? Oder auch in fünf Minuten, und zwar für einen Nichtchristen. Für einen, der vom Christentum, vom christlichen Glauben und von Christus noch nichts gehört hat. Das fällt uns schwer, und es zeigt, wie schwer wir uns auch mit Missionsarbeit tun im eigenen Land.
Mehr Offenheit Diese Arbeit, solches Kirchesein kann keine Gruppe für sich allein bewerkstelligen. Zeugen, Jünger und Jüngerinnen Jesu sind immer auch an die anderen verwiesen. Der Blick in die Nachbargemeinde – und ich weiß, wie schwer das ist, dass ein Altreformierter sonntags einmal an einem reformierten Gottesdienst teilnimmt oder umgekehrt, das passiert ja kaum. Kanzeltausch halten wir, aber Gemeinden tauschen wir nicht. Und manche, ja manche auch unter uns, sind sich nicht ganz im Klaren darüber, ob denn diese Offenheit nach außen hin, die Annäherung der Kirchen, wohl etwas Positives sei. Oder ob es nicht doch besser wäre, im eigenen Kreis zu bleiben und das Eigene zu pflegen und sich so des Eigenen erst einmal gewiss und sicher zu werden. Wir werden uns des Eigenen niemals gewiss werden, der eigenen Art von Kirche sein auch, wenn wir nicht auch andere Arten von Kirchesein erleben und kennen. Wir werden den Reichtum des Glaubens nie erfahren, wenn wir nicht über Kirchengrenzen und –mauern hinwegschauen. Ich gebe ein Bild weiter, von dem ich schon öfter berichtet habe. In meiner Zeit in der Oberstufe im Gymnasium Nordhorn gab Pater Debbrecht dort katholische Religion. Er lebt heute in Meppen. Ausnahmsweise – es gab keinen evangelischen Religionsunterricht – durfte ich am katholischen Unterricht ein Jahr lang teilnehmen. Am Ende dieser Zeit sagte Pater Debbrecht: „Herr Beuker, wenn Sie später Ihre Arbeit tun, denken Sie daran: Der Herr lässt auch in Nachbars Garten schöne Blumen blühen.“ Ich vergesse den Satz nie wieder, und Sie hoffentlich auch nicht: In Nachbars Garten lässt Gott auch schöne Blumen blühen. Wir wollen sie gar nicht alle abpflücken, wir wollen sie auch gar nicht alle besitzen. Aber wir dürfen dafür dankbar sein. Es gibt nicht nur eine Sorte Blumen, sondern es gibt viele verschiedene Blumen.
Verleugnung Jesu durch Petrus Die Überheblichkeit, die den Altreformierten nicht ganz zu Unrecht vorgeworfen worden ist, dieser Brustton der Überzeugung: „Wir haben die reine Verkündigung. Wir haben die vollen Kirchen. Wir üben die rechte Kirchenzucht.“ hat uns ein wenig blind gemacht für Gottes Wirken und Gegenwart in Nachbars Garten, in anderen Kirchen und Konfessionen. Ich muss an Petrus denken, wie er sagte: Herr, ich verleugne dich niemals. So ähnlich klang das auch manchmal ein wenig im altreformierten Bereich. Nein, wir verleugnen dich nicht. Wir halten zur Stange. Wir treten ein für die rechte Lehre. Das ist immer das Thema jeder getrennten, jeder geschiedenen Kirche: Wir für die rechte Lehre. Am Ende ist Petrus, der so laut tönt, der einzige, der Jesus öffentlich so verraten und verleugnet hat. Man kann nicht sagen, dass ihn das besonders befähigt hat, später in Bote und Zeuge Jesu zu sein. Im Gegenteil: Jesus musste sich besonders um diesen Verleugner kümmern. Ihn muss er besonders anschauen, ihn eigens später wieder fragen und beauftragen, ihm Liebe besondere Liebe und Zuwendung schenken, damit Jesus dann auf diesem Felsen doch seine Gemeinde bauen kann. Es steckt also eine große Gefahr in der Festigkeit und Stärke des Glaubens, mit der viele von uns groß geworden sind, in dem vermeintlichen Ideal der Freikirchlichkeit. Es ist nicht schlimm, dass wir sie ein wenig aus dieser Gefahrenzone heraus kommen und ein bisschen diese Selbstsicherheit verlieren. Wir werden in Zukunft ein Stück unserer Festigkeit und unserer Stärke als Kirche verlieren. Wir werden ein Stück sterben als Kirche. Aber nur als sterbende und sich aufopfernde Kirche wird eine Kirche Kirche und Zeuge Jesu sein. Wer sein Leben verliert um seinetwillen, der wird es behalten. Kirche sein heißt doch nicht, glänzen in dieser Welt mit vollen großen Häusern und großen Kirchen. Zeuge Jesu sein bedeutet, den unteren Weg zu gehen, den Weg des Leidens, der Armut und der Niedrigkeit. Es ist also nicht schlimm, dass die Kirche hier und da ein wenig auch sterben muss. Es ist nicht schlimm, dass unsere eigene Selbstsicherheit sterben muss, unsere Vollmundigkeit, mit der wir im eigenen Kreis reden. Vielleicht passiert Ihnen das gar nicht. Mir passiert es ganz, ganz selten, dass ich mit Menschen rede, die vom christlichen Glauben nichts wissen wollen oder nichts wissen. Wie klein werden wir dann und wie wenig haben wir dann zu sagen? Alle unsere großen Begriffe sind dann plötzlich wie 1000 Euro Scheine, mit denen ich Brötchen kaufen will – und dann kann man mir kein Kleingeld darauf herausgeben. Diese großen Scheine müssen in Kleingeld verwandelt werden. Wir müssen außerhalb der Kirche so reden, dass Menschen es verstehen. Das erfordert viel Übung. Das können wir bei jungen Menschen eher lernen als bei Menschen unseres Alters. Hören wir also darin auf die Jungen, wie sie z.B. über die Kirche reden, die ihnen auch durchaus zu Herzen geht. Ich habe lange gesagt, so unter TOP 5 der Thesen (siehe oben), die konfessionelle Vielfalt ist ein Luxus des Abendlandes. Die getrennte Kirche muss nach Einheit suchen. Reformierte und Altreformierte sind besonders anfällig für Spaltungen. Die getrennte Kirche trennt sich immer schneller und immer häufiger und immer leichter. Die Gruppen werden immer kleiner. Man vergisst darüber, dass die Kirche die längste Zeit ihrer Geschichte, drei Viertel ihrer Zeit, eine Katholische Kirche war. Dreiviertel unserer evangelischen Kirchengeschichte sind einfach katholische Geschichte. Da kommen wir her, von der weltweiten Kirche. Wir bekennen es immer noch im Apostolikum: Ich glaube eine heilige, katholische, eben allgemeine Kirche. Nicht „eine“, sondern „die“ heilige allgemeine, christliche Kirche. Katholisch bedeutet weltweit. Die weltweite Kirche Jesu im Blick zu behalten, ist sehr wichtig. Ich kürze im folgenden mein ausgeschriebenes Referat ab.
Einheit suchen Dass die Einheit der Kirche gesucht wurde, hat sich vor allem aus der Missionsarbeit ergeben. Zwischen 1875 und 1930 sind die großen Weltmissionskonferenzen gehalten und die großen lutherischen und reformierten Weltkirchenbünde entstanden. In der Missionsarbeit, wo die Kirche nach außen ging, da hat sie auch ein Stück ihrer Missionsarbeit wieder gefunden. Man kann in Indonesien oder Bangladesch nicht vrijgemaakte, christelijk-gereformeerde, gereformeerd buiten verband und altreformierte Mission nebeneinander betreiben. Man kann es auch keinem Nichtchristen deutlich machen, was da der „unendlich große“ Unterschied ist zwischen diesen Kirchen ist. Warum die eine Kirche nicht mehr mit der anderen gemeinsam Gottesdienst feiern kann. Die Trennung der Kirche ist nicht nur ein Segen. Sie ist durchaus auch ein Problem und eine Last. Sie muss uns problematisch werden. Wenn wir nicht an der Trennung der Kirche leiden, wie sollen wir dann ihre Einheit suchen? Wenn wir so zufrieden sind mit uns selber und unserer Art, Kirche zu sein, und gar nicht sehen, dass Gott noch viele Kinder hat, Menschen aus anderen Völkern und anderen Religionen, die er sucht. Wenn wir nicht die Liebe zu den Menschen entwickeln, wie wollen wir dann die Einheit der Kirche voranbringen?
Handlungsproblem „Wir haben ein Handlungsproblem“, (TOP 6). So lese ich es in der Zeitschrift „Brennpunkt Gemeinde“ (4-2004,S.155).Nein „es fehlt (uns) nicht (mehr) an theologischer Einsicht“. Es fehlt uns auch nicht an guten und brennenden Predigten oder an gutem kirchlichem Unterricht. Es fehlt uns nicht an Liedern und Bibeltexten, die wir auswendig hersagen können. Es fehlt uns nicht an Kreisen, die diskutieren über den Weg der Kirche oder den Weg der Theologie. Es fehlt uns nicht an Einsicht. Aber es fehlt uns oft an Handlung. Wir haben ein Handlungsproblem, nicht ein Wissensproblem. Hörer wollen und müssen Täter werden. Wir müssen das Erkannte in die Praxis umsetzen. Das Wort will Gestalt gewinnen.
Teil II – Einige Karikaturen Das waren bis jetzt ¾ Stunde. Ich kann auf die Karikaturen verzichten. Ich habe noch drei Blöcke, die ich gerne jeweils in fünf Minuten erläutern möchte. Ich will Ihnen trotzdem einmal etwas zeigen.
Folgen einige Karikaturen aus der gerade genannten Zeitschrift „Brennpunkt Gemeinde, Nr. 4, 2004) auf Folie und Tageslichtprojektor a. Der Pastor versucht die aus der Sanduhr rinnende Kirche aufzuhalten. Auch das ist ein Handlungsproblem, wo der Pfarrer versucht, die Kirche, die aus der Sanduhr rinnt, zu stoppen und das Loch in der Sanduhr mit seiner Hand zu dichten, damit die Kirche noch ein bisschen, sei es auch schon krumm und schief, bestehen bleibt. So kann die Zukunft der Kirche ganz bestimmt nicht aussehen, dass da ein paar Hauptamtliche oder Ehrenamtliche versuchen, die zerrinnende und sich auflösende Kirche zu retten, indem man die Löcher wieder stopft und dichtet und die Sanduhr anhält. Allerdings so auch nicht: b. Ein Lehrer schreibt an die Tafel: Was will die Schule? Sie will uns zu aufrechten Menschen machen. In dieser Karikatur ist nichts aufrecht, weder der Lehrer, noch die Schüler. So kann ja auch Kirche funktionieren, dass wir an die Tafel schreiben: „Wir sind von Gott beauftragte, von Gott geliebte Menschen.“ Nur man sieht und merkt es gar nicht. Wie hier die Schule karikiert wird, so geht es vielleicht manchmal auch in der Kirche zu. Da muss man sich dann nicht wundern, dass nichts rüber kommt. So allerdings auch nicht: c. „O“, „O“. Da sitzt einer ganz oben auf dem “O”, auf seinem Aha-Erlebnis, mit der Bibel, mit einer langen, langen, langen Leiter, abgehoben von der ganzen Welt. Ich für mich und meine Bibel und mein Herr – und alles andere ist weit weg. „O“, wie habe ich hohe, geistliche Erlebnisse. Ich für mich – und die anderen? „O“ und „Ah“ – Erlebnisse – auch das wird nicht Zukunft der Kirche sein. Doch auch nicht das Gegenteil. d. Da ist einer versackt, im Glauben versackt. Das „U“ aus dem Wort Glauben ist ganz tief nach unten gemalt – und unten in diesem „U“, unten im Glauben sitzt einer und liest. Er kann gar nicht mehr rausschauen. Wieder einer für sich allein: Mein Glaube. Der Glaube überwältigt ihn fast. Wenn sich das „U“ oben schließt, dann ist der Mensch ganz drin im Glauben und hat gar keine Wirkung mehr nach außen. Auch das ist nicht Glaube, wo einer völlig geschluckt wird – und gar keine Beziehung mehr nach außen hat. e. Und schließlich ein letztes Bild: Die Bibel mit einer Leiter dran gestellt. Über die Leiter versucht einer in die Bibel hineinzuklettern, in diese etwas aufgeschlagene Bibel. Er versucht hineinzuklettern, damit er doch etwas mitbekommt von diesem geheimnisvollen Wort. Vielleicht soll das Bild darstellen: Das Wort ist so unverständlich. Normale Menschen können es kaum verstehen. Nein, das ist es auch nicht. Es ist das Wort für die Welt. Es ist Jesus Christus und seine Herrschaft bezeugen und bekennen und leben. Fröhlich davon singen und fröhlich darin vorwärts gehen.
Nach schwarz (dem ersten Teil der Thesen) kam Rot (der zweite Teil der Thesen, die Gefahren), jetzt kommt grün (der dritte Teil der Thesen, Ausblick).
Teil III – Drei alte Sätze Ich möchte kurz vorweg noch etwas von Ihnen wissen. Es werden und wurden von der Evangelisch-altreformierten Kirche in den letzten 50 Jahren eigentlich immer drei kennzeichnende Sätze gesagt. Man kann und konnte sie immer wieder hören, wenn es darum geht oder ging, zu erklären, was und wie die Evangelische-altreformierte Kirche ist. Wissen Sie, welche Sätze das sind? Im Gemeindebuch sind sie jeweils auf zwei, drei Seiten umschrieben. Was sind die Kennzeichen der EAK, das will ich gerne von Ihnen wissen.
Die Kennzeichen der wahren Kirche weltweit werden genannt, nach Artikel 29 des Niederländischen Glaubensbekenntnisses: Die rechte Verkündigung, die rechte Bedienung der Sakramente und die rechte Kirchenzucht. Das letzte Kennzeichen ist vielfach etwa in allen lutherischen Kirchen in den ersten beiden Kennzeichen enthalten. Man kann auch sagen, es gibt nur zwei Kennzeichen der Kirche. Wo das Wort recht verkündigt wird, da vollzieht sich auch eine Art von Kirchenzucht. Wo die Sakramente recht bedient werden, da ist schon evangelische Kirchenzucht vorhanden. Das sind weltweit gültige Aussagen.
Aber speziell über die Ev.-altreformierte Kirche gibt es auch einige Aussagen. Denken Sie einfach nach, was ist das Besondere, was ist das Eigene der Ev.-altref. Kirche? In jedem Faltblatt, in jedem Gemeindebuch, immer wieder werden da einige Punkte genannt. Ich kann sie Ihnen ohne Weiteres aufzählen, weil sie mir immer wieder begegnen, und weil ich ein wenig auch für diese Darstellung mit verantwortlich bin. Ich hätte gerne gewusst, ob Ihnen etwas einfällt. Die EAK ist eine Freikirche. Sie ist eine Bekenntnisgebundene Kirche. Sie ist eine Gemeindekirche.
Ein Werden und kein Sein An diesen drei Sätzen möchte ich die letzten zehn Minuten noch kurz entlang gehen: Freikirche, bekenntnisgebundene Kirche, Gemeindekirche! Sie zeigen auch ein wenig diese Selbstsicherheit, von der ich vorhin gesprochen habe. Selbstsicherheit: Wir halten uns an das Bekenntnis. Selbstsicherheit: Wir sind eine Freikirche. Solche Sicherheit begegnet mir bis heute manchmal sehr schmerzlich. Schmerzlich in dem Sinne, dass es durchaus auch unter uns vereinzelte Stimmen gibt, die sagen: „Alle Landeskirchen sind Staatskirchen. Sie sind dem Staat unterworfen, sie müssen sich an staatliche Gesetze halten, sie sind irgendwie massiv von der Gesellschaft beeinflusst. Wir sind die einzige richtige Freikirche hier in der Grafschaft. Pastoren als „Staatsdiener“ oder „Staatsbeamte“ – das kann nicht Kirche Jesu sein.“ Solches Reden tut mir weh, wenn man das so sagt. Ich will darauf eingehen. Zuerst mit dem Satz: Reformiert ist nicht ein Zustand, sondern ein Sein und ein Werden. Ein Grundsatz der reformierten Lehre besagt: Die reformierte Kirche muss immer reformiert werden! Sie kann nie reformiert sein. Es gibt kein reformiertes Sein, sondern immer nur ein Werden!
Beim Gewohnten bleiben Das haben wir leider oft ein wenig vergessen. Es gibt eine Vielfalt reformierter Bekenntnisschriften. Es gibt übrigens kein einziges Bekenntnis, das alle Reformierten weltweit haben. Die Reformierten (und Altreformierten) in aller Welt haben nicht ein einziges Bekenntnis alle gemeinsam, nicht einmal den Heidelberger Katechismus. Der Heidelberger ist nicht in allen reformierten Kirchen der Welt gültig. Bei den Lutheranern ist das anders. Die haben weltweit die Confessio Augustana. Dieses Bekenntnis gilt überall bei allen Lutheranern. Ein Kennzeichen reformierter Kirche ist ,dass sie im Grunde kein verbindliches Bekenntnis hat. Wir haben wohl den Heidelberger, die Dordrechter Lehrsätze, das Niederländische Glaubensbekenntnis und die drei altkirchlichen Bekenntnisse. Die reformierte Kirche muss immer reformiert werden. Reformiert ist niemals ein fester Zustand. Genau das ist es aber, was wir oft gerne wollen. Wir wollten es gerne für alle Gemeinden fest schreiben: So und so müsst ihr es machen, da muss man sich dran halten, und dann geht alles fast automatisch richtig. Diesen Automatismus gibt es nicht. Die Kirche ist im Werden, sie ist nie ein Sein. Das heißt: Kirche muss sich bewegen, sie muss entwickeln, sie muss sich verändern. Wenn sie immer identisch bleibt, ein Ist-Zustand, der sich nicht mehr ändert, dann ist etwas faul. Dann stimmt etwas nicht. Kirche ist in Bewegung. Sie ist im Fluss. Wenn der Fluss hart wird, etwa wenn er einfriert, dann wird er auch kalt. Etwas Eingefrorenes, etwas Hartes, etwas im Grunde institutionell Festgeklopftes, entspricht gerade nicht dem Reformiert-sein. Immer wieder muss die Kirche durch das Wort und den Geist Gottes erneuert werden. Das haben die Väter der Reformation festgeschrieben, insbesondere auch die reformierten Väter. Sie haben sogar die Bekenntnisse nicht für alle Zeit festgeschrieben. Sie haben auf ihren ersten Synoden immer wieder gefragt: Was muss an den Bekenntnissen geändert werden? Wo gibt es neue oder weitergehende biblische Erkenntnis. Es hat nur wenige Jahrzehnte gedauert, bis die Bekenntnisse dann doch fest geworden sind und verpflichtend für alle. Aus dem Bekenntnis wurde ein Messstab und ein Maßstab. Die reformierte Kirche muss reformiert werden. Sie muss und will immer wieder erneuert werden.
Wir aber haben eher Angst vor den Neuerungen. Stimmt es? Alles, was neu ist, ist so unvertraut und unbekannt. Wir bleiben lieber in bekannten Gefilden. Wir wollen vielfach lieber alles so behalten, wie es ist. Wir möchten an dem Gewohnten festhalten. Wir blockieren manchmal das Neue, aus der Sorge heraus, das Alte und Gute zu verlieren.
Begriffe und Inhalte ändern sich Aber wer heute noch genau dasselbe sagt wie vor 100 oder 200 Jahren sagt etwas ganz anderes! Er redet in einer anderen Zeit unter ganz anderen Umständen. Ich kann das am Wortlaut der Lutherbibel deutlich machen. Bis zum Jahr 2000 stand in allen Lutherübersetzungen das Wort „Weib“, etwa im 9. Gebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib!“. Martin Luther hat das Wort „Frau“ überhaupt nicht gekannt. Das Wort gab es in seiner Zeit noch nicht. Weib war damals durchaus identisch mit unserem heutigen Wort „Frau“. „Weib“ klingt heute absolut nicht mehr positiv, habe ich das Gefühl. In der Lutherausgabe von 2000 oder 2001 wurde nun endlich zum ersten Mal das Weib durch die Frau ersetzt – trotz Luther und aller Luthertreue. Es wurde höchste Zeit für diesen Wechsel. Wie soll das denn heute einer vorlesen. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib? Das ist doch eher ein Schimpfwort. Oder wollen Sie sich als „Weiber“ bezeichnen lassen? Ihr Lachen zeigt, dass man vor 400 Jahren mit dem Wort etwas ganz anderes gemeint hat als heute. Mit dem Wort „Gehilfin“ im ersten Buch Mose verhält es sich übrigens genauso. „Ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei“. Da steht immer noch Gehilfin, sei es mit einem kleinen Sternchen am Rand mit der Bemerkung: Wörtlich: „Ein Gegenüber, die um ihn sei“. Das ist etwas ganz anderes als eine Gehilfin. Die Gehilfin bei Luther hatte eine ganz herausragende Stellung. Sie war sozusagen Direktorin und Managerin des ganzen Betriebs. Sie war diejenige, die alles zu sagen und zu bestimmen hatte. Sie stand über den Mägden und Knechten und leitete den ganzen Betrieb. Luthers Frau Käthe, seine „Gehilfin“, war seine Bankdirektorin, seine Brauereidirektorin und sein Landwirtschaftsmeister. Sie hat den ganzen Laden gemanagt und er konnte schreiben und Theologie betreiben. Sie sorgte fürs Einkommen. Sie war fast wie eine Konzernchefin tätig. So hoch war das Wort „Gehilfin“ angesehen. Und heute? Das sind jetzt nur Begriffe. Aber etwas Ähnliches gilt auch in der Theologie insgesamt. Einfach Dinge nur wiederholen. „So haben wir das immer gesagt und immer getan.“ Das geht weder in der Kirche noch in der Schule oder sonst im Leben. Wenn man sich nur immer wiederholt, fällt man automatisch langsam aus seiner Zeit heraus. Wenn etwa in Teilen der bisherigen Hervormden Kirche noch immer die uralte Staatenvertaling von 1637 gelesen wird im Gottesdienst, wenn man dort nur schwarz gekleidet zur Kirche geht und nur mit gleich langen Noten singt, dann ist man irgendwann reif fürs Museum. Teile der gerade Beschriebenen finden sich jetzt in der Hersteld Hervormde Kerk zusammen. Dann ist man kaum noch lebendiger Zeuge Jesu Christi in dieser Welt. Es gibt eine ganze Reihe von Museumskirchen in der Welt. Nicht nur steinerne Kirchen, sondern Museumsgemeinden. Die Armish People in den USA gehören dazu. Sie wollten keinen Strom und fahren bis heute mit Pferdekutschen durch die Gegend. Dann bekommt man auch viel Besuch. Die Armish werden als Museum besucht, aber kaum noch als Zeugen Jesu. Es wäre schrecklich, wenn die Kirche auf dem gesellschaftlichen Stand des 16. Jahrhunderts stehen geblieben wäre.
Ich wollte zu den drei Sätzen etwas sagen. Bekenntnisse verändern sich. Man nennt sich „bekenntnisgebundene Kirche“. Ja, darauf sind wir stolz gewesen. Das ist auch gut. Es ist bis heute gut. Aber es ist zu wenig.
Bekenntnisgebundene oder bekennende Kirche Die Bekenntnis gebundene Kirche – muss eine bekennende Kirche werden. Die Bindung an das Bekenntnis zu betonen, ist das eine. Aber dann zu bekennen, in dieser unserer Zeit, mit unseren Worten zu bekennen, eine bekennende Kirche zu werden, ist noch einmal etwas ganz anderes. Es ist auffällig, dass auch im Zweiten Weltkrieg die Ev.-altreformierte Kirche keine bekennende Kirche gewesen ist sondern auch eine bekenntnisgebundene Kirche. Hier und da gab es durchaus Momente des Bekennens. Es ist gefährlich, nur immer von der Bekenntnisbindung zu reden, von der Festigkeit des Bekenntnisses, ohne von dem Bekennen, von dem aktuellen Bekennen zu reden. Aus bekenntnismäßigen oder kirchenrechtlichen Gründen haben viele Kirchen sich getrennt. Man sah das Bekenntnis oder das Kirchenrecht nicht mehr gewahrt. Man trennte sich wegen einer falschen Verkündigung oder wegen einer Verleugnung der Sakramente oder weil eine Synode zu viel oder zu wenig sagte. Man muss eine gute Basis haben, das Fundament ist ja nicht unwichtig! Das ist ganz richtig. Sonst kann man auf dem Fundament nicht bauen. Ich bezeichne die Bekenntnisse als Basis, neben dem Wort Gottes oder als Zusammenfassung des Wortes Gottes. Aber wenn nun jemand sich sein Leben lang immer nur mit dem Fundament beschäftigt – und sein Haus über das Fundament gar nicht hinauskommt, was ist das dann für ein Häuslebauer? Könnte es sein, dass wir viel am Fundament gearbeitet haben und dass wir wenig drauf gebaut haben? Wir sind stark im Fundament, ganz bestimmt. Das ist das Wesen dieser Kirche. Aber sind wir auch stark im Hausbau, in dem, was über der Erde steht, in dem, was man sehen kann? Sind wir stark in der Theorie oder in der Praxis? Das gibt es auch bei Schülern, die die Schule satt haben. In der Theorie, in der Schule sind sie nicht stark. Sie mögen keine Schulbank mehr und sie möchten keinen Bleistift mehr anfassen. Aber wenn sie in die Praxis kommen als Tischler oder als Maurer – dann sind sie plötzlich wieder dabei. Daneben gibt es Leute, die sind ganz stark in der Theorie. Sie haben zwei linke Hände, wie man es manchen Pastoren nachsagt, sie könnten nicht einmal einen Nagel in einen Käse schlagen. Aber sie sind stark in der Theorie. Wie ist das bei uns, den Lehrlingen Jesu? Theorie gut, Praxis mangelhaft oder umgekehrt: Theorie mangelhaft, Praxis gut? Die Bekenntnis gebundene Kirche muss eine bekennende Kirche werden! Das ist noch unabhängig davon, ob wir von der Institution Kirche sprechen oder von den einzelnen Gliedern. Wir müssen wieder sagen können, was wir glauben, wofür wir stehen. Wir müssen Nichtchristen verständlich erklären können, was wir glauben. Wir brauchen Sprachübungen, Sprechübungen des Glaubens.
Konzentration auf die Mitte Dabei ist die Konzentration auf die Mitte angesagt. Wir haben bislang den Aufbau der Kirche von unten nach oben dargestellt. Die Basis bilden die einzelnen Gemeinden. Sie wählen jeweils einen Kirchenrat. Die Kirchenräte wählen die Synoden, die wählen die Generalsynode und ganz an der Spitze steht Jesus Christus selber. Ich glaube heute, das ist verkehrt. Den Aufbau der Kirche würde ich heute in konzentrischen Kreisen darstellen. In der Mitte, im mittleren Kreis, steht Jesus Christus. Alles dreht sich um ihn, alles kommt von ihm her. Um ihn herum im nächsten Kreis steht die Gemeinde. Und in den Kreisen noch weiter außen stehen Kirchenräte und Synoden. Aber alle sind sie auf Jesus Christus, auf die Mitte, bezogen. Die Kirche der Zukunft wird näher bei Jesus Christus stehen. Sie wird näher bei anderen Kirchen stehen. Oder es wird sie gar nicht mehr geben. Die Kirche der Zukunft wird Jesus Christus bezeugen in ihrem Tun, in ihren Worten und in ihrem Verhalten. Menschen lassen sich heute nicht so sehr von sachlichen Richtigkeiten überzeugen, sondern eher durch die gelebte Wahrheit, durch ein persönliches Zeugnis oder durch persönliche Zuwendung. Wir sind die Missionare und Missionarinnen der Kirche. Wir brauchen ein Bekenntnis, das sich in den Alltag auswirkt, das die Nachbarin sieht und auch den fremden Nachbarn und sie einlädt, das sich um ihn kümmert und ihn überschüttet mit Liebe und Zuwendung. In unserer Gesellschaft ist es ganz wichtig, Zeit für den anderen zu haben.
Freikirchlichkeit II Die EAK ist eine Freikirche. Aber, so hat Heinrich Baarlink gesagt, sie ist keine „unverbindliche Kirche“. Freikirche bedeutet nicht Unverbindlichkeit. Es bedeutet nicht, dort gibt es keine Richtlinien, jeder kann tun, was er will. In Freikirchen gibt es wie in anderen Kirchen auch eine Verbindlichkeit, unter der wir nicht weg können und nicht weg wollen. Es gibt eine Verbindlichkeit des gemeinsamen Lebens und des gemeinsamen Bekennens, des gemeinsamen Singens, Dankens, Lebens und Feierns auch. Das kann man nur gemeinsam tun: „Lasst uns miteinander singen, beten, loben den Herrn!“ Wir müssen uns gerade um andere kümmern, auf andere zugehen, miteinander den christlichen Glauben leben und erleben, damit wir nicht in den eigenen Schwierigkeiten untergehen oder dauernd nur im eigenen Saft schmoren.
Es ist schon etwas merkwürdig, dass die EAK keine eigene Gesellschaftsdiakonie entwickelt hat. Sie hat keine diakonischen Einrichtungen gegründet. Sie hat wohl eine Gemeindediakonie. Die unterstützt einige wenige Bedürftige in der Gemeinde. Sie sammelt Gelder und gibt sie an Bedürftige weiter. Aber selber auch als Kirche und Gemeinde den Dienst für andere tun, auch den organisierten Dienst in Einrichtungen und Häusern, in Kranken, Pflege- oder Kinderheimen oder ähnliches zu organisieren – da für fühlte man sich zu schwach und zu klein. Man hat aber auch nicht genügend gesehen, dass Zeugnis auch Dienst heißt und Dienst bedeutet. Eine Kirche, die nicht dient, kann nicht Kirche Jesu sein. „Wer der Größte unter euch sein will, sei euer aller Diener.“ Das gilt nicht nur für die Jünger intern. Das gilt auch nach außen. Es gibt viele Menschen in Not: Zerrüttete Familien, Kinder, die Hilfe brauchen nicht nur bei Gänseblümchen – da ist ein kleiner Anfang. Es gibt viele Dienstfelder zu entdecken, wo wir durchaus auch junge Menschen begeistern können, wo sie gerne mitarbeiten, wenn wir ihnen denn sagen und deutlich machen, dass das zum christlichen Glauben dazu gehört.
Ich muss zum Schluss kommen, damit ich meine Zeit nicht allzu sehr überschreite.
Gemeindezentriert III. Die EAK ist schließlich eine Gemeindekirche So sagte und schrieb man 1950 bis 1980. Was bedeutet das? Ist das zukunftsträchtig – oder hat das seine Zeit gehabt? In unseren Gottesdiensten führen die Pastoren das Wort und Älteste verrichten die Lesungen. Es ist schein undenkbar, dass irgendwo in einer Gemeinde ein Ältester im Gottesdienst das Gebet spricht oder dass ein Ältester der Gemeinde, uns, das Wort Gottes sagt.
Alle vier Jahre wechseln wir die Leitung der Kirche aus. Dann müssen die nächsten ran. Es müssen alle einmal beteiligt sein. Es bleibt bei uns nur der Pastor – der auf Lebenszeit gewählt und berufen wird. Nein, wir sind keine Pastorenkirche, bestimmt nicht! Was wäre das für eine Bundesregierung, wo ob der Bundeskanzler bleibt, und alle Minister wechseln jeweils innerhalb von vier Jahren? Wie ist das mit den Äußerungen der Kirche? Wie mühsam ist es, Nichttheologen zu bewegen, am Grenzboten einmal mitzuwirken, ein bisschen einmal zu schreiben? Das können so viele. Wie mühsam ist es, sich in den Synoden und Kirchenräten zu beteiligen und nicht immer gleich zu sagen: Der Pastor weiß es wohl? Oder wir schicken den, der vom Glauben und von der Kirche etwas wissen will, mal gleich zum Pastor hin. Ich befürchte, wir sind ganz kräftig eine Pastorenkirche geworden. Im Gegensatz zu manchen anderen Kirche, das will ich anerkennen, gibt es viele aktive Kreise, Gruppen, Hauskreise, Frauenarbeit, Kindergottesdienst oder Vereine, die alle sehr selbständig funktionieren. Darin sind wir keine Pastorenkirche. Aber in der Gestaltung und Leitung der Kirche sind wir Pastorenkirche. Wenn wir das nicht sein wollen, dann muss man noch einmal wieder in die Richtung anderer Freikirchen schauen, die z.B. vielfach einen Gemeindeleiter haben, der kein Theologe ist. Dieser Gemeindeleiter leitet vielfach die Gemeindeversammlungen oder die Kirchenratssitzungen. Da ist nicht immer und überall der Pastor gefragt sondern öfter die Gemeinde und die Gemeindeleitung.
Bedeutung der Ortsgemeinde Die Zukunft der Kirche entscheidet sich vor allem auch in der Ortsgemeinde. Lebt sie, blüht sie, wächst sie – dann blüht die Kirche. Deswegen sind in der Ortsgemeinde Phantasie gefragt und Mut. Es gibt kein verbindliches Rezept für alle: Dies müsst ihr tun oder das! Es gilt wohl: Ein Bewahren des Überkommenen ist zu wenig! Gerade wenn es um junge Leute geht – wenn hier zweihundert junge Leute säßen, die würden erst einmal nicht eine ganze Stunde lang geduldig zuhören (können), wie Sie das tun. Da wären dann z.B. ganz andere Lieder dran. Da gibt es manchmal ganz andere Ideen. Wer es glauben kann, dass der Sohn Gottes „versammelt, schützt und erhält“ bis ans Ende der Welt, der traut es auch einer nächsten Generation zu, dass Jesus Christus auch in ihr sein Werk tun wird. Wir dürfen uns üben in der Sprache des Glaubens und den Glauben leben nach innen und nach außen. „Ihr seid das Licht der Welt. Ihr seid das Salz der Erde.“ Das müsst ihr nicht noch erst werden. Ich weiß, Salz kann kraftlos werden. Sein Licht kann man verstecken und unter den Scheffel stellen. Ich fürchte, manchmal tun wir das. Da ist so viel Licht in den Gemeinden, das nach außen leuchten möchte. Verstecken wir es nicht! Bringen wir es unter die Leute! Die Kirche der Zukunft, die Kirche Jesu Christi, bezeugt Jesus Christus als den Herrn und Heiland. Sie dient Gott und den Menschen durch den Bau des Reiches Gottes. Sie erwartet und feiert die Vollendung von Himmel und Erde durch Kreuz und Auferstehung Jesu. Sie ist eine Institution mit einer großen Perspektive, mit einem großen Horizont. Es gibt keine Einrichtung, keine Institution auf dieser Welt, die so alt ist wie die Kirche Jesu, mit so vielen Mitarbeitern und Beteiligten wie die Kirche Jesu, mit einer so großen Zukunft wie die Kirche Jesu. Sie feiert und erwartet die Gegenwart und das Reich unseres Gottes. Sie ist sicher, dass er sein Reich vollenden wird. Es bleibt aber die Kirche ein Glaubensartikel! „Ich glaube, die heilige, allgemeine christliche Kirche“, die Jesus Christus versammelt, schützt und erhält. Ich glaube und bin ganz gewiss, dass ich „derselben ein lebendiges Glied bin und ewig bleiben werde“. ER, Jesus Christus, versammelt sie, von Anbeginn der Welt bis ans Ende. Da liegt ihre Stärke. Darauf muss sie sich besinnen. Dann kann sie auch durch das 21. Jahrhundert gehen so wie sie durch die zwanzig Jahrhunderte zuvor gegangen ist: mit vielen Irrwegen, mit vielen Sackgassen – und doch Kirche des Herrn. Bis der Herr selber kommt und sein Reich vollendet.
60 Minuten – Ich danke Ihnen
Folie: Traditionsabbruch
Fortschritt oder Rückschritt
Missionarisch: nach innen und außen offen, öffentlich, Öffentlichkeitsarbeit
Kirche ist Mission
Einheit
Handlungsproblem
Erneuern = reformieren
Bekenntnisgebundene à Bekennende K.
Freikirche à verbindlich
Gemeindekirche à Ortsgemeinde à k Pastorenkirche
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