Vortrag auf der Jahrestagung

des Vereins für Freikirchenforschung

am 30.03.2001 in Emden.

Veröffentlicht in

„Freikirchenforschung 2001, Nr. 11, S. 68-85,

ISBN 3-934109-03-9

Die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen

Zwischen Freikirche und Landeskirche

 

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Einige Vorbemerkungen

Im Gegensatz zu den Baptisten gehörten die Altreformierten zu den Stillen im Lande. Sie sandten keine Missionare aus, um neue Gemeinden zu gründen. Es gibt bis heute keine Gemeindegründungs- oder Gemeindeausbreitungsprogramme.

Der Gegensatz zur Mutterkirche ist durch das altreformierte Festhalten an Kindertaufe und kirchlichen Bekenntnissen sehr viel kleiner als in den Baptistengemeinden, die oft auch dadurch gewachsen sind, dass sie die Gegensätze betont haben.

Die Altreformierten gehören anders als die Baptisten zu den Kleinen im Lande. Es gab keine Theologen und bis auf eine Ausnahme keine Lehrer, Akademiker oder Geschäftsleute, die sich in den Anfangsjahren den Altreformierten anschlossen.

Probleme mit der Eheschließung vor landeskirchlichen Pastoren bis zur Einführung der Zivilehe in 1866 hatten Altreformierte genauso wie Hero Jelten im vorigen Referat dargelegt hat. Entsprechende Unterlagen zu diesem und anderen Schwierigkeiten der Anfangsjahre finden sich in meinem Buch „Umkehr und Erneuerung“.[1]

Eine Körperschaft des öffentlichen Rechts wurde die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen erst 1951, obwohl sie über hundert Jahre an Kaiser, König und Minister unzählige diesbezügliche Eingaben gemacht hatte.

 

I. Übersicht

 

Historische und aktuelle Übersicht Grafschaft Bentheim

Die Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen (EAK) ist zwischen 1838 und 1849 in einigen reformierten Kirchspielen der Grafschaft Bentheim entstanden. (Uelsen 1838, Bentheim 1840, (einschl. Gildehaus, Schüttorf und Brandlecht jeweils 1840-1897), Emlichheim 1845, Wilsum 1848, Veldhausen 1849). Die Altreformierten wurden auch als „Separatisten“ oder „Kokschen“ bezeichnet nach dem niederländischen Pastor Hendrik de Cock (1801-1842)[2]. Sie versuchten in jedem Kirchspiel Parallelstrukturen aufzubauen und gründeten eigene Gemeinden. Ungefähr in der Hälfte der reformierten Kirchspiele entstanden altreformierte Gemeinden. Zwischen zwei Prozent und zwanzig Prozent der reformierten Gemeindeglieder schlossen sich ihnen an. Heute gehören 5% der Bevölkerung der Grafschaft Bentheim zur Evangelisch-altreformierten Kirche, 45% sind reformiert, 30% römisch-katholisch, 17% lutherisch, je 0,5 % Herrnhuter und Ev.-freikirchliche Gemeinde (Baptisten). Dann bleiben zwei Prozent für alle übrigen (einschl. Religionslose und Angehörige anderer Religionen). Seit wenigen Jahren gibt es eine erste Freie Evangelische Gemeinde in der Grafschaft Bentheim, nl. in Veldhausen.

 

Anfangs Kirchenordnung und Gesangbuch beibehalten

Die Altreformierten behielten von 1838 bis 1871 die Kirchenordnung der in jenen Jahren zu Dreiviertel reformierten Grafschaft Bentheim bei, mit Ausnahme des Oberkirchenrates, dem sie nicht mehr untertan sein wollten. Sie behielten das Unterzeichnungsformular für die Pastoren bei, mit dem diese sich auf das Bekenntnis verpflichteten. Sie behielten das (niederländischsprachige) Gesangbuch der reformierten Kirche, aus dem sie allerdings wohl nur die Psalmen gesungen haben.

Kirchenordnung, Gesangbuch und Unterzeichnungsformular waren bis 1871 in beiden Kirchen identisch. Die Altreformierten wollten ja auch eine Wiederherstellung der alten reformierten Kirche in Lehre, Bekenntnis und Leben. Sie drängten auf eine Rückkehr zur Kirche und zum Bekenntnis der Väter und auf die strikte Einhaltung der Kirchenordnung.

Sie erlitten 1838 bis 1848 staatliche und kirchliche Verfolgungen und bis 1866, dem Anschluss Hannovers an Preußen viele kirchliche, gesellschaftliche und persönliche Nachteile. Die Altreformierten bildeten eine Entscheidungskirche. Zum ersten Mal überhaupt entschieden sich Menschen in der Grafschaft Bentheim persönlich zu einem Konfessionswechsel. Bis dahin hatte der Fürst von Bentheim darüber verfügt.

 

Ostfriesland und die Frage der Taufe

In Ostfriesland sind zwischen 1854 und 1861 fünf kleine altreformierte Gemeinden entstanden mit damals fast 1000 Gemeindegliedern. Die Zahl ist bis heute konstant.

Die kirchliche Landschaft in Ostfriesland ist vielfältiger und bunter als die der Grafschaft Bentheim. In Ostfriesland steht die 1860 gegründete altreformierte Gemeinde Ihrhove von Anfang an über die Tauffrage in Diskussion mit dem Ältesten H. Willms aus der benachbarten Baptistengemeinde Ihren.

1861 schreibt der altreformierte Emder Pastor K.J. Pieters über die Kindertaufe. 1863 H. Willms über „die Kindertaufe der Altreformierten“. Beide schreiben Niederländisch. 1865 mischt sich der gebürtige Emder Pastor N.M. Steffens ein mit dem Titel „Der Baptismus und die reformierte Kirche“. 1866 Pieters wieder in Niederländisch „Der Baptismus beurteilt“. Der altreformierte Pastor H. op’t Holt schreibt 1868 in Ihrhove (niederländisch): „Wie muss man die Taufe der Modernen sehen?“

Die „Gemeinde unter dem Kreuz“ in Emden, die 1856 von den Niederlanden aus instituiert worden war, schloss sich1860 den Altreformierten im Bentheimischen an. Die andere Hälfte wollte weiterhin einen Prediger aus den Niederlanden, dem aber als Ausländer bis 1866 das Predigen bei Strafe der Ausweisung verboten war. Diese zweite Hälfte blieb als ursprüngliche Gemeinde bis 1866 eigenständig und schloss sich dann mit ihrem Prediger S.C. de Haan dem deutschen Bund der Baptistengemeinden an.

Diese Gemeinde trat auch deswegen aus dem niederländischen Kirchenverband aus, weil es in der altreformierten Gemeinde Streit um einen Pastoren Rut Gerret Kamans (1798-1877) gab, der die Altreformierten in den Niederlanden nicht als wahre Kirche anerkennen wollte.[3]

In den ersten zehn Jahren ihrer Existenz hatten beide Gemeinden erhebliche Probleme mit dem Ausländerrecht. Aus den Niederlanden berufene Pastoren wurden  als Niederländer vom Magistrat der Stadt Emden in Zusammenarbeit mit der Landdrostei Aurich z.B. 1857 und 1859 wiederholt ausgewiesen. „Die Regierung in Hannover wird nicht zulassen, das R.G. Kamans in sein Amt in Emden eingeführt wird“, heißt es noch 1859.[4]

 

Taufdiskussionen in Nordhorn

Ähnliche Diskussionen wie um 1860 in Ihren und Ihrhove gab es 1911 in Nordhorn in der Grafschaft Bentheim. Hier wurden 1911 eine altreformierte und schon 1909 eine Baptistengemeinde gegründet. Es gab intensive Diskussionen und im Ton sehr freundliche aber entschiedene Broschüren für und gegen die Kindertaufe.

Die Baptisten in Nordhorn kannten lange Jahrzehnte ein eigenes sehr reformiertes oder lieber altreformiertes Glaubensbekenntnis. In den Diskussionen taten sich besonders hervor der Älteste der Baptistengemeinde Nordhorn F. Bartels und der altreformierte Pastor aus Veldhausen Egbert Kolthoff (1870-1954).[5] Die Nordhorner Baptisten blieben jahrzehntelang dem Bund der Baptistengemeinden fern. Sie hatten ein eigenes reformiert geprägtes Glaubensbekenntnis und sangen noch jahrzehntelang alle 150 Psalmen, die sie in einem eigenen Buch herausgaben. Genannter Bartels war nach Auskunft von Günter Balders zuvor Katechet in der altreformierten Gemeinde (Veldhausen).

 

Altreformierte und Baptisten in Ostfriesland

In Ostfriesland taufte Johann Gerhard Oncken am 18.10.1845 in Leer den Kaufmann Christian Bonk und den Weber Hinrich Coords. Im Jahr darauf, am 22.5.1846 werden die ersten neun Personen in Ihren getauft. Sie gründen unter diesem Datum die erste Baptistengemeinde in Ostfriesland. 1854 errichten sie die Kirche, die noch bis vor wenigen Jahren genutzt wurde.  Margarete Jelten hat auf einer Karte für 1851 bis 1861 sechzig baptistische Predigtort für Ostfriesland eingezeichnet.[6]

Schon zuvor hatte Oncken hier 1827 Traktate und Bibeln auf der Emsfähre verteilt. 1840 waren der Buchbinder Remmers und der Lehrer Hinrichs aus Jever nach Leer gekommen, sicher auch im missionarischen Auftrag.

In diesen Jahren von 1843 bis 1860 war nicht immer deutlich zu unterscheiden zwischen altreformierten, baptistischen oder freien evangelischen Predigern. Baptisten predigten dort, wo später altreformierte oder freie evangelische Gemeinden entstanden sind und wohl auch umgekehrt.

Es gibt Baptisten, die aus der altreformierten Gemeinde stammen oder es gibt in diesen Jahren Familien, in denen ein Teil zu den Baptisten oder ein Teil zu den Altreformierten gehört. Der Titel eines Buches von August Jung „Als die Väter noch Freunde waren“ trifft den Nagel auf den Kopf.[7] Allerdings beschreibt Jung nicht die ostfriesische Geschichte.

 

 

II Lebensgeschichten

Ich möchte an einige Namen und Lebensläufe erinnern, die teilweise noch recht unerforscht, zwischenkirchlich oder über- oder außerkirchlich tätig waren. Die Hinweise möchten weitere Forschungen anregen.

 

Sibold Heye Diepenbroek

Da ist z.B. der Tabakfabriksarbeiter und spätere Missionar Sibold Heye Diepenbroek, geboren 1823. Als Zwanzigjähriger betätigt er sich 1843 in den Versammlungen, „welche jeden Sonntags Abend bei dem Wurzelbauer Menne Baiker (Bakker) zu Emden gehalten wird.“ Im Hause dieses M.J. Bakker versammelt sich die am 11.04.1856 in Emden gegründete altreformierte Gemeinde bis zum 17.07.1859.[8]

Der aus den Niederlanden gewählte und berufene Prediger dieser Gemeinde R.G. Kamans bekommt vom Magistrat der Stadt, vom Konsistorium in Aurich und von der Landdrostei Aurich 1857 und 1859 keine Erlaubnis, als Prediger in Emden aufzutreten. Predigt er, wird er sofort des Landes verwiesen.[9] 1859 wird die spätere altreformierte Kirche in Emden gebaut. 1860 schließt sich ein Teil der bis dahin mit den Niederlanden verbundenen Gemeinde den Altreformierten an. Bis dahin hatte die Gemeinde völlig unabhängig von den Altreformierten existiert. Emder Bürger hatten sich an die Synode von Emden 1571 erinnert. Sie hatten von der Kirchentrennung von 1834 in den Niederlanden gehört und dort Unterstützung gesucht und gefunden bei der Einrichtung einer Gemeinde. Der niederländische Pastor Cornelis van den Oever und einer seiner Söhne, ebenfalls Pastor, waren hier in Emden sehr aktiv in den Anfangsjahren der Gemeinde.

Ein anderer (kleiner) Teil (zwei oder drei Personen) bleibt nach 1860 selbständig mit den Niederlanden verbunden und bildet eine eigene (zweite altreformierte) Gemeinde. Sie nennt sich weiter mit dem alten Namen „Kirche unter dem Kreuz“.  Sie wollen weiterhin versuchen, einen Pastoren aus den Niederlanden zu gewinnen.  Das ist nicht gelungen. Die Glieder dieser  Gemeinde treten sechs oder sieben Jahre später um 1866 mit ihrem Prediger S.C. de Haan (8.3.1864 in Emden eingeführt) dem Bund der Baptistengemeinden bei und stellen so die erste Baptistengemeinde hier in der Stadt dar.

Und Diepenbroek? Menno Smid schreibt über ihn in seiner Ostfriesischen Kirchengeschichte (S. 538): „In Emden und Umgebung war es trotz der genannten Tätigkeit von Duin[10] zunächst nicht zur (altreformierten, gjb) Gemeindebildung gekommen. Der Missinar Diepenbroek aus dem Berliner Missionshaus setzte hier Predigt und Evangelisation im Jahre 1849 in Duins Sinne fort ...“

Wo ist Diepenbroek geblieben? Altreformiert ist er nicht geworden, aber er hat seit 1843 durch seine „religiösen Vorträge“[11] die Entstehung der altreformierten Gemeinden in Ostfriesland deutlich gefördert.

 

Theodor Duprée

Mindestens genauso interessant ist die Geschichte von Prediger Theodor Duprée. „Ein gewisser Duprée hält religiöse Vorträge in der Wohnung des G.A. Eekhoff“ in Wolthusen, weiß das Amt Emden am 22.04.1843 zu berichten. Der Sohn dieses Eekhoff, ein P.G. Eekhoff, ist  ab 1857 Ältester der altreformierten Gemeinde Emden.  Genannter Duprée stammt wohl aus Ditzumerverlaat. Seit 1853 gab es hier in seinem Elternhaus regelmäßige Versammlungen der Baptisten. Am 26.04.1865 kam es hier zur offiziellen Gemeindegründung und Jochum Duprée wurde einstimmig zum ersten Gemeindeältesten gewählt.[12] 1843 jedenfalls, das bleibt festzuhalten, predigt er in – ich sage einmal – „voraltreformierten“ Kreisen. Und – am 13. April 1856 – zwei Tage nach der altreformierten Gemeindegründung in Emden im Hause des Philippus Meijer, beurkunden mit eigenhändiger Unterschrift fünf Personen ihren Austritt aus der reformierten Gemeinde Emden, unter ihnen der oben genannte Wurzelbauer Menne Janssen Bakker, in dessen Haus die Gemeinde zusammenkam, und eine Witwe T.C. Dupreé, die ihren Namen mit drei Kreuzen zeichnet, weil ihn nicht schreiben kann.[13] Sie schließt sich den Altreformierten an, denn Baptisten gibt es noch nicht hier in der Stadt. Später ist sie vermutlich zu den Baptisten übergegangen.

Die Wurzeln und Auswirkungen der Familie Duprée finden sich sowohl auf altreformierter wie auf evangelisch-freikirchlicher Seite. Ich würde gerne mehr wissen von der Geschichte dieses Predigers und seiner Familie.

 

Klaas Jans Pieters

Wir wenden uns dem vierten Pastoren der altreformierten Gemeinde Emden zu, Klaas Jans Pieters (07.12.1821 Havelte – 20.01.1879 Franeker). 1875/6 ist er in Emden tätig. Als Bauernknecht studiert er Theologie und arbeitet seit 1851 als 30-jähriger als Pastor bei den Altreformierten in Franeker in Friesland, in den Niederlanden. 1863 wurde er wegen Trunkenheit angeklagt, 1874 seines Amtes enthoben. Dann kommt er nach Emden. Er hatte wohl ein weites Herz, er predigte ein „weitherzigeres Evangelium“ als sonst bei den Altreformierten üblich war. Als Pastor in Emden predigt er wiederholt auch in der Freien Evangelischen Gemeinde in Franeker. Deshalb muss er sein Amt in Emden aufgeben.[14]

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er wirklich in der Freien evangelischen Gemeinde Franeker predigte, oder in der Baptistengemeinde, die ja bis 1897 zum deutschen Baptistenbund gehörte. Auf jeden Fall wird deutlich: „Schuster bleib bei deinen Leisten“, heißt es 1875. Ungestraft kann ein altreformierter Pastor nicht so einfach in einer anderen Freikirche predigen. Er verliert sein Amt – vielleicht war es angesichts seines Lebenslaufs auch ein willkommener Anlass, Pastor Pieters loszuwerden.

 

Winandus Koopmann und Johannes Jäger

1880 ist das nämlich schon wieder ganz anders. Der niederländische altreformierte Pastor Winandus Koopmann arbeitet nach seiner Frühpensionierung von 1876 bis 1880 mit dem Brüderverein in Barmen zusammen. Er tritt als Reiseprediger auf und ist in diesen Jahren Glied der Freien evangelischen Gemeinde.[15] 1880 bis 1889 dient er ohne Gehalt der altreformierten Gemeinde Emden. Er erhält eine lebenslange Rente wegen eines Zugunglücks, das er 1877 erlitten hat. „Der Ausschuss des Bundes freier Gemeinden und Abendmahlsgemeinschaften gibt ihm durch den Prediger H. Neviandt und den Vorsitzenden F.W. Bartels ein gutes schriftliches Zeugnis seiner Arbeit.“[16] Wer nun wen empfohlen hat, ist nicht ganz deutlich.

Auf jeden Fall haben Neviandts und Bartels’ Zeugnis positive Auswirkungen für Koopmanns Zukunft bei den Altreformierten. Gleichzeitig übernimmt Koopmanns Schwiegersohn, Johannes Jäger (1850, Hochkamer bei Vluyn, Kreis Moers – 1925, Emden)[17], schlussendlich von 1880 bis 1925  die Ausbildung der altreformierten Pastoren, von 1891 bis 1925 hier in Emden in einer eigenen Theologischen Schule (Osterstraße). Jäger wurde als 17-jähriger beim reformierten Pastor Bräm in Neukirchen konfirmiert. Er fing eine Schlosserlehre an, erlernte dann den Beruf des Webers, kam 1870 zum Militärdienst und wurde Neujahr 1873 Hospitant im Barmer-Missionshaus. Der oben genannte Fabrikant F.W. Bartels finanzierte Jägers Studium 1873 bis 1876 im Rheinischen Missionsseminar in Barmen.[18]  Jäger und andere altreformierte Pastoren waren 1878 bis 1891 fast regelmäßig auf den Jahreskonferenzen des Bundes Freier evangelischer Gemeinden und Abendmahlskonferenzen vertreten.[19]  Jäger selbst hatte nach dem Ende seines Studiums in 1876 am Lehrerseminar von Franz Ludwig Zahn in Moers gearbeitet. Danach wirkte er gemeinsam mit Johannes Landsiedel als Angestellter und Stadtmissionar der Freien evangelischen Gemeinde Wuppertal-Elberfeld, bevor er 1880 als altreformierter Dozent berufen wurde.[20] Ein Mitarbeiter der Freien evangelischen Gemeinde Barmen wird zur Ausbildung altreformierter Pastoren berufen. Er wird selbst altreformierter Pastor und ist von 1885 bis 1920 ganz allein für die vollständige Ausbildung vieler altreformierter Prediger zuständig, die ihren Dienst in Deutschland, den Niederlanden und den USA getan haben.

 

Eine Annäherung zwischen den Kirchen gab es nicht. Sie drifteten mehr und mehr auseinander an den Fragen von Taufe, Abendmahl, Bekenntnis und Kirchenverständnis. Mein Namensvetter, Henricus Beuker, meinte 1881, die Freien evangelischen Gemeinden würden zuviel Nachdruck auf die Wiedergeburt legen und wüssten zu wenig vom Bund Gottes. Einen Unterschied zwischen Pastor und Ältesten würden sie nicht kennen. Die Gemeinden stünden ziemlich lose nebeneinander.[21] Die Lehre vom Bund, vom Gnadenbund und vom Werkbund, war deutlich präsent in den altreformierten Gemeinden. Bis heute wird vielfach nach einer Kindertaufe den Taufeltern von der ganzen Gemeinde aus dem Reimpsalm 105 die vierte Strophe stehend zugesungen, die wohl fast jeder Altreformierte auswendig kennt:

Er will stets seines Bunds gedenken,

nie wird er seine Treue kränken.

An Tausend nach uns immerfort,

erfüllt er sein Verheißungswort.

Der Bund, der Abrams Hoffnung war,

steht jetzt noch da unwandelbar.

 

Es gibt jedenfalls mehr Punkte als die genannten, wo Altreformierte und Freie Evangelische einander berühren und beeinflussen.  So war z.B. einer der Nachfolger von H. Neviandt (1827-1901) in Elberfeld der altreformierte Pastor Fritz Dehmel aus Laar in der Grafschaft Bentheim.[22]

Zusammenfassend kann über diese Beziehungen gesagt werden:

„Die weitergehende … Organisierung von Freien evangelischen Gemeinden, die seit 1874 im Bund Freier evangelischer Gemeinden zusammenkamen, und von reformierten Gemeinden in Elberfeld und Barmen, die dort schon 1877 einen Reformierten Bund bildeten, der seit 1884 sich auf ganz Deutschland erstreckte, oder der reformierten Gemeinden, die sich 1882 zur Reformierten Kirche in Preußen zusammenschlossen, ließ den Altreformierten immer weniger Raum, eine Zusammenarbeit nach ihren Wünschen und Vorstellungen anzufangen. Sie wollten …  nur eine enge Zusammenarbeit mit reformierten freien Kirchen, die praktisch erst altreformiert sein müssten. Dass man sich auch auf einen gemeinsamen Weg begeben und sich unterwegs angleichen und voneinander lernen könnte, kam ihnen weniger in den Sinn. Sie wollten alles oder nichts - und erhielten am Ende nichts.“[23]

„Die Freien evangelischen Gemeinden sahen die Altreformierten vielfach wie sich selbst als eine Gruppe innerhalb der Gemeinschaftsbewegung. Sie konnten nicht in kirchliche Kategorien denken und sich keine Gemeinschaft als Kirche vorstellen, auch nicht als Freikirche.[24] Sie wollten nur mit der Schrift leben und benötigten dazu keine Bekenntnisschriften. Aber gerade die spielten bei den Altreformierten eine große Rolle. Die Altreformierten und Christelijke Gereformeerden konnten ihr Christein nur in festen kirchlichen Institutionen und Gemeinden denken. Für sie waren die Gemeinschaften auf halbem Wege stehen geblieben. Auf die Erkenntnis und Verkündigung der rechten Lehre folgte für sie notwendig die Organisation als freie Kirche. Wurde sie nicht vollzogen, war damit auch die rechte Lehre gefährdet oder gar verlassen. So konnten sie mit den Gemeinschaften wegen deren independentistischer und baptistischer Grundsätze keine Möglichkeit kirchlicher Zusammenarbeit finden.[25] ……  Jahrelang wurden noch altreformierte Vertreter zu den Konferenzen der Freien evangelischen Gemeinden und Gemeinschaften entsandt.[26] Die Altreformierten wurden immer kirchlicher und reformierter. Von Gemeinschaften und freien Gruppen wollten sie immer weniger wissen, je mehr sich die eigenen kirchlichen Strukturen verfestigten. In Beukers Zeit in Emlichheim (1881-84) und kurz danach wurden dafür die Weichen gestellt“[27] (Beuker 1996,211).

 

 

 

III. Von den Niederlanden geprägt

Ausweichen in die Niederlande förderte Freikirchlichkeit

Durch die heftigen kirchlichen und staatlichen Verfolgungen 1838 bis 1848 waren die Altreformierten gezwungen, eigene Prediger auszubilden. Noch bis 1866, bis zum Übergang von Hannover an Preußen, wurden ausländische Prediger des Landes verwiesen. (Daher die Probleme mit den beiden Gemeinden in Emden 1860). Altreformierte Prediger erhielten ihre Ausbildung auch in den Niederlanden wie in Deutschland anfangs bei örtlichen Pastoren, seit 1854 gibt es in den Niederlanden die Theologische Schule, später Universität, Kampen. Diese Verbindung besteht bis heute. Offiziell muss noch heute jeder angehende altreformierte Pastor zumindest seinen Studienabschluss in den Niederlanden machen. Damit ist er dann in Deutschland und den Niederlanden berufbar.

Zwischenzeitlich gab es 1880 bis 1920 eine eigene altreformierte Theologische Schule, seit 1891 hier in Emden mit genanntem Johannes Jäger als Gemeindepastor und Dozent.

 

Anschluss an die Niederlande 1923

Die Beziehung zu den Niederlanden weckte und stärkte das freikirchliche Element bei den Altreformierten. Sie übernahmen die niederländische Kirchenordnung, die niederländische Art der theologischen Ausbildung, die niederländische Art der Missionsarbeit (als Aufgabe der ganzen Kirche) und sie schlossen sich 1923 „vorläufig“ bei den niederländischen Altreformierten an, bei den Gereformeerden Kerken in Nederland. Zu diesem Zeitpunkt war der Dozent Johannes Jäger ein alter und kranker Mann. Die Inflation des Geldes machte eine Fortführung der Theologischen Schule in Emden unmöglich.

Dieser Anschluss an die Niederlande ist bis heute rechtskräftig. Altreformierte Pastoren werden bis heute in die Niederlande und aus den Niederlanden berufen. Sie sind in den Niederlanden rentenversichert. Altreformierte Gemeinden unterstützen bis heute die niederländische Missionsarbeit finanziell und auch direkt durch die Entsendung von Mitarbeitern.

In den Niederlanden gibt es keine Landes- oder Staatskirchen, keine Kirchensteuer und auch keine An- oder Abmeldung, keinen Kirchenein- oder –austritt über das Standesamt oder Einwohnermeldeamt.

 

Ortsgemeinde als Kirche im Vollsinn des Wortes

Die Freikirchlichkeit, zu der ja auch die relativ große Eigenständigkeit der Ortsgemeinden gehört, wurde durch die Beziehung zu den Niederlanden gefördert. Kein geringerer als Abraham Kuyper (1837 – 1920) betonte dies. Er sorgte für den Plural im Namen: Gereformeerde Kerken und Altreformierte Kirchen. Die Ortsgemeinde ist eine vollständige Kirche im Vollsinn des Wortes.

In den Niederlanden wird dieses Rad jetzt zurückgedreht. Die Altreformierten Kirchen nennen sich schon seit 1970 wieder in der Einzahl: Evangelisch-altreformierte Kirche in Niedersachsen. So unabhängig und selbständig wie manche Gemeinde oder Kirche es wohl gerne sein möchte, ist sie nicht.[28]

Einer, der viel mit Abraham Kuyper zu tun hatte und auch maßgeblich an der Vereinigung der Kuyperkirchen und der De Cockkirchen (Doleantie und Afscheiding) in 1892 beteiligt war, ist mein Namensvetter Henricus Beuker. Er war von 1862 bis 1893 Pastor u.a. in Rotterdam, Amsterdam und Leiden in den Niederlanden und zwischenzeitlich von 1881 bis 1884 altreformierter Pastor in Emlichheim in der nördlichen Grafschaft Bentheim. Er forcierte und beabsichtigte in seiner Zeit eine nähere Verbindung zwischen den Freien evangelischen Gemeinden und den altreformierten Gemeinden in Deutschland. Aber seine konfessionelle Begrenzung und die seiner Kirche vereitelte genau dies.[29]

 

 

 

IV. Landes- und freikirchliche Elemente in einer Kirche

In der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen (EAK) sind heute sowohl freikirchliche wie auch landeskirchliche Elemente aufzuzeigen.

 

Parochial- und nicht Personalgemeinden

Die EAK kennt keine Personalgemeinen sondern Parochialgemeinden. Das bedeutet, wer innerhalb der festen Grenzen einer Kirchengemeinde wohnt, gehört ihr mehr oder weniger automatisch an. Die Gemeinde- oder Kirchspielgrenze bestimmt über die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde und nicht so sehr die persönliche Entscheidung. Das ist landeskirchlich und nicht freikirchlich.

 

Konfirmation – Öffentliches Glaubensbekenntnis

Ebenso verhält es sich mit der Gruppenkonfirmation. Einmal im Jahr zu Ostern oder Pfingsten wird in der Regel ein ganzer Jahrgang von Gemeindegliedern in einer Gruppe konfirmiert. Die jährliche Konfirmation ist typisch landeskirchlich und nicht freikirchlich.

Doch zeigen sich gerade an dieser Konfirmation auch freikirchliche Züge. Sie nennt sich nicht Konfirmation sondern „Öffentliches Glaubensbekenntnis“. Es wird auch nach dem Glauben und der persönlichen Überzeugung der Konfirmanden gefragt. Alle Konfirmanden besuchen in der Regel, das ist von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich, zwischen sechs und neun Jahre lang im Winterhalbjahr den Kirchlichen Unterricht. Langer und intensiver Unterricht und die Frage nach dem persönlichen Glauben sind durchaus freikirchlich. Allerdings habe ich sehr stark den Eindruck, dass sich bei den Altreformierten das landeskirchliche Element der Konfirmation in Zukunft noch mehr durchsetzen wird.

 

Taufpraxis

In der Taufpraxis und der Frage der Gemeindezucht nähern sich die Altreformierten immer mehr der landeskirchlichen Praxis. Üblich und normal ist die Taufe von neugeborenen Kindern. Solange Eltern die Taufe für ihre Kinder erbitten, ist sie kaum zu verweigern. Setzten Taufe und Öffentliches Glaubensbekenntnis bis etwa 1970 eine aktive Teilnahme am Gottesdienst voraus, wird genau dies heute zum Problem. Nach wie vor erwarten altreformierte Gemeinden von allen ihren Gliedern eine aktive Teilnahme am kirchlichen Leben und eine freiwillige finanzielle Unterstützung. Aber es gibt keine Möglichkeit, das eine oder andere einzuklagen oder durchzusetzen.

 

Reformierte Liturgie 1999

Gerade 1999 hat der Reformierte Bund mit Sitz in Wuppertal ein dickes Buch herausgegeben, eine „Reformierte Liturgie“, in der die Gottesdienstordnungen und Formulare von vier reformierten Kirchen in Deutschland zusammengefasst sind, unter ihnen auch die Altreformierten. Die Gottesdienstordnung ist in den altreformierten Gemeinden landeskirchlich geprägt geblieben. Der Pastor oder die Pastorin bereitet den Gottesdienst vor und leitet ihn. Gemeindeglieder beteiligen sich normalerweise nicht an der Gestaltung oder dem Ablauf, abgesehen davon, dass in fast allen Gemeinden der oder die „diensthabende“ Älteste für die Schriftlesung verantwortlich ist. Die kirchlichen Formulare z.B. für Taufe, Trauung, Abendmahl oder Einführung von Amtsträgern stammen zum übergroßen Teil aus dem Niederländischen.

 

Reformiertes Gesangbuch 1970

Altreformierte und Reformierte haben seit 1970 wieder ein gemeinsames Gesangbuch. Gemeinsam singen sie – einmalig in Deutschland – häufig und gerne die 150 Psalmen und daneben 695 landeskirchliche Lieder. Dieses Gesangbuch ist ein landeskirchliches Buch, geordnet nach dem Kirchenjahr mit vielen alten Kirchenliedern und wenig modernen Bibelliedern,  Anbetungs- oder gar Erweckungsliedern. Auch wenn die Altreformierten diese gerne singen, ihre Chöre kannten alle die sog. „Reichs-Lieder“ aus dem „Deutschen Gemeinschafts-Liederbuch“, im Liedgut sind und werden Altreformierte immer mehr landeskirchlich geprägt. Heutige Gemeinschaftsliederbücher, etwa „Jesus unsere Freude“ vom Gnadauer Gemeinschaftsverband, sind ihnen völlig unbekannt. Trotzdem sind ihnen einige wenige freikirchliche Lieder ein großer Schatz.

 

Freikirchliche Ordnung

Die Kirchenordnung und Einrichtung der EAK entspricht mehr den Freikirchen als den Landeskirchen. Sie ist weder Glied der EKD noch Mitglied in der Vereinigung evangelischer Freikirchen (VEF). Sie ist wohl, wie andere Freikirchen auch, Mitglied im Reformierten Bund, im Diakonischen Werk in Stuttgart, im Evangelischen Missionswerk in Hamburg oder in der ACK, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland und der ACK Niedersachsen. Sie lebt auch aktiv in diesen Beziehungen.

Sie kennt keinen Bischof, kein Landeskirchenamt und keinen Kirchenpräsidenten. Sie kennt überhaupt keine hauptamtliche Verwaltung. Das Moderamen der halbjährlichen Synode, deren Abgeordnete aus den Gemeinden seit 1994 für sechs Jahre gewählt werden, gilt als Ausschuss der Synode. Die Gemeinden regeln ihre Angelegenheiten so weit wie möglich selbst.

 

Keine Kirchensteuer – freiwillige Finanzen

In der Gebefreudigkeit für diakonische und kirchliche Arbeit gehört die EAK zu den Spitzenreitern in Deutschland, obwohl sie eine Kirche des Mittelstandes darstellt. Die Auflistungen der Sammelergebnisse für die Aktion Brot für die Welt sprechen Bände.

Jede Gemeinde verwaltet ihre Einnahmen und Ausgaben eigenständig ohne übergemeindliche Kontrolle. Weniger als zehn Kollekten werden im Jahr von den Synoden erbeten oder vorgeschrieben. Viele Gemeindeglieder geben den Zehnten. Die Gemeinden entwickeln eigene Richtlinien für die finanziellen Beiträge ihrer Glieder. Gemeinden mit mehr als 300 Gliedern müssen sich finanziell selbst tragen.

Finanziell sind die Altreformierten freikirchlich geprägt. Allerdings wird es zunehmend schwerer, den Gliedern ihre finanzielle Verpflichtung deutlich zu machen. Manche altreformierten Gemeinden sehnen sich nach einem festen Kirchensteuersystem, wo jeder nach seinem Verdienst veranlagt wird. Landeskirchliche Reformierte sehen in der freikirchlichen Verwaltung der Finanzen ein Modell für eine Zeit, in der es eventuell keine Kirchensteuer mehr geben wird.

 

Haus-Kreise, Gruppen und Vereine

Anfangs waren es die Kreise der Jünglinge und Jungrauen, die sich nach dem Ersten Weltkrieg eigenständig in einem Bund organisierten. Nach 1970 folgen dann die Frauenkreise und die Männer- und Hauskreise.

Die Selbständigkeit der Jugendarbeit sowie auch anderer innergemeindlicher Kreise und Vereine gegenüber ihrer eigenen Gemeinde ist den Altreformierten wichtig. Die Vereine wählen für eine feste Zeit ihre Vorstände, die die Arbeit leiten und begleiten.

Es gibt eine große Zahl von Chören, Gruppen und Kreisen innerhalb der Gemeinden. Darin sind Altreformierte freikirchlich geprägt. Berufliche und schulische Termine und Verpflichtungen sowie eine zunehmende Gleichgültigkeit erschweren allerdings auch hier die Arbeit.

Altreformierte Gemeinden sind zumeist aus Konventikeln hervorgegangen, die man hier auf Niederländisch „Zusammenkünfte“ (Zamenkomsten) nannte. Sie hatten im Gegensatz zu den Muttergemeinden keine Angst vor Gruppen und Kreisen innerhalb der Gemeinde. Sie haben diese im Gegenteil gefördert und unterstützt, wo es nur ging.

Soweit ich sehe, ist die Evangelisch-altreformierte Kirche der ersten Jahrzehnte eine zur Kirche gewordene landeskirchliche Gemeinschaft. Bezeichnenderweise existieren bis heute in Orten mit altreformierten Gemeinden kaum landeskirchliche Gemeinschaften.

 

Konfessionelle Freikirchen

Neben den Altkatholiken und der Selbständig Evangelisch-lutherischen Kirche, früher Altlutheraner genannt, sind die Altreformierten die kleinste der drei sogenannten Konfessionellen oder Altkonfessionellen Freikirchen. Alle konfessionellen Freikirchen sind keine Freikirchen im klassischen Sinn. Sie sind aus den Landeskirchen entstanden und wollten zu deren Reformation beitragen.

Im Lauf ihrer Geschichte sind sie – oft gezwungenermaßen – mehr und mehr freikirchlich geworden. Aber alle drei stehen mehr oder weniger auf der Grenze von Landes- und Freikirche. Alle drei bewahren neben den altkirchlichen Bekenntnissen die klassischen Bekenntnisse ihrer Mutterkirchen. Durch viele Jahre der Trennung ist ein eigenes kirchliches Leben entstanden, das sich so sehr von der der Mutterkirche unterscheidet, dass bei allen drei Kirchen an eine Wiedervereinigung von Mutter und Tochter heute kaum zu denken ist.

 

Keine Missionskirche

Im Gegensatz zu den Evangelisch-freikirchlichen Gemeinden und den Freien evangelischen Gemeinden zeigen die evangelisch-altreformierten Gemeinden bis heute kaum missionarischen Eifer im eigenen Lande. Gemeindegründungs- oder Gemeindeausbreitungsprogramme sind ihnen fremd. Sie leben innerhalb ihrer Dörfer und Städte – aber wollten lange gerne unter sich bleiben.

Eine Öffnung zu den verschiedensten überkirchlichen und überkonfessionellen Institutionen hat sich seit 1960/70 ergeben. Die Ev.-altreformierte Kirche in Niedersachsen wurde Mitglied im Reformierten Bund in Deutschland, im Evangelischen Missionswerk in Hamburg, im Diakonischen Werk in Stuttgart und in den regionalen, landes- und bundesweiten Arbeitsgemeinschaften Christlicher Kirchen.

 

Gemeinsamer Ausschuss

Am ehesten könnte eine intensive, geregelte Beziehung noch entstehen zwischen Reformierten und Altreformierten. 1994 ist ein Heft des Gemeinsamen Ausschusses beider Kirchen erschienen unter dem Titel „Gemeinsam unterwegs. Reformiert-altreformierte Gespräche“. Es zeigte sich, in den Lehrfragen bestehen keine Unterschiede zwischen den beiden Kirchen, aber sehr wohl im Bereich der Gemeinde- und Kirchenpraxis. In diesem Jahr 2001 soll ein zweites Heft erscheinen. Der 12köpfige Ausschuss soll Möglichkeiten und Wege zur weiteren Zusammenarbeit aufzeigen und ebnen.

Beide Kirchen sehen sich heute unter einem Dach – aber in verschiedenen Wohnungen. Zwischen diesen Wohnungen gibt es viele Verbindungstüren, die lange Zeit hermetisch verriegelt waren, aber jetzt nach und nach wieder geöffnet werden. Die beiden Kirchen werden in den nächsten Jahrzehnten nicht in eine Wohnung ziehen, denn dann würde es für beide zu eng.

Eine Freikirche, die an der Kindertaufe festhält, weil Gottes Bund mit seinem Volk und seiner Gemeinde gilt, wird nach einigen Generationen verstärkt zur Nachwuchskirche. Es ist ein dauernder Spagat zwischen Entscheidungs- und Nachwuchskirche.

Es wächst mehr und mehr die Einsicht, die institutionelle Kirche kann keine Kirche der sichtbar Reinen und Heiligen sein. Wir glauben „die Gemeinschaft der Heiligen“ – quer durch alle Kirchen und Konfessionen hindurch, auch wenn wir sie oft kaum sehen. Aber wie sagte schon sinngemäß Calvin (von Hermann Selderhuis in seinem Referat zitiert): Gott liebt nicht so sehr die großen Altäre – sondern viel mehr die Ruinen.

Das Leiden an der Kirche wird keinen Christen verschonen, gleich welcher Kirche er angehört, ob landes-, volks- oder freikirchlich. Aber die Freude an der Kirche Jesu Christi in den vielen Konfessionen überwiegt das Leiden bei weitem.

 

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[1] Gerrit Jan Beuker, Umkehr und Erneuerung.  Aus der Geschichte der Evangelisch-altreformierten Kirche in Niedersachsen 1838 – 1988. Bad Bentheim 1988, 542 Seiten. Im weitern Text als UuE abgekürzt.

[2] Er war hervormder (reformierter) Pastor in Ulrum und wurde 1834 einer der Anführer der niederländisch sog. Abscheidung, einer Austrittswelle aus der reformierten Kirche, deren Auswirkungen ab 1838 auch die Grafschaft Bentheim und rund zwanzig Jahre später Ostfriesland erreichen.

[3] Beuker 1988, 178.

[4] Beuker 1988, 173.

[5] B. Bartels verfasste 1910 gegen Kolthoff: „Wer soll getauft werden? (55 Seiten). Kolthoff schrieb 1912 „Zur Kindertaufe. Erwiederung an B. Bartels, Bakelde“ (45 Seiten).

[6] Margarete Jelten, Unter Gottes Dachziegeln, 1984, 163.

[7] August Jung, Als die Väter noch Freunde waren. Aus der Geschichte der freikirchlichen Bewegung. Wuppertal 1999, 198 Seiten.

[8] Beuker, Vorrede zum getippten Protokollbuch Emden 1856 bis 1864/6 (Maschinenschriftlich 1991, I). Die ersten Protokollbücher der altreformierten Gemeinde Emden lagern bis heute in der Baptistengemeinde. Sie sind altreformierterseits für die Zeit nach 1866 bislang nicht ausgewertet worden.

[9] Beuker 1988,173f

[10] Reemt Weerts Duin (1797-1843), Pastor in der reformierten Gemeinde Jarsum 1827, Veenhusen 1828, pensioniert 1831. Pastor bei den Altreformierten in der Provinz Friesland 1839, abgesetzt 1840, ohne Amtseinführung in Leiden 1840, nach Ostfriesland 1840, verstorben 1843. Duin schrieb mehrere Broschüren gegen den Verfall der reformierten Kirche in Ostfriesland.  Er nahm dabei kein Blatt vor den Mund.

[11] Beuker 1988, 144

[12] nach Harm Wiemann, Aus vergangenen Tagen. Chronik der Samtgemeinde Bunde, Bunde 1983,95. Wiemann berichtet weiter, die Gemeinde sei am 20.12.1869 aufgelöst worden und bis 1875 Station der Gemeinde Ihren gewesen. 1939 kam es zu einer Neugründung.

[13] Beuker 1988,167 und 143.

[14] Beuker 1988,180.

[15] Koopmann (6.3.1822 Budberg, Deutschland – 1898), erhielt seine theologische Ausbildung bei Pastor A. Brummelkamp in den Niederlanden, wurde 1852 altreformierter Pastor in Winterswijk und 1856 in Barendrecht. 1876 lässt er sich in Barmen nieder, arbeitet im Reisedienst für den Brüderverein. K. erleidet 1877 ein Zugunglück und erhält dafür lebenslange Rente.

[16] Beuker 1988, 182. Siehe auch S. 212ff.

[17] Beuker 1988, 184 und 432-438.

[18] Beuker 1996, 206

[19] Beuker 1996, 203-212.

[20] Beuker 1996, 206

[21] Beuker 1996, 204

[22] Beuker 1996, 203

[23] Beuker 1996, 193.

[24] Bericht über die neunte Konferenz ... [1882], 23 Das Protokoll vermeldet: „Prediger Beuker freut sich gleichfalls der Einigkeit die zwischen den von ihm vertretenen Gemeinschaften und dem Bund besteht.“

[25] J. Schoemaker faßte das ganze Problem vor der (General)Synode Assen 1888 in zwei Sätzen zusammen. „De vraag naar de relatie tot de vrije Gemeenten in de Rijnstreek beantwoordde ZEerw. met te zeggen, dat eene officieele kerkelijke betrekking met deze niet mogelijk is, wegens independente en baptistische beginselen.“ (General)Synode Assen 1888, Handelingen 1988,14f, Art. 21. Übersetzung: Die Frage nach dem Verhältnis zu den freien Gemeinden im Rheinland beantwortet Ehrwürden, indem er sagte, eine offizielle kirchliche Beziehung zu ihnen sei nicht möglich wegen independentistischer und baptistischer Prinzipien.

[26] Etwa Synode Altreformierte Kirche 26.08.1891, Art. 11: J. Jäger vertrat die Altreformierten auf der Konferenz am 27./28.5.1891 in Düsseldorf.

[27] Beuker 1996, 211.

[28] Für Kuyper war es notwendig, so zu argumentieren. „Jede Ortsgemeinde ist Kirche im vollen Sinn des Wortes“. Nur so konnte seit 1886 er den Austritt aus der Nederlandse Hervormde Kerk, die sog. Doleantie, rechtfertigen. 1892 vereinigte sich seine Kirche mit der Christelijke (afgescheidene) Gereformeerde Kerk zu den Gereformeerden Kerken in Nederland. In unserem heutigen Jahrzehnt geht ein Unionsprozess zwischen Hervormden, Gereformeerden und Lutheranern in seine Endphase.

[29] In meiner Dissertation „Abgeschiedenes Streben nach Einheit. Leben und Wirken Henricus Beukers 1834 – 1900. Kampen/Bad Bentheim 1996“ habe ich ausführlich auf den Seiten 203 bis 215 über die Beziehungen der Evangelisch-altreformierten Kirche in den Jahren um 1880 zu den Freien evangelischen Gemeinden und anderen geschrieben.