Evangelisch-altreformierte Kirche – wohin?

Einführung Amtsträgertreffen Emden 23.10.2002

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 „Wohin?“ frage ich nur, wo ich unterschiedliche Wege gehen kann und mich entscheiden muss. Wenn alles festliegt und vorgegeben ist, wenn es nur eine Straße gibt ohne irgendwelche Abzweigungen und Seitenwege, dann geht es nur vorwärts oder rückwärts. Wenn ich mich selbst oder andere frage: „Wohin?“, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten. Das ist an und für sich schon einmal sehr erfreulich und positiv. Ich werde mir bewusst und mache mir bewusst, welchen Weg ich gehe. Ich laufe nicht einfach in der Masse und im großen Strom mit. Die EAK ist eine sehr feine, exklusive, herausgehobene Kirche. Es ist in Deutschland etwas besonderes, altreformiert zu sein: Das sind nicht viele! Die EAK ist vermutlich die einzige grenzüberschreitende Kirche in Deutschland, wenn man von den Auslandskirchen absieht, wie z.B. die Niederländische Kirche in Deutschland, die gerade ihr 100jähriges Jubiläum gefeiert hat.

 Eine Wahlmöglichkeit ist also keine Bedrohung, sondern eine gute Sache. Sie hilft uns, unseren Weg bewusster zu sehen und bewusster zu gehen. Die Straße liegt nicht selbstverständlich, einspurig und gerade vor uns.
Es wäre sehr eintönig – hunderte, tausende Kilometer zu fahren, immer nur gerade aus, wie man es in den USA erlebt. Die verschiedenen, oft auch parallelen Wege der einzelnen Kirchen sind eine Bereicherung. Die Hauptstraßen der Volkskirchen werden durch die Nebenstraßen der Freikirchen entlastet und vor einem Verkehrskollaps bewahrt.

 Ich sehe in den verschiedenen Straßen ein Bild für die Kirche. Jede Straße hat Vor- und Nachteile. Die Vor- und Nachteile, die Stärken und Schwächen der EAK würde ich gerne nachher mit euch sammeln und darüber diskutieren. Der Kirchenstammbaum, (Folie??) der Baum der Kirche ist uns ja bekannt. Man kann die Geschichte und das Leben der Kirche und ihre Vielfalt in Form eines Baumes darstellen. Dann gehört Israel zum Stamm und aus diesem Stamm entwickeln sich dann immer neue Zweige und Blätter. Es findet eine immer größere Verästelung und Verfeinerung statt. Ganz oben an der Spitze stehen dann die heutigen Kirchen.
Aber das Bild vom Baum lässt keine Möglichkeit, dass die Zweige, Zweiglein und Blätter des Baumes wieder zusammenwachsen.

 Ich führe deswegen ein neues Bild ein: die Straßenkarte. Mehr noch als beim Stammbaum der Kirche stellt sich hier die Frage: Wohin? Wo liegt unser Ziel? Wo kommen wir her? Wenn die Kirchen ein gemeinsames Ziel haben, dann müssen alle Straßen (sprich Kirchen) sich dort an diesem Ziel wieder treffen und vereinen. Der Startpunkt und das Ziel sind für alle Kirchen identisch. Sie liegen in Jesus Christus.
Zwischenzeitlich fahren wir auf parallelen Straßen. Es gibt viele Querstraßen und Verbindungen von einer Kirche zur anderen, herüber und hinüber. Diese Verbindungen müssen durchaus ausgebaut und vertieft werden.
Die Frage nach dem Woher der Kirche wollen wir heute Abend ein wenig ruhen lassen. Sie ist ja auch nicht so sehr umstritten oder in der Diskussion, weder bei der eigenen Kirche, noch bei den Kirchen weltweit.

 Wohin? Das ist die spannende Frage, für die altreformierte und alle Kirchen! Wohin – das ist die Frage zu jeder Zeit der Kirchen- und Weltgeschichte. Das ist keine neue Frage. Es ist eine Frage, die jede Generation Christen neu beantwortet.
Sie wird kurzfristig und kurzzeitig beantwortet: Wohin im nächsten Jahr? Was sind unsere Ziele, unsere Pläne, Erwartungen und Hoffnungen für unsere Gemeinde und die Ev.-altreformierte Kirche in 2003?

 Die Frage „Wohin?“ muss sowohl vom Fundament, vom Startpunkt her, wie auch vom Ziel her beantwortet werden. Sie muss langfristig eine Antwort finden im Licht der Ewigkeit, von Gottes Zukunft her.
Was ist Jesu Auftrag für diese Kirche und diese Gemeinde heute? Das ist keine zeitlose Frage. Gott hat keine zeitlosen Aufträge. Sein ewiges Wort will ganz konkret werden – und hat ganz bestimmte Aufträge für uns heute.
Über „Auftrag, Weg und Ziel“ können wir uns unterhalten – und sie müssen in der Gemeinde aufgegriffen und anerkannt und von der ganzen Gemeinde verfolgt werden. Sie müssen also bekannt sein in der Gemeinde!
(„Auftrag, Weg und Ziel“ ist übrigens ein sehr wichtiges Diskussionspapier in der Ev.-reformierten Kirche von. Darin versucht sie Leitlinien für die Kirche heute zu finden.)
Es macht einen Unterschied, ob wir uns auf die Studenten in der Stadt konzentrieren, weil unsere Kirche mitten im Schulzentrum liegt oder weil viele Studenten in der Stadt sind
oder ob wir uns auf die Bewohner vom Altenzentrum in der Nähe konzentrieren oder auf die nichtsesshaften Mitbürger, weil unsere Kirche gerade jedem Durchreisenden ins Auge fällt. Wo sind wir dran in den Gemeinden und als Gesamtkirche? Wo liegt unsere Aufgabe? Da entscheidet sich der Weg, wohin wir gehen. Eine Gemeinde, die keine konkreten Aufgaben sieht und wahrnimmt, hat keine Zukunft.

 

Die kommende Kirchenordnung PKN (Protestantse Kerk Nederland, so wird sie demnächst wohl heißen) schreibt verbindlich vor: „Der Kirchenrat erstellt jeweils für einen Zeitraum von vier Jahren (verbindliche) Leitlinien“  (für das Leben und Wirken der Gemeinde, beleidsplan, VO4,6-6). Und weiter in demselben Artikel: „Jedes Jahr berät der Kirchenrat … über eine eventuelle Änderung dieser Leitlinien“. (Gemeint ist wohl eher: über eine Anpassung). Diese Leitlinien müssen in der Gemeinde veröffentlicht werden.
Hier geht es also um einen Vierjahresplan, um ein Leitbild, um Ziele, die eine Gemeinde für vier Jahre verfolgt. Dieselbe Vorschrift gilt für die neuen Klassen und für die Generalsynode.

 

Kurzfristig tun viele  sich schwer mit dieser Frage: Wohin?

Sagen und diskutieren Sie einmal: Wohin steuert unsere Gemeinde? Wohin steuern die ostfriesischen altreformierten Gemeinden 2003? Was ist unser Jahres- oder Vierjahresziel? Welche Ziele haben wir überhaupt? Welche Visionen haben wir – als Amtsträger, denen die Leitung der Kirche übertragen ist? Wohin steuern wir das Schiff unserer Gemeinde?

 Perspektiven, Planungen und Visionen überlassen wir oft den Wirtschaftsführern. Wir sind in der Kirche schon zufrieden, wenn alles so bleibt, wie es ist. Das ist vielfach unser einziges  Ziel, dass es mit Kirche und Gemeinde nicht noch schlechter werde. Halten was wir haben! Aber das Halten des Ist-Zustandes, ein auf der Stelletreten ist ein Rückschritt und eine Verschlechterung. Wenn eine Firma über Jahrzehnte nur das Ziel hat,  immer das gleiche herzustellen und anzubieten, wenn die Technik und alles andere auf dem alten Stand stehen bleibt, dann gibt es diese Firma bald nicht mehr. Halten was wir haben, reicht nicht. Stillstand ist Rückgang. Das gilt bis in die Gemeindegliederzahlen hinein!

 Und im Übrigen: Wir tun nicht mehr dasselbe, wenn wir immer wieder dasselbe tun! Wir sagen nicht mehr dasselbe, wenn wir immer nur dasselbe sagen!

Und der Auftrag Jesu ist ein ganz anderer als: Halte, was du hast! „Halte, was du hast!“ Das sagt Jesus zwar der Gemeinde in Thyatira (Offb. 2,25), doch auch diese Gemeinde damals muss die falsche Prophetin bekämpfen und das Böse überwinden und so sagt Jesus „meine Werke halten bis ans Ende“ (Vs 26). Sie muss also das Werk Jesu tun und treiben – und sie hat einen ganz besonderen Auftrag in Bezug auf Lehre und Leben bestimmter Leute.

 Welche Perspektiven, Erwartungen, Hoffnungen und Träume, Gaben und Aufgaben  haben wir? Was dürfen wir erhoffen, was sollen und wollen wir erhoffen – wenn wir auf Gottes Wort und Verheißung  und unsere Zeit und Situation sehen?
Wo wollen wir tätig werden? Wo sind wir am Ball?

  

Altreformierte Gemeinden sind, so mein Eindruck, sehr in sich gekehrt und auf sich selbst konzentriert. Sie sind nur ganz wenig „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“. Sie leuchten verhältnismäßig wenig nach außen. Man nimmt sie kaum wahr. Sie wollen auch nicht so sehr leuchten. Sie wollen nicht in der Öffentlichkeit stehen, sie wollen sich und ihre Arbeit nicht bekannt machen, vielleicht von der rühmlichen Ausnahme Emden abgesehen, wo man den ganz heißen Draht zur Emder Zeitung hat.
Aber sonst? Die Sportvereine geben an vielen Orten zweimonatlich oder vierteljährlich ihre Zeitung heraus. Sie laden sogar die Kirchen und andere Vereine am Ort ein, ihre eigene Arbeit dort darzustellen und darüber zu berichten. Alle haben etwas zu berichten in diesem Blatt: die Feuerwehr, die Landjugend, der Schützenverein – aber die Kirchen haben nichts anzubieten für ihr Dorf – jedenfalls nicht auf dieser Ebene, nicht in diesem Blatt, dass alle im Dorf erreicht!

 Altreformierte sagen, sie gehören einer Freikirche an. Aber sie sind in weiten Teilen landeskirchlich organisiert und strukturiert.
Auch hier können und müssen wir zusammentragen wie wir die Dinge sehen, um uns selber besser zu verstehen und die Ziele in den Blick zu bekommen: Was ist im altreformierten Kreis landes- und volkskirchlich geblieben und was hat sich freikirchlich entwickelt? Wohin tendieren wir, in die freikirchliche oder in die volkskirchliche Richtung, zu einer Entscheidungs- und Überzeugungskirche oder zu einer Nachwuchskirche. Wollen wir eine entschiedene und deutlich sichtbar werdende Gemeindezugehörigkeit oder geben wir uns mit einer Versorgungskirche zufrieden? Sind wir eine Gemeindekirche, die das Priestertum aller Gläubigen ernst nimmt oder eine Pastorenkirche?

Ich habe Anfang letzten Jahres zu diesem Thema einen ausführlichen Vortrag hier in Emden gehalten in der a Lasco Bibliothek vor den Historikern der deutschen Freikirchen. Die Altreformierten hat das nur sehr wenig interessiert. Vier oder fünf sind speziell zu diesem Vortrag gekommen – obwohl er lange und deutlich angekündigt war und an einem Samstag Vormittag stattfand. Das Desinteresse spricht für mich Bände. – (Wer es jetzt dann doch noch wissen will, kann es im Internet nachlesen Die EAK zwischen Frei- und Landeskirche oder im Jahrbuch 2001 des Vereins für Freikirchenforschung.)
Ich habe dort auch die sehr eigene Geschichte der Entstehung der altreformierten Gemeinden in Ostfriesland dargelegt. Sie ist von Anfang parallel und doch im Gegensatz zu den Baptisten verlaufen. Baptisten missionierten, Altreformierte nicht. Baptisten sandten Prediger aus und gründeten Tochtergemeinden, wo es nur ging, Altreformierte nicht. Baptisten waren anders strukturiert und organisiert als die reformierte Mutterkirche, Altreformierte nicht.

Altreformierte haben und behalten das landeskirchliche Liedgut, in besonderer Weise auch die Psalmen. Sie kennen feste Gemeindegrenzen und wollen keine Personalgemeinden. Sie kennen Gruppenkonfirmation und keine Einzelkämpfer und Einzelentscheidungen.
Den Altreformierten war und ist es um „das reformierte Erbe der Väter (und Mütter) zu tun“. Sie betonen den Bund Gottes für sich und ihre Nachkommen. „Er will stets seines Bunds gedenken, nie wird er seine Treue kränken. An tausend nach uns immerfort erfüllt er sein Verheißungswort. Der Bund der Abrams Hoffnung war, steht jetzt noch da unwandelbar“ (Reimps. 105:4). Altreformierte betonten den Bund Gottes, ohne zu bedenken, dass die Kinder des Bundes auch missionarisch umworben werden wollen, und dass ihr Glaube geweckt werden und lebendig erhalten werden muss.
Bei vielen Altreformierten verkümmern Glaubensleben, geistliches Leben und Gebetsleben, Bibellese und Gottesdienst zusehends. Sie lassen den Glauben und die Gemeinde Christi einfach verhungern. Sie lassen sich selbst und ihre Gemeinde geistlich verhungern! Viele leiden an einer geistlichen Magersucht: Es geht immer noch weniger. Sie sind geistlich nur noch Haut und Knochen – und fühlen sich immer noch zu dick. Es ist immer noch zu viel, was sie für Kirche und Gemeinde tun sollen. Manche finanzielle Klage gehört in diesen Rahmen. Wir sagen zwar: „Die Sache Jesu ist uns alles wert!“ Aber wir hätten es gerne ein bisschen billiger.

 Ihr wollt von mir wissen, was ich denke: Altreformierte – wohin?
Die gerade abgegebenen Negativmeldungen geben ja auch eine Richtung vor. Wir sind keine typische und keine klassische Freikirche. Wir sehen zwar das freikirchliche Gemeindeleben und die dortige Opferbereitschaft. Das beeindruckt uns.
Aber wir wollen und können nicht ohne Bekenntnis leben. Wir sind und bleiben eine bekenntnisgebundene Kirche. Und wie weit das geht und wie weit das gilt – darüber wird immer wieder heftig diskutiert. Das ist ein gutes Zeichen von Leben. Die Gemeinden lassen sich nicht von Theologen und Theologien mundtot machen.
Wir sind und bleiben auch eine „Kinderkirche“. „Ebenso wie die Erwachsenen“ gehören die Kinder in den Bund Gottes und in seine Gemeinde. „Nicht weniger als den Erwachsenen“, so sagt es der Heidelberger in Frage 74. „Nicht weniger als den Erwachsenen wird ihnen die Erlösung von den Sünden und der Heilige Geist, der den Glauben wirkt, zugesagt.“
Das gilt! Die Kinder gehören in die Gemeinde. Sie sind Glieder der Gemeinde. Das gibt es in keiner klassischen Freikirche. Da gehören die Kinder einfach nicht dazu trotz Kindersegnungen und sonstigem Brimborium. Kinder sind dort keine Gemeindeglieder! Das ist für uns kein gangbarer Weg!
Alle klassischen Freikirchen betonen und fordern teilweise ohne Ausnahme die Erwachsenen- oder Glaubenstaufe. Nur die drei so genannten „konfessionellen Freikirchen“ Altreformierte, Altkatholiken und Altlutheraner verfahren hier im Sinne der Volkskirchen, wo ja dieses auch gilt: Gott ist auch ein Gott der Kinder und Enkel.
Du gehörst im AT ins Volk Israel hinein.
Du gehörst dazu – und du musst im AT unendlich viel Kraft aufwenden, und weit weglaufen und da raus zu kommen. Du kannst sogar auswandern, nach Edom oder zu den Philistern, David macht das zwischenzeitlich, auch Elimelech und  Noomi sind ausgewandert aus Israel – aber der Weg zurück ist offen.

Ihr wollt von mir wissen, wie sich der künftige Weg dieser Kirche für mich darstellt.
Ich spreche gerne von einer relativen Eigenständigkeit, die wir in den Gemeinden und als Gesamtkirche immer gehabt haben und vorerst behalten werden. Relative Eigenständigkeit oder ich könnte auch sagen: geregelte Eigenständigkeit oder vertraglich gesicherte Eigenständigkeit.
Eine vollständig eigenständige und unabhängige Evangelisch-altreformierte Kirche hat es nie gegeben und wird es unter heutigen Umständen auch nicht geben können.

Wir sind theologisch abhängig von und verbunden mit der reformierten Welt um uns herum. Wenn wir reformierte Prediger einladen, kann uns da manches Licht aufgehen. Es kann uns nur zum Segen sein, wenn wir über die eigene Gemeinde hinausschauen und hinausdenken.
Auch wenn solche Prediger das geistliche Sonntagsmenü ein wenig anders zusammenstellen als wir es gewohnt sind..
Altreformierte kommen mir vor, ich schließe mich selbst ein, als ob sie nur geistliche Bratkartoffeln mögen, vielleicht noch Erbsensuppe und Pudding. Wir klingen sehr einstimmig und eintönig. Es kommt wenig Aufregendes auf den Tisch und in den theologischen Topf. Herkömmliche geistliche Hausmannskost steht hoch im Kurs.
Aber wer versteht es, ein Vier- oder Fünfgängemenue zu zaubern oder mit einem Vier- oder Fünfsterne Service, Menschen zu begeistern und ihnen den Mund wässrig zu machen?
Schmecken unsere Gottesdienste und unser Gemeindeleben nach „mehr“ oder schmecken sie eher nach „Aufhören“?

Wir haben fast alle gerne einen Pastor aus dem eigenen Kreis. Dann wissen wir, wo wir dran sind. Seit rund zehn Jahren sind wir im Pastorenkreis zum ersten Mal in der altreformierten Geschichte ganz unter uns – Altreformierten. Das heißt: Wir schmoren im eigenen Saft als Pastoren und Gemeinden. Es kommt wenig Anregendes, Aufregendes und Begeisterndes in den Kreis hinein. Die Berufung eines auswärtigen Predigers auf reformierter Basis kann durchaus anregend sein oder die Anstellung eines hauptamtlichen in der Jugendarbeit ausgebildeten Jugendreferenten.

 Wir haben zu sehr an uns selbst genug! Wir brauchen die anderen, die anderen Theologen, die anderen Christen und auch die Nichtchristen, die zu uns kommen und mit denen wir zu tun haben. Ich habe gerade vor wenigen Wochen noch einen Vortrag gehalten über den missionarischen Auftrag der Kirche und versucht, deutlich zu machen, wie wichtig dieses „Aus sich herausgehen“ ist und dieses „Zu den anderen Hingehen“. Nur wer das geistliche Gespräch mit Christen und Nichtchristen führt, wird im Glauben wachsen und sicher werden. Wir sind so unsicher, weil wir so schweigsame Christen sind, oder auch, weil wir uns im eigenen Kreis immer wieder gegenseitig bestätigen. Dabei sehen und erkennen wir die altreformierten Schätze und Reichtümer kaum noch. Sie sind uns selbstverständlich.

 Ich denke, Jesus würde uns den Marsch blasen, nicht zuerst in die große weite Welt. Er würde uns konkrete Aufgaben geben – hier und in jeder Gemeinde vor Ort! Was wir vor Ort nicht schaffen oder wollen, etwa das Gespräch mit Muslimen – wie wollen wir da anderen helfen in Bangladesch oder Indonesien?
Aber solche Aufgaben und Ziele können wir oft nicht durchsetzen, weil wir völlig ausgelastet sind mit innergemeindlichen und übergemeindlichen oder auch zwischenkirchlichen Querelen und Aufgaben.
Oder wir meinen, wir wissen alles schon und wir haben alles schon und wir können alles schon. Wir haben alles schon.
Es kann sein, dass die  Kirche noch viel weniger werden und viele Rückschläge erleiden muss, bis sie sich wieder besinnt, in Wort und Tat Zeuge Christi, Licht der Welt und Salz der Erde zu sein.
Manchmal ist ja weniger Gewicht ganz positiv für die Gesundheit und die Beweglichkeit.
Das mag auch für Kirchen gelten.

 

Die äußere Zukunft sehe ich für die EAK in erneuerten Verträgen mit den PKN und in neuen Verträgen und Vereinbarungen mit der Evangelisch-reformierten Kirche. Altreformierte sind besser aufgehoben als sie wissen und denken im Reformierten Bund, im EMW, dem Evangelischen Missionswerk Hamburg oder in der ACK, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen vor Ort, im Land Niedersachsen und deutschlandweit.

Solche Verträge und Vereinbarungen mit der ERK betreffen in den letzten Jahren:
den Übertritt von der einen in die andere Kirche ohne Kirchenaustritt,
die Beteiligung an den Schul- und Krankenhauspfarrstellen,
die Zusammenarbeit in den Diakonischen Werken und Einrichtungen (eigentlich schon seit 1900, damals Kinderheim Hestrup, heute Eylarduswerk Gildehaus)
die Mitarbeit in den gegenseitigen Synoden, die unsererseits zu wenig ernst genommen wird,
oder die Mithilfe bei den gegenseitigen Visitationen in den Gemeinden.

Solche Verträge und Vereinbarungen mit der ERK könnten in nächster Zukunft betreffen z.B.
die Ausbildung und gegenseitige Berufbarkeit von Theologen,
evtl. auch die gemeinsame Arbeit auf einer reformiert-altreformierten Pastorenstelle
die gemeinsame Ausbildung und Einführung (Ordinierung) von Ältestenpredigern und –predigerinnen,
sowie vertragliche Regelungen der Visitation.
Diese vier Punkte werden Ende Ende Oktober 2002 im Gemeinsamen Ausschuss verhandelt.
Sie sind sozusagen im Backofen. Ob daraus ein schmackhaftes und nährreiches Brot entsteht, liegt in den Händen der Bäcker, das sind die Synoden der Kirchen.

Ich denke, zu den Vereinbarungen mit der ERK gehören in Zukunft auch
Juristische Fragen
, also Kirchenrechtliche und staatsrechtliche Gemeinsamkeiten, z.B. ein staatsrechtliches Verkündungsblatt (für staats- und sozial- und arbeitsrechtlich verbindliche Beschlüsse, Ernennungen und Vertretungen). Körperschaftsrechtliche und finanzrechtliche Fragen sind nur in Deutschland zu klären.
Auch die Fragen der Appellation, also die Berufungsgerichtsbarkeit in Streit- und Beschwerdefällen können wir m. E. nur rechtlich verbindlich in Deutschland regeln in einer solchen Übereinkunft mit der ERK.

Die verstärkte gemeinsame Jugendarbeit könnte gute Früchte tragen in gemeinsamen Schulungen und im Austausch von Erfahrungen. Die offene, übergemeindliche Jugendarbeit ist ein Feld, das in beiden Kirchen noch große Möglichkeiten hat.

In den Fragen der Liturgie und Gottesdienstordnung stehen wir schon länger der ERK näher als den GKN oder der PKN. Deren hochkirchliche Formulare und Formulierungen muten uns vielfach fremd an.
Die ökumenische Form des Apostolikums verbindet uns mit deutschen Kirchen und nicht mit niederländischen, die Form des Heidelberger Katechismus ebenso.
In reformierten Gemeinden wird hier und da das altreformierte Trauformular gelesen. Alle altreformierten Formulare finden sich in dem großen Kanzelbuch „Reformierte Liturgie“, das auf allen altreformierten Kanzeln liegen soll.
Altreformierte werden auch in Zukunft beim Öffentlichen Glaubensbekenntnis anders in der reformierten Konfirmation nach dem Glauben und nicht nur, ob jemand zur Kirche gehören will.

Es gibt Akzente, die wir aus den Niederlanden mitbringen, beim Öffentlichen Glaubensbekenntnis, aber auch im Kirchenverständnis: Wir streben nach lebendigen, aktiven und rechtgläubigen Gemeinden. Niederländische Akzente erkenne ich auch im Amtsverständnis. Bei uns gehören Diakoninnen und Jugendälteste selbstverständlich zum Kirchenrat. Akzente im Finanzwesen: Wir bestehen auf die finanzielle Eigenverantwortlichkeit der Gemeinden und wollen keine staatliche Kirchensteuer.

Aber in dem allen sprechen wir sehr deutlich die reformierte Sprache. Wir können unsere Mutterkirche nicht verleugnen, und wo sie auf ihre Beschlüsse aus dem 19. Jahrhundert zurückkommt, wo sie vielfache altreformierte Anliegen aufgenommen hat, etwa in freien reformierten Synoden, in einer Verbindlichkeit von Bekenntnissen wie dem Heidelberger oder den Barmer Thesen, auch in ihrem Predigtstil und ihrer theologischen Ausbildung, - da müssen wir, was schon in einem altreformierten Aufruf von 1923 gefordert wurde, „das reformierte Element in Deutschland“ verstärken, wo wir nur können. Es wird uns und dem reformierten Erbe in diesem Lande zum Segen sein.

  

Mit den Niederlanden würde ich gerne auch in Zukunft geregelt haben und behalten:
Die Abordnung zur General- oder Gesamtsynode (evtl. auf Gegenseitigkeit, wie Heinrich Baarlink angeregt hat; dann allerdings auch ebenso die stimmberechtigte wechselseitige Mitwirkung zwischen reformierter und altreformierter Synode in Deutschland,
die Fragen der Ausbildung (in Kampen, Leiden und Groningen ((sind die drei richtig???) ) und des Fakultätsexamens, als Voraussetzung für das kirchliche Examen muss geregelt werden. Gleichzeitig führen wir Gespräche mit der ERK über Ausbildung und Zulassung von Theologen.
Die wechselseitige Berufbarkeit von Pastoren (die ja mit der ERK diskutiert werden soll),
damit verbunden die Versicherungen der Pastoren: Rentenversicherung, Vorruhestandsversicherung, Berufsunfähigkeitsversicherung, und Gehaltsabsicherung in längerer Krankheit müssen mit den Niederlanden geregelt werden.
In der Missionsarbeit sollten wir eine hundertjährige Geschichte nicht einfach ausknipsen. Die Beziehungen, die über die Niederlande laufen, sollen fortgeführt werden.
Allerdings ist eine verstärkte Einbringung in die VEM (Vereinte Evangelische Mission Wuppertal oder das EMW, Evangelisches Missionswerk Hamburg, zu dessen Gründungsmitgliedern die EAK zählt, wünschenswert und notwenig. Informationen über die Mission lesen wir nur in deutscher Sprache.
(Anders als hier in Ostfriesland liest in der Grafschaft kaum noch jemand niederländisch. Wer von ihnen liest jede Woche ein niederländisches Blatt?)

Mir scheint insgesamt: Die Evangelisch-altreformierte Kirche muss den Spagat üben und den Spagat vergrößern zwischen der PKN und der ERK. Ein Spagat ist durchaus schmerzhaft, aber wenn man ihn lange genug übt und praktiziert, merkt man irgendwann: Es geht.
(Anstelle dieses Bildes benutzte Pastor Teunis das vom Einhaken. Bislang hat sich die EAk vor allem in den Niederlanden eingehakt. Jetzt hakt sie sich auch in Deutschland unter - und geht so ihren Weg, unterstützt und gehalten von zwei Seiten. Dieses Bild gefällt mir sehr gut. GJB)
Das altreformierte Standbein aber wechselt aus den Niederlanden nach Deutschland. Es hat schon gewechselt. Wir werden bestimmt von den theologischen Fragen in Deutschland, und von deutscher (guter) christlicher Literatur, die es so vor 80 Jahren nicht gab.

  

Ich habe zehn Jahre lang intensiv in der Freikirchenforschung in Deutschland mitgearbeitet und bin darin immer noch tätig. Ich habe diesen Verein für Freikirchenforschung 1990 in Münster mit begründet und bin seit einer ganzen Reihe von Jahren dort im Beirat tätig. Ich weiß, was in deutschen Freikirchen läuft. Ich sehe im freikirchlichen Bereich keine Zukunft für die Evangelisch-altreformierte Kirche vor allem aufgrund von ganz anderer Struktur und Theologie.
Das heißt nicht, dass Altreformierte nicht viel lernen können und müssen von diesen Freikirchen. Viel von ihrer Literatur wird gerne von Altreformierten gelesen. Sie haben teilweise hervorragende Unterrichtsmaterialien und Glaubenskurse herausgebracht. Das haben allerdings CVJM und EC auch. Die freikirchliche gegründeten Verlage, etwa Brockhaus oder Hänssler, leisten hervorragende Arbeit.
Aber für eine Verbindung oder engere organisatorische Beziehungen zu den deutschen Freikirchen ist das Eis zu dünn. Altreformierte Theologie, Struktur und Organisation  und Tradition stehen dem entgegen. Das haben schon die Altreformierten um 1880 / 1900 erkannt. Sie hatten zwar Beziehungen und Verbindungen zu deutschen Freikirchlern, aber sie haben sich nicht angeschlossen. Nicht einmal in der Vereinigung evangelischer Freikirchen in Deutschland sind die Altreformierten Mitglied. Das ist bis heute so, und es ist kein Diskussionspunkt.

 

Folien Diskussionsrunde:

Stärken und Schwächen
Vorteile und Nachteile  der EAK

volkskirchliche  - freikirchlich
Wo finden sich welche Tendenzen in der EAK

Arbeitsfelder
Was ist dran in der EAK? Wo muss sie aktiv werden und ihren Einsatz verstärken?

Ostfriesland - Grafschaft
Was sind die Besonderheiten und Eigenheiten ostfriesischer altreformierter Gemeinden?

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