Emder Zeitung vom 17.11.01

Emden und Ostfriesland

Eine Fahrt nach Siebenbürgen

„Die reformierte Welt tut sehr viel“

Zwei Altreformierte aus Emden begleiteten einen Hilfstransport nach Rumänien

 

Von EZ ‑ Redakteurin INA WAGNER

Tel. 90042

 

Die prägendsten Eindrücke: bitterste Armut, vernachlässigte Dörfer, menschenunwürdige Behausungen, unvorstellbare sanitäre Einrichtungen und vielfach eine erschütternde Depression bei den Menschen. Pastor Hindrik Heerspink und der Kirchenälteste der altreformierten Emder Gemeinde, Jan Kuperus, haben mit einigem Entsetzen die Zustände im rumänischen Siebenbürgen in Augenschein ,genommen. Sie begleiteten den jüngsten Hilfstransport, für den auch in Emden eine große Sammelaktion veranstaltet worden war (die Emder Zeitung berichtete). Jan Kuperus, ein gebürtiger Westfriese, der heute in Suurhusen lebt: „Wir hatten wirklich den Eindruck, dass dort die Uhr vor sechzig Jahren einfach stehen geblieben ist.“

Auf der anderen Seite sieht jedoch ein anderer Eindruck: die enorme Gastfreundschaft. „Wir mussten häufig mehrfach zu Mittag essen.“ Und der unvermeidbare Schluck selbst gebrannten Schnapses, Palinka genannt, blieb auch den Besuchern nicht erspart.

So war es denn in jeder Weise ein Kontrastprogramm, das die Emder und die weiteren Helfer aus der Grafschaft Bentheim erwartete. Und sie nahmen auch die hoffnungsvollen Zeichen wahr: die kleinen Lichtblicke, die mit Geld und vielen Spenden im letzten Jahrzehnt geschaffen wurden. Die Sachspenden werden mit großer Dankbarkeit angenommen. „Es wird ja vielfach gesagt, man zerstört die heimische Industrie mit solchen Kleider- und Schuhspenden“, hat auch Pastor Heerspink vor dem Besuch gedacht. Er wurde jedoch eines Besseren belehrt. Eine junge energische Pastorenfrau versicherte ihm, die Leute hätten kaum das Geld zum Überleben, geschweige denn könnten sie sich Kleidung kaufen. „Ich lade gerne jeden Kritiker ein, hier zu leben, um sich davon zu überzeugen, dass es wirklich so ist“, habe sie mit einiger Verve hervorgestoßen, und Heerspink konstatierte: „Sie war wirklich schrecklich wütend.“

Die ehemals lutherische, deutsche Bevölkerung in Siebenbürgen hat sich mittlerweile, davon gemacht. Zurück geblieben ist die zahlenmäßig kleine Gruppe reformierter Ungarn und eine – demgegenüber große Bevölkerungsgruppe von Zigeunern. „Ein wirkliches, sehr, sehr großes Problem“, haben die beiden Emder Besucher gesehen.

Da die reformierten Gemeinden ans der Grafschaft, den Niederlanden und Ostfriesland ununterbrochen Rumänien zum Thema machen, gibt es hie und da Entwicklungen, die zu Hoffnung Anlass geben. Da sind zum einen höchst engagierte Pastoren, die Gelder, die sie aus dem Westen bekommen, auf bemerkenswerte Weise einsetzen. Sie vergeben nämlich kleine zinslose Darlehen, wenn sie spüren, dass da jemand gegen die allgemeine Lethargie ankämpft. Ob es nun Geld für den Hausanstrich ist oder für das Ausbessern eines Gebäudes, ist dabei nicht so entscheidend.

Auch werden Leute aus den Dörfern für drei Monate nach Deutschland geschickt und dort durch die Gemeinden weitergereicht. Sie arbeiten auf unterschiedlichen Stellen, denn sie sollen lernen, dass der Westen kein Schlaraffenland ist.

„Diese Maßnahmen haben erstaunliche Erfolge“, erzählt Heerspink und berichtet von einem gelernten Schlachter, der nach seiner Rückkehr nach Rumänien einen eigenen Laden aufmachte, inzwischen drei Leute beschäftigt und kurz vor der Eröffnung seiner ersten Filiale steht.

Hoffnung macht sich auch breit in einer Internatsschule in Siebenbürgen mit 1200 Schülern, die die Reformierten schon von Anfang an unterstützten. Dort wurde inzwischen ein Deutschlehrer eingestellt, und der einzige große Wunsch der Schüler ist es, deutsche klassische Lektüre zu bekommen: Goethe, Schiller, Lessing wollen sie lesen. So wird ein nächster Schritt sein, diese Lektüre durch Spenden zu sichern. Heerspink: „Wir warten im Augenblick auf die Wunschliste, um beginnen zu können.“ Eine andere Bitte aus Siebenbürgen: Mechanische Schreibmaschinen. Auch hier soll geholfen werden.

Würden Heerspink und Kuperus die Reise noch einmal unter nehmen? Beide nicken überzeugt. „Unsere Kirche plant im nächsten Jahr eine Infotour.“

 

 

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