"Kirchen wollen zusammenwachsen"

Vertragsunterzeichnung:
Reformierte und altreformierte Christen auf einem gemeinsamen Weg

Grafschafter Nachrichten, 14.12.2006

Die Evangelisch-Reformierte Kirche und die Evangelisch-Altreformierten Kirchen in Niedersachsen wollen zusammenwachsen. Das ist das langfristige Ziel eines Kooperationsvertrages, der gestern im Kloster Frenswegen unterzeichnet wurde. Gleichwohl soll die rechtliche Eigenständigkeit der Kirchen derzeit nicht angetastet werden.

Text und Foto: Manfred Münchow - © GN

Den Kooperationsvertrag unterschrieben (von links) die Mitglieder des altreformierten Moderamens, Habbo Heikens und Sophie Alsmeier, der altreformierte Präses Fritz Baarlink, der reformierte Kirchenpräsident Jann Schmidt, sowie der stellvertretende Präses der reformierten Kirche, Bernd Roters, und Roland Trompeter vom Moderamen der reformierten Kirche.

Nordhorn – Der reformierte Kirchenpräsident Jann Schmidt verlas gestern im Kloster die Tageslosung: "Suchent das Gute und nicht das Böse." Dieses habe man in der Vergangenheit zwischen den Reformierten und den Altreformierten nicht immer getan. Man habe oft den Balken im Auge des anderen gesehen, nicht aber den im eigenen Auge. Umsomehr freue es ihn, so Schmidt, dass beide Seiten in den vergangenen Jahren "in Demut aufeinander zugegangen" seien. Das Ergebnis der Gespräche wurde gestern in Form eines Kooperationsvertrages vorgelegt und unterzeichnet.

Die vereinbarte Zusammenarbeit findet ihren Ausdruck in einer Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft, dem gemeinsamen Gebrauch des Evangelischen Gesangbuches, der gegenseitigen Beteiligung an Synoden und Ausschüssen, der Regelung der Ausbildung altreformierter Theologen und Theologinnen in der reformierten Kirche und der kirchenmusikalischen Zusammenarbeit. In der Verwaltungszusammenarbeit können die altreformierten Gemeinden künftig gegen eine pauschale Aufwandsentschädigung die Dienstleistungen des refomierten Kirchenamtes in Leer in Anspruch nehmen. Der Datenschutzbeauftragte der reformierten Kirche wird sein Amt auch für die altreformierte Kirche ausüben. "Beide Kirchen wollen zusammenwachsen", bekräftigte der Vizepräsident der reformierten Kirche, Johann Weusmann, gestern im Kloster Frenswegen.

Der Präses der altreformierten Kirche, Fritz Baarlink, sprach gestern von einem "denkwürdigen Tag". Die Gespräche seien unkompliziert verlaufen. "Wir fühlen uns zuvorkommend behandelt und nicht als Bittsteller", sagte Baarlink. Die altreformierte Kirche fühle sich gegenüber der reformierten als "Partner mit eigenen Rechten und Pflichten". Baarlink sprach aber auch davon, dass es auch noch darum gehe, Misstrauen abzubauen. Eine Annäherung brauche ihre Zeit. Doch der altreformierte Präses zeigte sich zuversichtlich: "Es gibt Dinge, die uns unterscheiden, aber keine Dinge, die uns trennen." Man wolle den Vertrag mit Leben erfüllen.

Die Evangelisch-altreformierte Kirche ist zwischen 1838 und 1949 in der Grafschaft Bentheim und zwischen 1854 und 1861 in Ostfriesland aus der reformierten Kirche hervorgegangen. In der Zeit der Kirchentrennung entstanden zunächst scharfe Gegensätze, so dass die altreformierte Kirche eine immer stärkere Beziehung zu den "Gereformeerden Kerken in Nederland" entwickelte und schließlich auch deren Bekenntnisse übernahm (Confessio Belgica von 1559 und die Dordrechter Lehrsätze von 1618/19). Erst nach dem zweiten Weltkrieg wuchs das gegenseitige Verständnis wieder.

Unter der Überschrift "Kooperation statt Trennung" schreibt der altreformierte Pastor Gerrit Jan Beuker aus Hoogstede: "Über 80 Jahre, von 1923 bis 2004 gehörten die Altreformierten als eigene Synode ‘vorläufig’ den ‘Gereformeerde Kerken in Nederland’ an. Bis heute entsenden sie zwei Vertreter in die Synode der Protestantischen Kirche in den Niederlanden. 1961 gab es in den Niederlanden Aufrufe zur Einheit der Kirchen, am 1. Mai 2004 wurde sie Realität. 15000 Lutheraner, 600000 Altreformierte und etwa zwei Millionen Reformierte bilden seitdem gemeinsam die Protestantische Kirche der Niederlande."

Seit dem 400. Jubiläum der reformierten und dem 150. Jubiläum der altreformierten Kirche im Jahr 1988 arbeitet der "Gemeinsame Ausschuss" beider Kirchen daran, die Zusammenarbeit zu fördern und zu stärken. In der Grafschaft Bentheim arbeiten beide Kirchen bereits eng zusammen. Seit 2003 tagen die Synoden hier einmal in zwei Jahren gemeinsam. "Der Kooperationsvertrag ist ein großer und wichtiger Schritt auf dem gemeinsamen Weg der beiden Kirchen", betont der Altreformierte Gerrit Jan Beuker.