Am 14. Mai 2010 machen sich sechs Mann auf den Weg nach Rumänien. Eine Nacht verbringen wir in Tarjan Ungarn, unweit von Germerly (Partnergemeinde der ev.-altref. Gemeinde Veldhausen). In Budapest lesen wir den siebten Mann auf. Schon bei der Pastorenfamilie Vincze, die unser erstes Ziel in Rumänien ist, erleben wir die herzlichen Begrüßungen und die überwältigende Gastfreundschaft, die uns während der ganzen Reise immer wieder begegnen werden. Bei den vielen Gesprächen steht die Sorge über die Folgen der europäischen Krise im Vordergrund. Das ohnehin hoch belastete Land hat dem wenig entgegen zusetzen. Es ist vorgesehen, alle öffentlichen Ausgaben wie Löhne, Gehälter, Investitionen usw. um 25% und alle Renten um 15% zu kürzen. Man kann sich vorstellen, was das für die jetzt schon geringen Einkommen bedeutet. Die Firmen reagieren bereits mit Kündigungen. Arbeitslosengeld wird nur für kurze Zeit gewährt, dann gibt es nichts mehr; soziale Netze wie bei uns sind nicht vorhanden.
Dumme Sprüche, die die "alten Zeiten " wieder herbeisehnen, wie sie bei uns ab und zu ausgesprochen werden, sind dort nicht zu hören. Jeder hat die schlimmen Zeiten noch gut in Erinnerung. Vermutlich einer der Grün de, warum man den Kopf nicht hängen lässt. Ein dringender Grund mehr, unsere Freunde in Siebenbürgen nicht hängen zu lassen.
Die kleine Dorfkirche ist liebevoll gepflegt und geschmückt, wie wir während des sonntäglichen Gottesdienstes entdecken. Man spürt aber auch die Grenzen des beschränkten finanziellen Rahmens.
Pastor Bartha führt uns während eines Stadtrundganges in Ocna Mures ein Gebäude vor, von dem die unteren Räume schon renoviert und vermietet sind. Oben sollen Gemeinderäume entstehen, dort gibt es jedoch noch viel zu tun. Frau Bartha (Mutti) verwöhnt uns kulinarisch.
Eva Forika (Musiklehrerin), eine sehr engagierte Frau, stellt uns ein "Brotprojekt" vor, welches von uns unterstützt wird. In einem sehr ärmlichen Viertel werden in einer kleinen Bäckerei von stolzen Siedlungsbewohnern Brote gebacken, welche dann gegen einen kleinen Obolus erworben werden können. Dadurch soll vermittelt werden, dass nichts umsonst ist. Eva möchte außerdem versuchen, mit Zigeunerkindern zu arbeiten. In einem kleinen Gebäude am Stadtrand sehen wir eine Klasse mit elf kleinen Schülern. Nachmittags will sie sich mit den Kindern beschäftigen, ihr Ziel ist es, die Kinder ans Bildungssystem zu gewöhnen, was sehr schwierig ist. Man muss wissen, dass die Zigeunerkinder kaum registriert sind, geschweige denn eine Schule besuchen.
Sie begleitet uns weiter zur Schule und ins Internat "Bethlen Gabor" in Aiud, wo sie unterrichtet hat. Die Direktorin ist sehr engagiert und bewegt viel, bestätigen uns die erfahrenen Rumänienfahrer. - Sie sind schon zum ca. 30. bzw. 40. Mal in Rumänien, sie können es beurteilen. - Diverse Schulmöbel werden noch benötigt. Eine renovierte Turnhalle und ein integrierter Kindergarten werden uns vorgestellt. Bildung ist doch eine Grundvoraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Jegliche Hilfe ist hier gut investiert.
In Illieni treffen wir den stellvertretenden Bischof Kato Bela. Der größte Teil der Gespräche bezieht sich auch hier auf die große Zukunftssorge des Landes, wie anfangs beschrieben. Während eines Spaziergangs sehen wir die reformierte Burgkirche. Infolge eines Schwelbrandes wird sie z.Zt. renoviert.
In Sf. Gheorghe (St. George) besuchen wir die Diakoniestation. Dort wird uns von der sehr wichtigen und schwierigen Arbeit berichtet. Ein Notfallprojekt ist angelaufen, in dem rund um die Uhr jemand erreichbar ist, um direkte Hilfe zu leisten oder Hilfe herbeizurufen.
In der Behindertenwerkstatt, die nach dem Vorbild der Nordhorner Werkstatt der Lebenshilfe aufgebaut ist, begegnen uns liebe Menschen. Pastor Peter Makkai, der die Werkstatt leitet, stellt uns die Arbeit vor. Innerhalb eines Jahres funktioniert hier schon alles sehr gut. Alle behinderten Menschen sind in kleinen Gruppen beschäftigt. Wir sehen unter anderem, wo unsere Kleiderspenden verbleiben. Sie werden nach Art und Qualität sortiert, in ca. 10-kg-Tüten verpackt und an Secondhand-Läden verkauft. Für die Werkstatt eine sehr lukrative Einnahmequelle. TOLL! Mit einem gemeinsamen Mittagessen, größtenteils von den Menschen mit Behinderung zubereitet, werden wir verabschiedet. Danke!
Wir fahren weiter in einen sehr ärmlichen Stadtteil. Im oberen Stockwerk eines mehrstöckigen Gebäudes ist eine Notfallstation eingerichtet, in der verwahrloste oder auch misshandelte Kinder untergebracht und aufgepäppelt werden. Eine kleine, aber sehr wichtige Einrichtung. Peter Makkai zeigt uns das untere Stockwerk. Er erzählt uns, dass er mit Helfern die Etage renoviert und Obdachlosen zu Verfügung gestellt hat. Nach 1½ Jahren war alles kaputt und verwahrlost. Ich schaue in enttäuschte Augen.
Ein penetranter Geruch schlägt uns entgegen. Ich sehe Kinder barfüßig im Dreck. Sie schauen mich bettelnd an. Die Räume sind ca. 2 x 3 Meter groß. Es scheint, dass eine fünfköpfige Familie dort haust. Ein anderer gleichgroßer Raum ist mit drei doppelstöckigen Betten zugestellt. Sechs Männer liegen dort, völlig verdreckt. Pastor Makkais Achselzucken verrät mir seine Hilflosigkeit. Diese Bilder verfolgen uns noch lange.
Schon am Vorabend hatten G. J. Vette und A. Alsmeier das Vergnügen, Kato Bela eine Privatspende von 15 000 Euro zu übergeben. Sie ist für ein Ferienheim bestimmt. In einer abgelegenen idyllischen Gegend in Aninoasa sollen behinderte Menschen Urlaub machen, damit deren Eltern diese Zeit für sich nutzen können. Das Gelände ist für 30 Jahre und 100 € pro Jahr angemietet. Die Baupläne liegen bereits vor. Dieses Projekt wird auch von der Behindertenwerkstatt betreut.
In Tirgu-Mures berichten uns die Verantwortlichen über die Situation der reformierten Kirchen in der großen Stadt. Hier stellt sich die Diakonie angesichts finanzieller Notzeiten schwierig dar. Die Aussage: "Kirche ohne Diakonie ist keine Kirche" gilt überall. Befürchtungen hinsichtlich der desolaten gesellschaftlichen Lage lassen in eine düstere Zukunft blicken.
Bischof Gezá Pap, den wir in Cluj (Klausenburg) treffen, bestätigt noch einmal die Sorgen wie zuvor beschrieben. Dazu kommt das Problem von offiziellen Kirchenvertretern, die im Ceausescu-Regime als Securitate-Informanten aufgetreten sind. Er erklärt, dass bald entschieden werden muss, wie mit ihnen zu verfahren ist. Ein schwieriges Thema, aber eine unverzichtbare Angelegenheit, wenn die Kirche glaubwürdig bleiben will.
Ein Besuch in der neuen reformierten Holzkirche (ein sehr beeindruckendes Bauwerk) und eine Rundfahrt durch Klausenburg runden die Reise ab. Nach einem nochmaligen Stopp in Nearsova und Neuhaus bei Passau, erreichen wir nach ca. 4700 zurückgelegten Kilometern dankbar unsere Heimat.
Fazit: Jede Stimme, die den Eindruck vermitteln möchte, dass die Hilfe allmählich reicht, irrt. Aus Sicht der Spender und Helfer, sind die bisher geleisteten Dienste wahrscheinlich gewaltig, was sicherlich auch so ist. Angesichts der großen Probleme in Rumänien stößt unsere Hilfe zwar auf große Dankbarkeit, global gesehen ist sie nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber: "steter Tropfen höhlt den Stein" und weckt vor Ort Mut und Hoffnung. Die, die sich berufen fühlen, auf diesem Feld tätig zu werden, sollten keine Zeit verstreichen lassen. Unsere Gemeinden und Spender ermutigen wir angesichts der Not und Bedürftigkeit, die immer noch in Rumänien herrschen, weiterzumachen.
Im Namen der "Erstfahrer" herzlichen Dank an die Organisatoren und Fahrer. Sie fahren meist zweimal pro Jahr und bereiten die jeweiligen Transporte vor. Ich empfehle jedem, an einer dieser sehr bereichernden Touren teilzunehmen.
Wilhelm Hensen, Neuenhaus